Stippvisite in Rumbak, September 2009

An einem Freitag kamen uns Claudia, eine ehemalige Physio-Volontärin, und ihre Freundin Angmo besuchen. Sie hörte, dass zur Zeit Dr. Peter Hauke (ein Neurologe aus dem BKK Kaufbeuren) bei uns ist und sie fragte ihn, ob er nicht Angmos Großvater untersuchen könnte.
Claudia erzählte uns, dass der Großvater ein angesehener Amchi-Arzt ist und einen Schlaganfall erlitten hat. Nun liegt er seit drei Wochen ohne Behandlung mit einer Hemiparese zu Hause im Bett.
Er war wegen unklarem Schwindel bisher noch nicht mobilisiert worden. Er hätte beginnende Funktionen, mehr in dem Bein als im Arm und einen deutlichen Neglect. Claudia war leider nur kurz bei ihm und konnte daher der Familie keine Übungen oder Hilfestellung bei der Mobilisation geben. Vorsichtig erkundigte sie sich, ob nicht auch ein Therapeut nach Rumbak mitkommen könnte, um die Angehörigen anzuleiten.
Uns gegenüber hob sie die Vorzüge der Reise nach Rumbak hervor: eine 2-3 stündige Wanderung durch den Hemis-Nationalpark in einer traumhaften Landschaft. Wir könnten dort bei seiner Familie in einem "Homestay" übernachten.
Christines Herz war sofort "Feuer und Flamme" und die Aussicht auf einen Ausflug beflügelte sie, Anja (unsere bewährte, erfahrene Physio musste erst "weich geklopft" werden) und auch Dr. Peter sagte sofort zu. Es war eine schnell beschlossene Sache.
Damit wir nicht im RAC (Therapiezentrum) ausfielen, entschieden wir sofort am darauf folgenden Wochenende aufzubrechen. Voller Vorfreude packten wir unsere Sachen und machten uns frühmorgens am nächsten Tag mit Angmo auf den Weg.
Unser "Spezialisten-Dream-Team" bestand nun aus Dr. Peter Hauke, Christine Hille-Becker (Ergotherapeutin) und Anja Treff (Physiotherapeutin).

Nach einer einstündigen Taxifahrt entlang der wild romantischen Flusslandschaft des Indus endete der befahrbare Weg und wir machten uns zu Fuß an den Aufstieg!

Sobald man aus Leh heraus kommt, fesselt einen diese unberührte Natur. Angmo`s reiches Wissen über die Natur und Tierwelt, sowie kleine Stopps zum Verschnaufen verkürzten unseren Wanderweg.

Vorbei an einem kleinen Zeltplatz mit angeschlossenem "Restaurant" und einer noch funktionstüchtigen Tsampa Muehle erreichten wir schließlich das auf einem Hochplateau gelegene kleine Dorf Rumbak (9 Häuser, 1 kleines Kloster).

Angmo`s Familie empfing uns herzlich, im Anbau bezogen wir unser Gästezimmer.

Bald saßen wir in der großen gemütlichen Familienküche und wurden mit lokalen Köstlichkeiten verwöhnt. Einfach lecker - unserem Doc und uns allen hat es hervorragend geschmeckt.

(traditionelle ladakhische Küche)

Dann ging es kraftvoll an die "Arbeit". Peter untersuchte unseren Amchidoktor gründlich und fachgerecht - der alte Herr lag total versteckt in seiner dunklen Kammer. Vorsichtig arbeiteten wir uns durch 1000 Decken zu ihm vor. Blutdruck war im normalen Bereich - und so konnte unser Patient bedenkenlos mobilisiert werden. Der alte Herr war uns gegenüber freundlich, aufgeschlossen und erwartete neugierig seine "Heilung". Anja war in ihrem Element: Bald saß der Patient aufrecht in seinem Bett, machte erste Übungen zur Rumpfstabilität und führte selbständig mit Hilfe seiner gesunden Hand Übungen zur Eigenmobilisation des gelähmten Armes durch. 15 Minuten später stand er zum ersten Mal seit seinem Schlaganfall dank tatkräftiger Unterstützung von Anja wieder auf seinen "eigenen Beinen". Unermüdlich übte sie mit ihm, zahllose Variationen vom Sitzen zum Aufstehen forderten unseren Patienten bis an seine Grenzen (er war wohl mehr erstaunt als entrüstet über die massiven Anstrengungen, die ihm nun plötzlich abverlangt wurden). Erschöpft sank er dann inmitten seiner 1000 Decken zurück.
Wir alle hatten uns dann unser abschließendes Abendessen verdient. Es gab ein köstliches Chudagi, eine Suppe mit selbstgemachten Nudeln in Form von "Eselsohren".
Bald senkte sich die Nacht mit ihrem leuchtenden Sternenhimmel herab. Wir bezogen glücklich und zufrieden unser Gästezimmer. Zu dritt teilten wir uns einen großen gemütlichen Raum und lagen bald erschöpft im wohlverdienten tiefen Schlaf.
Am nächsten Morgen nach der Katzenwäsche am Fluss, widmete sich Anja wieder voller Elan der Therapie unseres Amchiarztes. Die Angehörigen wurden in der Mobilisation ihres "Memele" (Großvaters) und dem Umgang mit seinem Neglect unterwiesen. Manche Übung erforderte nach der langen Bettruhe und der gewohnten beschützenden Betreuung durch die Angehörigen doch erhebliche Anstrengungen. Anja zeigte grundlegende Übungen zur Mobilisation, forderte und ermutigte ihren neuen Patienten immer wieder zum Weitermachen.
So verließen wir die Familie mit einem recht guten Gefühl: Bei genügender Eigeninitiative wird der 77jährige Amchidoktor sein Bett verlassen können, am Fenster sitzend dem Dorfleben zusehen und auch am Familienleben teilnehmen können.

( Angmos Familie)

Unser bewährter Doc Herr Peter Hauke war 14 Tage später auf einem Trek wieder in Rumbak und besuchte natürlich nochmals die Amchifamilie.
Ergebnis: Unser "Memele" lag wieder tief eingegraben in seinen 1001 Decken in seiner Kammer.
Für unseren Mobilisationsweg hatten wir in nicht begeistern können. Er beschloss lieber "lebenssatt" und mit viel Ruhe den kommenden Dingen in seiner Weise entgegen zu sehen.

Christine Hille Becker und Anja Treff





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