Patientenbesuche
bei den Indoariern
von
Helene Fleißner
Drei
Tage lang war ich mit meinem persoenlichen Dreamteam, unserer einheimischen
Mitarbeiterin Dolker und dem Taxifahrer Yountain in Dha Hanu. Von
Ladakh-Hilfe war zuvor noch niemand dort, und unser Ziel war es vor
allem, herauszufinden, wo in diesem Gebiet behinderte Kinder sind,
ob wir therapeutisch etwas machen koennen und was fuer die naechsten
Trips zu beachten ist.
Dha Hanu
liegt mehr als hundertfuenfzig Kilometer von Leh entfernt. Die Strasse
ist zum Teil schlecht, und so brauchten wir mit dem Jeep rund sieben
Stunden, um dort hin zu kommen. Schon bei unserer Anreise zeigte sich
die Landschaft von Ladakh von ihrer bunten Seite. Neben den sonst
ueblichen Braun- und Grautoenen gab es diesmal auch sehr viel Gruen,
Gelb und Pink zu sehen! Heckenrosen, Potentilla und Prachtspiere bluehten
neben der Strasse und auf den Haengen rund herum.


Dha Hanu
selbst liegt tiefer als Leh und es gehoert zu den fruchtbarsten Regionen
von Ladakh. Die Leute haben zwei Ernten im Jahr und gelegentlich schlingen
sich sogar Weinpflanzen an anderen Baeumen hoch. Walnuss- und Aprikosenbaeume,
Getreidefelder und Gaerten voller Rosen dominieren das Landschaftsbild.
Die Leute, die hier leben, stammen aus dem Westen. Sie sind Indoarier
und gehoeren zu den ersten Einwanderern Ladakhs. Die Frauen haben
ihr langes Haar kunstvoll zu Zoepfen geflochten (jeweils vier rechts
und links und sechs hinten), und ausserdem tragen sie spezielle Muetzen,
die ueppig mit frischen Blumen, Muenzen, Nadeln, Baendern und gefaerbter
Wolle geschmueckt sind. Die Maenner tragen ebenfalls Blumen auf ihren
Kappen.


Geschmückte
Einwohner - Indoarier


Dolker
und ich mit den Rosen und beim Ausruhen
Gleich
am ersten Tag reisten wir in die "Restricted Area Kargil"
ein. Für Touristen ist es schwierig, dort hinein zu kommen.
In der
"Restrictet Area" selbst kamen wir zu drei Patienten. Ob
wir fuer sie therapeutisch etwas tun koennen, ist fraglich. Eher wird
es darum gehen, mit materiellen Mitteln zu helfen. Die ganze Dorfgemeinschaft
machte sich fuer unsere Befundaufnahme auf die Beine. Kein Wunder,
schliesslich gab es ja Fremde zu begutachten. Das besondere fuer mich
war, dass dieses Mal nicht ich (als einzige Weisse) die Aussergewoehnliche
war. Wir alle drei wurden als die Touristen aus Leh angestarrt. Deshalb
haben uns die Leute auch so gegruesst, wie wir es aus Leh gewoehnt
sind (mit einer Handbewegung in Richtung Stirn). Sie selbst ballen
eigentlich die Hand zu einer Faust und beugen den Ellbogen ein wenig
an. Oder sie nehmen ihre Huete ab und schwenken sie in Richtung ihres
Gegenuebers. Dolker und Youtain waren ueber diese Gesten ebenso erstaunt
wie ich.


Das
ganze Dorf ist auf den Beinen - unser Taxifahrer Yountain beim Kochen
unserer Mahlzeiten
Am naechsten
Tag ging es hoch hinaus. Wieder in der "Restricted Area Kargil"
besuchten wir drei weitere Patienten. Die vierzehnjaehrige Stanzin
hat schon seit Geburt eine Behinderung, doch sie konnte krabbeln und
stehen. Seit einer Operation in Dehli vor einem Jahr ist ihr Unterschenkel
deformiert und am Oberschenkel ist eine Wunde noch immer nicht geschlossen.
Krabbeln und Stehen ist jetzt nicht mehr moeglich. Das erste Ziel
ist bei ihr, sie zu einem Doktor zu bringen, der die Wunde behandeln
kann und der ausserdem entscheidet, ob sie mit diesen Beinen stehen
und gehen darf. Erst wenn wir darueber Bescheid wissen, ist unser
weiters therapeutisches Vorgehen moeglich.

Stanzin
Am letzten
Tag waren wir bei Tarchin. Er ist vier Jahre alt, hat wahrscheinlich
CP und kann sich noch nicht drehen. Zudem sitzt, krabbelt und steht
er nicht. Doch er lacht uns an und er scheint uns zu verstehen. Er
muss den ganzen Tag ueber so liegen, wie ihn die Mutter positioniert,
und die Zeit der Mutter ist knapp. Schliesslich hat sie noch zwei
weitere Kinder zu versorgen und ist am Feld sehr beschaeftigt. Der
Vater der Familie ist auswaerts. Wir zeigten der Mutter, wie sie die
Beine und Haende von Tarchin in die richtige Position bringen kann.
Zudem fuehlt sich Tarchin in der Bauchlage wohl, und die waere auch
therapeutisch gesehen gut fuer ihn. Da die drei Dinge, die wir der
Mutter bei zu bringen versuchten, keine fuenf Minuten am Tag in Anspruch
nehmen, koennen wir hoffen, dass sie sie praktiziert. Tarchin koennte
daraus nur profitieren.

Tarchin
Insgesamt
habe ich mit Dolker und Yountain drei wunderschoene Tage verbracht.
Erwaehnenswert ist noch, wie wir die alltaeglichen Dinge in diesem
entlegenen Gebiet gemeistert haben. Das Essen haben wir immer im Freien
zubereitet. Youtain hatte einen Kocher mit, und so war Fruehstueck,
Mittag- und Abendessen jeweils ein Picknick. Dank den zwei Einheimischen
war das nicht wirklich ein Problem, ich selbst bin in diesen Dingen
ein bisschen zu wenig routiniert. Da es keine Guesthaeuser gibt, haben
wir geschlafen, wo wir aufgenommen wurden. Im Nubravalley war es ganz
aehnlich, und die Fotos der Unterkuenfte in Dha Hanu sollen verstaendlich
machen, warum wir seit Nubra mit den Bettlaeusen zu kaempfen haben.
Ein Lausmittel gibt es normalerweise sogar, aber anscheinend haben
die Ladakhis im Winter dieses Problem nicht. So muessen wir noch warten,
bis die Lausmittel den Weg ueber die hohen Paesse nach Leh finden.


Eine
supergemütliche Unterkunft......
Am
Ende dieses Berichtes gilt es Danke zu sagen:
Ein herzliches Danke an Gustav, den Arzt aus Wien. Dass ich ihn fragen
konnte und er sich um mich kuemmerte, hat ganz wesentlich zu meiner
Genesung beigetragen und dadurch diesen Trip erst moeglich gemacht.
Danke an meine Mutter, die diesen Bericht mit den Pflanzennamen per
Email vervollstaendigt hat und Danke auch sonst fuer alles.
Vielen Dank fuer die Geldspenden von daheim. Wir Physios haben schon
vor unserer Abreise einiges an Geld in dieses Projekt investiert und
hier sollte eigentlich unsere therapeutische Hilfe ausreichen. Oft
sind aber vor der Therapie noch andere Dinge wichtig, und die werden
durch eure Spenden ermoeglicht.
Special Thanks to Dolker and Yountain. I enjoyed your food, your picnics,
your driving, the nice conversations we had and the time, we shared
together. I will not forget our days in Dha Hanu und these days are
really days for my memories!
Helene
Fleissner