Abschlussbericht von Armin Röthlins Einsatz in Ladakh vom 1.1.-05.03.2007


Kaum bin ich in Leh so richtig angekommen, fühle ich mich dort auch schon wie zu Hause und die Zeit vergeht wie im Fluge. Recht schnell finde ich mich mit der Kultur, den Leuten, der Umgebung und mit der Natur verbunden. Manchmal erscheint mir diese völlig andere Lebensweise doch irgendwie vertraut. Ich kann das Verhalten der Leute auch meistens verstehen, obwohl mir doch vieles fremd vorkommt. Ich habe das Gefühl, Ladakh sei ein Gebiet voller Gegensätze. Einerseits besteht eine große Differenz zum westlichen Denken und Handeln, zum Tagesablauf, aber auch zu unserer Umgebung, zur Einstellung über das Leben und Sterben und so vieles mehr. Einige Leute sind sehr arm und trotzdem wird man bei ihnen wie als König bewirtschaftet. Dies ist mir besonders aufgefallen, als Dolker und ich in Shayok bei den Eltern des Mönchs Tarchin waren. Man wird empfangen, auch wenn sie im Vorfeld nichts von unserer Ankunft wussten, als ob diese schon über Monate hinweg geplant gewesen wäre. Sie geben sich so viel Mühe uns die kurze Zeit bei ihnen so angenehm wie möglich zu gestalten.
In einigen Regionen wie in Shayok haben sie nicht einmal Elektrizität und trotzdem ist das Leben recht angenehm. Andere Gebiete hatten im Januar und Februar doch zumindest am Abend für drei bis vier Stunden elektrische Energie. Die Arbeiten am Laptop mussten wir deshalb während den Zeiten erledigen, wenn die Stromproduktion funktionierte. Man muss sich anders arrangieren, dann ist es nur eine Sache der Einstellung. Zu Hause in der Schweiz wäre eine solche Situation unvorstellbar. Als ich nach Hause kam, schätzte ich diesen Luxus sehr. Plötzlich erkennt man den Wohlstand wieder, der bei uns als selbstverständlich angesehen wird. Ich könnte mir in der Schweiz ohne Elektrizität nur schwer ein Abendessen kochen, dazu müsste ich den Campingkocher aus dem Keller holen. In Leh wäre das nicht einmal eine große Sache. Ohne Strom könnte man dort auch für mehrere Tage ohne Problem leben.
Die Gastfreundschaft der Leute hat mich in Leh und der Umgebung enorm beeindruckt. Oft wurde ich auf der Strasse angesprochen. Diese Gespräche, zum Beispiel mit einigen Ladenbesitzern, waren sehr herzlich und auch von ehrlicher Natur. Einer servierte mir immer Tee, wenn ich bei seinem Laden vorbeikam. Einmal hat er sogar Dolker und alle Physios zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen.
Bei den Homevisits konnte ich mir gute Eindrücke der verschiedenen Familien machen. In manchen Häusern sind die Wände nur verputzt und der Boden besteht aus Lehm. Bei reicheren Leuten strahlt Farbe von den Mauern und schöne Teppiche bedecken den Boden. Bei wohlhabenden Familien glänzen oft viele Töpfe aus den Regalen und sie besitzen mehrere Kochstellen mit Gasöfen. In rudimentär eingerichtete Wohnungen wird oft nur mit dem Bukhari (Holzofen) gekocht, weil Gas meist zu teuer ist. Interessant finde ich auch das Kochen mit getrocknetem Yakdung. Da zum Beispiel in großer Höhe wie in Satoo keine Bäume wachsen müssen die Leute auf den Feldern die "Kuhfladen" zusammensuchen. Beim Verbrennen entsteht nur ein geringer Nebengeruch, der Kerosingestank ist viel auffälliger. Der Einfallsreichtum der Leute hat mich oft beeindruckt. Aber wenn es um Reparaturen von orthopädischen Materialien geht, will niemand dafür Zeit finden und keine Person in der näheren Umgebung weiß wie man das flicken könnte.
Auch in Ladakh kommt man nicht ohne Geld aus. Die Familie des kleinen Jigmet hat nicht einmal genügend davon um warme Kleider zu kaufen. Auch die Tante kleidet sich nur spärlich zu dieser kalten Jahreszeit mit dem was sie zur Verfügung hat. Sie hustet die ganze Zeit und ist häufig krank. Die ganze Situation ist für die Familie sehr schwierig. Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter arbeitet für einen Hungerslohn und die Tante kümmert sich um die Kinder. Für Kleider reicht es dann am Ende des Monats nicht mehr. Ich fühle mich etwas besser als meine Mutter aus der Schweiz Geld spendet, womit wir für die Kinder und die Tante warme Kleider kaufen können.

Tante, Jigmet und Schwester mit neuen Pullovern

So können wir der Familie langfristig nicht helfen, denn das Geld wird bestimmt nicht reichen um die Kinder auf eine gute Schule zu schicken. Wenn die Kinder älter sind, werden sie es schwer haben aus dem Teufelskreis der Armut raus zu kommen. Mich beschäftigen solche Lebenssituation auch noch zu Hause. Ich denke noch oft daran.

Die Behandlungen im Mac waren während der Winterzeit nicht immer gut besucht. Einige Male warteten drei Physiotherapeuten und Dolker vergeblich auf die Kinder. Niemand erschien. Diese Stunden könnte man sinnvoller nutzen, indem wir andere Patienten therapieren könnten, wenn sich die Eltern mit den Kindern im Voraus abmelden würden. Andererseits verstehe ich diese Leute auch. Einige besitzen kein Telefon und haben nur begrenzte Möglichkeiten den Bus selber zu bezahlen. Oft sehen sie die Behandlungen nicht immer als das Wichtigste für ihr Kind an. Wenn die Zeit oder das Geld für den Alltag nicht ausreicht, erscheint mir die Konsequenz logisch, nicht mit dem Kind ins Mac zu kommen.
Aber die Entschuldigung: Keine Zeit zu haben, ist für mich schwer zu verstehen. Zum Beispiel ist es einfacher ein behindertes Kind möglichst schnell anzuziehen und es ungeachtet der Art und Weise auf- oder hinzusetzen. Wenn der Aufwand nur wenig größer wäre um das Kind bei diversen Handlungen gleichzeitig zu therapieren, bin ich etwas enttäuscht von den Eltern, dass sie solche Entschuldigungen suchen. Schlussendlich muss ich mich mit ihrer Entscheidung abfinden. Wahrscheinlich bin ich auch zu fest sensibilisiert in medizinischen Belangen. Ich weiß ja auch nicht, was man machen muss um behinderten Kindern gerecht zu werden. Was ist menschlicher oder angenehmer für das Kind? Behandlungen in seinen Alltag einzufließen, vielleicht auch gegen seinen Willen, oder nichts an seinem Tagesablauf zu ändern und ihm ein erfülltes schönes Leben mit viel Zuneigung zu ermöglichen. Da sie das oft nicht selber entscheiden können, muss diese Entscheidung von den Eltern getroffen werden.

So gegensätzlich ist das in Europa auch nicht. Oft zeigt man den Eltern oder einem Patienten eine Übung, die gar nie ausgeführt wird. Das ist ziemlich vergleichbar mit unserer Welt hier in Österreich, Deutschland oder der Schweiz, aber ein Unterschied ist doch vorhanden. In Leh bieten wir diese Behandlungen kostenlos an und fahren erst noch zu ihnen nach Hause. Andererseits sind Therapien dort noch nicht lange verbreitet. Ich denke für die Leute war es nicht immer einfach mit unseren Vorstellungen klar zu kommen und gleichzeitig war es für es auch für uns schwer ihre Meinungen zu akzeptieren.
Wieder in der Schweiz angekommen vermisse ich die nette Art und das Lachen der Leute. Auch die herzlichen Julley-Grüsse, während denen man die Handkante zur Stirn nimmt, fehlen mir hier auf unseren Strassen.

Yountain (unser Taxifahrer) und der Julley-Gruss einer älteren Dame im Mahabody

Die Zeit in Ladakh hat sehr viele gute Seiten in mir geweckt. Ich versuche einige Situationen im Alltag etwas ruhiger anzugehen. Das Streben nach mehr und noch mehr versuche ich etwas zu unterdrücken. Dafür nehme ich mir mehr Zeit um Leute zu treffen, ich versuche auch sie besser zu verstehen. Oft frage ich mich, was das Leben von mir eigentlich will und was ich vom Leben erwarte. Ich denke, ich kann mehr positives aus meinem Alltag herausnehmen als zuvor.
Das Zusammenleben mit den Leuten in Ladakh hat bei mir eine andere Sichtweise für das Leben, die Gedanken und Gefühle hervorgerufen. Darüber bin ich sehr dankbar. Obwohl ich auch nicht mit allem einverstanden bin, was dort passiert. Einiges versuche ich in die europäische Welt einfließen zu lassen, soweit dies in unserer Kultur überhaupt möglich ist. Einen großen Rucksack mit vielen Eindrücken kann ich mit nach Hause nehmen. In besonderer Erinnerung bleiben mir wohl die Trips nach Temisgang und in den Durbuck-Block, aber auch die farbenfroh gekleideten und fast immer lachenden Leute. Einige Gegebenheiten von Ladakh kommen mir immer wieder während meinem Alltag in der Schweiz in den Sinn. Ich bin sehr glücklich über das Erlebte nachzudenken. Nicht nur, dass ich versucht habe den Kindern vor Ort zu helfen, nein, ich habe auch persönlich eine Menge gelernt. Viel Neues wurde mir über den Sinn des Lebens vorgelebt und auch die Erfahrungen, die ich mit der einheimischen Bevölkerung machen durfte, werden mich ständig begleiten.

Für eine gute Sache zu arbeiten war für mich etwas Wunderschönes. Ladakh-Hilfe probiert dort anzupacken, wo noch niemand Therapien für die behinderten Kinder in Ladakh angeboten hat. Wir Physiotherapeuten und die angestellten Einheimischen sind alles Laien auf diesem Gebiet der "Entwicklungshilfe". Wir versuchen das Beste mit den vorhandenen Mitteln und unserem Wissen zu erreichen.

Lachender Chostup im Standing mit Kerstin und Armin

Natürlich können wir alles noch effizienter und sinnvoller aus therapeutischer Sicht angehen, aber ich durfte nie vergessen, dass ich in einem fremden Land mit einer anderen Kultur und einem anderen Glauben zu Gast war. Eigentlich wurde ich nie wie ein Fremder behandelt. Eher fühlte ich mich wie einer von ihnen. Dolker hat sehr viel dazu beigetragen, dass wir Europäer uns schnell in Ladakh einlebten. Sie ist eine Art Mutter für uns Physios dort. Ich hoffe sie bleibt der Organisation noch lange erhalten.


Armin Röthlin, April 2007

Alle Bilder sind von Armin Röthlin




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