Abschlussbericht
Physiotherapeut Armin Röthlin
November
2010
Einsatzzeit
April/Juli
Nach
dem ersten Einsatz für Ladakh-Hilfe im Winter 2007, wollte ich
unbedingt nochmals in diese eindrückliche Region zurück.
Ich wollte die Leute, die Patienten-Kinder, das Projekt und Ladakh
selber wieder sehen. Sie sind seit meinem letzten Aufenthalt in Nordindien
ständige Begleiter meines Lebens geworden und sind mir enorm
ans Herz gewachsen.
Die Ankunft in Leh war wie ein Nachhause-Kommen für mich. Dolkar
(meine kleine Schwester, so nenne ich sie seit meinem letzten Besuch)
holt mich vom Flugplatz ab. Ich fühle mich wieder wie in meiner
eigenen Familie. Sehr umsorgt von allen Einheimischen und Volontärs
geniesse ich das reichhaltige Frühstück.
Endlich kann ich nach zwei Ruhetagen das neue RAC kennen lernen. Beim
Vergleich vor drei Jahren (vom kleinen MAC zum riesigen RAC heute)
hat sich einiges verändert. Hier haben wir Platz. Die Kinder
und wir müssen während den Behandlungen in der kalten Jahreszeit
nicht frieren. Dies ist enorm wichtig für die Behandlung zum
Beispiel einer Spastizität. Es ist alles so hell und kinderfreundlich
eingerichtet. Schöne bemalte Wände runden diese Atmosphäre
ab.
Dieses Behandlungscenter ist genial. Ein Vorteil ist auch, dass die
Kinder mit dem projekteigenen Jeep ins RAC gebracht werden können.
Denn nur so können wir eine kontinuierliche Behandlung anbieten.
Ich erinnere mich noch genau vor drei Jahren, als die Eltern mit ihren
Kindern selbständig ins Behandlungszentrum kommen mussten. Dies
hat häufig nicht geklappt, da die Wege in Ladakh weit und anstrengend
sind. Damals mussten die Eltern mit dem Bus anreisen und den restlichen
Weg zu Fuss zurücklegen.

Ein Kompliment und Dank für diesen Fortschritt an alle Beteiligten
für den Aufbau, an alle Sponsoren, den Freiwilligen und vor allem
an Karola, die in diesen Jahren so viel Zeit uneigennützig in
das Projekt gesteckt hat. Ohne ihr Engagement hätte sich nicht
so viel verbessern können. Denn so vieles ist auch für uns
Freiwillige einfacher geworden.
Auf meinen zwei Fieldtrips in Dha Hanu/ Temisgang und in Nubra konnte
ich erneut feststellen wie viel einfacher eine solche Behandlungstour
durchzuführen ist, wenn man nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln
in abgelegene Gebiete fahren muss. Mit dem Jeep ist alles viel leichter.
Wir haben mehr Zeit für die einzelnen Behandlungen, können
noch mehr Patienten erreichen und sind erst noch weniger lange unterwegs.
Wir können selbständig kochen und fallen dadurch den Patientenfamilien
nicht zusätzlich zur Last. In Temisgang durfte ich einige mir
bekannte Kinder besuchen und behandeln. Schön ist es dort im
Sommer mit den grünen Feldern. Viele Erinnerungen kamen in mir
hoch. Oft musste ich schmunzeln über die grösser werdenden
Kinder. Alle erkannte ich wieder und war erleichtert wie gut es den
meisten ging.
Damals im 2007 lastete die gesamte Organisation auf Dolkar's Schultern.
Jetzt sind viel mehr Einheimische angestellt. Dies bringt Entlastung
für alle. Wenn einige auf Fieldtrips sind können die Anderen
in Leh die normalen Tagesarbeiten erledigen. Die gesamte Behandlungs-
und Organisationsarbeit wird weitergeführt. Aber wenn alle Einheimischen
und Freiwilligen in Leh arbeiten, gibt es auch Zeiten in welchen man
sich überzählig fühlt. Das ist schade. Nur wenn man
während dieser Zeit versucht neue Arbeiten zu schaffen, ist man
auch glücklich dabei. Dafür braucht es viel Eigeninitiative
von jedem. Aber manchmal stösst diese Eigeninitiative bei den
Einheimischen auf Gegenwehr. Man muss es immer wieder versuchen. Das
braucht oft viel Energie.
Das Projekt von Ladakh Hilfe braucht nach meiner Ansicht immer noch
die gegenseitige Unterstützung von Einheimischen und Freiwilligen.
Die Einheimischen kennen die Gegebenheiten, die Kultur und Leute vor
Ort. Sie müssen jedem Freiwilligen wieder von neuem erklären,
wie hier alles abläuft und auf was man achtgeben muss. Sie organisieren
unermüdlich Fieldtrips, alles rund ums RAC und Homevisits.
Die Volontäre helfen oder entscheiden, wenn es um den Behandlungsplan,
-Richtlinien und -Ziele für die Patienten geht. Die Angestellten
verfügen über einfache therapeutische Kenntnisse und Erfahrungen.
Darum müssen sie oft angeleitet werden. Das ist sehr anstrengend
für sie da nur wenige eine medizinische Grundausbildung geniessen
konnten. Dadurch braucht es nach meiner Ansicht oft Motivation von
aussen. Diesem Motivations- und Instruktionswillen der Freiwilligen
stehen sie manchmal abwehrend gegenüber und manchmal hat man
das Gefühl, dass die ladakhischen Angestellten lieber die Freiwilligen
behandeln lassen, damit sie mehr Zeit für andere Arbeiten haben.
Leider ist dies nicht ganz der Sinn, da das gesamte Projekt mal vor
allem auf den Füssen der Einheimischen stehen soll und nur noch
vereinzelt Therapeuten aus dem Westen hinzugezogen werden. Das ganze
Projekt wächst ja immer noch ständig und der riesige Unterschied
unserer beiden Kulturen darf man auch nie vergessen.
Zu Beginn wollten wir die Einheimischen mehr mitentscheiden lassen
für den Bau des Spielplatzes. Immer wieder gaben wir ihnen mehrere
Varianten, wie wir den Spielplatz gestalten wollen. Leider kam dabei
nichts Sinnvolles heraus. Ich war etwas deprimiert. Ich hatte das
Gefühl die Locals wollen nicht mithelfen. Aber jetzt, da sehr
viel Zeit verstrichen ist, kapiere ich endlich, dass sich diese Ansicht
in meinem Kopf zu Unrecht eingebrannt hat. In Ladakh gibt es keine
Spielplätze. Wie wollen sie denn eine Meinung über einen
Spielplatz bilden können, ohne etwas Vergleichbares gesehen zu
haben. Irgendwie merkte ich unbewusst, dass die Planung nun an uns
Freiwilligen hängen blieb. Vor meiner Abreise musste der Spielplatz
fertig werden. Dies war mein grosses Ziel.
Danach ging alles im Eilzugstempo. Die Finanzierung übernahm
der Tochterverein Ladakh-Hilfe Schweiz. Wir kauften alle notwenigen
Materialien und Werkzeuge ein. Dabei wurden wir super von Mr. David's
Beziehungen und seinem Wissen aber auch von den anderen Locals unterstützt.
Von Hand schaufelten wir Sand, gruben Löcher, zimmerten einen
Kletterturm zusammen, bauten einen Sandkasten, zerschnitten Autoreifen,
betonierten alles in den Sand und malten die Geräte kinderfreundlich
an
Immer wieder standen kleinere Steine im Wege, aber
wir liessen uns nie davon abhalten weiterzubauen. Zusammen mit den
Einheimischen fanden wir immer eine Lösung. In Ladakh ticken
die Uhren einfach langsamer und die Organisation braucht viel mehr
Zeit. Bei der Eröffnungsfeier strahlte unser "Playground".
Jede mithelfende Person war an diesem Tag sehr stolz auf unser Werk.
Grosse Freude hat uns bereitet, dass so viele Leute aus Leh zur Einweihung
kamen. Noch mehr Befriedigung erkannte ich in den leuchtenden Kinderaugen
als sie die verschiedenen Sachen ausprobieren konnten. Das Lachen
von einigen Kindern befindet sich immer noch tief in mein Herzen drin.
Überglücklich machte uns auch, dass ein angesehener Lama
unseren Spielplatz mit einem Kathak segnete. Die Sonne und alle anwesenden
Gesichter strahlten nur so. Das war ein sehr gelungener Anlass.

Mein Einsatz in Ladakh hat Hochs und Tiefs erlebt. In schlechteren
Zeiten ist man froh, dass auch noch andere Freiwillige vor Ort sind.
Man kann sich gegenseitig helfen. Man versteht den andern der gleichen
Kultur wegen besser und die Last wird auf mehrere Schultern verteilt.
Trotzdem werde ich die Erinnerungen der schönen Momente immer
in meinem Innern behalten. Die Arbeit in Ladakh stösst auf unendliche
Dankbarkeit bei den Einheimischen, den Eltern und den Kindern. Eine
solche Dankbarkeit erlebt man bei uns nur mehr äusserst selten.
So viele nette Ladakhis kennen zu lernen ist nur möglich durch
einen solchen Einsatz, nie kann man als Tourist so enge Bekanntschaften
knüpfen. Die Mentalität, der Glauben und ihre uneigennützige
Art machen Ladakhis und die Region zu einem Teil von mir, zu einem
Teil von meinem Leben, in welchem man merkt, was eigentlich wichtig
wäre auf unserer Welt.
Ist man wieder zu Hause holt einem unsere Luxusgesellschaft gleich
wieder ein. Noch schlimmer ist es, wenn man in der eigenen Wohnung
ankommt und hört, dass durch die Natur-Katastrophe in Ladakh
viele Menschen umgekommen sind. Ich flog mit dem letzten Flieger vor
den Überschwemmungen raus aus Leh und wusste nichts davon. Ich
war überglücklich unbeschadet daheim zu sein und gleichzeitig
tat es mir leid den Ladakhis nicht helfen zu können beim Aufräumen.
Viel hörte ich von Alex was vor Ort alles geschah. Kalt lief
es mir den Rücken runter. Dass die Freiwilligen so unermüdlich
beim Aufräumen angepackt haben, finde ich genial. Ich bin soooooo
stolz auf euch. Ich konnte ein unbeschadetes Ladakh verlassen und
in meinen Gedanken sitzen diese Bilder aus den Medien wahrscheinlich
nicht so tief wie bei den anderen, die das Unwetter miterleben mussten.
Oft erinnert sich mein Herz an alles Erlebte und dabei tauchen die
schönen Bilder vor meinen Augen auf. Darüber bin ich froh.
Die Erinnerungen an das einfache Leben in Ladakh stimmen mich immer
wieder glücklich. Auch glücklich, dass ich hier in der Schweiz
wohnen darf.
Armin Röthlin, November 2010