Einsatz in entlegenen Gebieten

Temisgang Ende Dezember 2006

Bericht von Kerstin Petkat

Ein Monat vergeht schnell und am 25.12. war es wieder soweit: Der Trip nach Temisgam stand wieder an. Fuer Dolker und Kerstin nicht zum ersten Mal, fuer mich war es eine Premiere.
Schon alleine die Fahrt entlang des Indus war atem(be)raubend. Zum einen wegen des mittlerweile (teilweise) gefrorenen Indus, welcher aber trotzdem nicht von seiner tuerkisfabenen Farbe eingbuesst hatte.

Zum anderen wegen der oftmals noch halsbrecherischen Strassen bzw. Schuttwege, die entlang des Flusses fuehren - oft in schwindelerregender Hoehe, den Abgrund direkt vor Augen, respektive Busfenster. Aber anstatt sich ueber moegliche Gefahren Gedanken zu machen sollte man lieber die schoene Aussicht und Umgebung geniessen - der Busfahrer ist diese Strecke nicht zum ersten Mal gefahren, und hat ja schliesslich auch ein ureigenstes Interesse heil in Temisgam anzukommen. Also, alle negativen Gedanken streichen - nur noch schauen und staunen. (Gegen die eiskalten Fuesse im Bus haben aber nicht mal warme Gedanken geholfen...). Was soll einem ausserdem passieren, wenn der Bus solch einen Namen traegt.


Nach ca. 4 Stunden Fahrt sind wir endlich in Temisgam angekommen, wo wir uns dann in unserem Guesthouse bei Tee und Keksen am Bukhary (= Holzofen; gibt es in verschiedenen Variationen in Ladakh, alles spenden aber eine angenehme und belebende Waerme.) Die Damen des Hauses gingen auch einer typisch ladakhischen Beschaeftigung nach: Dem Wolle spinnen.

Heute heisst es erst einmal ‚Ankommen'.

Tags drauf, am 26.12., ging es dann zu unserem ersten Hausbesuch, welcher nur anderthalb Stunden Fussweg entfernt war. Nachdem wir stetig bergauf, ueber Felder und Fluss uns unseren Weg gebahnt hatten, gab es bei der Familie unseres Patienten, Urgyan Chospal, auch erst mal einen warmen Tee und Kekse.

Urgyan (Diagnose: Polio) hat motorisch keine schwerwiegenden Einschraenkungen bis auf eine Peroneus-Parese, welche ihn an einem physiologischen Gang hindert. Aus diesem Grund starteten wir den (Selbst-) Versuch ihm eine Gipsschiene fuer die Nacht "angedeihen" zu lassen, damit es auf Dauer nicht zu Verkuerzungen im Sprunggelenk kommt. Ihm machte das Ganze einen Riesenspass - ob diese Schiene auch einen therapeutischen Nutzen hat wird sich beim naechsten Besuch zeigen.

 

Je nachdem mit welcher Konsequenz diese getragen wird.
Unser zweiter (und auch letzter) Patient bzw. Patientin des Tages befand sich ca. nochmals eine Stunde Fussweg entfernt. Stanzin Yangdal ist motorisch insofern auffaellig, da sie Probleme mit ihrem Gleichgewicht und der Balance hat. Aber bevor wir mit ihr arbeiten konnten gab es auch hier erst einmal den obligatorischen Begruessungstee, und einen Teller voll Kekse. Die darauffolgende Therapie hatten wir bei ihr spielerisch angesetzt, so dass sie die Uebungen auch mit ihren Geschwistern alleine durchfuehren kann.


Nach dieser Patientin war unser Tagessoll erfuellt und wir machten uns auf den Weg heim in's Guesthouse - dieses Mal ging es immer bergab entlang einer Strasse, was einen fast von alleine laufen liess. Die Gedanken konnten sich frei im Kopf entfalten, die Aussicht genossen, und die Gewissheit, dass uns ein leckeres Abendessen am warmen Holzofen erwarten wuerde...

Die darauffolgenden beiden Tage, den 27.12. und 28.12., verbrachten wir - zu unserem eigenen Vergnuegen - in Hemis Chupachan, da uns gesagt wurde, dass hier ein grossartiges Festival traditioneller Art stattfinden soll. Der Weg dorthin war alles andere als einfach, dafuer aber wieder einmal atemberaubend.

Nicht einfach, da unser 4-stuendige Fussmarsch ueber einen hohen Pass ging, bestaendig bergauf. Atemberaubend, da die Bergwelt der Himalaya einfach keine anderen Worte zulaesst! Zu unserem Glueck hatten wir auch noch einen strahlend blauen Himmel ueber uns, die Sonne schien, und....wir trafen Gleichgesinnte. Einheimische aus Temisgam, welche uns etwas von ihrem mitgebrachten Getraenk (Chang = selbstgebrautes Gerstenbier) anboten.

Dummerweise waren wir naemlich ohne etwas zu Trinken an diese Wanderung nach Hemis herangegangen - wir hatten nicht gedacht, dass wir tatsaechlich stundenlang unterwegs sein wuerden. Aber Schnee wird bekanntlich auch fluessig wenn man ihn ihm Mund schmelzen laesst, und so haben wir uns damit einfach beholfen.
Gluecklich in Hemis angekommen machten wir uns auf den Weg unseren ‚Homestay', und nach einer kurzen Erholungspause weiter zur ersten Darbietung des Festivals.

(Homestay bedeutet, dass man bei einer Familie privat wohnt, die einem dann Kost und Logis (gegen Entgeld) gewaehrt.) Unsere Homestay-Familie war wirklich sehr gastfreundlich (wie eigentlich alle Ladakhis), und hat uns letztendlich am naechsten Tag bei sich in ihrer Wohnstube verkoestigt -

und auch hier wurde uns unverdrossen das traditionelle Getraenk (Chang) angeboten. Es ist einfach ein Teil der ladakhischen Kultur, derer auch Fremde teilhaftig werden sollen.

Am 29.12. hiess es dann am Morgen: Auf, zurueck nach Temisgang!! Der Rueckweg kostete uns aber nur drei Stunden, da es zum groessten Teil nun bergab ging. Mittags angekommen ging's dann zu unseren letzten beiden Patienten in Tia, welches nur einen ‚kleinen Fussmarsch' entfernt war

Allerdings einen grossen Berg rauf, so dass wir uns fuer den ersten Teil des Weges ein Taxi organisiert hatten, da unsere Energieressourcen aufgrund der letzten beiden ‚Wandertage' schon recht aufgebraucht waren. Leider konnte uns besagtes Taxi nicht bis vor die Tuer unseres ersten Patienten (Stanzin Chan Cha Pa) bringen, da die Strasse auf einmal komplett vereist war, so dass uns unser Fahrer hier entlassen musste, und wir, wie konnte es anders sein, den Rest zu Fuss laufen mussten.
Bei der Familie angekommen waren wir sehr positiv von der Fortschritten von Stanzin (Diagnose: Tetraplegie) ueberrascht.

Dies zeigte uns naemlich, dass die Angehoerigen in unserer Abwesenheit waehrend des letzten Monats die ihnen gezeigten Uebungen selbstaendig durchgefuehrt haben mussten. Und das ist keine Selbstverstaendlichkeit!
Der zweite Patient fiel fuer uns dann aber aus. Nachdem wir bei Jigmet angekommen waren (natuerlich nach einer weiteren Stunde Fussmarsch...) sagte uns seine Mutter, dass er schon seit mehreren Wochen krank sei und nicht in der Lage ist fuer eine Therapieeinheit. Also liessen wir ihr nur die mitgebrachte Wolle da, damit Jigmet fuer den Winter ein paar angemessene warme Socken gestrickt bekommt. Auch darin besteht ein Teil unsere Arbeit: In den nicht so wohlhabenden Familien dafuer zu sorgen, dass zumindest die Kinder den Temperaturen adaequate Waesche bekommen.

Mittlerweile neigte sich die Sonne erneut tief gen Westen und wir machten uns auf den Heimweg Richtung Guesthouse, und waermenden Ofen.
Am naechsten Tag, frueh am Morgen, nahmen wir den Bus nach Leh. Wieder entlang der hohen Paesse, und des ewig tuerkisfarbenen Indus....


Kerstin Petkat aus Leh, Januar 2007



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