Fieldtrip nach Zanskar und weiter

17.08. - 1.9.2008

Teilnehmer: Susanne, Nonne Dorjay, Tundup, Kunzang

Zanskar, Lungnak, Parkachik - jede Menge neue Erlebnisse

Um die Zeit zu nutzen, in der die Strasse nach Padum (Zanskar) noch ohne Schnee befahrbar ist, machten wir uns am 17. August auf den Weg, um dieses Jahr das zweite Mal unsere Patienten in Zanskar zu besuchen. Dieses Mal bestand unser Team aus Tundup, Kunzang, der Nonne Dorjay und mir. Nach einer aufregenden und zermürbenden Fahrt von Leh über Kargil nach Padum kamen wir nach zwei Tagen in Padum an und bezogen wieder das uns bekannte Resthouse in Pipiting. Von dort aus machten wir uns die nächsten 3 Tage auf den Weg zu den einzelnen Dörfern im engeren Umkreis von Padum. Wir machten Hausbesuche bei unseren Patienten und besuchten gleichzeitig die Klöster. Zanskar ist die Region mit den meisten buddhistischen Klöstern. Dort gibt es die ältesten und imposantesten Monasteries, die ich in den letzen Monaten hier in Ladakh gesehen habe. Das Kloster Karsha zum Beispiel, ist das größte Kloster Ladakhs, das Kloster Tongde ist über 1000 Jahre alt.

Karsha Monastery


Viele Kinder und Erwachsene mit Behinderung leben in einem der Klöster, damit sie Hilfe im Alltag bekommen und für sie gesorgt wird. So haben wir unseren Patienten Nawang Tharpa, ein 15jähriger Junge, der letztes Jahr über Nacken- und Schulterschmerzen (besonders bei schwerer körperlicher Arbeit) geklagt hat, dieses Mal in der Monastery von Karsha getroffen. Er wurde Mönch, damit er nicht mehr zu viel Feldarbeit zu Hause erledigen muss und unter den Schmerzen leidet. Nawang war glücklich in die Klosterschule gehen zu können und sagt, seine Schmerzen seien fast ganz verschwunden. Vor oder nach den Therapien in den Klöstern haben wir meist eine persönliche Führung durch die 3-5 verschiedenen Tempel bekommen, haben viele verschiedene Statuen gesehen und oft haben wir noch Tee, Kekse oder sogar ein Mittagessen angeboten bekommen. Besonders unsere Locals haben es dankend angenommen haben, da das Essen, von Mönchen zubereitet, etwas besonders für sie darstellt.
Neben dem Kloster gibt es in Karsha noch eine "Nunnery, in die Mädchen bzw. Nonnen zur Schule gehen können. Auch dort haben wir 3 kleine Patientinnen, mit denen wir neben den Einzeltherapien auch eine kurze Gruppentherapie durchgeführt haben. Wir haben Rinchen Dolma, ein neunjähriges, intelligentes Mädchen mit Hemiparese gezeigt, wie sie gemeinsam mit ihrer Freundin Stanzin die "Physiotherapie-Hausaufgaben" üben können. Stanzin ist 7 Jahre alt und hat eine Skoliose. Wir haben ihnen einen Tennisball geschenkt, mit dem sie zusammen individuell spielen können, Rinchen mehr mit ihrer linken, hemiparetischen Seite und Stanzin beidhändig.

Mit so vielen spannenden Erlebnissen und neuen Eindrücken aus dem schönen Zanskar ging die Zeit sehr schnell vorbei und schon stand das nächste große Ereignis für uns vor der Tür:
Bei unserem letzten Zanskar-Fieldtrip im Juni dieses Jahres haben wir mit dem BMO (Dr. Stanzin ist der Medical Officer von Padum und Umgebung. Er ist Orthopäde, der von der Regierung angestellt ist und sich um die Patienten in seiner Region kümmert.) abgesprochen haben, dass wir im August wieder in die Gegend kommen werden. Er hat uns eine Liste zusammengestellt mit 17 Kindern und Erwachsenen mit Behinderung in der Lungnak-Region. Diese Region liegt südlich von Padum am Lungnak-Fluss und ist nur zu Fuß zu erreichen. Also hieß es für die Mitarbeiter von Ladakh-Hilfe das erste Mal, dass sie ihre Rucksäcke packen und die Wanderschuhe schnüren mussten. Dr. Stanzin gab uns eine Liste von Patienten mit jeglicher Behinderung, die wir besuchen, untersuchen und behandeln wollten. Am 23. August fuhren wir in der Früh los nach Raru, das letzte Dorf an der sich im Bau befindlichen Strasse, damit wir uns ein paar Kilometer Gehstrecke Laufen sparen konnten. Das Auto wurde von einem alten Mönch "bewacht" und wir marschierten los. Die letzten Patienten, die wir besuchten wollten, leben im Ort Kargyak, das etwa 3 Tagesmärsche von Raru entfernt ist.


Unsere Trekking-Gruppe gab schon ein lustiges Bild ab: 3 Ladakhi, davon eine Nonne, die ihrer komplette rote Robe beim Wandern anbehalten wollte, auch wenn die Sonne vom Himmel schien und es sehr warm wurde, Kunzang und Tundup, der an seinem Rucksack Gehstützen befestigt hatte, die wir später tatsächlich noch brauchen sollten, Kunzang und ich, die einzige Ausländerin im Team.
In einer Region, welche den ganzen Winter über von dem Rest der Welt abgeschnitten ist und wo die meisten Leute in nur 3-4 Monaten im Jahr Tourismus leben, wird die ganze Familie im Spätsommer in die Feldarbeit eingespannt, um das Überleben im Winter für die Menschen und Tiere zu sichern. So waren auch die Kinder und Erwachsenen mit Behinderung auf den Feldern oder in den Bergen anzutreffen, wo sie die ihnen mögliche Arbeit erledigten. Alle waren geh- und arbeitsfähig. Sei es die 23jährige Skoliose-Patientin Stanzen Dolma, die die Schafe der Familie hütet oder der 18jährige Stanzin Palchok, der mit seiner Hemiparese die Berge heraufläuft, um das Gras für den Winter einzusammeln. In Marling haben wir den 48jährigen Thuptan Stanzen getroffen, der nach unserer Liste unter einer Gehbeinderung leidet und humpelt, ohne Angaben eines Grundes. Vor 20 Jahren hatte er einen offenen Unterschenkelbruch, der nie ärztlich versorgt oder behandelt wurde. Seitdem hat er Schmerzen im Bein und mittlerweile hat er eine Kniekontraktur und -Deformität. Wir haben Thuptan die Gehstützen, die Tundup die letzten 3 Tage in seinem Rucksack getragen hat, gegeben. Anfangs war er sehr skeptisch, wie er mit dem neuen Hilfsmittel seine Arbeit auf dem Feld oder bei den Märschen in die nächstgelegenen Orte benutzen soll. Umso erfreulicher war es, dass wir ihn an unserem letzten Tag der Wanderung noch mal getroffen haben. Er kam gerade vom Mehl holen aus dem Nachbardorf mit seinem Esel und hatte die Gehstützen dabei. Er war froh uns zu sehen und hat uns noch mal recht herzlich gedankt. Bei dem langen Weg hat er gemerkt, dass die Schmerzen in seinem Bein durch das Gehen mit den Stützen weniger wurden.

Zurück in Padum, aber auch jetzt war unsere Arbeit noch nicht beendet. Wir machten uns auf Richtung Leh, doch hatten auf dem Rückweg noch einige Patienten zu besuchen. Bei diesem Fieldtrip war geplant, dass wir in Orten nach Patienten Ausschau halten, die noch nicht von uns physiotherapeutisch betreut werden. Zanskar ist ein weites Gebiet und wir haben uns entschieden, im Ort Parkachik zu übernachten und die Bewohner dort zu fragen, ob Menschen mit Behinderung im Dorf leben. Am nächsten Morgen wollten wir die Patienten untersuchen und behandeln. Als ich um 7.30 Uhr in unseren Vorgarten ging, war dieser schon überfüllt mit alten Leuten, die meist die unglaublichsten Brillengestelle trugen. Es war ein tolles Bild, doch ich wusste nicht, wie wir ihnen allen helfen sollten. Nachdem Tundup und Kunzang allen erklärt hatten, welche Art von Behinderung wir behandeln können, blieben uns noch 4 Hausbesuche zu erledigen und unsere Nonne hatte viel zu tun.

Alte Frau wartet auf die Amchi-Nonne

Es stelle sich nämlich heraus, dass die Dorfbewohner alle wegen unserer Amchi-Nonne gekommen waren. Im Ort selber gibt es keinen Arzt, Arzt und Amchi kommen nur sehr sporadisch vorbei und so wollten alle die Gelegenheit nutzen, um sich einmal untersuchen zu lassen.
Nachdem wir alle unsere Arbeit erledigt hatten, konnten wir uns nach 16 Tagen Fieldtrip endlich auf den Rückweg nach Leh machen. Aber wie schon erwähnt, in Zanskar und Ladakh gibt es noch viele Gebiete, die wir neu erkunden und mit unserer Arbeit abdecken können. Und es ist immer wieder ein tolles Erlebnis mit so vielen neuen und spannenden Eindrücken, dass ich den nächsten Freiwilligen viel Spaß und Freude dabei wünschen kann!


Susanne Beckmann

Anmerkung der Redaktion:

Leider ging Susannes Kamera auf der Zanskarreise in Brüche. Deswegen konnten wir diesem Bericht nur sehr wenige Bilder zufügen.



designed by aha-graphics