Zanskar-Fieldtrip 04.-10.07.2011

Bericht von Anna Probst

Sieben Monate im Jahr ist Zanskar von der Aussenwelt abgeschnitten. Nur waehrend des Sommers ist das Gebirgstal von Kargil aus erreichbar, aber dann auch nur mit grossem Aufwand, denn die einzige Strasse nach Padum (das ist das Verwaltungszentrum dort) ist gesaeumt von 1000000 Schlagloechern auf schlechten Sand- und Schotterpisten. Ja, und so schaukelte der REWA-Trupp (Norboo, Hamida, Chokla, Uli, Karola, und ich) am Montag frueh los, um auch die bertoffenen Menschen in Zanskar zu behandeln, v.a die Kinder dort, die durch die vorhergehenden Fieldtrips schon gefunden wurden und 2 mal im Jahr behandelt werden….

Rangdum

Leider konnte letztes Jahr der 2. Fieldtrip nicht gemacht werden, denn das liebe Auto (Jeep) hat das stundenlange Geschaukel wohl nicht ausgehalten und ist kaputt gegangen. Zanskar ist mit seinen knapp 10000 Menschen eine relativ duenn besiedelte Region, weil fuer die meisten Menschen das Leben dort viel zu hart ist und sie mehr und mehr nach Leh oder andere Teile Ladakhs ziehen, wo mehr Infrastruktur herrscht. Auch die meisten Kinder werden auf bessere Schulen geschickt (wenn es finanziell irgendwie geht) ausserhalb des Tals nach Dehradun, Manali, Jammu oder sonst sehr weit entfernt…..

Norbu und Co.

Viele Doerfer in Zanskar haben keinen elektrischen Anschluss und auch keine Strasse, die zu ihnen fuehrt….manche Doerfer bestehen nur aus zwei oder drei Haeusern. So leben hier die Menschen noch sehr urspruenglich und traditionell und sind tief verwurzelt mit dem Buddhismus…in Zanskar ist mindestens ein Familienmitglied im Kloster als Moench oder Nonne…..

Am Montag Abend sind wir dann endlich nach der holprigen Fahrt angekommen. Auf dem Weg haben wir noch 4 Kinder behandelt, d.h ein Junge, der in einem Kloster lebt war nicht da, ein kleines Kind, dessen Prognose im Saeuglingsstadium sehr fraglich war (zu grosser Kopf, Bewegungsarmut) hat sich wunderbar enwickelt und muss nicht weiter behandelt werden. Sehr erfreulich ist, dass auch manche Patienten einen guten Verlauf nehmen koennen und wir nichts mehr tun muessen, weil sie sich soweit verbessert haben, dass sie von uns keine Hilfe mehr benoetigen.

Unser kleiner Patient hat sich preachtig entwickelt

Ein kleines Maedchen haben Karola, Norbo und ich daheim mit ihren Schwestern angetroffen. Das Maedchen hat sich an Norbo erinnert und sich riesig gefreut. Lobzang kann nicht sprechen und hat ein ataktisches Erscheinungbild (Diagnosen haben wir ja keine richtigen, deshalb koennen wir nur unsere Eigenen stellen)… Wir haben mit ihr mit dem Luftballon Balance- Uebungen gemacht, die Schwestern angeleitet und ihre motorischen Faehigkeiten ueberprueft und herausgefunden, dass sie starke Defizite in allen feinmotorischen Bewegungen aufweist… Die kleine Lobzang (10 Jahre) hilft daheim viel bei Hausarbeiten und auf dem Feld. Beim naechsten Fieldtrip bringen wir ihr Stifte und Papier mit, womit sie ihre motorischen Einschraenkungen trainieren kann und auch eine schoene Beschaeftigung hat. Natuerlich haben wir ihr auch den Luftballon da gelassen, worueber sie sich sehr gerfreut hat.

Chokla mit dem Moench mit Halbseitenlaehmung

Am Abend haben wir dann bei Choklas Schwester in seinem Elternhaus uebernachtet. Seine kleinen Neffen haben sich riesig gefreut und seine Schwester auch. Denn sonst ist ihre ganze Familie sehr weit weg in Indien verteilt. Sie ist die Einzige der sieben- koepfigen Familie, die noch in Zanskar lebt. Am naechsten Morgen, nachdem wir uns alle am kalten Bach erfrischt hatten, starteten wir gestaerkt mit Chapatis, Curd (Yoghurt) und Chai und fuhren nach Zangla zu einer Patientin, von der wir schon von den anderen Fieldtripberichten hoerten, dass sie sehr vernachlaessigt aufgefunden wurde. Als wir dann das Haus nach 100mal fragen gefunden hatten, mit dem Jeep ueber Felder hoppelten und dann querfeldein liefen, waren wir sehr neugierig, was uns erwartet.

Padma auf ihren Decken

Wir trafen diesmal den Vater und die Tante der Patientin an, was die letzten Jahre wohl nicht der Fall war. Als wir den Raum, in dem die Patientin lag, betraten, kam uns schon ein unangenehmer Uringeruch entgegen und viele Fliegen, die umherschwirrten. Padma begruesste uns freudestrahlend und war ganz bei der Sache. Sie war in alte stinkende Wolldecken gewickelt .Zuerst kontrollierte Chokla die Beweglichkeit und den Muskeltonus des Rumpfes und der oberen Extremitaet und wir fanden heraus, dass die 21 jaehrige Padma schon sehr grosse Einschraenkungen der Gelenksbeweglichkeit aufweisst. Chokla versuchte sie soweit als moeglich zu mobilisieren. Was uns aber viel groessere Sorgen machte, war der mangelnde hygienische Zustand, in dem wir die freundliche Padma auffanden. Mir kam es so vor, als ob sie schon Monate lang nicht mehr gewaschen worden war oder ihr frische Klamotten angezogen wurden. Sie liegt oder sitzt den ganzen Tag an der gleichen verschmutzten Stelle in ihren Decken, die ganz klamm und feucht von ihrem Urin sind. Und niemand kuemmert sich richtig um sie, denn ihre Mutter ist vor 4 Jahren gestorben und keiner fuehlt sich fuer sie verantwortlich. Wir haben im Team viel ueberlegt, was wir tun koennten, denn nur den alten Vater und die Tante aufzuklaeren, ohne sie zu ueberpruefen, wuerde nie klappen (denn die Anderen auf den letzten Fieldtrips haben bestimmt das gleiche zu ihnen gesagt)….

Viele Augen schauen zu

Wir suchten in den naechsten Tagen Dr. Stanzin in der Klinik in Padum auf, der nichts von der Patientin wusste und uns erzaehlt hat, dass jedes Dorf medizinsche Helfer, Hebammen und ein sogenanntes "Medizinisches Zentrum" hat..Wir gingen mit dem Arzt, der sehr hilfsbereit war, die verschiedenen Moeglichkeiten durch, der Patientin einen Katheter zu legen und die Helfer dafuer anzuleiten und vor allem jemanden Verantwortlichen zu finden, der Padma regelmaessig waescht, mindestens einmal pro Woche und sie auch mal hinaustraegt…. Es geht darum, ihr Leben lebenswerter zu machen.

Bei der Behandlung ................Kleiner Moench

 

Zum Schluss unseres Zanskar-Aufenthaltes haben wir noch zufaellig den King of Zanskar, einen weiteren Verwandten von Chokla getroffen( Chokla ist glaube ich sowieso mit fast allen in Zanskar verwandt, denn an jeder Ecke in jedem Dorf kannte er Leute- so kam es mir zumindest vor). Er lebt in Zangla und seine Frau ist Krankenschwester und Hebamme und er versprach uns, sich persoenlich darum zu kuemmern, dass Padma eine Pflegerin bekommt Beim naechsten Fieldtrip Ende August koennen die Anderen dann ueberpruefen, ob sie nun in einer angenehmeren hygienischen Umgebung lebt. Wir hoffen nun nur das BESTE….

Das Team vom Lungnak Tal: Norbu, Anna, Chokla, Hamida, Uli fotografiert

Die naechsten Tage verbrachten wir damit, die Kinder in den verschiedenen Doerfern zu behandeln. Dabei kamen wir sehr gut voran, weil wir zwei Teams hatten, eins mit Chokla und eins mit mir. Bei den Behandlungen waren teilweise alle Kinder des Dorfes in einem Raum versammelt und haben beobachtet, was wir da so machten. Und natuerlich wird man, so wie es Tradition ist, immer zu Milchtee, Salztee und Keksen eingeladen.

An unserem 4. Tag sind wir dann aufgebrochen ins Lungnak Valley. Das ist der Weg Richtung Manali und in dieses Tal fuehrt noch keine Strasse, obwohl schon seit Jahren fleissig daran gebaut wird. So starteten wir am Ende der Strasse, wo wir unseren Jeep parkten und liefen voll bepackt mit Kruecken, orthopaedischen Schuhen und Kleidern fuer unsere Patienten los Richtung Cha, wo wir 3 Patienten von uns erwarteten. Der wunderschoene Hoehenweg entlang des Tsarap-Flusses dauerte 5 Stunden bis wir Cha erreichten und gleichzeitig mit uns ein Schwung Touris mit Packtieren, die auf dem Trek Richtung Kloster Phukthal waren. Erst erholten wir uns mit einem Taesschen Chai (das darf auch nicht fehlen) und Keksen und dann machten sich Chokla und Norboo auf, um unsere Patienten ausfindig zu machen.

Kinder in Cha happy mit Luftballon

Einen Jungen mit Cerebraler Parese behandelte Chokla, ich musste auf meine Patientin warten, denn sie ist Hirtin und kommt erst bei Sonnenuntergang ins Dorf zurueck. So liess man mich mit Hamida allein und deutete auf den Berg, wo ich schauen sollte, wann die Ziegen und Schafe ueber den Bergkamm kommen. So warteten wir beide und blickten ueber die schoene Kulisse, bis irgendwann ein kleines Kind nach dem anderen ankam und alle wussten, dass die Angresma (Auslaenderin) bestimmt was Suesses dabei hat. Aber ich hatte etwas besseres, naemlich eine Tuete mit vielen Luftballons. Und da war die Freude gross, denn jeder bekam einen Luftballon und blies ihn auf oder liess ihn furzen. Und ploetzlich hoerte man im ganzen Dorf Luftballons furzen und lautes Kindergelaechter. Und so verging die Zeit ganz schnell und die Patientin stand ploetzlich vor uns, denn wir bekamen gar nicht mit, wie sie und ihre Tiere ueber den Berg ins Dorf kamen. Stanzin Dolma ist in meinem Alter und hat eine starke Skoliose und schwere Atemprobleme, wenn sie sich anstrengt. So begannen Hamida und ich mit ihr Atem- und Dehnuebungen zu machen, die sie jeden Abend vor dem Schlafengehen machen kann. Auch Atemhilfsuebeungen gaben wir ihr, falls sie sich mal ueberanstrengen sollte. Zum Schluss haben sogar noch die Schuhe gepasst, die wir noch uebrig hatten, denn sie hat nur alte Schlappen und laeuft mit denen ueber die Berge mit ihren Tieren. Sie hat sich so unglaublich gefreut und gejuchzt, dass wir ganz freudig angesteckt wurden und mitlachten.

Happy in Cha

Und so sind wir muede in diesem Dorf Cha in einem einheimischen "Homestay" bekocht worden und dann zufrieden in unseren Schlafsaecken eingeschlafen. Am naechsten Tag ging es dann wieder zurueck, denn die Patienten aus dem anderen Dorf, das wir noch besuchen wollten, waren nach Padum und Leh gezogen, wie uns erzaehlt wurde. Ach, tat das gut nach diesen stundenlangen unbequemen Autofahrten ueber diese Holper-/ Schotterpisten mal wieder 2 Tage nur zu laufen.

Neugierige Zuschauer

So vergingen die Tage und wir brachten Hilfsmittel v.a Schuhe, Gehstuetzen und Kleider zu manchen Patienten und haben schon wieder eine grosse Liste fuer den naechsten Fieldtrip. Wir liefen in einige Doerfer, um dort Kinder anzutreffen, zu therapieren und deren Eltern anzuleiten. Und nach 7 Tagen holperten wir die 220 km voller neuer Eindruecke, Plaene und Ideen wieder nach Kargil zurueck. Der Zanskar Fieldtrip war wirklich ein kleines Abenteuer, das mit seiner wundervollen Landschaft und den aufgeschlossenen, natuerlichen Menschen ein unvergessliches Erlebnis bleibt.

Und ich hoffe wir konnten den Kindern und Eltern eine kleine Stuetze und Hilfe sein.

Anna Probst, Physiotherapeutin




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