Abschlussbericht Physiotherapeutin Katharina Kaiser

Einsatz vom 29.09.-15.11.2009

Schon seit meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin träumte ich davon die Hochebenen um die Himalaya Gebirgskette hautnah zu erleben.
Zwischen dem Entschluss an dem Projekt "Ladakh-Hilfe" teilzunehmen und dem Start in diesen mir unbekannten, aber doch vertrauten Teil der Welt vergingen dann noch drei Jahre. Drei Jahre, die notwendig waren, um Erfahrungen zu sammeln, Geld zu sparen und schließlich Job und Wohnung zu kündigen, da kaum ein Arbeitgeber Freude mit Angestellten hat, welche für drei Monate zwecks Indienaufenthalt beurlaubt werden wollen.
Bezüglich des Aufenthaltes in Leh hatte ich wenige Erwartungen. Da gab es bloß das grundlose Wissen, dass ich diesen Ort, die Landschaft sowie Menschen kennenlernen wollte und das bange Zweifeln, ob ich den Weg vom internationalen zum "domnestic airport" in Dehli wohl alleine finden würde.
Diese erste Hürde war dann doch leicht zu bewältigen und als ich auf dem Inlandsflug von Dehli nach Leh dann meinen ersten süssen Milchtee serviert bekam, verschlug es mir beim Anblick der wunderschönen, schneebedeckten Berge beinahe die Sprache (und das, obwohl ich im Flugzeug rechts saß. Für alle Neuankommenden: manche Volontärinnen behaupten, links sei es noch viel beeindruckender).
Wie vereinbart wurde ich vom local Boss Dolkar am Flughafen abgeholt. Auf dem Weg nach Changspa, quer durch die Innenstadt von Leh, war mir klar: da gehör ich her. Von Anfang an fühlte ich mich wie zu Hause: hohe Berge, eine Stupa neben der anderen, bunt bemalte "please horn" LKW's, schöne ladakhische Gesichter, Northface und Mammut Nachmachjacken, alte und junge Männer in roten Mönchsroben, Treckingagenturen, Gebetsfahnen, Mantrengemurmel, Gehupe, Sonnenschein, blauer Himmel,...und last but not least: ein super Empfang durch die anwesenden Volontärinnen mit einem grandiosen Frühstück.

Leh im Herbst


Die Akklimatisation an die Höhe dauerte einige Tage. Zu Beginn nimmt man die erschwerten Bedingungen kaum war. So viele neue und faszinierende Eindrücke in einer Gegend, in der ich mich trotzdem wie zu Hause fühlte. Man lernt die Locals kennen, das Frühstückscafe, die Loundrry (Wäscherei), den Gemüsemarkt, lernt zu feilschen und so manchen aufdringlichen Verkäufer aus dem Weg zu gehen. Erst nach Abklingen des ersten enthusiastischen Gefühlsschubes merkte ich die doch vorhandene Kurzatmigkeit beim Bergaufgehen, sowie das gesteigerte Schlafbedürfnis. Nach zwei Tagen Rast durfte ich dann das erste Mal mit zu den "kids". Da das RAC (hier sind die Therapieräumlichkeiten der Ladakh-Hilfe) von freiwilligen Zahnärzten aus den USA besetzt war, legten wir gleich mit Hausbesuchen los. Hier begann ich erstmals zu realisieren, dass indische Arbeitsbedingungen sich deutlich von europäischen unterscheiden. Anfangs erachtete ich es als notwendig zu wissen welche und wie viele Kinder man heute behandelt, ich wollte wissen wann "lunch break" ist und mit welchem Therapeuten ich heute zusammenarbeiten würde. Nach kurzer oder längerer Zeit gewöhnte ich mich an die indische Art und Weise zu organisieren. Ich merkte, dass es sich auch ohne strikten Arbeitsplan leben lässt und begann die Spontanität zu genießen. Im Großen und Ganzen eine willkommene Abwechslung zum Arbeitsleben in Österreich.

Mein Leben als Volontärin in Leh war von mehreren Einflüssen geprägt. Da gab es einerseits die Arbeit mit den Kindern, die mir Freude und innere Zufriedenheit vermittelte. Man sieht ihre strahlenden Augen, spürt ihre Gelassenheit und Fröhlichkeit sowie die Dankbarkeit der Eltern, welche meist durch süßen Milchtee ihren Ausdruck findet.

Darüber hinaus war für mich v.a. das europäische Team prägend. In dem Zeitraum von acht Wochen verabschiedete ich vier Kolleginnen und lernte - abgesehen von der Teambesetzung bei meiner Ankunft - zwei neue Kolleginnen kennen. Ich glaube auch nicht zu übertreiben und im Namen der restlichen europäischen Crew zu sprechen, wenn ich dem Team 100 von 100 Punkten gebe. Abgesehen von dem guten Zusammenhalt, welcher v.a. bei diversen Erkrankungen wie Durchfall, Verstopfung, Magenkrämpfen, Angina, Supinationstrauma und Liebeskummer immer spürbar war, wurde auch gemeinsam gekocht, Treckingtouren unternommen, gemeinsam Radtouren organisiert und Rum getrunken, Träume über Heiratspläne ausgetauscht, Scrubs geschaut und über hübsche Ladakhis diskutiert. Für mich war es wunderschön und außerordentlich bereichernd, diese einzigartigen Mädels kennengelernt zu haben. Von jeder einzelnen konnte ich für meine eigene Persönlichkeit lernen. Dank euch vielmals!

Katharina mit einer Patientin

Der letzte unsere Freizeitaktivitäten stark beeinflussende Faktor war das Wetter. Im September war es noch so warm, dass man mit T-Shirt ins Schwitzen kam, und ich mir des Öfteren ein Trägerleiberl wünschte (das Tragen solcher anrüchigen Kleidungsstücke ist aus kulturellen Gründen nicht erwünscht). Einen Monat später konnten wir schon mehrere Tage am Stück die Schneeflocken vom Himmel tanzen sehen. Der erste Schneefall in Leh ist mir gut im Gedächtnis geblieben: Morgens marschierte ich jubelnd die Stufen zur Stupa hinauf und war fasziniert, die mir so vertraute Umgebung verhüllt in der weißen Schneedecke zu sehen. Einige Stunden später hatten wir Dank der kräftigen Höhensonne schon alle Hände voll zu tun. Da ladakhische Dächer anscheinend nicht auf solche "Ausnahmefälle" bemessen sind, rann an gut ein Dutzend Stellen im ersten Stockwerk der geschmolzene Schnee durch das Dach in unser Zimmer. Wir improvisierten mit jedem auffindbaren Plastiktopf und hatten großen Spaß daran uns in einer solchen, in Europa kaum vorstellbaren Situation, wieder zu finden.

So vergingen die acht Wochen meines Aufenthaltes rasant schnell. Als am Tag des Abfluges meine Maschine auf Grund des starken Schneefalles nicht starten konnte, war ich kein bisschen traurig. Jede verbleibende Minute in diesem Paradies war mir willkommen. Schließlich gelang es den Ladakhis dann doch die Flugbahn zu räumen und mit Tränen in den Augen fand ich mich im Flugzeug nach Dehli wieder, wissend "da komm ich noch mal her".


Katharina Kaiser, Physiotherappeutin




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