1.
Es kommt immer anders,
2. Als man denkt
So, nun war es endlich
soweit: der Workshop für Eltern und Kinder im Nubra Tal sollte
stattfinden. Dies wurde schon von Cathrin Gunkel vororganisiert, wegen
der Wetterlage aber in den Sommer verschoben. Der Workshop wurde zusammen
mit der NGO (Non Government Organisation) SKARCHEN, welche auf das
Nubra Tal spezialisiert ist, organisiert. Per Post wurden sämtliche
Familien mit Kindern eingeladen. Einige stammten aus Döfern,
die wir nicht besuchen können, weil sie in der Sperrzone liegen.
Das Nubra Tal befindet sich insgesamt in einem Gebiet für das
wir als Ausländer eine spezielle Aufenthaltsgenehmigung benötigen.
Einige Dörfer näher zur Grenze sind für Ausländer
sogar noch komplett gesperrt. Es ist recht abgelegen und nur über
den anscheinend höchst befahrbaren Pass 5.600m erreichbar. Das
Tal befindet sich an der Grenze zu Pakistan. Die politische Lage ist
dort jetzt ruhig, jedoch wird das Land immer noch von indischer Armee
bewacht.

Schönes
Nubra Valley
Nun haben wir ja
eigentlich Sommer...Mitte Juni...aber eben es kommt immer anders als
man denkt...
Die letzten Tage waren kalt. Regen, Schnee und Daunenjacke waren angesagt.
Der Pass war geschlossen, nicht befahrbar. Von unserer Unterkunft
in Leh konnten wir den Pass in winterlichem Weiß sehen. Doch
dann am Abend zuvor kam das O.K.- der Pass ist wieder offen. Die Fahrt
war lang und anstrengend. Natürlich mussten wir anschieben im
Schnee. Doch dies war eine willkommene Abwechslung. Aber die vielen
Kurven machten mir wirklich zu schaffen. Dies hängt natürlich
immer vom Fahrstil ab. Unser Fahrer war der Leiter der NGO SKARCHEN
persönlich, er hätte jedoch lieber Formel Eins Fahrer werden
sollen!
Nun denn, wir kamen heil in Diskit an. Dies ist der Hauptort vom gesamten
Tal, und dort sollte auch unser Workshop stattfinden. Die Teilnehmer
konnten in einer gemieteten Halle übernachten, auch für
Verpflegung war gesorgt. Wir drei von Ladakh-Hilfe; Dolker, Kathrin
und ich kamen bei Familie von Dolker unter: Einem Ehepaar mit Bauernhof
und zwei Kindern, drei Kühen und Kälbern sowie drei Eseln.
Dies nur zum Verständnis, denn es gibt hier noch richtige Kleinbauern
die erst mal nur für sich selbst anbauen und nur bei Überschuss
Erträge verkaufen. Sie sind sozusagen noch fast Selbstversorger.
Wir kamen also in den Genuss von frischer Milch, Käse, Joghurt
und Brot aus Gerstenmehl. Für 5 Tage wohnten wir dort auf engstem
Raum zusammen und mussten erst einmal unsere noch wenigen vorhandenen
heimischen Gewohnheiten ablegen. Darüber könnte ich jetzt
wieder einen halben Roman schreiben, doch der Bericht soll ja auch
noch mal zu Ende sein... Vieles ist so anders und doch so ähnlich....

Das
Poster für das Workshop wird aufgehängt
Nun
zur Hauptsache: dem Camp und den Teilnehmern!
Ich war ganz schön gespannt. So etwas hatte schließlich
noch nie im Nubra Tal stattgefunden: die Betroffenen mit Familie untereinander
zusammenzubringen. Die Entfernungen sind groß, Transporte schwierig,
viele Betroffene kommen nicht aus den eigenen 4 Wänden heraus...
die Teilnehmer kannten sich nicht untereinander und waren teilweise
noch nie von einem Physio gesehen worden. Unser Ziel war Erfahrungsaustausch,
Befundaufnahme, Aufklärung über Ursache, Prognose, Möglichkeiten,
Behandlung und wenn nötig eine Anpassung von Hilfsmitteln. Wir
hatten die Auswahl der Teilnehmer nicht zufällig getroffen, so
waren wir eingestellt auf junge Kinder mit Ihren Müttern. Insgesamt
25 Kinder mit Familien hatten wir eingeladen. Dementsprechend hatten
wir uns vorbereitet, Kopien und Hilfsmittel, alles war bereit. Und
so warteten wir am Morgen. Wir und SKARCHEN rechneten mit oder hofften
auf 15 Teilnehmer. Mehr waren unter den gegebenen Bedingungen hier
(Transport, Entfernungen, Interesse und Schamgefühl) utopisch.
Ja aber es kommt alles anders als man denkt...

Dolker
übersetzt für Kathrin Koller

Kathrin
Koller behandelt einen Betroffenen
Am
Ende kamen wir auf 15 Teilnehmer. Aber...
Es kam nur 1 Kind, die anderen waren Erwachsene oder Jugendliche.
Es kamen Eltern ohne Kinder, weil sie sich zu sehr schämten.
Sie baten uns sie zu Hause zu besuchen, was wir in den nächsten
2 Tagen dann auch taten. Es kamen 2 Betroffene, die noch nie vom Namgyal
Institut gesehen worden waren und auch nicht gelistet waren. Dann
kamen Betroffene, die wir nicht eingeladen hatten (weil wir speziell
den Kindern helfen wollten), einfach aus Interesse, Neugier oder Erwartungen.
Aber...
Das macht nix, denn das Interesse war ja da! Nur mussten wir jetzt
spontan und flexibel auf die Situation eingehen. Wir waren froh jetzt
mit so vielen Betroffenen und deren Familien reden zu können.
Dank Dolker, unserer Ladakhi Mitarbeiterin, ist dies jetzt auch prima
möglich. Was uns an Behandlung und Ratschlägen möglich
war, gaben wir an die Betroffenen weiter. Jedoch lag uns noch etwas
ganz Wichtiges am Herzen. Kathrin, Dolker und ich trieben
eine Diskussion an: Die wichtige Rolle der Eltern und Betroffenen
in der Gesellschaft. Als Vorbild für andere, als Stimme, um nach
Unterstützung zu fragen und um Anerkennung zu erhalten. Hier
ist Behinderung oft noch ein Tabu-Thema und erst durch die Listen
vom Namgyal Institut gibt es die Behinderten "offiziell".

Die Betroffenen werden untersucht
Wir tauschten viel aus in Bezug auf Erwartungen, Bedürfnisse,
Möglichkeiten und Ziele. Das große Anliegen der Ladakhis
ist ein Heim. Sie machen sich Gedanken über die Zukunft Ihrer
Kinder. Sie beschreiben den Wechsel von Normen und Werten hier in
Ladakh seit der Öffnung für Ausländer. Sie beschreiben,
dass der Wert und Zusammenhalt der Familie abnimmt und auch das Gemeinschaftsgefühl
allgemein weniger wird. Das Interesse nach Außen nimmt zu, Kinder
gehen auswärts und verfolgen eigene Interessen. Zeitmangel und
Geld werden mehr und mehr zum Thema. Westliche Lebensweise erhält
Einzug und somit auch Probleme, auf die Ladakh nicht eingestellt ist
und nicht mit umzugehen weiß. Es war interessant für uns
zu sehen, dass wir aus dem Westen seit der Öffnung hier im Land
sehr viel Veränderung gebracht haben und noch bringen. Positiv
wie negativ. Es gibt mittlerweile sehr viele ausländische Organisationen.
Die Ladakhis sind auf Hilfe aus dem Ausland oder aus Indien angewiesen
(Inder gelten hier fast als Ausländer). So viel nur zum Verständnis
der Situation hier, in Bezug auf Integration und Förderung von
Behinderten.
Im gemeinsamen Gespräch erkannten die Betroffenen ihre Möglichkeiten
und ein Mann übernahm die Verantwortung, bei offiziellen Stellen
und NGO's Unterstützung zu beantragen. Die Stimmung war motiviert
und begeisternd. Wir gaben ihm die Liste der uns bekannten Behinderten
im Nubra Tal, damit der Kontakt untereinander bestehen bleibt und
durch die hohe Anzahl der Betroffenen ihre Belange Gehör finden.
So konnten wir alle das Camp zufrieden beenden.
Die Ladakhis mit mehr Mut und Eigeninitiative. Sowie Übungen,
Ratschlägen und Erfahrungen.
Und wir, weil wir unsere Erfahrungen weitergeben konnten und sie so
gut angenommen wurden. Auch besonders, weil wir die Initiative durch
unseren Anstoß an die Einheimischen weitergeben konnten.
Und auch SKARCHEN, weil sie etwas Neues für Ihr Tal getan haben.
Nicole van Gansewinkel, 3. Juli 2006