Männerteam im Nubra August 2007

Mein erster Trip ( Nubratal)
Von Matthias Ziegler


Nubramelodien


Als ich Dolker fragte , wie das Nubratal den so sei, antwortete sie mir exakt wie mein Reiseführer: " Oh it s wonderful, very green with a lots of flowers , you also can go camel riding in sand dunes".

Oh das klingt spannend, na dann los.

Am ersten August, meinem Geburtstag, geht es um 5 Uhr morgens los. Eigentlich hofften wir mit unserem eigenen Jeep fahren zu können und verschoben deshalb mehrmals die Abreise.
Weil hier in Ladakh die Geschäfte, erstens anders werden und zweitens etwas länger dauern, warten wir heute noch auf unser neues Auto. (Hoffentlich nicht mehr lange, wenigstens ist die Farbe schon ausgesucht und eine Anzahlung gemacht)

Das Nubrateam bestand aus Tundup (dem Ladhaki-Angestellten), Simon, mein Kumpel, der für das Pagir-Projekt in Leh arbeitet und mir.

Wir treffen uns mit Tundup an seinem Laden, welcher sich in der Nähe des Busbahnhofs befindet. Er ist gerade dabei, mit seiner Frau den Laden zu eröffnen und ihr die schweren Reissacke davor zu tragen. Mit einem dicken Lächeln und einem freudigen Jullay begrüssen sie uns.
Tundup hat guten Grund sich zu freuen, den es geht ins Nubratal, seine Heimat und er wird einen großen Teil seiner Familie dort wieder sehen.
Da an diesem Tag keine Busse ins Nubratal fahren, laufen wir, bepackt mit Corner seats, Walkern und anderen Hilfsmitteln zu einem etwas außerhalb liegenden Taxistand. Wir haben Glück und finden noch ein preiswertes Taxi. Wahrend wir noch auf weitere Fahrgäste warten, entschließen sich Simon und ich noch etwas die Gegend zu erkunden. Neugierig folgen wir mehreren Schafhirten, die ihre Schafe einen kleinen Hang hinauf treiben, wo ein kleines, kaputtes Häuschen steht. Die Schäfer treiben die Lämmer in kleine Ecken einer des hausumgebenden Mauer.
Hier riecht es grässlich. Geschockt sehen wir wo uns beide die Neugier hingetrieben hat. Zu einem Schlachthof.
Vor dem Haus sind mehrere ungefähr 3 Meter lange Furchen in der Erde angelegt. An diese werden die Kopfe der Lämmer gelegt, um sie dort zu schachten (ausbluten). Danach, wenn sie sich nicht mehr winden, werden sie von Hand gehäutet.
Schockiert, aber doch interessiert bleiben wir stehen, um das allmorgendlichen Spektakel zu beobachten. Obwohl es hier sicherlich unter humaneren Bedingungen als in Grossbetrieben passiert, ist es doch nicht einfach zu zuschauen. Jeder der Fleisch isst, sollte einen kleinen Morgenspaziergang machen, um zu sehen wie sein Fleisch auf den Teller kommt. Wer weiß ob es ihm noch danach schmeckt.

Leh in seiner ganzen Pracht


Endlich ist es sechs Uhr und die Fahrt geht los. Weitere Fahrgäste kamen nicht mehr, juhu wir können unsere Beine ausstrecken.
In langen Schleifen winden sich die holprigen Strassen den Khardong la Pass hinauf, dem höchsten befahrbaren Pass der Welt ( 5600 m).
In Leh ist die Luft schon dünn, doch auf dem Khardong la muss man noch etwas tiefer einatmen. Diesmal hält mein Magen, kurvigen holprigen Strassen und Höhenunterschied stand. Oben angekommen, genießen wir erstmal den atemberaubenden Weitblick. Danach steige ich noch auf einen nahe gelegenen Gipfel, von welchem hunderte Gebetsfahnen wehen und " blessings" in die weite Welt tragen. Wieder unten angekommen, überreicht mir Tundup eine Khardong la Tasse und gratuliert mir zu Geburtstag. Ich feiere meinen Geburtstag nicht groß und steh auch nicht drauf, wenn mir alle Welt gratuliert, aber in diesem Fall war ich echt happy.
Als wir die steilen Bergstrassen wieder hinabfahren und unser Blut sich wieder mehr mit leckerem Sauerstoff sättigt, eröffnet sich uns ein immer grüner werdendes Tal, in dem Esel und Yaks grasen. Dörfer, die wir passieren, erinnern an grüne Oasen.
Nach 120 Km erreichen wir Diskit, unsere erste Basis. In diesem wunderschönen Ort und im nahe gelegenen Hundar finden wir unsere ersten Patienten. Nachdem wir unser Guest House bezogen und uns mit Dal gestärkt haben, treffen wir uns mit Hassmat, dem lokalen Health Worker. Hassmat hat ein Auto, was uns die teuren Taxikosten spart. Mit dem Auto geht es dann über die extrem steinigen Strassen, nach Hundar wo auch schon der erste Patient auf uns wartet (Tundup ruft die Familien vorher an).
Unser erster Patient ist der 5jahrige Stanzing. Seine Familie wohnt etwas abseits der Strasse, was uns noch einen kleinen Spaziergang über Wiesen, Felder und Bewasserungskanale beschert. Hassmats Fuße sind seit Geburt um gut 90 Grad nach medial rotiert, was jeden seiner Schritte zu einem koordinativem Meisterwerk macht.
Auch beklagt er sich keinen Meter über den langen Marsch, er lacht, genießt seine Zigarette und springt wie wir über die Wasserkanale.

In Stanzins Haus begrüßt uns die Familie freundlich. Man bringt uns in einen Raum, der, glaube ich, als eine Art Kinderzimmer dient. Die meisten Räume in Ladakh sind genau das Gegenteil zu unseren Zimmern. Bei uns versucht man in einem Raum soviel wie möglich unterzubringen, an jeder Wand hängt ein Bild und auf jedem Tisch stehen, liegen irgendwelche Gegenstande. Nicht in Ladakh, selten ist ein Bild an der Wand aufgehängt. Meist sitzt man vor kleinen, schön verzierten Tischen auf bequemen Decken, welche auf dem Boden liegen. In der Ecke gibt es oft noch einen kleinen Schrein mit Bildern der Heiligkeiten: Dalai Lama, Panchen Lama und Karmapa.

Zuerst serviert man uns gelbe Limonade, was sich als Fanta herausstellt (die Fanta in Indien hat ungefähr den 3 fachen Zuckergehalt als bei uns, sodass der Zucker nach jedem Schluck im Hals brennt) und danach einen leckeren Kardamon Tee.
Stanzin hat CP und ist etwas ängstlich, die vielen fremden Menschen bewirken, dass er sich bei seiner Mutter im Schoss verkriecht. Annährungsversuche, selbst von Tundup, treiben ihn noch weiter in den Schoss der Mutter.
Das wird heiter.

Stanzin arbeitet mit Matthias und dem Ball

Nach unserem Befund der Vorgänger und den Erzählungen der Mutter hat Stanzin mit dem Laufen (aufgrund einer Beckenrumpfinstabilitat und einer Streckspastik der Beine), dem Sprechen und dem linken Arm, der auch zur Streckspastik neigt, Probleme.
Glücklicherweise haben wir noch einen Joker im Ärmel, nämlich einen aufblasbaren Wasserball. Dank ihm schaffen wir es, seine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Sein Bruder wird ganz verrückt nach dem Ball, er wirft, kickt ihn hin und her. Auch Stanzin wird immer mehr in den Bann des Balles gezogen, er löst sich von seiner Mutter und versucht den Ball hin und her zu werfen.
Endlich kann ich ihn auf meinen Schoss nehmen. Er spielt mit Hassmat Ball, wahrend ich seine Bewegungen facilitiere.
Das machen wir ihn vielen Ausgangstellungen, z.B.: in der Seitlage um seine Rumpfmuskulatur zu trainieren. Wenn man mit den Händen seinen Rumpf supportet, ist es ihm sogar möglich im Stand den Ball mit dem Fuß zu kicken.
Wahrend wir die Übungen machen, instruiere ich die Eltern und den Healthworker über Sinn der Übungen bzw. wie sie sie täglich mit ihm ausfuhren sollen.
Stanzin kann sich kaum noch von seinem neuen Spielzeug, dem Ball, trennen, deshalb schenken wir ihm das heiß geliebte Gerat.

Danach geht es zu 4 weiteren Patienten. Jigmet, die Spina bifida hat, ist die Nächste. Ihre Beine sind total kontrakt. Sie kann nur im Lotussitz sitzen. Wenn sie sich fortbewegt, drückt sie sich mit den Armen ab und schwingt den Rumpf nach vorne, das Ganze sieht aus wie eine fortgeschrittene Yoga-Übung.
Behandeln konnten wir sie leider nicht, da sie nicht angefasst werden mochte. Außerdem möchte sie auch gar nicht auf ihre Erkrankung eingehen. Dennoch können wir für sie etwas tun, ihr eine Nahmaschine besorgen, damit sie auch eine Arbeit hat und etwas Geld verdienen kann.
Als nächstes besuchen wir die kleine Diskit Angmo. Sie hat eine Halbseitenlähmung. Ihr rechter Fuß ist stark kontrakt in Spitzfußstellung, was sehr hinderlich beim Gehen ist. Angmo stört das aber wenig, sie lacht, spielt und tollt genauso wie die anderen Kinder. Nachdem ich mit ihr Übungen gemacht habe sprechen wir mit den Eltern, ob es möglich wäre mit ihr nach Leh zu kommen um eine Achillessehnenverlängerung durchzuführen. Die Eltern sehen ein, dass sie die OP braucht, um besser laufen zu können, lassen aber raushören, dass es etwas am Geld mangelt (Reise, Übernachtungen, Essen usw). Glücklicherweise haben wir einen Spender gefunden, der die Kosten übernimmt.

Nächster auf unserer Liste ist Stanzin. Er ist 19 Jahre alt und ist auch Halbseiten gelähmt. Dennoch treffen wir ihn vor dem Haus an, wie er im Unterhemd mit der Schaufel einhändig Steine schippt. Als er uns sieht, verschwindet er schnell, zieht sich um und kämmt sich sogar die Haare. Laufen ist bei ihm ok, jedoch hat er starke Kontrakturen im rechten Arm, welche ihm das Greifen unmöglich macht.

Stanzin mit der Halbseitenlähmung


Stolz zeigt er uns seine Übungen. Weil alle so gut klappen, zeige ich ihm gleich noch ein paar neue. Nachdem ich ihn noch mit Bobath und Manuelle Techniken behandelt habe, geht es auch schon wieder zum nächsten Patienten.
Es ist der 5 jährige Gyatso der mit seiner Mutter vor unserem Guest House wartet. Er hat massiv ADS und ist kaum zu bändigen, es ist schon schwer seine Aufmerksamkeit für zehn Sekunden auf eine Sache zu lenken.
Als Gyatso und seine Mutter uns verlassen, ist es schon halb acht, das war ein langer Tag. Wir sind alle hundemüde, deshalb schnell duschen( warm), Abendessen und ab ins Bett.

Am nächsten Morgen stehe ich um 5 Uhr auf, um das Kloster anzuschauen und auf dem Klosterberg noch etwas zu meditieren. Es ist sieben und gibt Frühstück, 7.30 Uhr kommt schon der Bus nach Panamik, Tundups Heimat.
Wir steigen jedoch vor Panamik aus, um 3 Patienten zu behandeln. Wir laufen von Patient zu Patient, dann fährt uns der Vater weiter und zu guter letzt treffen wir noch ein Jeep Taxi, das unseren Weg kreuzt. Die anderen Mitfahrer stört es überhaupt nicht, dass sie wegen uns mehrmals anhalten und ca. jeweils eine Stunde warten müssen (wegen Behandlungen). Auch den Driver juckt das gar nicht. Er beginnt gleich beim ersten Stopp eifrig sein Auto zu putzen. Wir mieten den Jeep für den restlichen Tag, weil 2 weitere Patienten weit hinter Panamik wohnen.

Weitere Patienten werden von Matthias und Tundup besucht und behandelt


Die Strasse zu ihnen führt über Flüsse, Matsch, Geröll und sogar durch Wasserfälle hindurch. Einmal sitzt unser Jeep auf einem Stein auf, als wir durch einen Fluss fahren. Mit Schaukelmanövern bekommt der Fahrer den Jeep nicht mehr frei, sodass wir Schuhe ausziehen müssen und im knietiefen Wasser, das bestimmt 1-2 Grad warm ist, den Wagen aufbocken und ihn dann frei räumen müssen. An den Beinen ist das Wasser schon extrem kalt, aber an den Händen schmerzt es richtig. Hier beeindruckt mich Tundup. Alle müssen wir nach ein paar Sekunden die Hände aus dem Wasser ziehen. Er macht die meiste Arbeit und verzieht nicht mal eine Miene dabei. Nach einer halben Stunde können wir weiterfahren.

Das Schicksal des kleinen Skaldas macht mich extrem traurig. Er hatte vor gut einem halben Jahr einen Fahrradunfall, wobei er sich den Ellenbogen brach. Dieser wurde in Leh operiert. Leider hatte er keine Nachversorgung, was die Konsequenz hat, dass nun sein Ellenbogengelenk steif ist.
Ich zeige zwar seiner Familie wie man das Gelenk mobilisiert, weiß aber nicht wie häufig sie es durchführen und ob sie sich es überhaupt merken können. Mit 2-3 mal Therapie in der Woche wäre es ein leichtes die Beweglichkeit des Gelenks zu verbessern, da er aber weit entfernt wohnt, muss er wegen einer Bagatelle ein Leben mit steifem Gelenk leben.
Wir hoffen dass die Eltern ihn schnellst möglich zu Verwandten nach Leh bringen, damit er von uns eine regelmäßige und angepasste Therapie bekommt.

Die Nacht schlafen wir bei Tundups Schwester im Guest House. Vor dem Essen reicht es uns noch in den heißen Quellen von Panamik zu baden. Anschließend serviert uns seine Schwester leckeres Gemüse mit Reis. Sie kontrolliert uns wie ein Spieß, dass wir die übergroßen Portionen leer essen und noch Nachschlag verlangen (ich aß selten soviel Reis). Nach einer erholsamen Nacht und einem Frühstück aus unzähligen Phratas treten wir in einem kleinen Bus die Ruckreise nach Leh an. Freundlicherweise hält der Busfahrer noch in Khardong , damit wir noch einen Patienten behandeln können.

Durchgeschüttelt und das Ohr voll mit bestimmt allen ladhakischen Pop-songs, welche in voller Lautstarke in jedem Bus und Taxi liefen, kommen wir abends in Leh an.
Selbst als ich im Bett liege und die Augen schließe, summen mir noch die Ohren von den Melodien der ladhakischen Pop-songs, lasso!!!!

Nubramelodien




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