Unterwegs
in den Westen Ladakhs
von
Eike Dammann
Am Busbahnhof von Leh treffen Dolker und ich Stanba von der Organisation
Health.Inc.. Diese von der Amerikanerin Cynthia Hunt gegruendete Organisation
arbeitet in einigen entlegenen Doerfern und kuemmert sich auch um
behinderte Kinder dort. Sie haben uns, wie schon im vergangenen Jahr,
eingeladen bei einigen Kindern in diesen Doerfern vorbeizuschauen.
Jetzt waren wir natuerlich gespannt, ob und was sich veraendert hat
fuer die Kinder. Unser erster Besuch gilt Mingeor, einem 8 -jaehrigen
Jungen in Skurbuchan. Die Busfahrt dorthin dauerte ueber 6 Stunden.
Im Dorf angekommen, gab es gleich Tee bei Mingeor's Familie. Dort
uebernachteten wir auch.
Am Abend war noch etwas Zeit fuer einen kurzen Dorfrundgang. Es herrschte
noch viel Betrieb: an Haeusern wurde gebaut, einige Leute waren mit
ihren Tieren unterwegs


und
an der Wasserstelle herrschte reger Betrieb. Alles benoetigte Wasser
muss in Kanistern zum Haus geschafft werden. Am naechsten Morgen geht
es dann mit der Therapie los. Mingeor ist von seiner Geburt an behindert.
Eine genaue Diagnose gibt es nicht. Sein Hauptproblem ist der Einsatz
+ die Koordination der Haende und die damit verbundenden Probleme
beim Essen und Anziehen. Aber auch beim Stehen und Gehen ist er wacklig,
seine Fuesse zeigen nach innen. Durch die kalten Winter ist auch die
Infektanfaelligkeit von Myngeor recht hoch. So beginnen wir erst mal
mit Atemtherapie. Die Mutter ist nicht da, aber die Tante verfolgt
interessiert was wir tun.
Auf
dem Dach des Hauses haben wir unsen Befund vervollstaendigt

,
dann waren wir mit Myngeor draussen. Er wird von den Leuten aus dem
Dorf ueberall begruesst. Selbstaendig laeuft er die ebene Strasse
vor der Haustuer auf und ab. Er stolpert z.T., da sein Blick in die
Luft geht und er die Fuesse nicht richtig hebt. Wir sind mit ihm dann
ueber "Stock und Stein", sowie bergauf und bergab gegangen,
um an seinem Gang sowie der Balance zu arbeiten. Durch diese Veraenderungen
am Gewohnten war er aufmerksamer und die Fuesse schlurften nicht mehr
so. An der Gebetsmuehle haben wir gleich noch den Einsatz beider Haende
geuebt

Da
die Mutter immer noch nicht daheim war und Myngeor eine Therapiepause
brauchte, nutzten wir die Zeit zu einem Spaziergang. Dieser Montag
war ein religioeser Feiertag, so waren gerade die aelteren Leute mit
Gebetsmuehle und Gebetskranz im Dorf unterwegs.

Wir stiegen stetig, an vielen Gebetsmuehlen vorbei, zum Kloster rauf.
Dort war alles verschlossen. Wir wurden fuer unsere Muehen aber mit
einer schoenen Aussicht auf die Daecher des Dorfes und den Indus belohnt.
Am Abend stand
das Esstraining mit Mingeor auf dem Plan. Normalerweise wird er gefuettert,
teilweise laeuft die Tante mit dem Loeffel hinter ihm her. Nebenbei
laeuft der Fernseher (was ihn sehr ablenkt). Schon beim letzten Besuch
hatten Nicole und Nici u.a. mit der Mutter ueber eine guenstige Sitzposition
beim Essen gesprochen. Leider ist nicht viel von dem im letzten Jahr
erarbeiteten umgesetzt worden. Ob es nun an zu wenig Zeit (was im
Winter eher nicht der Fall ist) oder am Desinteresse der Mutter liegt,
bleibt die Frage. Wir haben ihr nochmal erklaert warum die Selbstaendigkeit
fuer Mingeor wichtig ist und wie sie ihn unterstuetzen kann. Ihre
Mitarbeit ist ausschlaggebend, da wir nur 2 - 4 x im Jahr vorbeischauen
koennen.
Nun zurueck zum Essen. Ohne Ablenkung vom Fernseher blieb Mingeor
deutlich laenger konzentriert bei der Sache. Mit ein wenig Unterstuetzung
am Arm und der Hand schaffte er es zu essen. Positiv war, dass seine
Tante es dann gleich auch selber mit ihm probierte. Fuer ihn waere
es zu wuenschen, wenn es so weitergeht.

Mingeor
und sein kleiner, gesunder Bruder
Am naechsten Morgen
heisst es wieder Sachen packen und auf den Bus warten der uns nach
Domkar-Dho bringt. Dort wollen wir bei Jigmet, einem 9-jaehrigen Jungen,
vorbeischauen. Bei ihm gab es im letzten Jahr Probleme mit der Intergration
in die Schule. Er nahm nicht leicht Kontakt zu anderen auf, war schnell
frustriert und wurde auch aggressiv.

Auch
hier gab es erst mal Tee in der Kueche.
Bis 16.00 Uhr
war fuer Jigmet Schule. Wir beschlossen dort vorbeizuschauen und nachzufragen,
ob es Probleme gibt. Der Direktor hatte gleich Zeit fuer uns und Positives
zu berichten. Jigment kommt jetzt regelmaessig zur Schule, er ist
nicht mehr so haeufig agressiv und auch sein Sprachschatz ist umfangreicher
und deutlicher geworden. Sehr engagiert scheint seine Lehrerin zu
sein, aber auch zu Hause sind die Empfehlungen vom letzten Jahr aufgegriffen
worden. Jigmet wird mehr ins Familienleben miteinbezogen. Es ist schoen
die daraus resultierenden Veraenderungen zu sehen. An den Besuch von
Stanba im letzten Jahr erinnert sich Jigmet auch noch.
Wenn es auch Positives zu berichten gibt, steht noch einiges an Arbeit
an. Die Schule zeigte sich aufgeschlossen fuer den Vorschlag mit einer
Sonderschulpaedagogin zusammenzuarbeiten, um Jigmet beim Lernen weiter
voran zu bringen. Diesen Kontakt werden wir herstellen.
Fuer uns gab es
dann nach dem Lunch erst mal nichts zu tun. So machten wir uns auf
den Weg ins naechste Dorf. Dies ist die waermste Gegend in Ladakh.
Die ersten Bauern begannen schon ihr Felder zu bewaessern und zu pfluegen.
Der Flug wird von Dzoh's gezogen, einer Kreuzung aus indischer Hauskuh
und Yak. Mann merkt immer mehr dass der Fruehling anbricht.

Kurz nach 16.00
Uhr wurden wir von Jigmet mit der Frage empfangen wo wir waren.
Er hatte schon auf uns gewartet. In der Therapie war mir als erstes
wichtig, dass er im Spiel Kontakt mit anderen aufbaut. So begannen
wir zu viert mit Ballspielen. Jigmet konzentrierte sich zuerst nur
auf eine Person, passte den Ball spaeter aber im Wechsel zu uns.


Das
Fangen ist noch recht schwierig
Auch beim Zielwerfen klappte es nach ersten Fehlversuchen immer besser.

Getroffen:
Der Ball ist im Korb!
Da es auch in Jigmets Lunge gebrodelt hat, machten wir mit ihm einige
Atemuebungen.

Sein groesserer
Bruder und die Mutter schauten immer wieder zu und waren offen fuer
unsere Anregungen.
Um weiter an seiner Sprache zu arbeiten, haben Dolker, Jigmet und
Standa gemeinsam gesungen. Ich habe einfach nur fasziniert zugehoert.
Jigmet machte immer neue Vorschlaege fuer Lieder. Danach ging es noch
ans Lernen von Farben und Zahlen. Ein Uebungsbuch haben wir ihm dagelassen.
Das war ein intensiver aber schoener Abend.

Jigmet ist spaeter in den Armen von Dolker eingeschlafen.
Am Mittwoch gings wieder zurueck nach Leh.