Kaum bin
ich in Leh so richtig angekommen, fühle ich mich dort auch schon
wie zu Hause und die Zeit vergeht wie im Fluge. Recht schnell finde
ich mich mit der Kultur, den Leuten, der Umgebung und mit der Natur
verbunden. Manchmal erscheint mir diese völlig andere Lebensweise
doch irgendwie vertraut. Ich kann das Verhalten der Leute auch meistens
verstehen, obwohl mir doch vieles fremd vorkommt. Ich habe das Gefühl,
Ladakh sei ein Gebiet voller Gegensätze. Einerseits besteht eine
große Differenz zum westlichen Denken und Handeln, zum Tagesablauf,
aber auch zu unserer Umgebung, zur Einstellung über das Leben
und Sterben und so vieles mehr. Einige Leute sind sehr arm und trotzdem
wird man bei ihnen wie als König bewirtschaftet. Dies ist mir
besonders aufgefallen, als Dolker und ich in Shayok bei den Eltern
des Mönchs Tarchin waren. Man wird empfangen, auch wenn sie im
Vorfeld nichts von unserer Ankunft wussten, als ob diese schon über
Monate hinweg geplant gewesen wäre. Sie geben sich so viel Mühe
uns die kurze Zeit bei ihnen so angenehm wie möglich zu gestalten.
In einigen Regionen wie in Shayok haben sie nicht einmal Elektrizität
und trotzdem ist das Leben recht angenehm. Andere Gebiete hatten im
Januar und Februar doch zumindest am Abend für drei bis vier
Stunden elektrische Energie. Die Arbeiten am Laptop mussten wir deshalb
während den Zeiten erledigen, wenn die Stromproduktion funktionierte.
Man muss sich anders arrangieren, dann ist es nur eine Sache der Einstellung.
Zu Hause in der Schweiz wäre eine solche Situation unvorstellbar.
Als ich nach Hause kam, schätzte ich diesen Luxus sehr. Plötzlich
erkennt man den Wohlstand wieder, der bei uns als selbstverständlich
angesehen wird. Ich könnte mir in der Schweiz ohne Elektrizität
nur schwer ein Abendessen kochen, dazu müsste ich den Campingkocher
aus dem Keller holen. In Leh wäre das nicht einmal eine große
Sache. Ohne Strom könnte man dort auch für mehrere Tage
ohne Problem leben.
Die Gastfreundschaft der Leute hat mich in Leh und der Umgebung enorm
beeindruckt. Oft wurde ich auf der Strasse angesprochen. Diese Gespräche,
zum Beispiel mit einigen Ladenbesitzern, waren sehr herzlich und auch
von ehrlicher Natur. Einer servierte mir immer Tee, wenn ich bei seinem
Laden vorbeikam. Einmal hat er sogar Dolker und alle Physios zu sich
nach Hause zum Abendessen eingeladen.
Bei den Homevisits konnte ich mir gute Eindrücke der verschiedenen
Familien machen. In manchen Häusern sind die Wände nur verputzt
und der Boden besteht aus Lehm. Bei reicheren Leuten strahlt Farbe
von den Mauern und schöne Teppiche bedecken den Boden. Bei wohlhabenden
Familien glänzen oft viele Töpfe aus den Regalen und sie
besitzen mehrere Kochstellen mit Gasöfen. In rudimentär
eingerichtete Wohnungen wird oft nur mit dem Bukhari (Holzofen) gekocht,
weil Gas meist zu teuer ist. Interessant finde ich auch das Kochen
mit getrocknetem Yakdung. Da zum Beispiel in großer Höhe
wie in Satoo keine Bäume wachsen müssen die Leute auf den
Feldern die "Kuhfladen" zusammensuchen. Beim Verbrennen
entsteht nur ein geringer Nebengeruch, der Kerosingestank ist viel
auffälliger. Der Einfallsreichtum der Leute hat mich oft beeindruckt.
Aber wenn es um Reparaturen von orthopädischen Materialien geht,
will niemand dafür Zeit finden und keine Person in der näheren
Umgebung weiß wie man das flicken könnte.
Auch in Ladakh kommt man nicht ohne Geld aus. Die Familie des kleinen
Jigmet hat nicht einmal genügend davon um warme Kleider zu kaufen.
Auch die Tante kleidet sich nur spärlich zu dieser kalten Jahreszeit
mit dem was sie zur Verfügung hat. Sie hustet die ganze Zeit
und ist häufig krank. Die ganze Situation ist für die Familie
sehr schwierig. Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter arbeitet für
einen Hungerslohn und die Tante kümmert sich um die Kinder. Für
Kleider reicht es dann am Ende des Monats nicht mehr. Ich fühle
mich etwas besser als meine Mutter aus der Schweiz Geld spendet, womit
wir für die Kinder und die Tante warme Kleider kaufen können.

Tante, Jigmet und Schwester mit neuen Pullovern
So können
wir der Familie langfristig nicht helfen, denn das Geld wird bestimmt
nicht reichen um die Kinder auf eine gute Schule zu schicken. Wenn
die Kinder älter sind, werden sie es schwer haben aus dem Teufelskreis
der Armut raus zu kommen. Mich beschäftigen solche Lebenssituation
auch noch zu Hause. Ich denke noch oft daran.
Die Behandlungen
im Mac waren während der Winterzeit nicht immer gut besucht.
Einige Male warteten drei Physiotherapeuten und Dolker vergeblich
auf die Kinder. Niemand erschien. Diese Stunden könnte man sinnvoller
nutzen, indem wir andere Patienten therapieren könnten, wenn
sich die Eltern mit den Kindern im Voraus abmelden würden. Andererseits
verstehe ich diese Leute auch. Einige besitzen kein Telefon und haben
nur begrenzte Möglichkeiten den Bus selber zu bezahlen. Oft sehen
sie die Behandlungen nicht immer als das Wichtigste für ihr Kind
an. Wenn die Zeit oder das Geld für den Alltag nicht ausreicht,
erscheint mir die Konsequenz logisch, nicht mit dem Kind ins Mac zu
kommen.
Aber die Entschuldigung: Keine Zeit zu haben, ist für mich schwer
zu verstehen. Zum Beispiel ist es einfacher ein behindertes Kind möglichst
schnell anzuziehen und es ungeachtet der Art und Weise auf- oder hinzusetzen.
Wenn der Aufwand nur wenig größer wäre um das Kind
bei diversen Handlungen gleichzeitig zu therapieren, bin ich etwas
enttäuscht von den Eltern, dass sie solche Entschuldigungen suchen.
Schlussendlich muss ich mich mit ihrer Entscheidung abfinden. Wahrscheinlich
bin ich auch zu fest sensibilisiert in medizinischen Belangen. Ich
weiß ja auch nicht, was man machen muss um behinderten Kindern
gerecht zu werden. Was ist menschlicher oder angenehmer für das
Kind? Behandlungen in seinen Alltag einzufließen, vielleicht
auch gegen seinen Willen, oder nichts an seinem Tagesablauf zu ändern
und ihm ein erfülltes schönes Leben mit viel Zuneigung zu
ermöglichen. Da sie das oft nicht selber entscheiden können,
muss diese Entscheidung von den Eltern getroffen werden.
So gegensätzlich
ist das in Europa auch nicht. Oft zeigt man den Eltern oder einem
Patienten eine Übung, die gar nie ausgeführt wird. Das ist
ziemlich vergleichbar mit unserer Welt hier in Österreich, Deutschland
oder der Schweiz, aber ein Unterschied ist doch vorhanden. In Leh
bieten wir diese Behandlungen kostenlos an und fahren erst noch zu
ihnen nach Hause. Andererseits sind Therapien dort noch nicht lange
verbreitet. Ich denke für die Leute war es nicht immer einfach
mit unseren Vorstellungen klar zu kommen und gleichzeitig war es für
es auch für uns schwer ihre Meinungen zu akzeptieren.
Wieder in der Schweiz angekommen vermisse ich die nette Art und das
Lachen der Leute. Auch die herzlichen Julley-Grüsse, während
denen man die Handkante zur Stirn nimmt, fehlen mir hier auf unseren
Strassen.

Yountain (unser Taxifahrer) und der Julley-Gruss einer älteren
Dame im Mahabody
Die Zeit
in Ladakh hat sehr viele gute Seiten in mir geweckt. Ich versuche
einige Situationen im Alltag etwas ruhiger anzugehen. Das Streben
nach mehr und noch mehr versuche ich etwas zu unterdrücken. Dafür
nehme ich mir mehr Zeit um Leute zu treffen, ich versuche auch sie
besser zu verstehen. Oft frage ich mich, was das Leben von mir eigentlich
will und was ich vom Leben erwarte. Ich denke, ich kann mehr positives
aus meinem Alltag herausnehmen als zuvor.
Das Zusammenleben mit den Leuten in Ladakh hat bei mir eine andere
Sichtweise für das Leben, die Gedanken und Gefühle hervorgerufen.
Darüber bin ich sehr dankbar. Obwohl ich auch nicht mit allem
einverstanden bin, was dort passiert. Einiges versuche ich in die
europäische Welt einfließen zu lassen, soweit dies in unserer
Kultur überhaupt möglich ist. Einen großen Rucksack
mit vielen Eindrücken kann ich mit nach Hause nehmen. In besonderer
Erinnerung bleiben mir wohl die Trips nach Temisgang und in den Durbuck-Block,
aber auch die farbenfroh gekleideten und fast immer lachenden Leute.
Einige Gegebenheiten von Ladakh kommen mir immer wieder während
meinem Alltag in der Schweiz in den Sinn. Ich bin sehr glücklich
über das Erlebte nachzudenken. Nicht nur, dass ich versucht habe
den Kindern vor Ort zu helfen, nein, ich habe auch persönlich
eine Menge gelernt. Viel Neues wurde mir über den Sinn des Lebens
vorgelebt und auch die Erfahrungen, die ich mit der einheimischen
Bevölkerung machen durfte, werden mich ständig begleiten.
Für
eine gute Sache zu arbeiten war für mich etwas Wunderschönes.
Ladakh-Hilfe probiert dort anzupacken, wo noch niemand Therapien für
die behinderten Kinder in Ladakh angeboten hat. Wir Physiotherapeuten
und die angestellten Einheimischen sind alles Laien auf diesem Gebiet
der "Entwicklungshilfe". Wir versuchen das Beste mit den
vorhandenen Mitteln und unserem Wissen zu erreichen.

Lachender Chostup im Standing mit Kerstin und Armin
Natürlich
können wir alles noch effizienter und sinnvoller aus therapeutischer
Sicht angehen, aber ich durfte nie vergessen, dass ich in einem fremden
Land mit einer anderen Kultur und einem anderen Glauben zu Gast war.
Eigentlich wurde ich nie wie ein Fremder behandelt. Eher fühlte
ich mich wie einer von ihnen. Dolker hat sehr viel dazu beigetragen,
dass wir Europäer uns schnell in Ladakh einlebten. Sie ist eine
Art Mutter für uns Physios dort. Ich hoffe sie bleibt der Organisation
noch lange erhalten.
Armin Röthlin, April 2007
Alle
Bilder sind von Armin Röthlin