Workshop Nubra-Tal 19. - 20. Juni 2006

1. Es kommt immer anders,
2. Als man denkt

So, nun war es endlich soweit: der Workshop für Eltern und Kinder im Nubra Tal sollte stattfinden. Dies wurde schon von Cathrin Gunkel vororganisiert, wegen der Wetterlage aber in den Sommer verschoben. Der Workshop wurde zusammen mit der NGO (Non Government Organisation) SKARCHEN, welche auf das Nubra Tal spezialisiert ist, organisiert. Per Post wurden sämtliche Familien mit Kindern eingeladen. Einige stammten aus Döfern, die wir nicht besuchen können, weil sie in der Sperrzone liegen. Das Nubra Tal befindet sich insgesamt in einem Gebiet für das wir als Ausländer eine spezielle Aufenthaltsgenehmigung benötigen. Einige Dörfer näher zur Grenze sind für Ausländer sogar noch komplett gesperrt. Es ist recht abgelegen und nur über den anscheinend höchst befahrbaren Pass 5.600m erreichbar. Das Tal befindet sich an der Grenze zu Pakistan. Die politische Lage ist dort jetzt ruhig, jedoch wird das Land immer noch von indischer Armee bewacht.

Schönes Nubra Valley

Nun haben wir ja eigentlich Sommer...Mitte Juni...aber eben es kommt immer anders als man denkt...
Die letzten Tage waren kalt. Regen, Schnee und Daunenjacke waren angesagt. Der Pass war geschlossen, nicht befahrbar. Von unserer Unterkunft in Leh konnten wir den Pass in winterlichem Weiß sehen. Doch dann am Abend zuvor kam das O.K.- der Pass ist wieder offen. Die Fahrt war lang und anstrengend. Natürlich mussten wir anschieben im Schnee. Doch dies war eine willkommene Abwechslung. Aber die vielen Kurven machten mir wirklich zu schaffen. Dies hängt natürlich immer vom Fahrstil ab. Unser Fahrer war der Leiter der NGO SKARCHEN persönlich, er hätte jedoch lieber Formel Eins Fahrer werden sollen!
Nun denn, wir kamen heil in Diskit an. Dies ist der Hauptort vom gesamten Tal, und dort sollte auch unser Workshop stattfinden. Die Teilnehmer konnten in einer gemieteten Halle übernachten, auch für Verpflegung war gesorgt. Wir drei von Ladakh-Hilfe; Dolker, Kathrin und ich kamen bei Familie von Dolker unter: Einem Ehepaar mit Bauernhof und zwei Kindern, drei Kühen und Kälbern sowie drei Eseln. Dies nur zum Verständnis, denn es gibt hier noch richtige Kleinbauern die erst mal nur für sich selbst anbauen und nur bei Überschuss Erträge verkaufen. Sie sind sozusagen noch fast Selbstversorger. Wir kamen also in den Genuss von frischer Milch, Käse, Joghurt und Brot aus Gerstenmehl. Für 5 Tage wohnten wir dort auf engstem Raum zusammen und mussten erst einmal unsere noch wenigen vorhandenen heimischen Gewohnheiten ablegen. Darüber könnte ich jetzt wieder einen halben Roman schreiben, doch der Bericht soll ja auch noch mal zu Ende sein... Vieles ist so anders und doch so ähnlich....

Das Poster für das Workshop wird aufgehängt

Nun zur Hauptsache: dem Camp und den Teilnehmern!
Ich war ganz schön gespannt. So etwas hatte schließlich noch nie im Nubra Tal stattgefunden: die Betroffenen mit Familie untereinander zusammenzubringen. Die Entfernungen sind groß, Transporte schwierig, viele Betroffene kommen nicht aus den eigenen 4 Wänden heraus... die Teilnehmer kannten sich nicht untereinander und waren teilweise noch nie von einem Physio gesehen worden. Unser Ziel war Erfahrungsaustausch, Befundaufnahme, Aufklärung über Ursache, Prognose, Möglichkeiten, Behandlung und wenn nötig eine Anpassung von Hilfsmitteln. Wir hatten die Auswahl der Teilnehmer nicht zufällig getroffen, so waren wir eingestellt auf junge Kinder mit Ihren Müttern. Insgesamt 25 Kinder mit Familien hatten wir eingeladen. Dementsprechend hatten wir uns vorbereitet, Kopien und Hilfsmittel, alles war bereit. Und so warteten wir am Morgen. Wir und SKARCHEN rechneten mit oder hofften auf 15 Teilnehmer. Mehr waren unter den gegebenen Bedingungen hier (Transport, Entfernungen, Interesse und Schamgefühl) utopisch. Ja aber es kommt alles anders als man denkt...

Dolker übersetzt für Kathrin Koller

Kathrin Koller behandelt einen Betroffenen

Am Ende kamen wir auf 15 Teilnehmer. Aber...
Es kam nur 1 Kind, die anderen waren Erwachsene oder Jugendliche. Es kamen Eltern ohne Kinder, weil sie sich zu sehr schämten. Sie baten uns sie zu Hause zu besuchen, was wir in den nächsten 2 Tagen dann auch taten. Es kamen 2 Betroffene, die noch nie vom Namgyal Institut gesehen worden waren und auch nicht gelistet waren. Dann kamen Betroffene, die wir nicht eingeladen hatten (weil wir speziell den Kindern helfen wollten), einfach aus Interesse, Neugier oder Erwartungen.
Aber...
Das macht nix, denn das Interesse war ja da! Nur mussten wir jetzt spontan und flexibel auf die Situation eingehen. Wir waren froh jetzt mit so vielen Betroffenen und deren Familien reden zu können. Dank Dolker, unserer Ladakhi Mitarbeiterin, ist dies jetzt auch prima möglich. Was uns an Behandlung und Ratschlägen möglich war, gaben wir an die Betroffenen weiter. Jedoch lag uns noch etwas ganz Wichtiges am Herzen. Kathrin, Dolker und ich trieben eine Diskussion an: Die wichtige Rolle der Eltern und Betroffenen in der Gesellschaft. Als Vorbild für andere, als Stimme, um nach Unterstützung zu fragen und um Anerkennung zu erhalten. Hier ist Behinderung oft noch ein Tabu-Thema und erst durch die Listen vom Namgyal Institut gibt es die Behinderten "offiziell".

Die Betroffenen werden untersucht


Wir tauschten viel aus in Bezug auf Erwartungen, Bedürfnisse, Möglichkeiten und Ziele. Das große Anliegen der Ladakhis ist ein Heim. Sie machen sich Gedanken über die Zukunft Ihrer Kinder. Sie beschreiben den Wechsel von Normen und Werten hier in Ladakh seit der Öffnung für Ausländer. Sie beschreiben, dass der Wert und Zusammenhalt der Familie abnimmt und auch das Gemeinschaftsgefühl allgemein weniger wird. Das Interesse nach Außen nimmt zu, Kinder gehen auswärts und verfolgen eigene Interessen. Zeitmangel und Geld werden mehr und mehr zum Thema. Westliche Lebensweise erhält Einzug und somit auch Probleme, auf die Ladakh nicht eingestellt ist und nicht mit umzugehen weiß. Es war interessant für uns zu sehen, dass wir aus dem Westen seit der Öffnung hier im Land sehr viel Veränderung gebracht haben und noch bringen. Positiv wie negativ. Es gibt mittlerweile sehr viele ausländische Organisationen. Die Ladakhis sind auf Hilfe aus dem Ausland oder aus Indien angewiesen (Inder gelten hier fast als Ausländer). So viel nur zum Verständnis der Situation hier, in Bezug auf Integration und Förderung von Behinderten.
Im gemeinsamen Gespräch erkannten die Betroffenen ihre Möglichkeiten und ein Mann übernahm die Verantwortung, bei offiziellen Stellen und NGO's Unterstützung zu beantragen. Die Stimmung war motiviert und begeisternd. Wir gaben ihm die Liste der uns bekannten Behinderten im Nubra Tal, damit der Kontakt untereinander bestehen bleibt und durch die hohe Anzahl der Betroffenen ihre Belange Gehör finden.


So konnten wir alle das Camp zufrieden beenden.
Die Ladakhis mit mehr Mut und Eigeninitiative. Sowie Übungen, Ratschlägen und Erfahrungen.
Und wir, weil wir unsere Erfahrungen weitergeben konnten und sie so gut angenommen wurden. Auch besonders, weil wir die Initiative durch unseren Anstoß an die Einheimischen weitergeben konnten.
Und auch SKARCHEN, weil sie etwas Neues für Ihr Tal getan haben.


Nicole van Gansewinkel, 3. Juli 2006



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