Ramadan
in Kargil
August
2011- Bericht von Annette Blum
Die
Arbeit mit den Mädels ist toll. Vor ein paar Wochen haben wir
das Auto eingeweiht und unseren ersten Trip nach Pashkum (ca. 25 min
von Kargil entfernt) gemacht. Die Strassen sind unglaublich schlecht
und die Sicht wegen dem vielen Staub ziemlich mies
Da die Mädels
alle noch keinen Führerschein haben, wurde ich zur Fahrerin auserkoren
und darf meine Fahrkünste im Linksverkehr zum Besten geben
Alles nicht so schwierig und das Wichtigste ist sowieso die Hupe:
5x laut hupen und die Leute springen auf die Seite (oder auch nicht).
Es erleichtert uns die Arbeit sehr; vor allem bei der Hitze und während
des Ramadans
. Die Mädels waren in der ersten Woche des
Ramadans fix und fertig und jeden Tag war etwas anderes: zermürbende
Kopfschmerzen, weil nichts getrunken werden darf, Magenprobleme, weil
der ganze Organismus nicht auf das Essen in der Nacht eingestellt
ist und Müdigkeit, weil der Schlafrhythmus durcheinander gebracht
wird!!! Es darf nur vor Sonnenaufgang, d.h. bis ca. 4 Uhr morgens
und erst ab Sonnenuntergang, d.h. 19.30 Uhr abends gegessen und getrunken
werden
Und das bei dieser Affenhitze und dem Staub in der Luft.
Es ist hart, den Mädels beim Leiden zusehen zu müssen und
ich hoffe nur, dass sich der Körper nach einer Weile daran gewöhnen
wird

Annette
und Hamida
Arbeiten
während des Ramadans ist leider nur sehr reduziert möglich
und man springt eigentlich von Feiertag zu Feiertag
Ich habe
nicht nachgezählt, aber pro Woche sicher 1-2
Dadurch konnten
wir nicht viele neue Patienten aufnehmen und waren froh, wenn wir
den Wochenplan auf die wenigen Arbeitstage verteilt bekommen haben.
Dies hat manchmal zu längeren Tagen und noch müderen Mädels
geführt... Aber die Patienten machen weiterhin schöne Fortschritte
und die Behandlungen laufen sehr gut und erfolgreich. Bin stolz auf
die Locals und hoffe, dass sie weiterhin mit so viel Begeisterung
an der Arbeit bleiben werden. Es ist nun klar, dass Handicap International
in das Projekt einsteigen wird und es mindestens für ein Jahr
unterstützen wird, was natürlich genial ist und alles um
ein grosses Stück weiterbringen wird!! In wenigen Wochen sollten
auch die Räume für das neue Behandlungszentrum fertig sein
und dann werden die (Gruppen-) Therapien dort abgehalten. Dies spart
viel Zeit, da die meisten Hausbesuche wegfallen werden, weil die Kinder
ins Zentrum gebracht werden. Eigentlich sollten die Räume schon
lange fertig und von uns eingerichtet sein, aber wir sind halt in
Indien und da ist Geduld und Flexibilität gefragt. Was nicht
heute ist, wird morgen sein ;) Auch damit lernt man umzugehen, aber
gerade in letzter Zeit war es schon sehr anstrengend, sich diesem
Rhythmus anzupassen. Manchmal wäre etwas effizientere Arbeit
schon wünschenswert und hilfreich.
Aber ich möchte mich gar nicht beklagen; wir haben in den letzten
Monaten viel auf die Beine gestellt und eine gute Basis geschaffen.
Jetzt hoffen wir, dass alles so weiterläuft und bald noch ein
grösserer Teil der Umgebung von Kargil erfasst und versorgt werden
kann.
Die
Kinder machen Fortschritte und wir erleben viele schöne und erfreuliche
Momente. Viele Kinder werden von Woche zu Woche besser und erinnern
sich an ihre Heimübungen und machen diese auch mit viel Freude.
Die Eltern legen Wert darauf, dass ihre Kinder gewaschen und frisch
gekleidet sind, wenn wir kommen. Einige sind sehr kooperativ und tragen
zu den Fortschritten ihrer Schützlinge tatkräftig bei. Nach
wie vor werde ich mit Tee und Aprikosen oder sonstigen feinen Sachen
verwöhnt (und fühle mich fast schlecht, vor den Mädels
zu essen und trinken, aber die Eltern bestehen darauf
).


Aqeel
- Hussnia

little
Ali
Doch
wie so oft existiert auch eine andere Seite: Die Kinder liegen in
ihren Fäkalien alleine und hilflos im dunklen Zimmer rum und
sind von 20- 30 Fliegen umrundet
Es sind traurige Anblicke und
wir können nur hoffen, dass diese Eltern zur Einsicht kommen
und versuchen, ihren Kindern ein ertragbares Leben zu ermöglichen
und sich mehr um sie zu kümmern. Das Leben eines behinderten
Menschen scheint nach wie vor oft nicht viel Wert zu haben ;( Während
die Geschwister gepflegt und gut gekleidet sind, bleiben die betroffenen
Kinder oft ungewaschen und verdreckt und nur in "Lumpen"
gekleidet
Die
Mädels arbeiten immer selbständiger und wir halten uns im
Hintergrund, denn schon bald sind sie auf sich alleine gestellt (ohne
Volontäre und Chokla) und müssen so über den Winter
kommen, da die nächsten Volontäre erst im Frühling
kommen. Aber ich bin sicher, dass sie das packen und ihr Bestes geben
werden!!

Hamida mit Ghulam


Bilquees
mit Sadiq - Zahera mit Yasin
Heute
war bereits mein letzter Arbeitstag und ich werde etwas verfrüht
morgen nach Leh zurück reisen und dort noch die letzten Tage
verbringen. Der Abschied von Kargil fällt mir schwer, da es eine
sehr prägende, eindrückliche, lehrreiche und einfach tolle
Zeit war und ich einige Freunde hier zurück lasse.
Viele kleine Menschlein sind mir sehr ans Herz gewachsen und wer weiss,
was die Zukunft für diese Kinder bringt??!! Wir haben unser Bestes
gegeben und sicher einen ersten Schritt gemacht, aber es braucht in
vielen Fällen noch viel Zeit und Rat bis sich die Gedanken und
das Handeln der Eltern ändern wird
Ich
verlasse Kargil mit einem weinenden und einem lachenden Auge und werde
die Zeit noch lange in guter Erinnerung behalten!

Annette mit Munawar