ZANSKAR
FIELDTRIP REPORT SEPT. 2011
von
Kathi Gutmensch, Physio
Zum zweiten
Mal für dieses Jahr machten wir uns am 2. September auf die
lange, rumpelige und abenteuerliche Reise über unbewohnte Weiten
und Pässe, vorbei an zum Greifen nahen Gletschern und Schnee-
und Eis bedeckten 7000ern, in das abgelegene Himalaya Tal Zanskar.
Der Herbst ist schon deutlich spürbar, überall wird gerade
die Ernte eingebracht, die Luft ist glasklar und der Himmel stechend
blau.
Bald, wenn der erste Schnee am Penzi La, dem Pass nach Zanskar,
fällt, wird dieses Tal wieder am Landweg bis Anfang Juni unerreichbar
bleiben.
Nur in den kältesten Wintermonaten, Jänner und Februar,
können die Menschen über den gefrorenen Zanskar Fluß
in einem sehr kalten und in jeglicher Weise forderndem vier Tages
Marsch (wir Westler brauchen ca. doppelt so lange) die Leh Region
erreichen.

Abenteuerliche
Fahrt ins Zanskar Tal
Unser
kleines, aber sehr feines Team bestand diesmal aus Chokla, Tundup-Gyaltsan
(als sehr gutem Fahrer) und mir, Kathi.
Insgesamt haben wir in Zanskar derzeit 20 Patienten, von denen wir
18 finden und behandeln konnten. Außerdem haben wir 2 neue
Patienten gefunden.
Für uns bedeutete das fünf wunderschöne, aber auch
sehr anstrengende Tage, ausgefüllt waren mit viel Autofahren,
Patienten suchen, wandern zu Patienten, zu denen man nicht mit dem
Jeep fahren kann, und natürlich behandeln!
Für
nicht gerade Morgenmenschen, wie Chokla und mich war es eine große
Leistung, am 2. September schon um 5:30 zu starten! Aber es warteten
ja nicht nur 220 unasphaltierte, höchst rumpelige Kilometer
(für die man ca. 10 Stunden Fahrzeit rechnen kann), sondern
auch vier Patienten am Weg auf uns.
Stanzin
braucht einen Sponsor, der ihn unterstützt
Den letzten Patienten des Tages nahmen Chokla und ich bei beginnender
Dunkelheit in Angriff. Ausgerüstet mit einer Taschenlampe machten
wir uns auf den ca. 20 Minuten langen Fußmarsch.
Unser Ziel war Stanzin Jigmet, ein 29 Jahre alter Mann, der seit
einem groben Sturz vor über 10 Jahren Probleme mit seiner linken
Hüfte hat.
Neben Hausübungen zur Kräftigung bestimmter Muskeln, war
es uns ein Anliegen uns nach seiner finanziellen Situation zu erkundigen.
Stanzin, der mit seinen drei Kindern und seiner Frau in äußerst
ärmlichen Verhältnissen lebt, hat vor kurzem die sechs
jährige Ausbildung zum Amchi abgeschlossen, bräuchte aber
jetzt dringend einen Sponsor, der ihm bei der Beschaffung von Medizin
und eventuell der Eröffnung einer kleinen Praxis unter die
Arme greifen könnte.

Amchi
Stanzin braucht dringend einen Paten
Wir finden nämlich, daß soviel Mut und Willenskraft,
zusätzlich zum Ernähren einer 5köpfigen Familie unter
zanskarischen Bedingungen, noch eine sechsjährige Ausbildung
zu machen belohnt werden sollte!
Gestärkt von einem Glas heißer, frischer Milch machten
wir uns unter dem endlosen und sternenübersäten Himmel
von Zanskar auf den Rückweg durch die stockdunkle Neumondnacht.
Was für ein unvergeßliches Erlebnis!
Erst um 10 Uhr erreichten wir dann Choklas Schwester, die schon
etwas besorgt mit gutem Essen auf uns wartete.
Nach einem anstrengenden, aber überaus erfolgreichen 17 Stunden
(Arbeits)Tag fallen wir schließlich erschöpft aber glücklich
auf unsere Teppiche (die es ja anstatt Betten in Ladakh gibt).
Übliche
Probleme
Der nächste
Tag ist ähnlich, beginnt aber mit einigen Problemen die unsere
"black beauty" (den schwarzen Jeep) betreffen und die
uns in der Folge einiges an Zeit kosten.
Der Starter ist kaputt! Ersatzteile für diese Auto sind ja
generell schwer zu bekommen, besonders aber hier in Zanskar, und
so bekommt Gyaltsan für den Rest des Fieldtrips die zusätzliche
Herausforderung, immer einen abschüssigen Parkplatz zu finden,
um das Auto durch Anrollen starten zu können! Aber wir sind
ja zum Glück nicht in den Niederlanden, sondern im Himalaya,
und so ist diese Taktik nicht allzu schwierig!

Ohne
Worte...
Das zweite Problem des Tages ist ein Reifen der Luft verliert, und,
wie sich zu guter Letzt herausstellt, hatten wir 9 Löcher im
Reifen!
Trotzdem können wir alle für diesen Tag vorgesehenen Patienten
behandeln, aber auch dies wird wieder ein langer Tag und viele Patienten
können wir nur mit viel Mühe finden.
Mich freut besonders der Besuch bei Rinchen Dolma, einer ca. 12
Jahre alten Nonne, die ich schon von 2008 kenne (da war ich auch
mit auf dem Zanskar Fieldtrips).
Sie hat sich in den drei Jahren derartig verbessert!

War sie 2008 noch ein wirklich stark betroffenes Kind mit Halbseitenlähmung,
die ihre betroffene Seite kaum verwendet hat, kann sie nun ihre
rechte Hand gut im Alltag verwenden und hat nunmehr bei sehr feinen
Bewegungen Schwierigkeiten.
Sie zeigt uns ihre Hausübungen, die sie auch gut durchführt
und hat bei den neuen Übungen kaum Probleme. Wir müssen
uns schon ganz schön anstrengen etwas zu finden, bei dem sie
wirklich gefordert ist!
Auch sonst ist aus dem schüchternen Kind von damals ein sehr
selbstsicherer, fröhlicher und äusserst freundlicher Teenager
geworden!
Treck
ins Lugnak Tal
Die nächsten
zwei Tage machen wir uns auf den Weg in die Lugnak Region. Auch
hier muß ich erstaunt feststellen wieviel sich in drei Jahren
verändert hat.
Das Dorf in dem drei Patienten wohnen war 2008 noch mindestens 2
Tagesmärsche vom Ende der Strasse entfernt, und auch wenn es
meist so scheint als würden indische Straßenarbeiter,
wie ihre Kollegen sonstwo auf der Welt, ihre Zeit vor allem mit
Schauen und Herumstehen verbringen, dem ist definitiv nicht so!
Nun windet sich die Strasse hoch über dem Fluß entlang,
wo 2008 nur steile Fels und Schotterhänge waren und wir brauchen
nur mehr ca. 2 ½ Stunden zu Fuß um unser Ziel, Cha,
zu erreichen!
Wir werden gleich erfreut empfangen, alle kennen Chokla ja schließlich
schon vom letzten Fieldtrip.

Das
ablegene Dorf Cha
Der erste Patient, Stanzin Palchok, ist ein ca. 21 Jähriger
Bursche der eine Halbseitenlähmung hat. Er kommt im Alltag
super zurecht, muß zum Beispiel täglich eine steile Leiter
erklimmen um in sein Haus zu kommen (diese Leiter würde so
manchem nicht so ganz sportlichen Europäer zu schaffen machen!!)
und muß seinen sehr armen Eltern, als einziges Kind bei allen
anfallenden (Feld)Arbeiten helfen.
So ist es nicht so schlimm daß er bei seinen Übungen
sehr nachlässig ist.

Tägliches
Training für einen Behinderten
Da die Familie über keinerlei Einkommen verfügt, und er
ein gescheiter Bursche ist, würde er sehr gerne Lehrer werden
(in Indien gibt es reservierte Plätze für Behinderte in
Staatlichen Schulen, und so hätte er sehr gute Chancen auf
eine Anstellung).
Allerdings bräuchte er einen Sponsor, der ihm für die
letzten zwei Schuljahre finanziell aushilft, da ihn seine Eltern
nicht weiter unterstützen können.
12 Schuljahre sind aber verpflichtend für einen staatlichen
Lehrer!
Mit der
zweiten Patientin des Tages hatten wir großen Spaß!
Als ich ihr eine (sehr einfache Dehnübung in Rückenlage
gegen ihre starke Skoliose) gezeigt habe, fing sie derart schallend
zu Lachen an, daß wir uns bald alle vor Lachen nur so bogen!
Auch alle anderen Übungen haben bei ihr nur minimales Interesse
ausgelöst.
Allerdings verbringt sie jeden Tag vom Morgengrauen bis zur Dämmerung
mit den Tieren des Dorfes hoch in den Bergen, hat trotz ihrer wirklich
starken Skoliose!! Keinerlei Probleme oder Schmerzen, so ist ihre
Motivation für seltsame Übungen von seltsamen (weißen)
Menschen natürlich verständlicherweise nicht sehr groß.
Und anscheinend sind die Übungen sogar äusserst belustigend!!
Ein wenig ratlos war ich, als auch mein gut gemeintes Geschenk meiner
Regen und Windjacke bei ihr für einen schallenden Lachanfall
gesorgt hat.

Die
Jacke ist etwas zu groß
Zugegeben, die Jacke ist ihr etwas zu groß,
doch hätte
ich nicht gedacht daß sie das dermaßen belustigen wird
.
Und nach ein paar Augenblicken der ratlosen Verwunderung mußte
ich natürlich wieder einstimmen in ihr Gelaechter!
Schoen daß man trotz 95 Euro im Jahr Gehalt (und das ist nicht
einmal für indische Verhältnisse annähernd genug
zum Selbst erhalten) so einen Humor haben kann!
Die letzte
Patientin war gleichzeitig unsere Gastmutter, der wir ein Paar neue
Schuhe mit Erhöhung für ihren Klumpfuß gebracht
haben.
Für mich endete der Abend mit einem mindestens halbstündigen
Luftballon Match mit dem Sohn der Familie.
Ja, die Kinder hier kann man mit ein paar Luftballons für lange
Zeit sehr glücklich machen!
Am nächsten
Tag wieder in aller Früh hinaus, 2 ½ Stunden Fußmarsch
und zusammen mit 6 Dorfbewohnern, die die Mitfahrgelegenheit nach
Padum nützen, zurück in die "Zivilisation".
Für uns heißt es direkt zu zwei Patienten in Padum, dann
weiter nach Zangla, zu einem Treffen mit König und Königin
von Zangla und zusammen mit der Königin, die auch Krankenschwester
und Hebamme ist, zur schwierigen Patientin von Zangla.
Die 23Jährige Frau hat extreme Kontrakturen, kann sich nicht
in irgendeiner Weise fortbewegen und verbringt ihre Tage sitzend
vor dem Haus unter einem selbstgebastelten "Zelt".

Das Hauptproblem ist ihre Inkontinez, die in Verbindung mit den
allgemeinen Bedingungen in Ladakh (keinerlei Inkontinenzmaterial,
kein fließendes Wasser, etc) und der absoluten Armut ihrer
Familie (die nur aus Vater und Onkel besteht) zu einer ziemlich
tragischen Hygienischen Situation führt!
Hat man den (europäischen) Schock aber einmal überwunden,
sieht man eine Frau die mit ihrer Situation eigentlich ganz zufrieden
ist, redlichen Anteil am Dorfleben um sie herum nimmt und eine erstaunlich
glückliche Ausstrahlung hat!
Trotzdem muß ihre Hygiene natürlich dramatisch verbessert
werden, und wir hoffen sehr daß die Königin ihr Versprechen
hält, und sich um Padma kümmern wird!
Mein
Resümee über diesen Fieldtrips ist wieder einmal, wie
wundervoll Ladakh ist, welch unglaubliche Ausstrahlung die Menschen
hier haben und wie wenig man braucht um glücklich zu sein!!!
Bericht
von Kathi Gutmensch

Mond
und Berge