Abschlussbericht Physiotherapeutin Katrin Tessmer

Oktober 2010

Einsatzzeit Juni/Juli

"Die Schönheit eines Landes liegt hinter Deinen Augen, nicht vor ihnen…
Kein Reisender kehrt zurück, wie er aufgebrochen ist….die Seele reist weiter als der Körper."

Dieser Ausspruch begegnete mir zu Beginn meines Aufenthaltes in Leh und begleitet mich seit dem! (Land - schaft, Begegnung mit Menschen, Kultur und Natur gehören da mit hinein).

Schon immer wollte ich gerne ein fremdes Land nicht nur als Touristin bereisen, sondern dort arbeiten ( als Physio ) und (er-) leben und lernen, von und mit großen und kleinen Menschen.
Durch eine Arbeitskollegin erfuhr ich von der Ladakh - Hilfe und der wunderbaren Möglichkeit für einen überschaubaren, begrenzten Zeitraum als Volunteer mitzuarbeiten.
Es bedurfte einiges an vorbereitender Zeit, um diesen Freiraum bei meinem Arbeitgeber zu erhalten. Ja und dann brach ich auf, ließ Bekanntes hinter mir, vor allem einen dichtgefüllten Alltag. Erste Schritte ins Ungewisse.
Ein atemberaubender Flug über den Himmalayah, so unwirklich, dass ich mich in den Arm kneifen musste; nein, ich träumte nicht!


Herzlich wurde ich von Dolkar und Othzer am Flughafen in Leh empfangen und es gab ein leckeres Willkommensfrühstück von Sandra, Alex und Armin, einer supernetten Truppe der zurzeit anwesenden Volunteers. Gut untergebracht brauchte ich 2 Tage, um mich an die Höhe zu gewöhnen. Die Wohnung ist im Haus von Dolkars Familie und schon in den nächsten Tagen herrschte große Aufregung, denn ein hoher Lama, Shas Rinpoche, besuchte Ladakh und wurde herzlich von den Ladakhis empfangen und im Garten von Dolkars Familie gab es ein großes Fest.


Erstaunt betrat ich das Behandlungszentrum, groß, freundlich, hell und gut eingerichtet ist es. Wir waren personalmäßig gut besetzt, behandelten die Kinder manchmal zu Zweit, auch blieb genügend Zeit zum Austausch, zum Anleiten und zum Organisieren.
Schnell lernte ich die Kinder kennen und verlor die Angst, mich nicht sprachlich mit ihnen verständigen zu können. Immer konnte ich mich an einen der "Locals" wenden, wenn es diesbezüglich Probleme gab. Aber was mir besonders auffiel war, das die Kinder schnell mit mir in Kontakt gingen und mir als "Neue" sehr aufgeschlossen gegenüber waren. Es gab keine Berührungsängste und auch die Eltern waren und sind sehr motiviert. Eine herzliche und fröhliche Stimmung begleitete die Arbeit. Armin war dabei, nach oder vor den Behandlungen einen Spielplatz für die Kinder zu bauen. Mir machte es viel Spaß, mich gemeinsam mit den anderen Volontäre handwerklich zu betätigen. Holzschleifen, Geräte anmalen, Wand gestalten, Sand schaufeln und zementieren u.v.m.
Das Wetter wurde zunehmend sommerlicher und es war sehr berührend zu erleben, wie viel Freude die Kinder beim Schaukeln hatten oder als besonders die Kleinen (manchmal auch die Großen) begannen, mit Eimer und Schaufel im Sand zu spielen.


Das Zentrum zeigte sich sehr kooperativ, so besuchte uns Kai, ein Akupunkteur regelmäßig, um in Anwesenheit der Eltern den ein oder anderen kleinen Patienten zu behandeln (auch schon mal mein Knie, dieses mit gutem Erfolg). Mit einer Gruppe Kanadier (Ergos u. Physios), die am örtlichen Krankenhaus arbeiteten, gab es einen guten Austausch und die gemeinsame Erstellung von spez. Hilfsmitteln, abgestimmt auf das häusliche Umfeld der Kinder. Eine Elternschulung fand statt, die Dolka und das Team anleitete. Sie fand guten Anklang bei den Eltern. Auch fanden neue Eltern den Weg zu uns, um ihr Kind vorzustellen und Hilfe zu bekommen.
Ich habe mir keine Vorstellung davon gemacht, wie schwierig es für Eltern / Patienten ist, eine genaue Diagnose zu bekommen. Für junge Eltern ist es schwer eine Behinderung des Kindes zu erkennen und gut ausgebildete Fachärzte gibt es wenig ( und wenn dann in Leh) und es kostet eben auch viel.
Immer wieder erlebte ich den herzlichen Empfang bei den regelmäßigen Haus - und Schulbesuchen.

Die Schulen haben in Leh unterschiedliche Ferienzeiten, sodass es manchmal mit den Absprachen nicht klappte und die Kinder nicht zur Behandlung kommen konnten wegen Prüfung, Krankheit, Ferien, etc., aber auch diese Dinge gehörten mit zum Alltag. Der Donnerstagnachmittag gehörte den Kindern im Kinderheim. Hier leben behinderte Kinder, deren Eltern z. T. weit entfernt wohnen. Sie gehen in die umliegenden Schulen. Jedes Mal spürte man die Freude der Kinder, wenn wir kamen und es waren sehr herzliche Begegnungen.
An einem Fieldtripp nahm ich teil, ein Erlebnis was mir unvergesslich bleibt. (siehe Bericht)
Je mehr ich das Land kennenlernen durfte, umso mehr begriff ich, wie abgelegen die Menschen außerhalb von Leh wohnen. Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit bei Krankheit, Unfall etc. mal eben zum Arzt zu gehen. Oder schnell mal einzukaufen (bei uns ist alles zu bekommen) oder diverse Apparate, Maschinen, Werkzeuge griffbereit zu haben.
Hier sind die Patienten mit ihren Familien auf sich gestellt und es ist eine große Hilfe mit notwendigen Hilfsmitteln unterstützt zu werden. Das ein junger Mensch auch mit seiner Behinderung die Schule besuchen kann und eventuell einen Beruf erlernt oder eine Arbeit findet, ist ein riesiger Schritt und es macht deutlich, wie wichtig es ist, das die verschiedenen Hilfsorganisationen in Leh zusammenarbeiten, um solche Wege zu ermöglichen.
Die Zeit verging viel zu schnell. Die Stimmung unter den Volontären (auch hier gab es wechselnde Einsätze, Sandra ging, Martina und Stephan kamen, Janica kam, Martina und Stephan gingen, Kerstin kam, Katrin ging usw…) war getragen von einem herzlichen Miteinander und vielen gemeinsamen Unternehmungen (Ausflüge, wandern, gemeinsam kochen, Spielplatz bauen usw.)
Allmählich wuchs ich in diese mir zunächst fremde Kultur hinein, was für mich ein spannender Prozess war, der mich manchmal forderte. Aus einem dichten Arbeitsalltag kommend, in dem vieles selbstverständlich und rationell erledigt wird, tauchte ich hier in eine andere Erfahrung ein. Vieles brauchte Zeit, Absprachen können unterschiedlich aufgefasst werden, mein "Selbstverständnis" ist nicht das selbe wie das eines anderen Menschen, nicht immer führt ein direkter Weg auch zum Ziel.
Mein Start als Volunteer fiel in eine Zeit, in der die "Locals" gerade ihre Gehaltsverhandlungen führten und dies war für sie sicherlich recht eine bewegende Zeit und nicht ganz frei von persönlichen Stimmungen. Das miteinander arbeiten gelang gut, in gemeinsamen Teamgesprächen hätte ich mir das ein oder andere Mal mehr Kooperation gewünscht.
Der Abschied fiel mir sehr schwer, zumal er in die Zeit fiel, in der wie aus dem Nichts eine Wasser - und Schlammflut über Leh und viele Bereiche Ladakhs hereinbrach, deren Ausmaß auch noch nicht abzusehen ist.


Tief betroffen und geschockt halfen wir in Choglamsar beim Räumen eines Hauses von Schlamm. Es war der 2. Tag nach dieser Katastrophe, die ersten Hilfen liefen an und es gab eine Welle der Hilfsbereitschaft unter den Touristen. Noch war vieles unorganisiert und chaotisch. So haben wir (4 Volontäre) uns auf den Weg gemacht und sind von Leh aus mit einigen Mönchen, die freiwillige Helfer nach Choglamsar brachten, mitgenommen worden. Dort konnten wir dann schließlich mithelfen, ein Haus von Schlammmassen frei zu schaufeln. Die Familie mühte sich ab und freute sich über die Verstärkung. Es dauerte nicht lange, da kamen andere Helfer (Touristen unter anderem aus Polen, Holland, Tschechien) hinzu und so wurden es im Laufe des Tages immer mehr und die Arbeit ging gut voran.
In dieser entsetzlichen Katastrophe, über deren Ausmaß ich mir keine Vorstellung machen konnte, war eines für mich wichtig zu sehen: Es sind immer Einzelne, die anfangen etwas zu tun (auch wenn es nicht perfekt ist), andere kommen hinzu und daraus erwächst etwas, was einem anderen Menschen helfen kann. Am Nachmittag war dieses Haus von dem gröbsten Schlamm befreit und die Familie hatte, neben all dem was da auf sie zukam, eine kleine Last weniger zu tragen.


Mit Tränen in den Augen trat ich meinen Rückflug an. Es hieß Abschiednehmen von Menschen und von einem Land, das mir sehr ans Herz gewachsen war.

Katrin Tessmer, Oktober 2010




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