Temisgameinsatz im November 06

Do. 16.November - So. 19.November 2006
Von Kerstin Becker

"Ein Physiotherapie-Einsatz,
wie ich's mir schon immer vorgestellt habe ………!"

"Auf geht's nach Temisgang!" Ja juchee - am Donnerstag, den 16. November war's dann soweit. Dolker und ich hatten zuvor noch einige Vorbereitungen zu treffen, wie warme Kleidung, festes Schuhwerk, kognitive Spiele, Lese- und Malbücher für unsere zu behandelnden Kinder einkaufen und einpacken;
telefonische Abklärung, ob uns jetzt im Winter noch das Guest House in Temisgam zur Verfügung stehen wird; in Erfahrung bringen wann denn der Bus von Leh abfahren wird.

Und natürlich das Einpacken von Lunchverpflegung, Kleidung, Schlafsack für uns beide und alles was man sonst so braucht, wenn man sich 4 Tage auf Reisen in ländliche Gegenden begibt.

So - geschafft! Wir machten uns früh morgens zu Fuß auf den Weg zur Old Busstation in Leh und suchten unseren Bus, um uns unsere Sitzplätze direkt vorne links am Eingang zu sichern, denn da konnte ich mit meinen langen Beinen am bequemsten sitzen. Glücklicherweise waren wir etwas früher dran, denn kurzfristig verschob sich die Abfahrtszeit um eine halbe Stunde nach vorn auf 11:00 Uhr, und schon brachen wir auf zu unserer 4 stündigen Reise durch die bezaubernde Berglandschaft des Himalajas und seinen Bergdörfern. Wir fuhren durch Gegenden, die überwiegend von den verschiedensten Brauntönen - von hell über dunkelbraun, ocker, karamel bis sandfarben - bestimmt wurde, und dann nach einer Kurve war ER da!
Der Fluss "Indus", der mit seiner eisblauen Farbe schaffte es, dem Farbenspiel eine ganz besondere Note zu verpassen. Auf unserer einspurigen Strasse, manchmal geteert, manchmal holprig und staubig, schlängelten wir uns eine ganze Weile das Industal entlang. Es wurde immer ganz spannend, wenn wir Gegenverkehr hatten, erst recht wenn es ebenso ein Ungetüm von Reisebus war wie wir eines darstellten. Aber alle Bedenken beiseite, denn unser Fahrer fuhr die Strecke bestimmt nicht sein erstes Mal. Außerdem war das "Um-Uns-Herum" viel zu aufregend anzuschauen, als sich unnötig mulmigen Gefühlen zu überlassen. Unser stetiger Begleiter war außerdem das strahlende Blau des Himmels, wärmender Sonnenschein und das Pfeifen des "Busschaffners", was dem Busfahrer das Zeichen gab wann er anhalten und weiterfahren durfte.
- Aber schaut selbst - "gibt es einen schöneren Arbeitsplatz für eine Physio?" -


Temisgam ist ein Dorf, umrandet von Bergen der verschiedensten Formen, Höhen und Farben und auf dem Weg zu unserem Guest-House passierten wir Ruinen des alten Klosters hoch am Berg droben und Überbleibsel gewöhnlicher Wohnhäuser.

Wir begegneten einer Einheimischen beim Waschen einiger Kleidungsstücke am Wegrand und schlenderten voll gepackt vorbei an einer Gebetsmühle und einer Stupa (weißes Gebilde mit roter Spitze) die deutlich an die Orientierung am Glauben im Alltag erinnern.

Und dann ist es schon in Sicht, unser Namra Guest House am Fuße eines Berges und Dolker erzählt mir sogleich, dass die Besitzer hier im Dorf als "Royal Family" gelten, denn die Frau des Hauses ist eine Verwandte zur königlichen Familie.
Kleine Anmerkung am Rande:
Kosten 4 stündige Busfahrt für 2 Personen 140 rp einfach = ca. 2,60 EUR
3Ue/Guest House für 2 Personen zzgl. Frühstück und warmes Abendessen 1200 rp = ca. 23 EUR. Nur damit man mal eine Vorstellung hat, eine 275gr Schachtel Kellogs Müsli kostet übrigens 110 rp.

Der Anreisetag war also zum Ausruhen gedacht, denn am nächsten Morgen und den Tag darauf, erwartete uns ein 1,5 stündiger Fußmarsch das Tal entlang ins nächste Dorf namens "Tia", eine wunderschön anzusehende Stadtkulisse übrigens - so auf dem Hügel erbaut, Haus an Haus. Hier sollten wir zwei Mädchen behandeln, die beide auf den Namen Stanzin Yangdol hörten, beide 10 Jahre alt waren und die sich auf dem Blatt nur durch ihre Diagnose unterschieden. Es war schön zu Fuß zu gehen, denn so nahm man um sich herum alles viel deutlicher wahr und hatte Zeit, sich auf das zu Erwartende durch Gespräche austauschen.

Und nach einer kurzen Pause für unser Lunch mit Bruder Donkey - bestehend aus Chapati, Karotten und einem Apfel - machten wir uns auf dem Weg zur nächsten Patientin.

Beim nächsten Kind stieß die Healthworkerin zu uns, ohne die wir eigentlich keine Hausbesuche machen. Für diese Patientin hatte wir einen warmen Pullover mit, wobei ich mir wünschte, wir hätten noch eine zweite Garnitur, zwei Hosen und bestimmt 5 paar warme Socken mitgenommen, denn als ich ihre Füße begutachten wollte - entschied ich mich sogleich für ein Fußbad aus warmem Wasser. Einerseits um dem krustigen Schmutz, der ihre Füße belagerte, Herr zu werden, aber auch andererseits um der hohen Muskelspannung durch ihre bestehende Tetraspastik ein Schnippchen zu schlagen. Durch die lockernde Wirkung der Wärme auf die Muskulatur waren wir in der Lage, die Spastik zu überwinden und konnten ihre Füße im Wasser und auch später an Land in ihre eigentliche Ursprungsstellung bewegen. Da die Mutter keine Socken zum Wechseln hatte (deshalb wünschte ich wir hätten mehr Kleidung mitgehabt) mussten kurzerhand frische Socken von ihr dran glauben, denn ich sträubte mich, Tigmet die alten wieder anzuziehen, die vor Dreck schon von alleine standen!

Dolker hatte sich in der Zwischenzeit um ihre Ohren gekümmert und so strahlte das Gesicht der kleinen Tigmet jetzt nicht nur vor Öl.
Für die Hände (die sie sich des Öfteren in den Mund steckte) und die Nägel beauftragten wir dann ihre Grosseltern, denn die Mutter war zu einer Zeremonie im Dorf unterwegs und sowieso schon zu spät.

Mit dem Säubern verbanden wir trickreich gleich die Therapie, wobei die Healthworkerin interessiert die Behandlung verfolgte und lernend mit Hand anlegte.

Nach 1,5 Stunden verließen wir dieses strahlende Kind mit einem lachenden und zugleich geschockten Herzen.


Tja - alles in allem ein anstrengender 2. Tag (an dem es über Nacht und noch morgens übrigens geschneit hatte), aber jetzt durften wir noch unseren Gleichgewichtssinn unter Beweis stellen und uns zum Haus unseres letzten Patienten Urgen aufmachen. Dieser kleine Fratz, jetzt schon 6 Jahre alt, schlägt sich seit dem Säuglingsalter mit einem Minderentwickelten rechten Bein nach einer Polioerkrankung rum. Bis heute ist das rechte Bein kürzer und dünner als das linke und der rechte Vorfuß hat sich zum Sichelfuß entwickelt mit ganz wenig muskulärer Kraft, die seinen Fuß geradehalten könnt. Also ließen wir dem Kleinen ein Gangtraining angedeihen, in dem ihn seine Mutter tatkräftig durch helfende, orientierende Handgriffe assistieren sollte. Ihr wurde außerdem noch von uns gezeigt wie der Fuß unterstützend und aufrichtend gewickelt werden sollte, bis wir mit dem etwas praktischeren Tape ihnen einen erneuten Besuch abstatten werden.

 

Zu allerletzte ließen wir Urgen noch ein paar hohe, leider ihm etwas zu große orthopädische Kinderschuhe da, und da strahlte der kleine Mann über das ganze Gesicht. Vergessen waren die ungewohnt einzwängende Bandage am Fuß und die leidlichen Übungen für den Alltag.

Am Ende des 2. Tages kraxelte ich zu meiner Belohnung noch auf die Hausbergkette hoch um etwas stille Zeit für mich zu haben und mir die Dimension der zurückgelegten Strecke mal im Gesamtbild von oben anzuschauen.

 

Ein wunderschöner Tag ging zu Ende und da es schon dämmerte nahm uns ein netter Einheimischer in seinem Auto mit nach Temisgam zurück.

Am Sonntag morgen ganz in der früh schnappten wir den Bus zurück Richtung Leh um dann in einem Dorf namens Bazgo abzusteigen um hier auch noch zwei Patienten ausfindig zu machen, die auf der Behandlungsliste standen. Was wieder Fußmarsch bedeutete diesmal zu Tsewang, 17J. alt.

Und nachdem um die Mittagszeit in Bazgo das Leben nicht stillsteht, verrieten uns ein paar gesunde lachende Kinder den Weg zum nächsten Patienten.

Und dann stapfen wir los - manchmal wollten uns unsere Füsse nicht mehr tragen - immer die Dorfstrasse entlang .......

......bis wir das Haus der Familie erreichen, wo wir uns um einen kleinen, fast 2 Jahre alten Jungen mit einer Cerebralparese kümmern. Die Mutter ist interessiert und freut sich über jede Hilfestellung und Anleitung, die wir ihr beim krankheitsbildgerechten, fördernden Umgang mit ihrem Sohn beibringen können.

Mit dem bisher immer abschließenden Angebot, dass sich die Mutter jederzeit bei Fragen telefonisch bei uns melden kann, verabschieden wir uns, laden unsere Rucksäcke auf und machen uns auf der Strasse Richtung Leh bei strahlendem Sonnenschein auf die Socken.
Einen Busfahrplan hatten wir keinen, und wenn schon, wir werden einfach so lange an der Strasse entlang laufen bis ein Bus vorbeikommt! Als wir nach 45 minuten Fußmarsch schon fast die Buszwischenstation erreicht hatten, überholte uns ein Reisebus. Welcher allerdings vor Menschen nur so aus allen Nähten platzte. Also blieb uns nach einer warmen Tasse Tee an der Station (die Sonne war nämlich schon hinter den Bergen verschwunden und es wurde kalt) nichts anderes übrig als mit unserem Gepäck auf dem Dach des Busses Platz zu nehmen.

Mensch, ich sag euch, waren meine Füße froh, als sie keinen Boden mehr unter sich spüren mussten. Ich glaube ich bin noch nie in meinem Leben so viel gelaufen wie an diesem verlängerten Wochenende. Und jetzt konnte ich auch noch eine Heimfahrt a` la Caprio für geschlagene 1,5 Stunden genießen.
Naja die letzte halbe Stunde im Dunkeln, glichen Dolker und ich dann schon eher lebenden, schlotternden Eiszapfen. Aber DAS Abenteuer war's das einfach wert!!!! Meinereiner - voll gepackt mit Eindrücken, neuen Erfahrungen, glücklich aber müde - freute sich nun doch tierisch auf eine heiße Dusche (meint auf Gasofen heiß gekochtes Wasser gemischt mit kaltem aus dem Wasserhahn mit einem Becher über den Kopf schüttend).

Danach ganz gschwind in kuschelig warme Klamotten rein und......
......na was wohl - loooooogisch - in die Falle, die Augen hinter all dem Erlebten schließen und träumen...... !!!!!!

Bis zum nächsten Mal - eure Kerstin Becker!

 



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