Bericht über die Reise nach Changtang,

März 2010

von Sarah Denlöffel, Ergotherapeutin


Mit einem Tag Verspätung, weil das Permit-Amt Holiday hatte, ging es pünktlich morgens um 8.30 Uhr los. Norbu lud mich in Changspa ein und wir machten uns auf den Weg, um Mr. David und Chuskit abzuholen.
Es folgte eine Autofahrt mit viel ladakhischer Unterhaltung und Musik. Wir fuhren über den dritthöchsten befahrbaren Pass der Welt, den Chang La (5360m) und die Aussicht auf die schneebedeckten Berge war atemberaubend schön.

Nach ca. 4,5 Stunden Fahrt trafen wir in Shyok auf unseren ersten Patienten. Konchok Thirchen ist ein Mönch, der 2001 einen Skooter-Unfall hatte und sowohl in der Grob- als auch in der Feinmotorik starke Einschränkungen hat. Wir kontrollierten seine Heimübungen, erweiterten diese und verordneten ihm zusätzlich zu seinem Rollator einen Gehbock. Der Boden vor seinem Haus ist sehr uneben, weshalb es ihm kaum möglich ist, sich mit seinem Rollator dort fortzubewegen. Wir sind der Meinung, dass ihm dies mit dem Gehbock besser gelingen wird. Er ist ein sehr pflichtbewusster, motivierter junger Mann und mich erstaunte es sehr, welche Fortschritte er bereits gemacht hatte.

 

Im gleichen Dorf lernten wir einen neuen Patienten namens Nurbo Thinley kennen. Auch er ist Mönch und ging mir persönlich sehr nahe. Er ist unterdessen 20 Jahre alt und erhielt vor zwei Jahren aufgrund eines Tuberkuloseverdachts eine 3 monatige Injektionsbehandlung. Seither haben seine Beine immer mehr an Funktion und Sensibilität verloren, mittlerweile sind sie nahezu vollständig paretisch. Wir machten einiges Tests und Befundungen und luden ihn in der folgenden Woche ins RAC ein, um weitere Abklärungen machen zu können. Leider mussten wir seine Familie, die uns für eine Art Wunderheiler hielt, enttäuschen. Auf der weiteren Fahrt in Richtung Tangtse, unserem Übernachtungsort, ging er mir nicht mehr aus dem Kopf.

 

Wir fuhren noch ein Dorf weiter, nach Taruk, wo wir im Wohnheim der Schule Rigzin Yandol besuchten. Sie hat eine extreme Skoliose, es geht ihr jedoch sehr gut. Rigzin Yandol hat keine Beschwerden und macht zuverlässig ihre Übungen. Wir kontrollierten diese und waren, da sie ansonsten im Schulalltag keine Einschränkungen hat, relativ zügig fertig.

 

Abends ging es dann nach Tangtse ins Guest House, wo wir einen gemütlichen Abend mit leckerem selbstgekochtem Essen verbrachten.

Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen, da wir viel vorhatten (gesamthaft ca. 8 Std. Autofahrt, drei geplante Patienten). Um ca. 8 Uhr verließen wir Tangtse in Richtung Pangong Lake, der, zugefroren bei stahlblauem Himmel und im Kontrast zu den rotbraunen bzw. schneebedeckten Bergen, einen wahnsinnigen Eindruck auf mich machte. Ich war ganz aus dem Häuschen und Norbu hielt zigmal an, damit ich Fotos machen konnte.

Wir fuhren am Ufer entlang ins Dorf Merak, wo wir zunächst in der Schule auf Stanzin Lamo trafen. Sie hat, ungewöhnlich für ein 14-jähriges Mädchen, rheumathoide Arthritis. Gerade jetzt in der kalten Jahreszeit hat sie vermehrt Schmerzen in den Hand- und Fingergelenken, ansonsten kommt sie mit Medikamenten im Alltag relativ gut klar. Ich mobilisierte sowohl die Handgelenke als auch vor allem die MCP-Gelenke, was ihr sehr gut tat. Ebenso erweiterten wir ihre Heimübungen und gaben ihr Tipps, wie sie versuchen kann, die vor allem am Morgen vorhandene Steifigkeit aus ihren Fingern zu bekommen.

 

Ebenso in Merak behandelten wir Stanzin Dolma, die wir allerdings zuerst suchen mussten. Nachdem wir bei ihr zuhause und in der Gompa erfolglos blieben, trafen wir sie schließlich mit ihrer Familie bei Freunden im Dorf an. Stanzin Dolma ist mit ihrer Zerebralparese im Alltag komplett auf die Hilfe anderer angewiesen, sie liegt viel, wird aber von ihrer Familie gut umsorgt und von der Mutter täglich zwei Stunden mobilisiert (!!). Zur Entlastung der Mutter am heutigen Tag bewegten wir Stanzin Dolma komplett therapeutisch durch. Ebenso übten wir mit ihr bimanuelles Greifen. Sie bekam außerdem einen vom Schreiner angefertigten Spezialsitz, über den sie sich sehr freute und der es ihr ermöglicht, mehr am Geschehen in ihrem Umfeld teilzunehmen.

 

Auf der Fahrt zurück am Ufer des Sees genoss ich noch einmal die gewaltige Umgebung. Weiter ging's ins Dorf Satho, wo unser letzter Patient am heutigen Tag auf uns wartete.

Stanzin Shakya hat ebenso eine infantile Zerebralparese, ist komplett auf Hilfe anderer angewiesen und auch ihm brachten wir einen angefertigten Spezialstuhl mit Gurt. Wir mobilisierten ihn und arbeiteten an seiner Rumpfstabilität. Ziel für die Familie ist es, mit ihm das Essen mit dem Löffel zu üben. Er kann den Löffel selbstständig halten, ihn zum Mund bringen, nur (noch) nicht selbstständig essen. Auch diese Familie ist bemüht und nahm unsere Tipps und Vorschläge dankbar an.

 

Schlussendlich erwartete uns in Satho noch ein weiterer neuer Patient, welcher zwar schon mal in Leh von uns befundet wurde, aber noch keine Therapie erhalten hatte. Sein Name ist Londup Namgyal und er hat aufgrund eines Sturzes eine Fehlstellung in der Hüfte. Unter anderem machten wir mit ihm Übungen zur Stabilisierung des Rumpfes wie auch der Balance und gaben ihm einige Heimübungen.

 

Nach einem langen Tag ging's zurück nach Tangtse ins Guest House, wo wir ein weiteres Mal übernachteten, bevor am nächsten Tag zurück nach Leh ging.

Alles in allem waren es wahnsinnige Eindrücke und einmalige Erfahrungen mit meist unglaublich netten, motivierten Menschen für mich, an die ich gerne zurück denke.

Sarah Denloeffel, Ergotherapeutin




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