Mein erster Trip
( Nubratal)
Von Matthias Ziegler
Nubramelodien
Als ich
Dolker fragte , wie das Nubratal den so sei, antwortete sie mir exakt
wie mein Reiseführer: " Oh it s wonderful, very green with
a lots of flowers , you also can go camel riding in sand dunes".
Oh
das klingt spannend, na dann los.
Am
ersten August, meinem Geburtstag, geht es um 5 Uhr morgens los. Eigentlich
hofften wir mit unserem eigenen Jeep fahren zu können und verschoben
deshalb mehrmals die Abreise.
Weil hier in Ladakh die Geschäfte, erstens anders werden und zweitens
etwas länger dauern, warten wir heute noch auf unser neues Auto.
(Hoffentlich nicht mehr lange, wenigstens ist die Farbe schon ausgesucht
und eine Anzahlung gemacht)
Das
Nubrateam bestand aus Tundup (dem Ladhaki-Angestellten), Simon, mein
Kumpel, der für das Pagir-Projekt in Leh arbeitet und mir.
Wir
treffen uns mit Tundup an seinem Laden, welcher sich in der Nähe
des Busbahnhofs befindet. Er ist gerade dabei, mit seiner Frau den Laden
zu eröffnen und ihr die schweren Reissacke davor zu tragen. Mit
einem dicken Lächeln und einem freudigen Jullay begrüssen
sie uns.
Tundup hat guten Grund sich zu freuen, den es geht ins Nubratal, seine
Heimat und er wird einen großen Teil seiner Familie dort wieder
sehen.
Da an diesem Tag keine Busse ins Nubratal fahren, laufen wir, bepackt
mit Corner seats, Walkern und anderen Hilfsmitteln zu einem etwas außerhalb
liegenden Taxistand. Wir haben Glück und finden noch ein preiswertes
Taxi. Wahrend wir noch auf weitere Fahrgäste warten, entschließen
sich Simon und ich noch etwas die Gegend zu erkunden. Neugierig folgen
wir mehreren Schafhirten, die ihre Schafe einen kleinen Hang hinauf
treiben, wo ein kleines, kaputtes Häuschen steht. Die Schäfer
treiben die Lämmer in kleine Ecken einer des hausumgebenden Mauer.
Hier riecht es grässlich. Geschockt sehen wir wo uns beide die
Neugier hingetrieben hat. Zu einem Schlachthof.
Vor dem Haus sind mehrere ungefähr 3 Meter lange Furchen in der
Erde angelegt. An diese werden die Kopfe der Lämmer gelegt, um
sie dort zu schachten (ausbluten). Danach, wenn sie sich nicht mehr
winden, werden sie von Hand gehäutet.
Schockiert, aber doch interessiert bleiben wir stehen, um das allmorgendlichen
Spektakel zu beobachten. Obwohl es hier sicherlich unter humaneren Bedingungen
als in Grossbetrieben passiert, ist es doch nicht einfach zu zuschauen.
Jeder der Fleisch isst, sollte einen kleinen Morgenspaziergang machen,
um zu sehen wie sein Fleisch auf den Teller kommt. Wer weiß ob
es ihm noch danach schmeckt.

Leh
in seiner ganzen Pracht
Endlich ist es sechs Uhr und die Fahrt geht los. Weitere Fahrgäste
kamen nicht mehr, juhu wir können unsere Beine ausstrecken.
In langen Schleifen winden sich die holprigen Strassen den Khardong
la Pass hinauf, dem höchsten befahrbaren Pass der Welt ( 5600 m).
In Leh ist die Luft schon dünn, doch auf dem Khardong la muss man
noch etwas tiefer einatmen. Diesmal hält mein Magen, kurvigen holprigen
Strassen und Höhenunterschied stand. Oben angekommen, genießen
wir erstmal den atemberaubenden Weitblick. Danach steige ich noch auf
einen nahe gelegenen Gipfel, von welchem hunderte Gebetsfahnen wehen
und " blessings" in die weite Welt tragen. Wieder unten angekommen,
überreicht mir Tundup eine Khardong la Tasse und gratuliert mir
zu Geburtstag. Ich feiere meinen Geburtstag nicht groß und steh
auch nicht drauf, wenn mir alle Welt gratuliert, aber in diesem Fall
war ich echt happy.
Als wir die steilen Bergstrassen wieder hinabfahren und unser Blut sich
wieder mehr mit leckerem Sauerstoff sättigt, eröffnet sich
uns ein immer grüner werdendes Tal, in dem Esel und Yaks grasen.
Dörfer, die wir passieren, erinnern an grüne Oasen.
Nach 120 Km erreichen wir Diskit, unsere erste Basis. In diesem wunderschönen
Ort und im nahe gelegenen Hundar finden wir unsere ersten Patienten.
Nachdem wir unser Guest House bezogen und uns mit Dal gestärkt
haben, treffen wir uns mit Hassmat, dem lokalen Health Worker. Hassmat
hat ein Auto, was uns die teuren Taxikosten spart. Mit dem Auto geht
es dann über die extrem steinigen Strassen, nach Hundar wo auch
schon der erste Patient auf uns wartet (Tundup ruft die Familien vorher
an).
Unser erster Patient ist der 5jahrige Stanzing. Seine Familie wohnt
etwas abseits der Strasse, was uns noch einen kleinen Spaziergang über
Wiesen, Felder und Bewasserungskanale beschert. Hassmats Fuße
sind seit Geburt um gut 90 Grad nach medial rotiert, was jeden seiner
Schritte zu einem koordinativem Meisterwerk macht.
Auch beklagt er sich keinen Meter über den langen Marsch, er lacht,
genießt seine Zigarette und springt wie wir über die Wasserkanale.
In
Stanzins Haus begrüßt uns die Familie freundlich. Man bringt
uns in einen Raum, der, glaube ich, als eine Art Kinderzimmer dient.
Die meisten Räume in Ladakh sind genau das Gegenteil zu unseren
Zimmern. Bei uns versucht man in einem Raum soviel wie möglich
unterzubringen, an jeder Wand hängt ein Bild und auf jedem Tisch
stehen, liegen irgendwelche Gegenstande. Nicht in Ladakh, selten ist
ein Bild an der Wand aufgehängt. Meist sitzt man vor kleinen, schön
verzierten Tischen auf bequemen Decken, welche auf dem Boden liegen.
In der Ecke gibt es oft noch einen kleinen Schrein mit Bildern der Heiligkeiten:
Dalai Lama, Panchen Lama und Karmapa.
Zuerst
serviert man uns gelbe Limonade, was sich als Fanta herausstellt (die
Fanta in Indien hat ungefähr den 3 fachen Zuckergehalt als bei
uns, sodass der Zucker nach jedem Schluck im Hals brennt) und danach
einen leckeren Kardamon Tee.
Stanzin hat CP und ist etwas ängstlich, die vielen fremden Menschen
bewirken, dass er sich bei seiner Mutter im Schoss verkriecht. Annährungsversuche,
selbst von Tundup, treiben ihn noch weiter in den Schoss der Mutter.
Das wird heiter.

Stanzin
arbeitet mit Matthias und dem Ball
Nach
unserem Befund der Vorgänger und den Erzählungen der Mutter
hat Stanzin mit dem Laufen (aufgrund einer Beckenrumpfinstabilitat und
einer Streckspastik der Beine), dem Sprechen und dem linken Arm, der
auch zur Streckspastik neigt, Probleme.
Glücklicherweise haben wir noch einen Joker im Ärmel, nämlich
einen aufblasbaren Wasserball. Dank ihm schaffen wir es, seine Aufmerksamkeit
auf uns zu lenken. Sein Bruder wird ganz verrückt nach dem Ball,
er wirft, kickt ihn hin und her. Auch Stanzin wird immer mehr in den
Bann des Balles gezogen, er löst sich von seiner Mutter und versucht
den Ball hin und her zu werfen.
Endlich kann ich ihn auf meinen Schoss nehmen. Er spielt mit Hassmat
Ball, wahrend ich seine Bewegungen facilitiere.
Das machen wir ihn vielen Ausgangstellungen, z.B.: in der Seitlage um
seine Rumpfmuskulatur zu trainieren. Wenn man mit den Händen seinen
Rumpf supportet, ist es ihm sogar möglich im Stand den Ball mit
dem Fuß zu kicken.
Wahrend wir die Übungen machen, instruiere ich die Eltern und den
Healthworker über Sinn der Übungen bzw. wie sie sie täglich
mit ihm ausfuhren sollen.
Stanzin kann sich kaum noch von seinem neuen Spielzeug, dem Ball, trennen,
deshalb schenken wir ihm das heiß geliebte Gerat.
Danach
geht es zu 4 weiteren Patienten. Jigmet, die Spina bifida hat, ist die
Nächste. Ihre Beine sind total kontrakt. Sie kann nur im Lotussitz
sitzen. Wenn sie sich fortbewegt, drückt sie sich mit den Armen
ab und schwingt den Rumpf nach vorne, das Ganze sieht aus wie eine fortgeschrittene
Yoga-Übung.
Behandeln konnten wir sie leider nicht, da sie nicht angefasst werden
mochte. Außerdem möchte sie auch gar nicht auf ihre Erkrankung
eingehen. Dennoch können wir für sie etwas tun, ihr eine Nahmaschine
besorgen, damit sie auch eine Arbeit hat und etwas Geld verdienen kann.
Als nächstes besuchen wir die kleine Diskit Angmo. Sie hat eine
Halbseitenlähmung. Ihr rechter Fuß ist stark kontrakt in
Spitzfußstellung, was sehr hinderlich beim Gehen ist. Angmo stört
das aber wenig, sie lacht, spielt und tollt genauso wie die anderen
Kinder. Nachdem ich mit ihr Übungen gemacht habe sprechen wir mit
den Eltern, ob es möglich wäre mit ihr nach Leh zu kommen
um eine Achillessehnenverlängerung durchzuführen. Die Eltern
sehen ein, dass sie die OP braucht, um besser laufen zu können,
lassen aber raushören, dass es etwas am Geld mangelt (Reise, Übernachtungen,
Essen usw). Glücklicherweise haben wir einen Spender gefunden,
der die Kosten übernimmt.
Nächster
auf unserer Liste ist Stanzin. Er ist 19 Jahre alt und ist auch Halbseiten
gelähmt. Dennoch treffen wir ihn vor dem Haus an, wie er im Unterhemd
mit der Schaufel einhändig Steine schippt. Als er uns sieht, verschwindet
er schnell, zieht sich um und kämmt sich sogar die Haare. Laufen
ist bei ihm ok, jedoch hat er starke Kontrakturen im rechten Arm, welche
ihm das Greifen unmöglich macht.

Stanzin
mit der Halbseitenlähmung
Stolz zeigt er uns seine Übungen. Weil alle so gut klappen, zeige
ich ihm gleich noch ein paar neue. Nachdem ich ihn noch mit Bobath und
Manuelle Techniken behandelt habe, geht es auch schon wieder zum nächsten
Patienten.
Es ist der 5 jährige Gyatso der mit seiner Mutter vor unserem Guest
House wartet. Er hat massiv ADS und ist kaum zu bändigen, es ist
schon schwer seine Aufmerksamkeit für zehn Sekunden auf eine Sache
zu lenken.
Als Gyatso und seine Mutter uns verlassen, ist es schon halb acht, das
war ein langer Tag. Wir sind alle hundemüde, deshalb schnell duschen(
warm), Abendessen und ab ins Bett.
Am
nächsten Morgen stehe ich um 5 Uhr auf, um das Kloster anzuschauen
und auf dem Klosterberg noch etwas zu meditieren. Es ist sieben und
gibt Frühstück, 7.30 Uhr kommt schon der Bus nach Panamik,
Tundups Heimat.
Wir steigen jedoch vor Panamik aus, um 3 Patienten zu behandeln. Wir
laufen von Patient zu Patient, dann fährt uns der Vater weiter
und zu guter letzt treffen wir noch ein Jeep Taxi, das unseren Weg kreuzt.
Die anderen Mitfahrer stört es überhaupt nicht, dass sie wegen
uns mehrmals anhalten und ca. jeweils eine Stunde warten müssen
(wegen Behandlungen). Auch den Driver juckt das gar nicht. Er beginnt
gleich beim ersten Stopp eifrig sein Auto zu putzen. Wir mieten den
Jeep für den restlichen Tag, weil 2 weitere Patienten weit hinter
Panamik wohnen.

Weitere
Patienten werden von Matthias und Tundup besucht und behandelt
Die Strasse zu ihnen führt über Flüsse, Matsch, Geröll
und sogar durch Wasserfälle hindurch. Einmal sitzt unser Jeep auf
einem Stein auf, als wir durch einen Fluss fahren. Mit Schaukelmanövern
bekommt der Fahrer den Jeep nicht mehr frei, sodass wir Schuhe ausziehen
müssen und im knietiefen Wasser, das bestimmt 1-2 Grad warm ist,
den Wagen aufbocken und ihn dann frei räumen müssen. An den
Beinen ist das Wasser schon extrem kalt, aber an den Händen schmerzt
es richtig. Hier beeindruckt mich Tundup. Alle müssen wir nach
ein paar Sekunden die Hände aus dem Wasser ziehen. Er macht die
meiste Arbeit und verzieht nicht mal eine Miene dabei. Nach einer halben
Stunde können wir weiterfahren.
Das
Schicksal des kleinen Skaldas macht mich extrem traurig. Er hatte vor
gut einem halben Jahr einen Fahrradunfall, wobei er sich den Ellenbogen
brach. Dieser wurde in Leh operiert. Leider hatte er keine Nachversorgung,
was die Konsequenz hat, dass nun sein Ellenbogengelenk steif ist.
Ich zeige zwar seiner Familie wie man das Gelenk mobilisiert, weiß
aber nicht wie häufig sie es durchführen und ob sie sich es
überhaupt merken können. Mit 2-3 mal Therapie in der Woche
wäre es ein leichtes die Beweglichkeit des Gelenks zu verbessern,
da er aber weit entfernt wohnt, muss er wegen einer Bagatelle ein Leben
mit steifem Gelenk leben.
Wir hoffen dass die Eltern ihn schnellst möglich zu Verwandten
nach Leh bringen, damit er von uns eine regelmäßige und angepasste
Therapie bekommt.

Die
Nacht schlafen wir bei Tundups Schwester im Guest House. Vor dem Essen
reicht es uns noch in den heißen Quellen von Panamik zu baden.
Anschließend serviert uns seine Schwester leckeres Gemüse
mit Reis. Sie kontrolliert uns wie ein Spieß, dass wir die übergroßen
Portionen leer essen und noch Nachschlag verlangen (ich aß selten
soviel Reis). Nach einer erholsamen Nacht und einem Frühstück
aus unzähligen Phratas treten wir in einem kleinen Bus die Ruckreise
nach Leh an. Freundlicherweise hält der Busfahrer noch in Khardong
, damit wir noch einen Patienten behandeln können.
Durchgeschüttelt
und das Ohr voll mit bestimmt allen ladhakischen Pop-songs, welche in
voller Lautstarke in jedem Bus und Taxi liefen, kommen wir abends in
Leh an.
Selbst als ich im Bett liege und die Augen schließe, summen mir
noch die Ohren von den Melodien der ladhakischen Pop-songs, lasso!!!!
Nubramelodien