Meine Reise nach Ladakh

von Christiane Willeit

Seit meiner Oberschulzeit traeumte ich davon, irgendwann einmal als Freiwillige in ein fremdes Land zu gehen. Doch es sollte noch einige Zeit dauern bis ich mir diesen Traum erfuellen konnte und durfte.
Schon seit langem informierte ich mich im Internet weltweit ueber einen Freiwilligeneinsatz. Meine innere Stimme zog mich zuerst nach Afrika, doch als ich auf die Homepage der Ladakh-Hilfe e.V. stiess, war meine Entscheidung gefallen.
Nach vier Jahren in Innsbruck kuendigte ich meinen Job als Physiotherapeutin und meine Wohnung, da ich nun spuerte, fuer den langersehnten Schritt bereit zu sein.
Am 28. Februar 2009 sass ich im Flieger nach Delhi und von da aus flog ich weiter nach Leh in Ladakh. Meine Vorfreude auf ein neues, mir unbekanntes Land stieg von Minute zu Minute und ich konnte es nicht glauben, dass ich mich bald im Himalaya befinden wuerde.
Ladakh liegt im Norden von Indien und wird als das "Hohe-Paesse-Land" bezeichnet.
Leh ist die Hauptstadt Ladakhs mit 15.000 Einwohnern und liegt auf einer Hoehe von 3.500 m. Hier wuerde ich meinen 3-monatigen Freiwilligeneinsatz bei der Ladakh-Hilfe e.V. leisten. Am Flughafen wurde ich von Dolker, einer einheimischen Mitarbeiterin und den zwei Freiwilligen Alex und Simone abgeholt. Als Willkommensgeschenk bekam ich einen Katak, einen weissen Gluecksschal, um den Hals gebunden und eine Rolle Klopapier geschenkt- wie sich im Nachhinein herausstellte, ein sehr wertvolles Present.
Damit ich keine Probleme mit der Hoehe bekommen sollte, musste ich, vor allem am Anfang, viel trinken und schlafen. Doch am naechsten Tag wollte ich unbedingt schon mit den anderen mit ins Therapiezentrum gehen, denn meine Neugierde war gross.

Die Ladakh-Hilfe e.V. wurde im Jahre 2003 von Karola und Juergen Kostial gegruendet. Waehrend einer Reise nach Ladakh behandelten die Physiotherapeutin und der Orthopaedietechnik-Meister ein behindertes Kind. Es blieb nicht bei dem einen Kind, da sich in Ladakh niemand um die Hilfsbeduerftigen kuemmerte. Ihr Ziel war von Anfang an: HILFE ZUR SELBSTHILFE.
Freiwillige, die als Physio- oder Ergotherapeuten, Logopaeden oder Heilerziehungspfleger nach Ladakh kamen, erfuellten seitdem ihren Einsatz an den Hilfsbeduerftigen mit Behinderung.
Und ich gehoerte nun auch dazu!

Im Jahre 2008 wurden die NGO (non government organization) REWA-Society in Ladakh und eine Zweigstelle von der Ladakh-Hilfe e.V. in der Schweiz gegruendet. Das Ziel in ferner Zukunft waere, dass die REWA-Society keine Hilfe von Deutschland mehr braucht und den hilfsbeduerftigen Menschen Ladakhs selber mit Therapien unterstuetzt und hilft.
Das einheimische Team hier in Ladakh besteht zur Zeit aus einer schon ausgebildeten Physiotherapeutin namens Kunzang, Dolker wird im Sommer die Ausbildung als PT in Delhi beginnen, Chuskit moechte sich als Sprachtherapeutin ausbilden und Tundup in der Orthopaedie spezialiesieren.

Drei mal in der Woche findet die Therapie im RAC (REWA-ability -center) statt.
Die Kinder werden von unserem Fahrer Tundup abgeholt und nach der Therapie wieder nach Hause gefahren.. Meistens kommen die Kinder in Begleitung eines Elternteils oder eines Verwandten, der an der Therapie auch teilnimmt. Normalerweise sind ein Local und ein Freiwilliger am Patienten. Man bespricht gemeinsam die Therapiedurchfuehrung und wir Freiwilligen helfen dabei, Fragen zu beantworten, Hilfestellungen waehrend der Therapie zu geben, Uebungsvorschlaege einzubringen und die Locals bei der Handhabung der Therapie zu unterstuetzen.
Der Grossteil der Kinder leidet an einer neurologischen Erkrankung wie Cerebralparese, Querschnittslaehmung, Schlaganfall, Hydrocephalus, Athetose. Andere haben seit Geburt an eine skoliotische Wirbelsaeule, die mit Komplikationen wie Atembeschwerden oder Bewegungseinschraenkungen einhergehen. Bei vielen Kindern wurde noch keine Diagnose gestellt und man behandelt die auftretenden Symptome.
Die sprachliche Barriere stellt oft ein grosses Problem dar. Man braucht immer einen Local zum Uebersetzen und zum Erklaeren bei bestimmten Uebungsaufgaben. Da die Kinder oft auch den Kontakt zu uns suchen und mit uns sprechen wollen, ist es sehr schade, dass man sie nicht versteht, denn nicht immer ist ein Local vor Ort.
Aber ich habe auch gelernt und selbst erfahren, dass es eine Sprache jenseits der Worte gibt. Auch wenn man sich mit Haenden und Fuessen oder nur mit einem Laecheln verstaendigen kann, eine Kommunikation ist moeglich! Und das ist das schoene hier in Ladakh…
Ich fuehle mich nicht als ein Tourist, der das Land und die Leute kennenlernen will. Als Freiwilliger sieht man das Land aus einer anderen Perspektive, man bekommt einen viel besseren Einblick in die Kultur und ihre Menschen.
Bei unseren Homevisits, bei denen wir unsere Patienten zu Hause besuchen und dort die Therapie durchfuehren, erlebe ich sehr schoene und unvergessliche Momente. Es ist sehr interessant zu erfahren, wie die ladakhischen Familien leben und ihre Braeuche pflegen. In unserem Guesthouse wird jeden Morgen das ganze Haus mit Kraeutern geraeuchert, um es zu saeubern. Anschliessend wird im Gebetszimmer taeglich gebetet und Mantras rezitiert.
Hier in Leh weht ein anderer Wind. Anfangs war ich noch den Rhythmus von Innsbruck gewoehnt und ich brauchte etwas Zeit, all das Neue und mir Unbekannte zu verarbeiten.
Unser Tag beginnt mit Wasser holen. Bis Mitte April mussten wir das Wasser noch am Fluss holen und auch unsere Waesche dort waschen. Mittlerweile koennen wir das frische Wasser zwischen 7-9 Uhr morgens aus der Pumpe im Garten holen, welches wir dann abkochen muessen und dann erst trinken koennen. Das Wasser aus den Leitungen im Badezimmer verwenden wir fuer die Klospuelung, Waesche zu waschen oder Geschirr abzuspuelen. Seit Mitte April koennen wir auch die Dusche mit warmem Wasser benuetzen. Welch schoenes Gefuehl! Vorher wurde das Wasser im Topf erwaermt und wir schuetteten es uns mit einem kleinen Behaelter ueber. So schnell wie hier war ich noch nie beim Duschen, denn die Aussentemperatur war ziemlich kalt. Trotz der etwas umstaendlichen Vorbereitung gefiel mir diese "Waschzeremonie" sehr. Aber nun benutze ich doch lieber das fliessende, warme Wasser unter der Dusche…
Wir Freiwilligen wohnen in einem Guesthouse in der Changsparoad, in dem sich auch das Buero der Ladakh-Hilfe befindet. Unsere WG besteht zurzeit aus vier Frauen, Alexandra und Anni aus Deutschland, Anja aus der Schweiz und mir. Wir schlafen jeweils zu zweit in einem Zimmer, kochen und essen zusammen und haben sehr viel Spass miteinander. Es tut sehr gut, wenn man von netten Menschen umgeben ist, mit denen man am selben Strang zieht oder die einen aufmuntern, wenn man einen schlechten Tag hat.
Unser Fruehstueck besteht aus Brot mit Butter und Marmelade oder Honig, Porridge (Haferflocken), Joghurt oder Milchreis mit Fruechten. Als ich im Maerz nach Ladakh kam, gab es noch nicht sehr viel an Gemuese und Obst. Die Frauen am Markt verkauften Kartoffeln, Karotten, Krautkoepfe und Zwiebeln. Kaum wurde es etwas waermer, gab es am Markt bald Melanzani, Gurken, Bohnen, Erbsen, Karfiol, Aepfel und Trauben zu kaufen. Ich staunte selber ueber mich, wie sehr ich mich ueber diese Neuigkeiten freute. Bei uns zuhause findet man in jedem Supermarkt einfach alles. Das Ueberangebot, welches wir in unserem Land haben, laesst solch kleine Freuden im Leben erst gar nicht zu.


Den Fruehling geniessen wir nun mit Melone, Mango und Bananen, die Aprikosenbaeume bluehen in rosa, die Apfelbaeume werden von den Bienen und Hummeln umschwirrt und die Felder wurden auch schon von den Bauern mit Hilfe der Dzos (Kreuzung zwischen Kuh und Yak) bearbeitet. Am Morgen werden wir vom Vogelzwitschern vor unserm Fenster geweckt und der Tag beginnt.
Wie schon erwaehnt treffen wir uns 3x woechentlich um 11 Uhr im RAC. Unser Spaziergang dorthin dauert 15 min. und langsam erwacht die Changsparoad. Da ich im Maerz angekommen bin und dies noch ausserhalb der Saison war, bekomme ich den Wandel sehr gut mit. Ein Geschaeft nach dem anderen oeffnet seine Tueren und die Anzahl an Touristen nimmt auch von Tag zu Tag zu. Die Menschen in der Stadt und auf dem taeglichen Heimweg kennen uns Freiwillige mittlerweile schon und sie wissen auch, warum wir hier sind.
Mr. David, der einheimische Projektleiter vor Ort, war vor kurzem in Delhi und kam mit einer grossen Ladung voller Hilfsmittel wie Rollstuehle und Walker, Therapiematerialien zur Foerderung der Feinmotorik, Sensorik, Konzentration, des Gleichgewichts und der Koordination zurueck. Dies ist nur mit Hilfe von Spendengeldern moeglich und wenn ich sehe, welch grosse Freude die einheimischen Mitarbeiter und ganz besonders die Kinder haben, dann finde ich das Spenden eine großartige Sache.


Es war nicht immer leicht mit den Einheimischen, ihren Einstellungen und Lebensgewohnheiten, klar zu kommen. Hie und da gab es schon mal eine Meinungsverschiedenheit, da die einheimischen Mitarbeiter nicht gewohnt sind, ueber Probleme zu sprechen und sie auszudiskutieren. Was bei uns zu Hause eine "normale" und selbstverstaendliche Sache ist, kann hier zu einem grossen Problem werden. Fuer uns Freiwillige war dies unverstaendlich und wir versuchten durch Gespraeche die Konflikte zu beseitigen, aber es bedarf eines grossen Feingefuehls, den richtigen Weg zu finden, um die Locals nicht zu verletzen.
Naechste Woche faehrt das ganze Team zum Fieldtrip nach Dha Hanu. Die entlegenen Gebiete in Ladakh werden 2-3 x im Jahr vom Team der Ladakh-Hilfe besucht und mit notwendigen Materialien wie Kruecken, orthopaedischen Schuhen, Spielzeug, Schreibmaterialien oder Kleidung versorgt.
Bald ist mein Einsatz als Physiotherapeutin in Ladakh zu Ende und ich gehe mit einem lachenden und weinenden Auge nach Hause zurueck. Ich weiss, dass ich eine gute und sinnvolle Arbeit geleistet habe, aber genügt das für eine bessere Zukunft dieser Kinder? Wie hilfreich war mein Einsatz und meine Bemuehungen, die Einheimischen bei der Therapie zu unterstützen und ihnen mit Ratschlaegen zur Seite zu stehen? Ich selber habe mir einen Traum erfuellt, in der Hoffnung, mich zu entwickeln, zu wachsen, zu erfahren, wie gut es uns eigentlich zuhause geht. Ich bin sehr froh, dass ich diesen grossen Schritt gewagt habe und nach Ladakh gegangen bin. Obwohl es nicht immer leicht war und ich manchmal grosse Sehnsucht nach zuhause hatte, wurde ich schlussendlich nur beschenkt und bereichert. Ich hoffe, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich als Freiwillige in einem anderen Land gearbeitet habe…
Bevor es wieder zurueck in die Heimat geht, werde ich das "Land der Hohen Paesse" mit seinen bekannten Trekkingtouren noch etwas geniessen und erforschen - einige habe ich schon kennengelernt und fuer jemanden, der die Berge liebt, ist Ladakh ein kleines Paradies!


Ich danke allen, die mich mit ihrer Liebe, Freundschaft und dem Glauben an das Gute unterstuetzt und begleitet haben.

FUER DEN FRIEDEN AUF ERDEN
Mit diesem Satz eines guten Freundes moechte ich euch auf das Spendenkonto der Ladakh-Hilfe verweisen und euch bitten, diesen Verein zu unterstuetzen. Jeder kleinste Betrag zaehlt und hilft den Kindern.

Ich danke euch.
Christiane Willeit aus Gais




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