Erlebnisse
in Timosgang, 8.-11.Juli,
von
Kathrin Koller
Nachdem das Training für die Health Worker vom Khaltse-Block
verschoben wurde, haben wir, das sind immer noch Nicole van Gansewinkel
und Kathrin Koller, uns kurzfristig dazu entschlossen, nach Timosgang,
einem Dorf ca. 4 Stunden Fahrt entfernt von Leh, zu fahren.
Nicole war dort letztes Jahr und kannte sich daher schon ein wenig
aus. Beate hat dort letztes Jahr eine Woche verbracht und drei Kinder
behandelt. Sie hat Nicole auch darum gebeten, noch einmal nach dem
Rechten zu sehen.
Gesagt-Getan
Wir haben also eine grosse Kiste mit Gemüse und Obst gepackt,
da Nicole meinte dass das immer gut ankommt, wenn man privat bei
Familien übernachtet, und sind los. Die Fahrt war natürlich
wie immer sehr unterhaltsam, allein schon aufgrund der Ladakhi-Musik.
Die Landschaft war grün und eindrucksvoll.
Gleich nach der Ankunft hat uns ein Bewohner angesprochen und uns
bei einer Familie einquartiert. Das Zimmer war groß und geraämig
und der Enkel sehr gesprächig. Er hat uns gleich darüber
aufgeklärt, dass hier am Wochenende der Bär tanzt. In
Tia sei eine Mega-Show und am Sonntag ein riesen Festival zu Ehren
von Buddhas Geburtstag.
Na, da waren wir ja schon, wie so oft, zur richtigen Zeit am rechten
Ort.
Wir haben uns gleich auf den Weg gemacht um die Familie aufzusuchen,
bei der Nicole letztes Jahr übernachtet hat. Der Herr des Hauses
hat Nicole gebeten, dieses Jahr nocheinmal zu kommen. Er wolle sie
dabei unterstützen nach Tia zu kommen, um die anderen Kindern
auch zu behandeln.
Nach einigen kleinen Umwegen, sind wir dann auch schon angekommen.
Vor der Haustüre saßen die Grossmutter mit kahlgeschorenen
Haaren und der traditionellen Ladakhi-Bekleidung und die behinderte
Tochter des Hauses. Sie erkannte Nicole nach kurzer Nachfrage, war
aber nicht gewillt Übungen zu machen.
Vater und Mutter waren in Tia aufgrund der Megashow, und morgen
früh am Besten zu erreichen.
Also, ab nach Hause und das köstliche Abendessen geniessen,
in dem natürlich auch etwas aus unserer Kiste war.
Am nächsten Morgen sind wir voller Tatendrang auf. Während
des Füehstück's offenbarte uns die Enkeltochter, dass
wir heute ausziehen müssen, da die Grossmutter nach Leh fährt
und ihr das alleine zu viel wird. Wir sollen in das Namra Guest
-House: "They will serve you the best".
Kiste unterm Arm und los gings. Nach ca. 10 Min. und ein paar Pausen
(die Kiste war schwer) waren wir da. Riesenhaus mit Riesenbaustelle
und riesen Kupfertöpfen. Alle in Timosgang haben in diesen
Tagen ihre Töpfe geputzt wegen dem Feiertag und jeder Menge
Familienbesuch.
Das Zimmer war höchst komfortabel mit Dusche und WC, jedoch
kein fliessendes Wasser. Aber wir sind da ja nicht anspruchsvoll.
Wir haben gleich etwas von dem Gemüse für das Abendessen
abgegeben und sind los.
Klopf, klopf doch keine Antwort. Man konnte jedoch gut das Gebrummel
des buddhistischen Gebetes der Grossmutter wahrnehmen. Julee, julee
- keine Antwort. Die Tochter sass unter der Treppe und wusch sich
die rote Farbe aus den Haaren - selbst als sie mich sah, keine Reaktion.
Die Grossmutter war auf dem Dach ganz in ihrem Gebet versunken.
Ah, endlich die Hausherrin. Sie erklärte uns, dass ihr Gatte
schon in der Schule sei.
Ab zur Schule. Als wir den Schulhof betraten startete sofort der
Chor der 110 Schulkinder: Good Morning, Madame!" und
das zweimal. Es kam dann auch gleich ein gut gekleidetet Mann auf
uns zu, um uns ihn Empfang zu nehmen.
Nicole sagte, dass wir den Principal suchen und er antwortete: Here
I'am"!
"Oh, may he's not the principal, we are searching for Mr. Motup".
Der Principal sagte, dass er in einem wichtigen Meeting sei. Wir
sollen uns doch erst einmal setzten und Tee trinken, er organisiere
derweilen das Nötige.
Mr. Motup war jedoch so beschäftigt, dass er während unserer
Unterhaltung keine Silbe über die Übernachtungsmöglichkeit
in seinem Haus verlor. Aber er hat einer seiner Lehrerinen frei
gegeben, damit sie für uns übersetzen kann.
Es ist schon komisch, man kommt in dem Glauben hier her, dass die
Menschen unheimlich viel Zeit haben und gelassen sind. Sein Standpunkt
war aber ganz anders, die Leute sind so beschäftigt, dass sie
nicht einmal Zeit haben die Kinder durchzubewegen. Er habe auch
keine Lust, da seine Tochter in einem schwierigen Alter sei und
andere Sachen im Kopf habe. Wir haben ihm angeboten, dass er uns
in den nächsten Tagen anrufen soll, falls seine Tochter Lust
und Laune für eine Behandlung hat. Seine Tochter geht nun auch
nicht mehr zur Schule und zwar nur wegen des Transportproblems!!!
Keiner im Dorf hat Zeit das Mädchen die 15 Min. zur Schule
zu bringen.
Den Rest des Tages liesen wir unsere Seelen baumeln. Puhh!!!!
Ein neuer Tag brach an und voller Tatendrang sind wir aus dem Bett.
Das Frühstueck war für 8 Uhr vorgesehen, da der Treffpunkt
um 9 Uhr bei der Schule war. Na, ja Ladakhizeit.... Um 8.30 gings
los mit Füehstueck und wir hatten ja auch noch die riesige
Wassermelone. Ich gab dem Sohn des Hauses auch gleich unser Gemüse
für das Abendessen. Dieser kam jedoch nach einer Minute mit
der vollen Tüte zurück und sagte, dass wir heute das Haus
verlassen müssen. Der Rinpoche schläft hier und noch viele
andere. Oh.... jetzt wird's wirklich knapp. Gott sei Dank konnten
wir eine Nachricht zur Schule schicken , dass wir uns verspäten.
Und zu meinem Glück war die Melone in unseren Mägen und
nicht mehr in der Kiste.
Also alles wieder von vorne: Kiste unter die Arme geklemmt und los
gings......
Nach dem dritten Versuch eine neue Herberge zu bekommen, habe ich
schon fast fest damit gerechnet, dass wir in der Schule nächtigen
werden. Aber ich glaube, das hat die nette Dame gesehen und uns
in ihr Haus eingeladen. Sie stand da und füllte ihre Wasserkanister
auf. Wir haben ihr gleich die ganze Kiste in die Hand gedrückt
und ab zur Schule
Bilder: Mütter mit ihren behinderten
Kindern und Kathrin und Nicole
bei der Arbeit in entlegenen Gebieten

Endlich, wir waren auf dem Weg zu unserem ersten Patient: Ein kleiner
Junge, auf den wir am Tag zuvor aufmerksam gemacht wurden. Es schien,
als habe er eine Peroneusparese, aber als er sein Oberteil auszog,
wurde uns klar, dass es Polio ist. Eine Hühnerbrust kam zum
Vorschein.
Die Mutter hat ein unheimlich schlechtes Gewissen und fühlt
sich schuldig! Aber solche Sachen liegen nicht in unserer Hand.
Natürlich Impfungen, aber... sie hat eigentlich alles richtig
gemacht, denn sie hat ihn zur Schule geschickt und ihn sogar oft
an seinem betroffenen Fuss massiert. Der Junge ist 6 Jahre alt und
die Lehrerin dachte immer er sei vier, da er noch sehr klein ist.
Er weinte fürchterlich, als wir ihm eine Bandage um den Fuss
gwickelt hatten und lies sich erst beruhigen, als wir der Mutter
Klopfungen zur Atemtherapie zeigten. Wir haben Mass genommen und
vielleicht ist es möglich eine Peroneusschiene zu organisieren.
Wir haben nichts gesagt, denn es ist immer besser keine Erwartungen
zu sähen!!
Der nächste Patient ist ein Mädchen und als wir um die
Hausecke bogen standen da gleich zwei Rollstühle und in einem
davon saß die Kleine. Sie hat sich riesig gefreut und sie
war in einem gepflegten Zustand. Da geht einem das Herz auf, wenn
man sieht, dass aus dem Samen, den man setzt, eine wunderschöne
Pflanze gedeiht.
Aus dem Gespraech ging heraus, dass sich die Schwester schämt,
wenn die Mutter mit der Kleinen unterwegs ist. Aber Gott sei Dank
geht sie auf die Schule in der unsere Übersetzerin unterrichtet.
Sie wird das ganze mit dem Mädchen mal besprechen.
Die Kleine hat CP und ist wirklich ein Sonnenschein. Die einzig
wirkliche Kontraktur hat sie am rechten Fuss (Spitzfuss). Die Mutter
hat auch erzählt, dass sie keine Nonne werden will, sondern
lieber heiraten möchte. Auch hier haben wir Mass für eine
Sitzhilfe genommen, da die Mutter sie immer noch auf ihren Schoss
füttert und der Rollstuhl zu gross ist. Die Mutter hat uns
auch noch gefragt, ob sie irgendwann laufen koenne, aber das mussten
wir verneinen. Wir haben ihnen auch gezeigt, wie sie die Kleine
fixieren können und welche Übungen noch effektiv seien.
Und dann ging's auch schon weiter.

Wieder ein Mädchen und beim ersten Hinsehen konnte man fast
nichts sehen. Wir mussten über eine Leiter klettern und da
sahen wir es: die rechte Seite schien total schlapp.
Die Mutter hat uns gesagt, dass sie im Alter von zwei Jahren gestürtzt
sei und somit die Probleme begannen. Die Leute hier erzählen
einen immer solche Sachen, sie wissen es nicht besser. Wir sind
ja nun auch keine Ärzte, aber es sah wie muskuläre Dystrophie
aus. Sie kann nicht mit reiner Oberschenkelkraft aufstehen und auch
von der Rückenlage in den Sitz sind Probleme, es ist ihr nur
über die Seite möglich.
Ihre Zunge ist gelb und bei dem Atemuebungen wurde uns klar, dass
die Atemmuskulatur ebenfalls stark angegriffen ist. Sie hat, laut
Mutter, andauernd Husten und sicher eine Lungenentzündung.
Sprechen ist nur bedingt möglich.
Aber auch sie geht zur Schule und sie ist clever. Sie hat ganz kurzes
Haar, weil ihr das besser gefällt und auch sie ist ein kleiner
Sonnenschein. Wir haben viel mit der Mutter und der Schwester geredet
und ihnen erklärt, wie wichtig die Übungen hier sind.
Vor allem im Winter sollte sie Atemübungen machen und inhalieren.
Diese Situation ist typisch, es gibt keine offizielle ärztliche
Diagnose, die Eltern suchen nach einer Ursache, die sie verstehen
können...Dies sind dann oft kleine Unfaelle im frühen
Kindesalter, jedoch kann dies nicht die Ursache für derartige
Gehirnschädigungen sein. Dies ist natürlich erst einmal
für alle Beteiligten einfacher, und leichter erträglicher
- auch nach aussen hin für das Zusammenleben im Dorf und Familie.
Das Kind erhält jedoch nie die ihm entsprechende Behandlung
und somit entstehen Probleme wie z.B. chronische Lungenentzündungen.

Und weiter ging's. Nach einer Stunde Fußmarsch waren wir da.
Und auch hier ein kleiner Sonnenschein im Rollstuhl. Sie hat sich
riesig gefreut und auch sie war in einem wirklich gepflegten Zustand
- CP und die Kleine hat richtig viel Power. Sie kann sich selbstständig
an der Fensterbank nach oben ziehen und auf den Zehenspitzen stehen.
Sie war richtig stolz und hat es gleich ein paar mal vorgemacht.
Die Familie konnte sich noch gut an Beate erinnern und hat uns ein
Bild gezeigt. Sie wollten uns auch gleich Buttertee andrehen, da
Beate den immer so gern getrunken hat. Aber Nicole's und mein Magen
sind allergisch auf diese Art von Tee. Brrrr!! Auch hier haben wir
Mass genommen und zwar für einen Cornerseat.
Nicole und Dolkar werden dann noch einmal gemeinsam hinfahren, um
die Hilfsmittel abzugeben. Fuer Dolkar ist es auch wichtig die kleinen
Patienten zu kennen, da sie ja auch im Winter nach dem Rechten schauen
muss- Vor allem bei den Kindern mit Atemproblemen.
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Nach Timosgang zurück wollten wir eigentlich mit dem Bus, aber
als wir das Haus verliessen, wurden wir zu einer kleinen Feier eingeladen.
Die Jungen aus den umlegenden Gemeinden waren mit den heiligen Schriften
unterwegs und dabei heftig am Feiern. Drei Mönche feierten
Puja und alle waren am Trinken (Tee) und Essen. Es war eine wunderschoene
Aussicht und der Tag hätte kaum schöner enden können.
Wir haben uns dann den Burschen angeschlossen und das Kloster besucht,
von dem die heiligen Schriften stammten.
Wir waren genau rechtzeitig zum Abendessen zu Hause und schliefen
glücklich und zufrieden ein.
Am nächsten Morgen wohnten wir dann noch dem Festival bei und
dann gings ab nach Hause.
Die paar Tage in Timosgang waren wirklich sehr bewegend. Es kommt
nicht darauf an, dass sich unheimlich viel verändert. Nein,
die kleinen Dinge: dass die Kinder gut integriert sind und am Familienleben
beteiligt sind, das ist wirklich wichtig.
Denn wo Liebe fliesst ist Einsicht möglich.