2. Fieldtrip 2009 ins Nubra-Tal

(18.04. - 22.04.2009)

Bericht von Anja Raab


Teilnehmer: Tundup, Dolker, Christiane und Anja

Am Donnerstag, 16.04.2009, waren Christiane und ich parat für den Fieldtripp nach Nubra, der Bauch war voll mit Porridge und die Rucksäcke standen auch bereit.
Wir waren schon etwas aufgeregt, da kam die Nachricht, dass der höchst befahrbare Pass der Welt, der Khardong-Pass 5.606m aufgrund von Schneeverwehungen noch geschlossen ist. D.h. wir warten und warten geduldig auf neue Informationen; gegen 10.00Uhr fahren wir mit dem voll bepacktem Jeep zum RAC und warten und warten….Tundup und Dolkar stehen auf dem Dach vom RAC für besseren Handy-Empfang und tatsächlich kommt der Bescheid, dass der Pass evtl. heute noch geöffnet heute. Wir fahren also bis nach South Pulu und reihen uns in der LKW- und Autoschlange ein und warten und warten…. um 14.00Uhr dann die letzte Nachricht, der Pass bleibt für heute definitiv geschlossen, zuviel Schnee und somit zu gefährlich. Wir fahren mit etwas hängenden Köpfen wieder zurück nach Leh.

Am Samstag dann ein neuer Versuch, der Bauch gefüllt mit Porridge, die Rucksäcke gepackt und heute scheint das Glück auf unserer Seite zu sein, die Sonne lacht und auch wir, als wir auf dem Khardong-Pass stehen, heißen Tee in der Hand und Nubra zu unseren Füssen.
Insgesamt sind wir zu Viert unterwegs, Tundup, Dolkar, Christiane und ich.

Gleich hinter dem Pass machen wir unseren ersten Patientenbesuch. Um zum Haus zu kommen, müssen wir erstmal ein paar Höhenmeter erklimmen und Kurzatmigkeit macht sich bei uns Flachländern breit. Deachen Yondan ist bei unserem Eintreffen gerade dabei, trockene Erde zu Schlamm zu verarbeiten, eine hervorragende Perzeptionsübung für die Hände. Sie freut sich sehr über unseren Besuch, lässt sich aber trotzdem nicht von uns anfassen, ansonsten ist sie zwischen Aggression und Freude hin- und hergerissen.
Dolkar bespricht mit der Mutter das weitere Vorgehen und der Abstieg von dem wunderschön gelegenen Haus liegt vor uns.

Der nächste Stopp ist in dem kleinen und verlassenen Dörfchen Khardong. Mir stärken uns erstmal mit Nudelsuppe und Milk-Tea, bevor wir uns das Gangbild des Tsewang Dorjan anschauen, die Stille im Dorf wird plötzlich unterbrochen von all den nun ankommenden, schwarz russenden Lkw, die sich nun auch endlich über den Pass gequält haben.

Für den ersten Tag gibt es keine weiteren Home-Visits mehr. Der mit Rucksäcken, Schlafsäcken, Gaskocher, Geschirr, Lebensmittel und Therapiematerial gefüllte Jeep holpert über die Strasse nach Diskit, das rhythmische Rattern nur unterbrochen vom Hupen, von Schlaglöchern und den Freudesausdrücken von Christiane und mir beim Anblick dieser so traumhaft schönen Landschaft. Wir genießen diese Weite und betrachten die vielen Erdrutsche, in denen man ein Sandspiel mit tausend verschiedenen Farbnuancen erkennen kann.

Die ersten 2 Nächte verbringen wir in einem Government-Guesthouse, das viel günstiger ist als ein normales Guesthouse. Dieses befindet sich im Ort Diskit. Wir genießen dort noch die Sonne, machen alle gemeinsam einen Spaziergang durch das Dorf und kochen gemeinsam am Abend in der Küche ein sehr feines Gemüse-Curry. Besser gesagt, Dolkar übernimmt das Regime und wir schnipseln und folgen gespannt der Zubereitung auf traditionelle Art. Man sieht, wir können unseren Horizont in weit mehr Dingen erweitern als nur auf therapeutischer Ebene.

Unser Ziel für den 2. Tag ist erstmal Hundur, das letzte Dorf in diesem Tal, bevor die "restricted area" für Touristen beginnt. Somit wird uns wieder bewusst, wie nahe wir doch der pakistanischen Grenze sind, auch die ständige Militärpräsenz nimmt noch mehr zu. Hundur ist ein wunderschönes Dorf und der Name "Blumengarten" von Nubra macht sich alle Ehre. Wohin das Auge auch blickt, es erstrahlen überall Aprikosenbäume in voller Blüte und in der Luft liegt ein süßer Duft.

Wir machen hier 2 Hausbesuche, werden überall bereits erwartet und herzlich willkommen. Vor jeder Behandlung fehlen nie der süße Milk-Tea oder der traditionelle Butter-Tea und einen Keks dazu. Wir teilen uns auf, wer die Rolle als "Haupt-Therapeut" übernimmt, je nachdem wer mit welchem Krankheitsbild die meiste Erfahrung hat. Wir sind aber immer alle zusammen bei der Behandlung und können uns so gut austauschen und Ideen sammeln, Hilfsmittel basteln, überlegen welche Hilfsmittel und Übungen sinnvoll sind, wie das weitere Procedere sein wird und welche Ziele wir verfolgen. Dolkar übersetzt dann unsere Vereinbarungen auf Ladakhi und die Antworten für uns dann wiederum auf Englisch. Wir sind ein eingespieltes Team.

Auf unserem Rückweg nach Diskit für die nächsten Home-Visits stoppen wir bei den Dünen und gönnen uns einen Ritt mit den Kamelen, Dolkar, Christiane und ich klammern uns an dem verfilzten Fell fest und genießen diesen Ausflug, Tundup betrachtet dies lieber alles aus der Ferne und lächelt nur, als wir am nächsten Tag all die Punkte am Körper vergleichen, die uns weh tun.

In Diskit essen wir 'Fried Noodles" und begeben uns gestärkt zu den nächsten Patienten.
Bei Diskit Angmo sind wir am Messen der Beinlängendifferenz, um in Leh für sie entsprechende Schuhe anfertigen lassen zu können. Aus unserer Sicht hätte sie gute Chancen ihr Gangbild zu verbessern, aber als wir hören, dass sie seit dem letzten Fieldtripp im Oktober keinerlei Übungen mehr gemacht hat, klärt Dolkar die Mutter und die Tochter in einem strengen Ton über deren Notwendigkeit auf.

Stanzin Gawa treffen wir zu Hause leider nicht an und dann zum Schluss führt uns der Weg noch zu Stanzin Norchen in ihrem Schulheim. Während sie die neue Krücke noch ausprobiert, die wir ihr mitgebracht haben, verabschiedet sich die Sonne hinter den Bergen. Dass Stanzin ein sehr gutes soziales Umfeld und eine gute Integration hat, sehen wir spätestens, als sie uns einen Tanz vorführt, der vom Gesang der anderen Schüler begleitet wird und alle viel Freude dabei haben.
Es folgt noch eine sehr lange Gesprächsrunde zwischen Dolkar, Tundup, dem Schulleiter und Lehrern. Da alles auf Ladakhi ist, können wir dem Inhalt leider nicht folgen.
Sehr müde kommen wir nach Einbruch der Dunkelheit zum Guesthouse, kochen, essen und fallen in unsere Betten.

Nach einem reichhaltigen Frühstück mit Ladakhi-Bread, frischem Joghurt mit Früchten und Nüssen und natürlich süßem Milk-Tea besuchen wir ganz ehrfürchtig das Kloster von Diskit. Es liegt majestätisch am Hang eines Berges und von oben hat man einen endlos weiten Blick über das Tal. Wir erfahren viel von den Mönchen über den buddhistischen Glauben und werden ganz gastfreundlich zu einem Tee eingeladen.

Der Weg führt uns weiter in das 2. Tal von Nubra zu dem Dörfchen Sumur. Hier erwarten wir 2 neue Patienten, bei denen wir erstmal zusammen mit dem Lehrer oder den Angehörigen eine Befundaufnahme machen, mit dem Ergebnis, dass diese zuerst eine ärztliche Untersuchung brauchen.

Wir fahren weiter nach Panamik, die Strasse dorthin wird ständig begleitet von dem Fluss Nubra. Unterwegs machen wir immer wieder einen kurzen Stopp, um einen Home-Visit zu machen.
In Panamik werden wir von Tundups Familie ganz freundlich eingeladen, die nächsten 2 Nächte bei ihnen zu verbringen. Dieses Angebot schlagen wir nicht aus und freuen uns, das Leben einer ladakhischen Familie so hautnah miterleben zu dürfen.
Genauso wie wir sie beobachten, genauso exotisch sind wir umgekehrt wohl auch für sie.
Es ist windig und das Wetter hat gewechselt. In der nahe liegenden heißen Quelle nehmen wir eine warme Dusche, sind danach sehr müde und fallen nach dem feinen Abendessen von Dolkar in unsere Schlafsäcke.

Am nächsten Tag liegt eine Anfahrt zu den Patienten über Stock und Stein vor uns und mehrmals überqueren wir mit unserem Jeep den Fluss Nubra. Wir machen unsere letzten Patientenbesuche und besuchen auch noch mal eine Schule, um eine Mädchen zu befunden, die taubstumm ist. Der Besuch bei Rigzin Dolker verläuft weniger erfreulich, sie verweigert die Therapie und möchte uns nicht sehen, das gibt es also auch auf unserem Fieldtripp.

Am Abend kocht uns Dolkar roten Daal mit Reis und warnt uns noch davor, dass der rote Dhal oft schlecht vertragen wird. Wir können der Schwägerin von Tundup zuschauen, wie sie frisches Chapati zubereitet.
Christianes Magen hat die Andeutung von Dolkar zu wörtlich genommen und die ganze Nacht und Heimfahrt nach Leh versucht, diesen Daal wieder loszuwerden.
Bis zum Pass haben wir alle 4 gefiebert, dass er hoffentlich offen ist. Das Wetter ist nämlich nicht so einladend und die Gefahr, dass der Pass wieder geschlossen ist sehr groß. Nach 1,5 Stunden warten in North-Pulu, dürfen wir passieren und kämpfen uns auf den Pass, was sich an den meisten Stellen als Rutschpartie herausstellt.
Gesund und müde kommen wir am späten Nachmittag wieder in Leh an und freuen uns auf einen freien Tag, um all das Erlebte auch verarbeiten zu können. Nubra ist auf jeden Fall eine Reise wert.

Bericht von Anja Raab, Physiotherapeutin



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