Wir treffen alte und neue Patienten
Die
Sonne scheint, das Thermometer steigt schon morgens ab 10 Uhr auf
hohe Temperaturen, dass wir schon beim Frühstücken auf
der Terrasse ins Schwitzen kommen, alle Geschäfte haben geöffnet,
die Changspa Road und der Main Bazar sind voll von Touristen, es
haben jede Menge Gartencafes geöffnet und wir können jeden
Tag frisches Obst kaufen, alles was das Herz begehrt.
Der Sommer ist in Ladakh angekommen. Für unsere Arbeit heißt
das, dass wir nun ungefähr alle 2 Wochen auf einen Fieldtrip
fahren.
Dieses Mal ging es für uns, Tundup, Chuskit, Tsering (eine
der Nonnen, die uns nun immer begleiten) Kathi und ich, nach Chumathang
- Nyoma.
Die Strecke führte uns entlang des Indus in die schöne
Region Changtang, wo zehn uns bekannte Patienten auf uns warteten.
Am ersten Tag haben wir alle zusammen die Patienten besucht und
viel Positives erlebt.
Alle Kinder sind wohl auf, die Familien kümmern sich sehr gut
um sie und haben unsere Hilfe der letzten Besuche gut umgesetzt.
Rinchen Dolma, ein taubstummes zwanzigjähriges Mädchen
mit starker Skoliose, wohnt eigentlich schon in dem Gebiet, in das
Touristen nicht fahren dürfen. Der Grenzposten hat nach unserer
höflichen Anfrage (wieder einmal) die Erlaubnis gegeben und
so haben wir die fröhliche und gut gelaunte Patientin alle
zusammen besuchen können. Sie hat mittlerweile eine Festanstellung
in einer Kantine der Armee in ihrem Dorf bekommen und geht jeden
Morgen und Abend zur Arbeit. Es war bislang allen Freiwilligen ein
großes Anliegen, dass Rinchen eine Arbeitstelle findet und
in das Dorfleben integriert wird. Es ist schön, dieses Ziel
erreicht zu wissen. Rinchen scheint sehr glücklich und zufrieden
zu sein.
Rinchen Dolma
Da
die anderen Patienten in der Nyoma-Region wohnen, wo wir als Ausländer
definitiv nicht hin dürfen, haben wir uns am zweiten Tag von
unseren einheimischen Angestellten getrennt und sie sind diesem
Tag alleine zu den Patienten gefahren. Sie haben alle Patienten
angetroffen und ihr Können nun einmal alleine auf die Probe
gestellt. Wir haben zuvor alle Patienten besprochen, Hilfsmittel
besorgt und so konnte sich z.B. Tsering Dolker über eine neue
Sonnenbrille freuen.

Hilfsmittel:
Sonnenbrille
Kathi
und ich hatten den Auftrag bekommen, einen neuen Patienten zu besuchen.
Er ist Mönch und wohnt in dem Kloster in der Nähe Chumatangs,
dem Ort, wo wir in dem Guesthouse geschlafen haben. Die Frau im
Restaurant ist die Mutter des Mönchs und hat uns gebeten, ihren
Sohn zu besuchen, da er seit ca. 5 Jahren humpelt und Schmerzen
hat. Nach einem kurzen Spaziergang hatten wir das Kloster erreicht
und uns zu Tsering Dorgay durchgefragt. Sein Lehrer half uns mit
dem Übersetzen und so haben wir die Geschichte des jungen Mannes
erfahren:
Tsering wachte vor ungefähr 5 Jahren eines Morgens auf und
hatte starke Schmerzen in seinen Beinen. Sein Zustand verschlechterte
sich so sehr, dass er eine Zeit lang nicht laufen konnte. Er ging
einmal ins Krankenhaus, doch der Arzt konnte ihm keine Ursache der
Schmerzen nennen. Seitdem war Tsering nie wieder im Krankenhaus
oder bei einem Arzt gewesen. Mittlerweile hat er starke Kontrakturen
in den Hüftgelenken in alle Bewegungsrichtungen. Er humpelt
mehr, als wir uns durch die Beschreibungen vorstellen konnten. Er
kann seine Füße nur gering heben, seine Beine fast gar
nicht spreizen oder strecken. Liegt er auf seinem Rücken, hat
er Schmerzen in seinem untern Rücken, da er durch die Hüftgelenkskontrakturen
stark im Hohlkreuz liegt. Ein Bein ist kürzer als das andere,
was seine Schmerzen noch verstärkt und sein Gangbild verschlechtert.
Da wir im Hinterkopf unseren anderen Patienten, Lobsang aus Zanskar
mit der Diagnose Knochentuberkulose hatten, wollten wir Tsering
gerne einem Arzt in Leh vorstellen. Vielleicht gibt es medizinisch
eine Möglichkeit für ihn, um eine Verschlechterung zu
verhindern. Tsering Dorgay war einverstanden nach Leh zu kommen.
So befindet er sich gerade ambulant in "medizinische Behandlung",
was hier heißt, dass ein Röntgenbild gemacht worden ist
und der Arzt keine Diagnose mehr stellen kann, da die Hüftgelenke
schon so sehr verwachsen sind. Es wurden aber Schmerzmittel verschrieben...
Erst auf unser Drängen hin wurde ein CT gemacht, auf dessen
Ergebnis wir nun seit einer Woche warten. Doch der Arzt hat schon
gesagt, dass er nicht viel ändern kann an der Situation des
Mönchs. Wir haben Tsering eine Unterarmstütze gegeben,
mit der er etwas besser Laufen kann mit weniger Schmerzen. Außerdem
werden wir ihm noch eine Schuherhöhung anfertigen lassen, um
so die Beinlängendifferenz auszugleichen.
Bericht
von Susanne Beckmann