Die gestohlene Futterkiste

Von der "gestohlen Futterkiste" auf dem Busdach,
bis zur "Familientherapie unter der Milchstrasse"

Zweiter Therapiebesuch der FamilieN in Skurbuchan und dem Domkhar-Tal:

Wie im Juli vereinbart machen wir uns ein zweites Mal in diesem Jahr auf dem Weg in die abgelegenen Dörfer. Diesmal sind wir (Nicole und Nicki) selbständig unterwegs ohne Cynthia, jedoch mit einem Health Inc. Mitarbeiter (Tinless) als Übersetzer. Mara, eine Schweizer Sonderpädagogin begleitet uns auf unsere Einladung. Zum ersten Mal kommt ein Lehrer zur Integration in zwei Schulen mit.


Es begann mit einer langen und unbequemen Busfahrt nach Skurbuchan, 7 Stunden eingepfercht im übervollen Bus. Es ist Ernte- und gleichzeitig Wintervorbereitungszeit. D.h. entweder transportieren die Ladakhis ihre Erträge nach Leh zum Verkauf oder sie bringen Vorräte für den Winter nach Hause. Im Bus will man gern schlafen jedoch hält uns die laute Ladakhimusik und das wahnsinnige Gerumpel der schlechten Strasse und der vielen Kurven davon ab,...außerdem gibt es keine Kopfstützen und die Knie schlagen an den vorderen Sitz. Nun denn, wir kommen an...und mir geht es eher schlecht als recht.


Ja, die "gestohlene Futterkiste": immer wenn wir in die abgelegenen Dörfer fahren, müssen wir in den Familien unterkommen und versorgt werden, denn es gibt eine Gasthäuser. Aus diesem Grund bringen wir den Familien immer Verpflegung aus Leh mit. Dieser Karton, "die Futterkiste", ist vom Busdach gestohlen worden im Wert von mehr als 1000 rp. - Gastgeschenk für 5 Familien. Ist das ein Omen? Hmm, es fängt alles nicht so positiv an in der ersten Familie. Die Healthworkerin ist nicht da, und war während unserer Abwesenheit auch nur 3x zur Therapie erschienen. In der Schule sind nur 4 Lehrer anwesend. Die Familie wusste zwar dass wir kommen, ist uns gegenüber aber reserviert und wir fühlen uns nicht so willkommen. Hinzu kommt, das Mingur, der kleine behinderte Junge, Durchfall hat. Aber wir machen das Beste aus der Situation und gehen am nächsten Morgen zusammen mit Mingur in die Schule. Dort werden wir sehr freundlich aufgenommen. Zum ersten Mal wird in dieser Schule Integration zum Thema. Mingur geht seit längerem regelmäßig jeden Tag dort hin. Er ist akzeptiert und willkommen. Doch was bedeutet es, ein behindertes Kind in die Schule aufzunehmen? Nach anfänglichen Gesprächen wird uns klar, die Lehrer haben sich nie mit diesem Thema befasst. Uns sagen sie, sie haben keine Probleme, alles läuft prima. Mingur geht in eine Vorschulklasse. Er erhält keine Art spezieller Beschäftigung, läuft "nur" nebenher. Obwohl die indische Regierung so viel Wert auf Integration der Behinderten in das Schulsystem legen. Aber Mingur ist anerkannt und hat ganz viele herzliche, soziale Kontakte. Wir beschließen, dass es sinnvoll ist, erst einmal Basistheorie im Sinne von Aufklärung zu unterrichten. Die Lehrer/Schüler wissen nicht, was Mingur hat, wie können sie ihn dann verstehen und unterstützen? Wir haben auch keine Diagnose für seine Behinderung. Die Situation ist wieder einmal unglaublich: 4 Lehrer lassen ihre Schulklasse unbeaufsichtigt und hören uns interessiert und aufmerksam zu. Wir befinden uns auf dem Schulhof in der Mittagshitze, aber geschützt unter einem riesigen Wallnussbaum.

Alle hören aufmerksam zu, unter dem ausladenden Walnußbaum = Lehrer und Schüler. Der Unterricht wird jetzt von den Physiotherapeutinnen gehalten.

Nicki und ich improvisieren den Lehrstoff zusammen mit Tinless als Übersetzer. Dies klappt prima, denn nach so viel Zusammenarbeit sind wir schon ein eingespieltes Team. Am Ende sitzt die gesamte Schülerschar auf dem Boden und hört interessiert zu. Klar wollen alle wissen, was mit dem Kind, "was anders ist", los ist. Wir können noch Fragen beantworten, Mara zeigt Beispiele der speziellen Beschäftigung und besonderen Umgang mit Mingur. So können wir unsere Arbeit in der Schule mit gutem Gefühl und der Abmachung auf Wiederholung im nächsten Jahr abschließen.

Nicki erklärt, Tinless übersetzt

Nun die Familie. Dort verläuft alles schleppend. Die Mutter ist nicht interessiert, hält sich fern von uns, aber auch fern von Mingur. Der Vater gibt sich Mühe. Wir versuchen unser Bestes, fragen uns jedoch alle vier was hier vorgeht und haben kein gutes Gefühl. Wir erfahren, dass die Mutter unsere Therapie in Frage stellt: es ändert sich nichts und hat keinen Sinn. Der Vater ist uns gegenüber aufgeschlossen. Mingur hat Spaß an den spielerischen Übungen. In dieser Familie liegen die Probleme jenseits von Übungsplänen und Therapiekonzepten. Wir diskutieren die Gratwanderung zwischen Aufklärung, Verantwortung und zu viel "Überstülpen" und "Helfen-Wollen", in jedem Hilfsprojekt ein bekanntes Thema. In dieser schwierigen Situation beschließen wir, den Kontakt über die Schule zu halten. Wir verabschieden uns mit einem komischen Gefühl und machen uns auf den Weg in die nächste Familie. Wir alle haben eine betrübte Stimmung und finden es Schade um Mingur, denn wir als Therapeuten haben natürlich einen so anderen Blick. Ich sehe, dass er jetzt den ganzen Schulweg in Begleitung alleine laufen kann, die Mutter sieht, dass ihr Sohn nicht mit den anderen Kindern um die Wette rennt.
Unsere Stimmung soll sich erst mal nicht so schnell aufheitern. Busse fahren nicht, weil sich die Pläne kurzfristig geändert haben; Strassen sind nicht befahrbar. Informationen, dass wir kommen, sind nicht weitergegeben worden. Familien sind nicht da, Kinder nicht in der Schule. Wir haben Hunger, - unsere "Futterkiste" ist jedoch nicht da... Wir laufen mit allem Gepäck talaufwärts zum nächsten Kind... Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Für so eine Situation hatte ich Schokolade mitgenommen... Die ist schnell aufgegessen. Zwischendurch ziehen wir in Erwägung, den Trip abzubrechen: Was nicht sein soll dass ist auch nicht gut, denken wir. Wir kommen an... Mein Befinden ist auch auf dem Nullpunkt: Durchfall und Fieber.
Doch so leicht wollen wir es uns auch nicht machen. Außerdem ist Jigmet anwesend, Familie und Lehrer sind sehr interessiert.
Mara kann auch dort Fragen beantworten und sein auffälliges Verhalten verständlich machen. Sie lässt verschiedene Lernspiele in der Schule, welche die Lehrer dankbar annehmen.
Nicki macht sich mit Tinless auf den Weg in die Familie von Dorje Lamo, wo es primär um Integration und Verhalten in der Familie geht.
Ja und ich? Ich verbringe wegen Krankheit den ganzen Tag mit Schlafen.
Dann kommt wieder die Frage auf: Abbrechen? Nein, denn vor allem Diskits Familie wartet auf uns im so abgelegenen Kurambik.

Nicki beschäftigt sich mit Esche Dolma


Zur nächsten Familie können wir den Bus nehmen. Esche Dolma , die nächste Patientin, ist zu Hause und mir geht es ein wenig besser. Wir können der Familie Ideen zur Beschäftigung geben und lassen dementsprechendes Material dort. Mit der Health-Workerin wiederholen wir Übungen. Das Ziel ist, sicherer laufen zu lernen. Esche hat Mühe mit dem Gleichgewicht, schwache Fußmuskeln und traut sich nicht alleine draußen zu laufen. Am Abend können wir über die vielen Spinnen und Kellerasseln, die über unsere Schlafsäcke laufen, lachen. Tinless macht unsere Späße ganz gut mit. Weil er auch keine Spinnen mag, suchen wir das ganze Zimmer mit Taschenlampen ab (Licht gibt es keins) und befördern die kleinen Tierchen raus aus dem Zimmer. In der Nacht wache ich jedoch immer noch durch Krabbeln dergleichen auf meiner Haut auf...

Die nächste Station ist Kurambik. Wir brauchen 2 Stunden zu Fuß, weil ich immer noch angeschlagen bin und eher im Schneckentempo laufe. Aber es ist o.K. und wir 3 sind so froh dass wir nicht abgebrochen haben. Die Familie empfängt uns mit Tee und selbstgebackenen Plätzchen. Diskit erkennt uns wieder und freut sich wahnsinnig. Gleich beginnen wir gemeinsam mit der Mutter, sie zu bewegen und wiederholen das Schlucktraining. In Kurambik (4.200m) wird es dann ungemütlich. Wir spüren den nahenden Winter und es ist kalt. Wir ziehen uns alle Kleider an die wir haben und sehen mit Daunenjacke im Daunenschlafsack einem Michellinmännchen sehr ähnlich.
Die Familie lacht. Ihnen macht die Kälte und auch der Rauch und Gestank des Yakfeuers nichts aus. Wir kommen uns vor wie in die Steinzeit zurueckversetzt. In Kurambik ist die Ernte auf Hochtouren. Die Familie hat keine Art von Maschinen zum Mähen oder Dreschen der Gerste. Sie haben alle Hände voll zu tun. Doch die Mutter nimmt sich alle Zeit, zeigt uns eifrig und stolz Diskits Fortschritte. Diskit hat gelernt, sich selbständig zu drehen. Gesponsert von Health Inc. haben wir eine Übungsrolle mitgebracht, von der wir dann alle begeistert sind.

1.Diskit auf der Übungsrolle 2.Nicki mit Diskit 3. Kurambik, ein Bergdorf wie imMittelalter

Nicki und Ich machen den ganzen Morgen zusammen mit Mutter und Tochter Therapie. Denn schließlich kommt der Winter, wo die Familie mehr Zeit hat. Am Abend sitzen wir gemeinsam in der Küche. Alle sind müde, doch wir wiederholen noch einmal alles, um auch die Geschwistern und Väter mit einzubeziehen. (Ja richtig gelesen, Diskit hat zwei Väter, wie es hier in manchen Teilen von Ladakh üblich ist.) Dies geschieht alles unter einem unglaublich funkelnden Sternenhimmel und so deutlich zu sehender Milchstrasse.
Wir besprechen im nächsten Frühjahr wieder für ein paar Tage zukommen. Denn die Mutter ist jetzt so stolz auf Diskits Fortschritte. Im letzten Jahr kann ich mich noch gut an Ihre Enttäuschung erinnern. Dort traf ich sie zum ersten Mal auf dem Physio-Camp im April. Sie meinte seit Karola's Therapieaufenthalt 2004 in Kurambik gab es keine Veränderungen. Karola sah dies ganz anders... Ich hoffe dass auch Mingur's Mutter Geduld und Ausdauer findet sich mehr oder anders mit Ihm auseinanderzusetzen. So dass sie einmal auf Ihre Art stolz auf ihren Sohn sein kann.



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