Bericht
von Kerstin Petkat
Ein Monat vergeht schnell und am 25.12. war es wieder soweit: Der
Trip nach Temisgam stand wieder an. Fuer Dolker und Kerstin nicht
zum ersten Mal, fuer mich war es eine Premiere.
Schon alleine die Fahrt entlang des Indus war atem(be)raubend. Zum
einen wegen des mittlerweile (teilweise) gefrorenen Indus, welcher
aber trotzdem nicht von seiner tuerkisfabenen Farbe eingbuesst hatte.
Zum anderen wegen der oftmals noch halsbrecherischen Strassen bzw.
Schuttwege, die entlang des Flusses fuehren - oft in schwindelerregender
Hoehe, den Abgrund direkt vor Augen, respektive Busfenster. Aber
anstatt sich ueber moegliche Gefahren Gedanken zu machen sollte
man lieber die schoene Aussicht und Umgebung geniessen - der Busfahrer
ist diese Strecke nicht zum ersten Mal gefahren, und hat ja schliesslich
auch ein ureigenstes Interesse heil in Temisgam anzukommen. Also,
alle negativen Gedanken streichen - nur noch schauen und staunen.
(Gegen die eiskalten Fuesse im Bus haben aber nicht mal warme Gedanken
geholfen...). Was soll einem ausserdem passieren, wenn der Bus solch
einen Namen traegt.

Nach ca. 4 Stunden Fahrt sind wir endlich in Temisgam angekommen,
wo wir uns dann in unserem Guesthouse bei Tee und Keksen am Bukhary
(= Holzofen; gibt es in verschiedenen Variationen in Ladakh, alles
spenden aber eine angenehme und belebende Waerme.) Die Damen des
Hauses gingen auch einer typisch ladakhischen Beschaeftigung nach:
Dem Wolle spinnen.

Heute heisst es erst einmal Ankommen'.
Tags drauf, am 26.12., ging es dann zu unserem ersten Hausbesuch,
welcher nur anderthalb Stunden Fussweg entfernt war. Nachdem wir
stetig bergauf, ueber Felder und Fluss uns unseren Weg gebahnt hatten,
gab es bei der Familie unseres Patienten, Urgyan Chospal, auch erst
mal einen warmen Tee und Kekse.

Urgyan (Diagnose: Polio) hat motorisch keine schwerwiegenden
Einschraenkungen bis auf eine Peroneus-Parese, welche ihn an einem
physiologischen Gang hindert. Aus diesem Grund starteten wir den
(Selbst-) Versuch ihm eine Gipsschiene fuer die Nacht "angedeihen"
zu lassen, damit es auf Dauer nicht zu Verkuerzungen im Sprunggelenk
kommt. Ihm machte das Ganze einen Riesenspass - ob diese Schiene
auch einen therapeutischen Nutzen hat wird sich beim naechsten Besuch
zeigen.

Je nachdem mit welcher Konsequenz diese getragen
wird.
Unser zweiter (und auch letzter) Patient bzw. Patientin des Tages
befand sich ca. nochmals eine Stunde Fussweg entfernt. Stanzin Yangdal
ist motorisch insofern auffaellig, da sie Probleme mit ihrem Gleichgewicht
und der Balance hat. Aber bevor wir mit ihr arbeiten konnten gab
es auch hier erst einmal den obligatorischen Begruessungstee, und
einen Teller voll Kekse. Die darauffolgende Therapie hatten wir
bei ihr spielerisch angesetzt, so dass sie die Uebungen auch mit
ihren Geschwistern alleine durchfuehren kann.
Nach dieser Patientin war unser Tagessoll erfuellt und wir machten
uns auf den Weg heim in's Guesthouse - dieses Mal ging es immer
bergab entlang einer Strasse, was einen fast von alleine laufen
liess. Die Gedanken konnten sich frei im Kopf entfalten, die Aussicht
genossen, und die Gewissheit, dass uns ein leckeres Abendessen am
warmen Holzofen erwarten wuerde...
Die darauffolgenden beiden Tage, den 27.12. und 28.12.,
verbrachten wir - zu unserem eigenen Vergnuegen - in Hemis Chupachan,
da uns gesagt wurde, dass hier ein grossartiges Festival traditioneller
Art stattfinden soll. Der Weg dorthin war alles andere als einfach,
dafuer aber wieder einmal atemberaubend.

Nicht einfach, da unser 4-stuendige Fussmarsch ueber einen hohen
Pass ging, bestaendig bergauf. Atemberaubend, da die Bergwelt der
Himalaya einfach keine anderen Worte zulaesst! Zu unserem Glueck
hatten wir auch noch einen strahlend blauen Himmel ueber uns, die
Sonne schien, und....wir trafen Gleichgesinnte. Einheimische aus
Temisgam, welche uns etwas von ihrem mitgebrachten Getraenk (Chang
= selbstgebrautes Gerstenbier) anboten.

Dummerweise waren wir naemlich ohne etwas zu Trinken an diese
Wanderung nach Hemis herangegangen - wir hatten nicht gedacht, dass
wir tatsaechlich stundenlang unterwegs sein wuerden. Aber Schnee
wird bekanntlich auch fluessig wenn man ihn ihm Mund schmelzen laesst,
und so haben wir uns damit einfach beholfen.
Gluecklich in Hemis angekommen machten wir uns auf den Weg unseren
Homestay', und nach einer kurzen Erholungspause weiter zur
ersten Darbietung des Festivals.

(Homestay bedeutet, dass man bei einer Familie privat wohnt, die
einem dann Kost und Logis (gegen Entgeld) gewaehrt.) Unsere Homestay-Familie
war wirklich sehr gastfreundlich (wie eigentlich alle Ladakhis),
und hat uns letztendlich am naechsten Tag bei sich in ihrer Wohnstube
verkoestigt -

und auch hier wurde uns unverdrossen das traditionelle
Getraenk (Chang) angeboten. Es ist einfach ein Teil der ladakhischen
Kultur, derer auch Fremde teilhaftig werden sollen.

Am 29.12. hiess es dann am Morgen: Auf, zurueck nach Temisgang!!
Der Rueckweg kostete uns aber nur drei Stunden, da es zum groessten
Teil nun bergab ging. Mittags angekommen ging's dann zu unseren
letzten beiden Patienten in Tia, welches nur einen kleinen
Fussmarsch' entfernt war

Allerdings einen grossen Berg rauf, so dass wir uns fuer den ersten
Teil des Weges ein Taxi organisiert hatten, da unsere Energieressourcen
aufgrund der letzten beiden Wandertage' schon recht aufgebraucht
waren. Leider konnte uns besagtes Taxi nicht bis vor die Tuer unseres
ersten Patienten (Stanzin Chan Cha Pa) bringen, da die Strasse auf
einmal komplett vereist war, so dass uns unser Fahrer hier entlassen
musste, und wir, wie konnte es anders sein, den Rest zu Fuss laufen
mussten.
Bei der Familie angekommen waren wir sehr positiv von der Fortschritten
von Stanzin (Diagnose: Tetraplegie) ueberrascht.

Dies zeigte uns naemlich, dass die Angehoerigen in unserer Abwesenheit
waehrend des letzten Monats die ihnen gezeigten Uebungen selbstaendig
durchgefuehrt haben mussten. Und das ist keine Selbstverstaendlichkeit!
Der zweite Patient fiel fuer uns dann aber aus. Nachdem wir bei
Jigmet angekommen waren (natuerlich nach einer weiteren Stunde Fussmarsch...)
sagte uns seine Mutter, dass er schon seit mehreren Wochen krank
sei und nicht in der Lage ist fuer eine Therapieeinheit. Also liessen
wir ihr nur die mitgebrachte Wolle da, damit Jigmet fuer den Winter
ein paar angemessene warme Socken gestrickt bekommt. Auch darin
besteht ein Teil unsere Arbeit: In den nicht so wohlhabenden Familien
dafuer zu sorgen, dass zumindest die Kinder den Temperaturen adaequate
Waesche bekommen.
Mittlerweile neigte sich die Sonne erneut tief gen Westen und wir
machten uns auf den Heimweg Richtung Guesthouse, und waermenden
Ofen.
Am naechsten Tag, frueh am Morgen, nahmen wir den Bus nach Leh.
Wieder entlang der hohen Paesse, und des ewig tuerkisfarbenen Indus....
Kerstin Petkat aus Leh, Januar 2007