Teilnehmer:
Susanne, Nonne Dorjay, Tundup, Kunzang
Zanskar,
Lungnak, Parkachik - jede Menge neue Erlebnisse
Um
die Zeit zu nutzen, in der die Strasse nach Padum (Zanskar) noch
ohne Schnee befahrbar ist, machten wir uns am 17. August auf den
Weg, um dieses Jahr das zweite Mal unsere Patienten in Zanskar zu
besuchen. Dieses Mal bestand unser Team aus Tundup, Kunzang, der
Nonne Dorjay und mir. Nach einer aufregenden und zermürbenden
Fahrt von Leh über Kargil nach Padum kamen wir nach zwei Tagen
in Padum an und bezogen wieder das uns bekannte Resthouse in Pipiting.
Von dort aus machten wir uns die nächsten 3 Tage auf den Weg
zu den einzelnen Dörfern im engeren Umkreis von Padum. Wir
machten Hausbesuche bei unseren Patienten und besuchten gleichzeitig
die Klöster. Zanskar ist die Region mit den meisten buddhistischen
Klöstern. Dort gibt es die ältesten und imposantesten
Monasteries, die ich in den letzen Monaten hier in Ladakh gesehen
habe. Das Kloster Karsha zum Beispiel, ist das größte
Kloster Ladakhs, das Kloster Tongde ist über 1000 Jahre alt.

Karsha
Monastery
Viele Kinder und Erwachsene mit Behinderung leben in einem der Klöster,
damit sie Hilfe im Alltag bekommen und für sie gesorgt wird.
So haben wir unseren Patienten Nawang Tharpa, ein 15jähriger
Junge, der letztes Jahr über Nacken- und Schulterschmerzen
(besonders bei schwerer körperlicher Arbeit) geklagt hat, dieses
Mal in der Monastery von Karsha getroffen. Er wurde Mönch,
damit er nicht mehr zu viel Feldarbeit zu Hause erledigen muss und
unter den Schmerzen leidet. Nawang war glücklich in die Klosterschule
gehen zu können und sagt, seine Schmerzen seien fast ganz verschwunden.
Vor oder nach den Therapien in den Klöstern haben wir meist
eine persönliche Führung durch die 3-5 verschiedenen Tempel
bekommen, haben viele verschiedene Statuen gesehen und oft haben
wir noch Tee, Kekse oder sogar ein Mittagessen angeboten bekommen.
Besonders unsere Locals haben es dankend angenommen haben, da das
Essen, von Mönchen zubereitet, etwas besonders für sie
darstellt.
Neben dem Kloster gibt es in Karsha noch eine "Nunnery, in
die Mädchen bzw. Nonnen zur Schule gehen können. Auch
dort haben wir 3 kleine Patientinnen, mit denen wir neben den Einzeltherapien
auch eine kurze Gruppentherapie durchgeführt haben. Wir haben
Rinchen Dolma, ein neunjähriges, intelligentes Mädchen
mit Hemiparese gezeigt, wie sie gemeinsam mit ihrer Freundin Stanzin
die "Physiotherapie-Hausaufgaben" üben können.
Stanzin ist 7 Jahre alt und hat eine Skoliose. Wir haben ihnen einen
Tennisball geschenkt, mit dem sie zusammen individuell spielen können,
Rinchen mehr mit ihrer linken, hemiparetischen Seite und Stanzin
beidhändig.
Mit
so vielen spannenden Erlebnissen und neuen Eindrücken aus dem
schönen Zanskar ging die Zeit sehr schnell vorbei und schon
stand das nächste große Ereignis für uns vor der
Tür:
Bei unserem letzten Zanskar-Fieldtrip im Juni dieses Jahres haben
wir mit dem BMO (Dr. Stanzin ist der Medical Officer von Padum und
Umgebung. Er ist Orthopäde, der von der Regierung angestellt
ist und sich um die Patienten in seiner Region kümmert.) abgesprochen
haben, dass wir im August wieder in die Gegend kommen werden. Er
hat uns eine Liste zusammengestellt mit 17 Kindern und Erwachsenen
mit Behinderung in der Lungnak-Region. Diese Region liegt südlich
von Padum am Lungnak-Fluss und ist nur zu Fuß zu erreichen.
Also hieß es für die Mitarbeiter von Ladakh-Hilfe das
erste Mal, dass sie ihre Rucksäcke packen und die Wanderschuhe
schnüren mussten. Dr. Stanzin gab uns eine Liste von Patienten
mit jeglicher Behinderung, die wir besuchen, untersuchen und behandeln
wollten. Am 23. August fuhren wir in der Früh los nach Raru,
das letzte Dorf an der sich im Bau befindlichen Strasse, damit wir
uns ein paar Kilometer Gehstrecke Laufen sparen konnten. Das Auto
wurde von einem alten Mönch "bewacht" und wir marschierten
los. Die letzten Patienten, die wir besuchten wollten, leben im
Ort Kargyak, das etwa 3 Tagesmärsche von Raru entfernt ist.
Unsere Trekking-Gruppe gab schon ein lustiges Bild ab: 3 Ladakhi,
davon eine Nonne, die ihrer komplette rote Robe beim Wandern anbehalten
wollte, auch wenn die Sonne vom Himmel schien und es sehr warm wurde,
Kunzang und Tundup, der an seinem Rucksack Gehstützen befestigt
hatte, die wir später tatsächlich noch brauchen sollten,
Kunzang und ich, die einzige Ausländerin im Team.
In einer Region, welche den ganzen Winter über von dem Rest
der Welt abgeschnitten ist und wo die meisten Leute in nur 3-4 Monaten
im Jahr Tourismus leben, wird die ganze Familie im Spätsommer
in die Feldarbeit eingespannt, um das Überleben im Winter für
die Menschen und Tiere zu sichern. So waren auch die Kinder und
Erwachsenen mit Behinderung auf den Feldern oder in den Bergen anzutreffen,
wo sie die ihnen mögliche Arbeit erledigten. Alle waren geh-
und arbeitsfähig. Sei es die 23jährige Skoliose-Patientin
Stanzen Dolma, die die Schafe der Familie hütet oder der 18jährige
Stanzin Palchok, der mit seiner Hemiparese die Berge heraufläuft,
um das Gras für den Winter einzusammeln. In Marling haben wir
den 48jährigen Thuptan Stanzen getroffen, der nach unserer
Liste unter einer Gehbeinderung leidet und humpelt, ohne Angaben
eines Grundes. Vor 20 Jahren hatte er einen offenen Unterschenkelbruch,
der nie ärztlich versorgt oder behandelt wurde. Seitdem hat
er Schmerzen im Bein und mittlerweile hat er eine Kniekontraktur
und -Deformität. Wir haben Thuptan die Gehstützen, die
Tundup die letzten 3 Tage in seinem Rucksack getragen hat, gegeben.
Anfangs war er sehr skeptisch, wie er mit dem neuen Hilfsmittel
seine Arbeit auf dem Feld oder bei den Märschen in die nächstgelegenen
Orte benutzen soll. Umso erfreulicher war es, dass wir ihn an unserem
letzten Tag der Wanderung noch mal getroffen haben. Er kam gerade
vom Mehl holen aus dem Nachbardorf mit seinem Esel und hatte die
Gehstützen dabei. Er war froh uns zu sehen und hat uns noch
mal recht herzlich gedankt. Bei dem langen Weg hat er gemerkt, dass
die Schmerzen in seinem Bein durch das Gehen mit den Stützen
weniger wurden.
Zurück
in Padum, aber auch jetzt war unsere Arbeit noch nicht beendet.
Wir machten uns auf Richtung Leh, doch hatten auf dem Rückweg
noch einige Patienten zu besuchen. Bei diesem Fieldtrip war geplant,
dass wir in Orten nach Patienten Ausschau halten, die noch nicht
von uns physiotherapeutisch betreut werden. Zanskar ist ein weites
Gebiet und wir haben uns entschieden, im Ort Parkachik zu übernachten
und die Bewohner dort zu fragen, ob Menschen mit Behinderung im
Dorf leben. Am nächsten Morgen wollten wir die Patienten untersuchen
und behandeln. Als ich um 7.30 Uhr in unseren Vorgarten ging, war
dieser schon überfüllt mit alten Leuten, die meist die
unglaublichsten Brillengestelle trugen. Es war ein tolles Bild,
doch ich wusste nicht, wie wir ihnen allen helfen sollten. Nachdem
Tundup und Kunzang allen erklärt hatten, welche Art von Behinderung
wir behandeln können, blieben uns noch 4 Hausbesuche zu erledigen
und unsere Nonne hatte viel zu tun.

Alte
Frau wartet auf die Amchi-Nonne
Es
stelle sich nämlich heraus, dass die Dorfbewohner alle wegen
unserer Amchi-Nonne gekommen waren. Im Ort selber gibt es keinen
Arzt, Arzt und Amchi kommen nur sehr sporadisch vorbei und so wollten
alle die Gelegenheit nutzen, um sich einmal untersuchen zu lassen.
Nachdem wir alle unsere Arbeit erledigt hatten, konnten wir uns
nach 16 Tagen Fieldtrip endlich auf den Rückweg nach Leh machen.
Aber wie schon erwähnt, in Zanskar und Ladakh gibt es noch
viele Gebiete, die wir neu erkunden und mit unserer Arbeit abdecken
können. Und es ist immer wieder ein tolles Erlebnis mit so
vielen neuen und spannenden Eindrücken, dass ich den nächsten
Freiwilligen viel Spaß und Freude dabei wünschen kann!
Susanne Beckmann
Anmerkung
der Redaktion:
Leider
ging Susannes Kamera auf der Zanskarreise in Brüche. Deswegen
konnten wir diesem Bericht nur sehr wenige Bilder zufügen.