Marika Zenglein pioniert Sprachtherapie für

Ladakh-Hilfe im Sommer 2009

 

Noch vor Antritt meiner Reise wurde ich schon viele Male mit der Frage gelöchert, was und vor allem wie ich um Himmels Willen in Ladakh Sprachtherapie machen könne. Und um ehrlich zu sein, habe ich mich das auch gefragt. Wie? Was genau? Womit?

Durch das Studium erlangt man natürlich eine etwas andere Sichtweise auf das Aufgabengebiet und so malte ich mir in groben Zügen die hiesigen Probleme im Kopf aus. - "grob" wohlgemerkt.

Aufmerksame Patientin

Ich hatte das Glück, bereits einige wertvolle Erfahrungen innerhalb meines beruflichen Feldes in Bangkok machen zu dürfen. Thailand ist auch nicht gerade das Land der standardisierten Sprachdiagnoseverfahren. Aber Thailand ist ein medizinisch hoch entwickeltes Land, voller spezialisierter und perfekt ausgestatteter Ärzte, die wiederum in schnieken Krankenhauszentren hocken und gegen das nötige Kleingeld eine Großzahl der basalen Untersuchungen durchführen können.

Spass bei der Therapie

Ladakh dagegen hat mich eines Anderen belehrt. Hier gibt es weder die grundlegenden Untersuchungsmöglichkeiten der Hals-Nasen-Ohren Ärzte, noch ein profundes Wissen über Sprache, Sprechen und Stimme. Außerdem stößt man immer wieder auf wenig Verständnis für sprachliche Störungen und manchmal recht diffuse Vorstellungen meiner Möglichkeiten als Sprachheiltherapeutin. Dass es hier natürlich keine Therapiematerialien und Diagnoseverfahren gibt, damit hatte ich bereits in Deutschland gerechnet; also war ich wenigstens in diesem Bereich einigermaßen realistisch eingestellt.

Bis zu einem gewissen Maß ist das auch selbstverständlich. Das hier ist schließlich Indien, eine komplett andere Welt mit ihren eigenen Regeln und Mechanismen. Unsere neue Volontärin Christine sagte gerade so schön zu mir: "Das ist ein Land, in dem es primär um das Überleben geht. Alles andere ist erst mal Luxus.". Basta.

Neues erfahren

Es ist irgendwie damit vergleichbar, als ob man in einem schmuddeligen Secondhand Laden erwartet die neuste Variation des IPhones zu ergattern und dann enttäuscht ist, weil das einzige, was dem ein wenig näher kommt, ein altes riesiges Telefon mit Wählscheibe ist. Ich hatte kein IPhone erwartet. Aber vielleicht ein kleines zehn Jahre altes Handy...

Das Wunder der Seifenblase

Hinzu kommt die tibetische Medizin, die tibetischen Heiler, die so genannten Amchis. Amchis sind unter der einheimischen Bevölkerung anscheinend sehr angesehene Institutionen. Jedenfalls schenkt man ihnen oft mehr Vertrauen und Glauben als der westlichen Schulmedizin. Die Heilung der Amchis basiert auf der Suche nach den Geistesgiften Wind, Schleim und Galle. Die Ladakhis sind sehr abergläubische und religiöse Menschen, insofern verwundert mich diese Haltung nicht im Geringsten. Ich finde es schön und manchmal auch bewundernswert, dass hier Tradition und Glaube stets so präsent sind. Aber innerhalb der Arbeit hat es manchen verwunderten Blick meinerseits geerntet, wenn mir mit voller Inbrunst erklärt wird, dass ein autistisches 16 jähriges Mädchen, welches noch nie auch nur ein einzelnes Wort über ihre Lippen hat kommen lassen, mit 18 ganz sicher anfangen wird fließend zu sprechen, weil es der Amchi so vorausgesagt hatte.

Nicola erklärt Tiefenatmung

Bei weiteren Kindern kämpft man auf anderen Feldern gegen Unwissenheit und Misstrauen. So wie bei der kleinen Manisha. Manisha ist weit über drei Jahre alt und mit einer offenen Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte und etlichen weiteren Deformationen auf die Welt gekommen. Sie wurde bereits dreimal operiert, leider eher schlecht als recht und damit ohne wesentlichen Erfolg. Aber der Vater verweigert die Konsultation eines weiteren Arztes. In solchen Kämpfen sind einem die Hände gebunden, auch wenn mich das unglaublich traurig macht. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Mutter immer wieder anzuhalten, ihr nur bestimmte Speisen zu verabreichen und andere zu meiden um wenigstens die Erstickungsgefahr zu minimieren. Ich weiß bis heute nicht, ob das tatsächlich praktisch umgesetzt wird.

Ich stoße auch immer wieder auf ganz diffuse Vorstellungen dessen, was ich bei einem Kind erreichen könnte. Mir wurden schon etliche gehörlose Kinder gezeigt, die ich doch jetzt bitte hörend und einwandfrei sprechend machen soll. Alternative Kommunikationsmethoden wurden bisher eher selten akzeptiert. Aber leider ist eine Sprachheiltherapeutin nicht Superman, auch wenn sie es manchmal gerne wäre.

Pusten gehört dazu, Carolina hilf dabei

Auch wenn diese Erfahrungen manchmal ermüdend sind und mich hilflos erscheinen lassen, ein kleiner Don Quichote im nichts bringenden Kampf gegen die mächtigen Windmühlen, stets ein bisschen Gegenwind, so gibt es auch eine andere Seite, die mich antreibt meinen Weg hier weiter und weiter zu gehen und nicht an den indischen Tretmühlen, dem tibetischen Aberglauben und dem chronischen Mangel an allen möglichen Ressourcen zu scheitern. Denn es gibt hier eine Fülle von Einheimischen, die uns stets unterstützend und neugierig zur Seite stehen, Kollegen, die einem zur Stärkung ein warmes Süppchen kochen, Fremde auf der Durchreise, die zuhören, beraten und ein kleines wertvolles Stück ihres Wissens und Könnens hinterlassen, schließlich zu Freunden werden und unzählige Abende mit kostbaren Gesprächen teilen.

Sprachtherpeutin zu Besuch aus der Schweiz mit ihrem Partner

 

Zu den einheimischen stabilen Säulen meiner Arbeit gehört vor allem Chuskit. Sie soll meine Arbeit nach einem Studium in Delhi übernehmen, ist mein Ladakhi Sprachrohr in der Therapie und wirkt mit ihrer ruhigen und angenehmen Art sehr positiv auf unsere Patienten. Meine deutschen Kollegen sind mittlerweile vier Volontäre: zwei Physiotherapeuten, eine Ergotherapeutin und eine Designerin. Wir, die Damen-WG, leben zusammen, teilen Alltag, Arbeit und Feierabende. Und nicht zu vergessen sind die Reisenden in Leh. Ich hätte nicht im Traum damit gerechnet, aber ich habe bereits etliche nette Sprachheiltherapeuten aus aller Welt als Freunde hinzugewonnen, die Leh auf ihrer Reise streifen und per Zufall auf unsere Organisation stoßen. So wie Beatrice und Dominik aus der Schweiz, von denen ich gründlich in eine stimulierende Massage für die am Sprechen beteiligten Muskeln und Nerven eingewiesen wurde. Oder Carolina aus Panama und ihr Mann Nicola aus Frankreich, die mich mit einigen ihrer eigenen Atemmethoden aus dem Apnoetauchen und zahlreiche Tipps bezüglich der Sprachheiltherapie im Allgemeinen bereicherten. Solche Erfahrungen machen zu dürfen ist wundervoll.


Marika Zenglein, 9.08.2009




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