Bericht
von Anna Probst
Sieben
Monate im Jahr ist Zanskar von der Aussenwelt abgeschnitten. Nur waehrend
des Sommers ist das Gebirgstal von Kargil aus erreichbar, aber dann
auch nur mit grossem Aufwand, denn die einzige Strasse nach Padum
(das ist das Verwaltungszentrum dort) ist gesaeumt von 1000000 Schlagloechern
auf schlechten Sand- und Schotterpisten. Ja, und so schaukelte der
REWA-Trupp (Norboo, Hamida, Chokla, Uli, Karola, und ich) am Montag
frueh los, um auch die bertoffenen Menschen in Zanskar zu behandeln,
v.a die Kinder dort, die durch die vorhergehenden Fieldtrips schon
gefunden wurden und 2 mal im Jahr behandelt werden….

Rangdum
Leider
konnte letztes Jahr der 2. Fieldtrip nicht gemacht werden, denn das
liebe Auto (Jeep) hat das stundenlange Geschaukel wohl nicht ausgehalten
und ist kaputt gegangen. Zanskar ist mit seinen knapp 10000 Menschen
eine relativ duenn besiedelte Region, weil fuer die meisten Menschen
das Leben dort viel zu hart ist und sie mehr und mehr nach Leh oder
andere Teile Ladakhs ziehen, wo mehr Infrastruktur herrscht. Auch
die meisten Kinder werden auf bessere Schulen geschickt (wenn es finanziell
irgendwie geht) ausserhalb des Tals nach Dehradun, Manali, Jammu oder
sonst sehr weit entfernt…..

Norbu
und Co.
Viele
Doerfer in Zanskar haben keinen elektrischen Anschluss und auch keine
Strasse, die zu ihnen fuehrt….manche Doerfer bestehen nur aus zwei
oder drei Haeusern. So leben hier die Menschen noch sehr urspruenglich
und traditionell und sind tief verwurzelt mit dem Buddhismus…in Zanskar
ist mindestens ein Familienmitglied im Kloster als Moench oder Nonne…..
Am
Montag Abend sind wir dann endlich nach der holprigen Fahrt angekommen.
Auf dem Weg haben wir noch 4 Kinder behandelt, d.h ein Junge, der
in einem Kloster lebt war nicht da, ein kleines Kind, dessen Prognose
im Saeuglingsstadium sehr fraglich war (zu grosser Kopf, Bewegungsarmut)
hat sich wunderbar enwickelt und muss nicht weiter behandelt werden.
Sehr erfreulich ist, dass auch manche Patienten einen guten Verlauf
nehmen koennen und wir nichts mehr tun muessen, weil sie sich soweit
verbessert haben, dass sie von uns keine Hilfe mehr benoetigen.

Unser
kleiner Patient hat sich preachtig entwickelt
Ein
kleines Maedchen haben Karola, Norbo und ich daheim mit ihren Schwestern
angetroffen. Das Maedchen hat sich an Norbo erinnert und sich riesig
gefreut. Lobzang kann nicht sprechen und hat ein ataktisches Erscheinungbild
(Diagnosen haben wir ja keine richtigen, deshalb koennen wir nur unsere
Eigenen stellen)… Wir haben mit ihr mit dem Luftballon Balance- Uebungen
gemacht, die Schwestern angeleitet und ihre motorischen Faehigkeiten
ueberprueft und herausgefunden, dass sie starke Defizite in allen
feinmotorischen Bewegungen aufweist… Die kleine Lobzang (10 Jahre)
hilft daheim viel bei Hausarbeiten und auf dem Feld. Beim naechsten
Fieldtrip bringen wir ihr Stifte und Papier mit, womit sie ihre motorischen
Einschraenkungen trainieren kann und auch eine schoene Beschaeftigung
hat. Natuerlich haben wir ihr auch den Luftballon da gelassen, worueber
sie sich sehr gerfreut hat.

Chokla
mit dem Moench mit Halbseitenlaehmung
Am
Abend haben wir dann bei Choklas Schwester in seinem Elternhaus uebernachtet.
Seine kleinen Neffen haben sich riesig gefreut und seine Schwester
auch. Denn sonst ist ihre ganze Familie sehr weit weg in Indien verteilt.
Sie ist die Einzige der sieben- koepfigen Familie, die noch in Zanskar
lebt. Am naechsten Morgen, nachdem wir uns alle am kalten Bach erfrischt
hatten, starteten wir gestaerkt mit Chapatis, Curd (Yoghurt) und Chai
und fuhren nach Zangla zu einer Patientin, von der wir schon von den
anderen Fieldtripberichten hoerten, dass sie sehr vernachlaessigt
aufgefunden wurde. Als wir dann das Haus nach 100mal fragen gefunden
hatten, mit dem Jeep ueber Felder hoppelten und dann querfeldein liefen,
waren wir sehr neugierig, was uns erwartet.

Padma
auf ihren Decken
Wir
trafen diesmal den Vater und die Tante der Patientin an, was die letzten
Jahre wohl nicht der Fall war. Als wir den Raum, in dem die Patientin
lag, betraten, kam uns schon ein unangenehmer Uringeruch entgegen
und viele Fliegen, die umherschwirrten. Padma begruesste uns freudestrahlend
und war ganz bei der Sache. Sie war in alte stinkende Wolldecken gewickelt
.Zuerst kontrollierte Chokla die Beweglichkeit und den Muskeltonus
des Rumpfes und der oberen Extremitaet und wir fanden heraus, dass
die 21 jaehrige Padma schon sehr grosse Einschraenkungen der Gelenksbeweglichkeit
aufweisst. Chokla versuchte sie soweit als moeglich zu mobilisieren.
Was uns aber viel groessere Sorgen machte, war der mangelnde hygienische
Zustand, in dem wir die freundliche Padma auffanden. Mir kam es so
vor, als ob sie schon Monate lang nicht mehr gewaschen worden war
oder ihr frische Klamotten angezogen wurden. Sie liegt oder sitzt
den ganzen Tag an der gleichen verschmutzten Stelle in ihren Decken,
die ganz klamm und feucht von ihrem Urin sind. Und niemand kuemmert
sich richtig um sie, denn ihre Mutter ist vor 4 Jahren gestorben und
keiner fuehlt sich fuer sie verantwortlich. Wir haben im Team viel
ueberlegt, was wir tun koennten, denn nur den alten Vater und die
Tante aufzuklaeren, ohne sie zu ueberpruefen, wuerde nie klappen (denn
die Anderen auf den letzten Fieldtrips haben bestimmt das gleiche
zu ihnen gesagt)….

Viele
Augen schauen zu
Wir
suchten in den naechsten Tagen Dr. Stanzin in der Klinik in Padum
auf, der nichts von der Patientin wusste und uns erzaehlt hat, dass
jedes Dorf medizinsche Helfer, Hebammen und ein sogenanntes "Medizinisches
Zentrum" hat..Wir gingen mit dem Arzt, der sehr hilfsbereit war, die
verschiedenen Moeglichkeiten durch, der Patientin einen Katheter zu
legen und die Helfer dafuer anzuleiten und vor allem jemanden Verantwortlichen
zu finden, der Padma regelmaessig waescht, mindestens einmal pro Woche
und sie auch mal hinaustraegt…. Es geht darum, ihr Leben lebenswerter
zu machen.


Bei
der Behandlung
................Kleiner Moench
Zum
Schluss unseres Zanskar-Aufenthaltes haben wir noch zufaellig den
King of Zanskar, einen weiteren Verwandten von Chokla getroffen( Chokla
ist glaube ich sowieso mit fast allen in Zanskar verwandt, denn an
jeder Ecke in jedem Dorf kannte er Leute- so kam es mir zumindest
vor). Er lebt in Zangla und seine Frau ist Krankenschwester und Hebamme
und er versprach uns, sich persoenlich darum zu kuemmern, dass Padma
eine Pflegerin bekommt Beim naechsten Fieldtrip Ende August koennen
die Anderen dann ueberpruefen, ob sie nun in einer angenehmeren hygienischen
Umgebung lebt. Wir hoffen nun nur das BESTE….

Das
Team vom Lungnak Tal: Norbu, Anna, Chokla, Hamida, Uli fotografiert
Die
naechsten Tage verbrachten wir damit, die Kinder in den verschiedenen
Doerfern zu behandeln. Dabei kamen wir sehr gut voran, weil wir zwei
Teams hatten, eins mit Chokla und eins mit mir. Bei den Behandlungen
waren teilweise alle Kinder des Dorfes in einem Raum versammelt und
haben beobachtet, was wir da so machten. Und natuerlich wird man,
so wie es Tradition ist, immer zu Milchtee, Salztee und Keksen eingeladen.
An
unserem 4. Tag sind wir dann aufgebrochen ins Lungnak Valley. Das
ist der Weg Richtung Manali und in dieses Tal fuehrt noch keine Strasse,
obwohl schon seit Jahren fleissig daran gebaut wird. So starteten
wir am Ende der Strasse, wo wir unseren Jeep parkten und liefen voll
bepackt mit Kruecken, orthopaedischen Schuhen und Kleidern fuer unsere
Patienten los Richtung Cha, wo wir 3 Patienten von uns erwarteten.
Der wunderschoene Hoehenweg entlang des Tsarap-Flusses dauerte 5 Stunden
bis wir Cha erreichten und gleichzeitig mit uns ein Schwung Touris
mit Packtieren, die auf dem Trek Richtung Kloster Phukthal waren.
Erst erholten wir uns mit einem Taesschen Chai (das darf auch nicht
fehlen) und Keksen und dann machten sich Chokla und Norboo auf, um
unsere Patienten ausfindig zu machen.

Kinder
in Cha happy mit Luftballon
Einen
Jungen mit Cerebraler Parese behandelte Chokla, ich musste auf meine
Patientin warten, denn sie ist Hirtin und kommt erst bei Sonnenuntergang
ins Dorf zurueck. So liess man mich mit Hamida allein und deutete
auf den Berg, wo ich schauen sollte, wann die Ziegen und Schafe ueber
den Bergkamm kommen. So warteten wir beide und blickten ueber die
schoene Kulisse, bis irgendwann ein kleines Kind nach dem anderen
ankam und alle wussten, dass die Angresma (Auslaenderin) bestimmt
was Suesses dabei hat. Aber ich hatte etwas besseres, naemlich eine
Tuete mit vielen Luftballons. Und da war die Freude gross, denn jeder
bekam einen Luftballon und blies ihn auf oder liess ihn furzen. Und
ploetzlich hoerte man im ganzen Dorf Luftballons furzen und lautes
Kindergelaechter. Und so verging die Zeit ganz schnell und die Patientin
stand ploetzlich vor uns, denn wir bekamen gar nicht mit, wie sie
und ihre Tiere ueber den Berg ins Dorf kamen. Stanzin Dolma ist in
meinem Alter und hat eine starke Skoliose und schwere Atemprobleme,
wenn sie sich anstrengt. So begannen Hamida und ich mit ihr Atem-
und Dehnuebungen zu machen, die sie jeden Abend vor dem Schlafengehen
machen kann. Auch Atemhilfsuebeungen gaben wir ihr, falls sie sich
mal ueberanstrengen sollte. Zum Schluss haben sogar noch die Schuhe
gepasst, die wir noch uebrig hatten, denn sie hat nur alte Schlappen
und laeuft mit denen ueber die Berge mit ihren Tieren. Sie hat sich
so unglaublich gefreut und gejuchzt, dass wir ganz freudig angesteckt
wurden und mitlachten.

Happy
in Cha
Und so sind wir muede in diesem Dorf Cha in einem einheimischen "Homestay"
bekocht worden und dann zufrieden in unseren Schlafsaecken eingeschlafen.
Am naechsten Tag ging es dann wieder zurueck, denn die Patienten aus
dem anderen Dorf, das wir noch besuchen wollten, waren nach Padum
und Leh gezogen, wie uns erzaehlt wurde. Ach, tat das gut nach diesen
stundenlangen unbequemen Autofahrten ueber diese Holper-/ Schotterpisten
mal wieder 2 Tage nur zu laufen.

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Neugierige
Zuschauer
So
vergingen die Tage und wir brachten Hilfsmittel v.a Schuhe, Gehstuetzen
und Kleider zu manchen Patienten und haben schon wieder eine grosse
Liste fuer den naechsten Fieldtrip. Wir liefen in einige Doerfer,
um dort Kinder anzutreffen, zu therapieren und deren Eltern anzuleiten.
Und nach 7 Tagen holperten wir die 220 km voller neuer Eindruecke,
Plaene und Ideen wieder nach Kargil zurueck. Der Zanskar Fieldtrip
war wirklich ein kleines Abenteuer, das mit seiner wundervollen Landschaft
und den aufgeschlossenen, natuerlichen Menschen ein unvergessliches
Erlebnis bleibt.
Und
ich hoffe wir konnten den Kindern und Eltern eine kleine Stuetze und
Hilfe sein.
Anna
Probst, Physiotherapeutin