Fieldtrip Changtang Oktober 2009

Bericht von Claudia Huegele und Katharina Kaiser

Das Auto voll gepackt mit warmer Kleidung, Essen, Gaskocher, Schlafsäcken und Decken sind wir, Norbu, unser Fahrer, Mann für alle Fälle und "Engel" in Sachen anpacken, übersetzen, therapieren, beruhigen,...Thomas, unser "Physio- Jüngling" und wir, Katharina und Claudia bei Sonnenschein aber Minustemperaturen aufgebrochen in Richtung Changtang/Pangong Lake. Die Fahrt über den dritthöchsten befahrbaren Pass der Welt "Chang La" mit 5300 Höhenmetern ist ein Erlebnis und wunderschön, sofern man Buckelpisten und Achterbahnfahren mag und ein stabiles Gleichgewichtsorgan besitzt.

Claudia und Katharina am Pass

Dies alles schien uns keine Probleme zu bereiten und so sind wir heil und gut gelaunt bei unserem ersten Patienten in Shayok angekommen, einem Mönch den Norbu noch aus Schulzeiten kennt. 2001 hatte er einen Motorradunfall. Seither kämpft er mit sensomotorischen Problemen, auf Grund dessen er alleine nicht mehr gehfähig ist. Therapie mit diesem hoch motivierten jungen Mann zu machen machte uns allen sehr viel Spaß. Katharina konnte ihm nochmals einige neue Übungen zur Schulung der Koordination und Kräftigung der Muskulatur zeigen. Norbu bestätigte uns, dass der ehemalige Mönch deutliche Fortschritte macht. Wir bestärkten den Mönch nochmals in seiner Motivation und fuhren danach mit einem leckeren Mittagessen gestärkt weiter in Richtung Pangong Lake zu einem jungen Mädchen mit Skoliose.

Der Mönch Tarchin beim Training

Auch hier sind wir mit einem guten Gefühl und um ein paar warme Kleider für den Winter leichter wieder gefahren.
Am späten Nachmittag realisierten wir dann zum ersten Mal, warum uns Dolkar aus Eindringlichste gebeten hatte, warme Kleidung und Wolldecken mitzunehmen: es wurde kalt! Und es sollte wohl eine unserer kältesten Nächte bis dahin werden...aber alles der Reihe nach…


Es war schon später Nachmittag, als wir auf einer Strasse, die in Europa nicht mal die Bezeichnung "Schotterpiste" verdient hätte, in ein Dorf fuhren, in dem Norbus Verwandte lebten. Schließlich kamen wir pünktlich zu Sonnenuntergang bei Norbus Tante und ihrer Familie an. Bei diesen herzlichen Menschen, welche uns Asyl für die Nacht gewährten, bekamen wir durchgefrorenen Wesen sofort heißen Milchtee und durften uns vor dem mit Yakdung beheizten Ofen erwärmen. Norbu, "our strong man" machte das Auto "Nacht- und Kältefest", sprich er packte den Motor in Decken und er kümmerte sich mit seiner Tante zusammen um das unglaublich leckere Abendessen bestehend aus Yakfleisch, Gemüse und Reis. Danach stellte die ganze Familie sicher, dass wir zwei Mädels eingepackt in Schlafsack, vermummt unter drei Decken und mit einer Wärmeflasche gut für die Nacht gerüstet waren. Und tatsächlich: wir schliefen warm und wohlig, während draußen wohl Temperaturen um die minus 15 Grad herrschten (so genau weiß das keiner, nur soviel: 3 Minuten Zähneputzen und Gesicht waschen, bei dem wir unsere zarten Fingerchen wohl oder übel aus unseren warmen Handschuhen pellen mussten, reichten vollkommen, um eine kurzzeitige Gefühllosigkeit in eben diesen auszulösen).

Jeep in Bearbeitung


Trotz der guten Fürsorge von Norboo hatten wir am nächsten Morgen mit einem kleinen Problem zu kämpfen: das Auto sprang nicht an. Es wurde acht, es wurde neun, es wurde zehn,….Norboo, sein Onkel sowie mittlerweile eine ganze Schar von Dorfbewohnern werkelten tapfer, machten Feuer unterm Auto und checkten wohl jedes Einzelteil innerhalb des Motorraumes, während wir mit frischgebackenen Chapati und Kaffee versorgt wurden. Diese morgendliche Anstrengung quittierte Norbu dann nur mit: "it's a good exercise for me to work in the morning". Das ist mal die richtige Einstellung! Als es dann losging stand für uns fest: wir müssen noch am gleichen Tag zurück nach Leh, da dass Auto nach einer weiteren Nacht nicht noch einmal anspringen würde. Sollte der Schlauch, welchen die Männer am Morgen geflickt hatten erneut reißen, würden wir wohl oder übel festsitzen. Das bedeutete für uns, dass wir keine Zeit zu verlieren hatten, um noch am gleichen Tag den Weg zurück nach Leh bewältigen zu können.
So sind wir gestartet in den neuen Tag. Zuerst ging es im Affenzahn zu einem Mädchen, dessen Lehrer uns am Tag davor gebeten hatte vorbeizukommen, da sie "einen zu kurzen Fuß habe". Katharina befundete und wir stellten fest dass es sich nicht "nur" um dieses Problem handelte, sondern dass das schüchterne Mädchen wahrscheinlich seit ihrer Geburt an einer rechtsseitigen Hemiparese leidet. Als wir dem Lehrer erklärten, dass das Mädchen dringend Therapie benötigt, sowie eine Abklärung bezüglich der Beinlängendifferenz und gegebenenfalls eine Schuherhöhung notwendig wären, willigte dieser überraschenderweise sofort ein mit der jungen Frau in den nächsten Wochen nach Leh zu kommen.
Danach ging es weiter, zu einem Mädchen mit rheumatoider Polyarthritis, die allerdings wegen Abschlussexamen nicht zu Hause war. So überreichten wir ihrer Lehrerin nur die extra für sie mitgebrachte Winterausrüstung.

Patientin


Ohne Lunchbreak ging es weiter zu einem Mädchen und einem Jungen mit ICP.
Vor allem der Zustand des Jungen erschütterte uns beide: von oben bis unten nass in einer dunklen Ecke eines Zimmer liegend, den einen Arm durch die vorhandene Spastik so verdreht, dass wir fünf Minuten brauchten um herauszufinden wo Radius und Ulna liegen, den völlig aufgeweichten Daumen der anderen Hand im Mund… In Anbetracht dieses Jungen waren wir froh nicht alleine zu sein. Wir hatten beide noch nie ein Kind in solch einem körperlichen Zustand in so ärmlichen Verhältnissen gesehen. Die Betroffenheit stand uns ins Gesicht geschrieben, und wir waren froh, nach der Behandlung noch miteinander darüber reden zu können.

Spastik in Berabeitung


Langsam wurde es spät und wir hatten noch einen weiten Weg über den Pass zurück nach Leh vor uns. So verdrückten wir innerhalb von knappen zehn Minuten noch eine Portion Nudeln und einen Milchkaffe (mit unendlich viel Zucker drin), bevor wir uns mit Wolldecken, Mützen, Handschuhen und maximal vielen Kleidungsstücken an unseren Körpern in den Jeep zwängten und wieder Richtung Leh starteten.
Schon im Laufe des Nachmittages hatten Claudia und ich Bedenken bezüglich der Überquerung des Passes in der Dunkelheit geäußert. Die Strassen sind einige Kilometer nicht asphaltiert, genauso lange ohne Leitplanken, von einer Straßenbeleuchtung gar nicht zu reden…sollte unser Jeep hier den Geist aufgeben stünde uns eine eisige Nacht in großer Höhe bevor… Aber Norbu wusste uns zu beruhigen: in überzeugender Gelassenheit und unsre Bedenken trotzdem ernst nehmend erinnerte er uns abermals daran, dass wir bei ihm in sicheren Händen wären. So war es auch. Die Ruhe und Sicherheit des souveränen jungen Mannes ließen keinerlei Zweifel mehr aufkommen. Obwohl der Bursche schon den ganzen Tag im Jeep saß, brachte er uns auch noch die letzten 170 km in Dunkelheit, bei verschneiten Strassen über den dritthöchsten befahrbaren Pass der Welt, und entschuldigte sich am Ende auch noch dafür "that it became so late".

Wir beide freuen uns von ganzem Herzen, dass wir diese beeindruckende Erfahrung machen durften, und möchten uns hiermit nochmals bedanken. Bedanken bei den Patienten, deren Angehörige uns köstlich bewirteten, und durch welche wir wieder einmal realisieren durften, wie gut es uns geht; bei Thomas für sein Dabei sein trotz kränkelndem körperlichen Zustandes; bei Norbu für seine Gelassenheit, Stärke, für seinen Humor, seine Gentlemanmanieren, und dafür, dass sein Gott immer bei ihm ist.


Claudia Huegle, Ergotherapeutin
Katharina Kaiser, Physiotherapeutin




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