Bericht über die zweite Reise nach Zanskar

August 07

von Stefanie Widmer

 

Zum zweiten Mal fahren wir nun nach Zanskar! Wir freuen uns, die beeindruckend netten Familien und die phantastische Landschaft Zanskars wieder zu sehen und sind gespannt darauf, wie sich unsere Therapien beim ersten Besuch ausgewirkt haben.


Ein bisschen beunruhigt es uns schon, als wir hören, dass in den letzten Tagen in Alchi zwei Mönche und in Kargil ein Polizist ermordet wurden. Beides Orte, die wir passieren werden. Wir werden einmal mehr erinnert,
dass wir uns in einer heiklen Gegend befinden.

Chuskit, Nicole und Steffi


Unser Auto ist voll gepackt mit Hilfsmitteln, die wir beim letzten Mal geplant hatten: Walker, Splints, Spezialschuhe, ein Tragtuch, Theraband, Bälle und Übungsmaterial für die Feinmotorik. Wir sind natürlich gespannt darauf, wie die Sachen passen werden!
In Kargil angekommen, wollen wir um halb drei nachmittags den Gesundheitsminister treffen. Seine Angestellten teilen uns mit, dass er sein Büro- schon verlassen habe, da er bei sich zu Hause eine Sitzung leite. So spazieren wir zu seinem Haus. Wir werden angewiesen zu warten. Kurz darauf dürfen wir das, Sitzungszimmer' eintreten: des Ministers rosa gestrichenes Schlafzimmer! Wir haben ihn gerade vom Nachmittagsnickerchen aufgeweckt. So sitzen wir zu sechst auf dem Schlafzimmerfußboden und diskutieren über unsere Ziele in Zanskar und der Region Kargil. Der Gesundheitsminister ist sehr freundlich und interessiert.


Weiter nach Zanskar! Unterwegs müssen wir der Machoiden und mafios angehauchten Taxigesellschaft Kargils Wegzoll zahlen, damit wir weiterfahren können.

Raubritter der Strassen in Zanskar


Zanskar beeindruckt uns wieder sehr. Inzwischen ist der Frühherbst eingezogen mit seinem goldenen Licht und den reifen Gerstenfeldern. Leider sind die Spinnen auch mit eingezogen und Chuskit muss mir ein paar Mal das Leben retten.
Die Menschen sind mit der Ernte beschäftigt.

Ernte in Zanskar


Wir behandeln insgesamt sechzehn Kinder. Alle drei Rollatoren sind gut platziert und werden von den Kindern dringend gebraucht. Vor allem der kleine Angchuk beeindruckt uns: durch seine Cerebrale Parese ist er ataktisch und muss sich beim Gehen an den Wänden festhalten, damit er nicht umfällt. Mit dem Rollator kann er sich zum ersten Mal im freien Raum bewegen, was er sehr genießt, mit seinen Freunden in der Gegend herum tollt und übers ganze Gesicht strahlt.

Anchuck mit seinem Rollator

Eine andere Geschichte, die uns beeindruckt, ist jene von Deachen Chuskit und ihrer Mutter. Deachen Chuskit war kaum jährig, als die Mutter mitten im Winter wegen gravierender Herzprobleme tagelang zu Fuß über den gefrorenen Zanskar nach Leh marschierte, da die Strasse zu dieser Jahreszeit unpassierbar ist. Wir vermuten, dass die Kleine, im Tragtuch mitgetragen, damals ein HWS-Trauma, eventuell mit Fraktur, erlitt, zeigt sie heute doch eine massive Kyphose im HWS-Bereich, keine Kopfkontrolle und allgemein eine verminderte Muskelaktivität. Wir zeigen der Familie das richtige Handling und Stabilisationsübungen im Sitzen.

In Padum treffen wir wieder auf den geistig behinderten Jungen, der von seiner Mutter jeweils an den Händen gefesselt wurde, wodurch er hässliche Wunden an den Handgelenken hatte. Es freut uns sehr zu hören, dass sie ihn seit unserem letzten Besuch nicht mehr festgebunden hat, die Wunden sind fast verheilt. Auch hat die Mutter realisiert, dass ihr Junge viel weniger aggressiv ist, wenn er nicht festgebunden wird! Nicht groß verändert hat sich allerdings die schlechte soziale Situation von Mutter und Sohn. Das letzte Mal wurde uns erzählt, der Vater habe die Familie verlassen, dieses Mal erfahren wir aber die bittere Wahrheit: die
Mutter ist ebenfalls leicht geistig behindert und wurde vergewaltigt, Vater unbekannt, Mutter und Kind geächtet, knapp unterstützt von den Geschwistern, ohne Arbeit. Über die Womens group im Ort organisieren wir der Mutter eine Arbeit, sie kann die Moschee putzen und wird Lohn dafür kriegen. Ist damit ein kleiner Schritt zur sozialen Integration getan?

Es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen, die uns ans Herz gegangen sind und die wir mit uns nehmen dürfen. Zufrieden und mit einer großen Ruhe im Innern verlassen wir diese beeindruckende Gegend und kehren nach acht Tagen Reis und Gemüse nach Leh zurück, wo's erst mal Cordon bleu gibt!

Kitchen on the road



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