Physiotherapeutinnen
von Ladakh-Hilfe unterwegs mit einem Filmteam in den Bergen Ladakhs.
Sie Situation behinderter Kinder soll im Auftrag der indischen Regierung
festgehalten werden.
Am
Freitag den 14.07. gings los, mit Sack und Pack und unserer Mannschaft.
Wir, das sind das Team von Health.Inc, einer Organisation
aus Kanada mit Cynthia Hunt als Leiterin dieser Expedition,
zwei Lehrern aus Kanada und Oesterreich, drei Jungs hier aus Ladakh,
die für Health.Inc arbeiten und Nicole im Doppelpack für
Ladakh-Hilfe.
Ziel dieser Expedition ist es, einen Film über CP-Kinder zu
drehen als Aufklärung und Therapieanleitung für Familien
und die jeweiligen lokalen Healthworker.
Weiterhin sind Nicole und ich dabei, weil Cynthia uns gebeten hat,
ab September die von ihrer Organisation betreuten Dörfer zu
übernehmen. Die Idee ist, alle 6 - 8 Wochen in diese abgelegenen
Dörfer zu fahren, die Kinder zu therapieren und Eltern und
Healthworker anzulernen. Ausserdem wird mit dem Lehrerteam ein weiterer
Film ueber Erziehung und Lehrmethoden an den lokalen Schulen gedreht.


Der
kleine Myngeor in der Behandlung und beim Tanz in der Mitte der
Schulkinder
Erste Anlaufstation unserer Reise ist Skurbuchan, ein wunderschönes
Dorf eingebettet in den Bergen, mit fruchtbaren Feldern ringsum,
Aprikosenbäume, die schon stolz ihre reifen, leckeren Früchte
tragen, der gewaltig vorbeirauschende Indus, welcher dem Dorf eine
ständig tönende Wassermelodie verleiht, viele jubelnd-lachende
Kindergesichter und helfende Hände der Dorfbewohner - welche
wir auch dringend gebrauchen beim Entladen des Busdaches.
Im örtlichen Schulhaus einquartiert (wie noch des öfteren
auf dieser Tour) wurden wir gleich mal lange und mit erstaunlicher
Anhänglichkeit von den Kindern des Dorfes begutachtet: Augen
zu vorm Einschlafen - Kinder stehen noch staunend vor unserem Fenster,
beim ersten Augen öffnen des Morgens - Kinder schon wieder
am Fenster. Eine Tatsache, an die man sich gewöhnen darf. In
diese Dörfer kommen wenig Touristen und so sind wir erstmal
etwas Aussergewöhnliches und das Wort Privatsphäre scheinen
Ladakhis nicht zu kennen, was aber nicht negativ zu bewerten ist,
sondern eher von positivem Interesse zeigt.
Das erste Kind das wir sehen ist ein kleiner Junge, der sich lt.
Cynthia vor einem Jahr noch am Boden fortbewegte und jetzt schon
selbständig durch die Dorfstrassen flitzt. Als Hauptziel bei
ihm sehen wir den Erhalt und die Erweiterung seiner Selbständigkeit
mit Ess- und Ankleidetraining, Toilettentrainig und die Verbesserung
seiner Lokomotion. Seine Eltern zeigen reges Interesse an der Therapie
und er ist wunderbar in den Kreis seiner Familie integriert, was
sehr schön anzusehen ist. Er geht auch liebend gern zur Schule,
trägt Schuluniform und tanzt bei der morgendlichen Versammlung
mit den anderen Schülern - wenn das mal keine Integration
ist!
Schwierig ist es nur manchmal mit dem Filmen: was in einem Moment
in der Testphase noch klappt, scheint bei der Aufnahme dann unmöglich.
Oder die Gastgeberinnen treten plötzlich mit Tee und Keksen
ins Bild, oder die Musik fängt urplötzlich an zu spielen,
das Kind erschrickt und alles nochmal von vorn.......
Am Abend bekommt unser Team nochmal Zuwachs, mit 2 weiteren Physios
aus Kanada und einem weiteren Lehrer.


Überall
werden wir herzlich aufgenommen
Weiter geht unsere Reise am nächsten Tag, im Bus über
eine halsbrecherische, atemberaubende Strecke hoch ins Dorf Gongma.
Dort wieder ewige Busdachablade-aktion bei der halbes Dorf hilft
- man fühlt sich hier gleich immer wahnsinnig willkommen und
wohl.
Da in Gongma die Strasse endet, heisst es zu Fuss hoch ins Dorf
Chanchaks wo wir nächtigen. Toller Empfang von den Dorffrauen
in traditioneller Kleidung, mit den berühmten Butterteekannen
in der Hand und Blumen, die uns ins Haar gesteckt werden.
Abends helfen wir in der Küche beim Momo (tibet.Spezialität)
kochen und so sind wir mittendrin im Dorfalltag: alle sind da, um
zu helfen, es wird gequatscht, gelacht und natürlich Chang
getrunken - die lokale Bierspezialität! Es ist jedoch etwas
Vorsicht geboten, denn der Trank hat es in sich, obwohl man es nicht
gleich merkt. Desweiteren sollte man seine Tasse auch nicht aus
den Augen verlieren um ggf. dem Nachschenken den Weg zu versperren:
ein Schlückchen getrunken bedeutet nämlich gleich nachgeschenkt
und die Tasse ist wieder voll.
Klaren Kopf bewahrt man aber immer dank der nächtlichen Badeaktionen
im Gebirgsbach. Badezimmer gibt es keine und Waschen ist somit erst
möglich wenn es dunkel ist.
Am naechsten Morgen führt uns der Aufstieg ins Dorf Kurambik
und wir überschreiten die 4.000er Höhenmarke. Das
Dorf ist sehr idyllisch gelegen, mit vielen kleinen Gebirgsbächen
die an den Steinhäusern vorbeiplättschern und den Weg
zurück nach hause v.a. nachts zu einer abenteuerlichen Springpartie
machen. Der Rundumblick in die teils verschneiten Berggipfel lassen
einen ganz ruhig und andächtig werden, diese angenehme Stille
in einem Seitental des Himalayas. Es ist schon erstaunlich, wie
weit weg man plötzlich von allem ist. Selbst Leh wirkt schon
wie eine weit entfernte Stadt.
In Kurambik treffen wir auf Diskit, ein 19 jähriges Mädchen
mit CP. Diskit ist bei Ladakh-Hilfe schon altbekannt, da
Karola selbst sie schonmal über eine längere Zeit behandelt
hat. Die Mutter ist dementsprechend gut aufgeklärt und sie
zeigt uns voller Motivation, was sie alles gelernt hat und welche
Übungen sie täglich mit Diskit macht. Auch bei Diskit
arbeiten wir an der Förderung der Selbständigkeit und
an ihrer Integration ins Dorfleben. Wir werden versuchen, sie wenigstes
einmal pro Woche an der Vorschule im Dorf teilnehmen zu lassen,
damit sie unter anderen Kindern ist. Ideen für ihr selbständiges
Fortbewegen werden von uns ausgefeilt, vielleicht erlauben ihre
Armbewegungen ein Vorwärtskommen auf einem Rollbrett. Für
das Erlernen ihrer selektiven Arm-Fingerbewegungen wurde von uns
noch ein Mobile für sie gebastelt.
Was macht man eigentlich abends mitten in einem Bergdorf im Himalaya?
Ganz klar, Tanzparty! Ein Zelt wird aufgebaut, der Generator
angeschmissen, ein richtig altes Kassettendeck aufgestellt und dann
heisst es Tanzen bis zum Ab-Winken - in Ladakh wird nämlich
viel mit den Händen getanzt, ganz ungewohnt zu unserem eher
hüftbetonten Tanzstil. Ausserdem bleibt einem auch ganz schnell
mal die Puste weg bei rhythmischen Tanzbewegungen über 4.000
m. Wohlverdient fallen wir in unser Schlafgemach auf dem Hausdach
unserer Gastgeberin - Sterne zählen, und Schnuppen bewundern.
Blinkt alles viel mehr, wenn man so nah am Himmel ist?
Neuer Morgen, neuer Abschied, von Kurimbik und von Nicole (die heute
zurück nach Leh fährt) und Antritt zur Wanderung zurück
ins Dorf Gongma. Dort lebt auch ein 19 jähriges Mädel.
Sie hat wahnsinnig viel Potenzial, aber keinerlei Förderung.
Leichte Gleichgewichtsstörungen und Schmerzen in den Knöcheln
erschweren ihr den Gang durchs Dorf, weswegen sie tagsüber
meistens allein im Zimmer sitzt und keine Aufgabe hat. Beim nächsten
Besuch werden wir versuchen, evtl. mit stabileren Schuhen oder Orthesen
diese Schmerzen zu lindern. Ausserdem wollen wir die Integration
in Dorf- und Familienleben mit Schulung ihrer Feinmotorik verbinden.
Sie hat wahnsinnig viel Freude an Handarbeiten; die Idee ist nun,
sie Stickarbeiten oder das Auflesen von Perlen für die Gebetsketten
anfertigen zu lassen.

Diskit
und ihre Mutter bei der Arbeit
Keine 20 Minuten Busfahrt entfernt liegt das Dorf Tongros,
in dem wieder ein 19 jähriges Mädchen lebt, die für
mich bis dahin schwierigste Patientin. Nach langjährigen, unbehandelten
epileptischen Anfällen sind bei ihr starke Einschränkungen,
sprich Gehirnschäden festzustellen. Die ihr einzig mögliche
Weise der Kommunikation beschränkt sich nun auf Schlagen, Schreien,
Spucken bzw. Dinge durch die Luft werfen um Aufmerksamkeit zu erlangen.
Hier müssen wir wirklich mit der ganzen Familie arbeiten um
ihre Kommunikationsweise umzuwandeln in angebrachtes Sozialverhalten.
Dies wird sich aber als langwieriger, intensiver Prozess gestalten,
an dem alle Beteiligten mit viel Geduld und Konsequenz arbeiten
müssen.
Als hätte die Natur diesen anstrengenden, energiegeballten
Tag kopiert, entleert sich die Anspannung mit einem nächtlichen
Berggewitter und ich schlafe gemütlich ein in meinem kleinen
Zelt auf dem Hausdach.
Das letzte Kind das wir behandeln lebt in Dhomkar-Dho, auch
ein wunderschönes Dörfchen am Fusse des Tales. Der kleine
Junge ist 8 Jahre alt und entwicklungsverzögert. Wir sind uns
nicht klar, ob bei ihm tatsächlich CP im Definitionssinne vorliegt.
Ärztliche Diagnosen gibt es hier ja selten, bzw. haben Eltern
oft die Papiere verlegt. Auch hier geht es wieder um Förderung
von Eigenständigkeit und geistiger Entwicklung. Gerade bei
diesem Kind legen wir viel Wert auf Kommunikation mit der Umwelt,
weil er beim Spielen immerwieder in stereotype Muster verfällt
und wenig Kontakt mit seiner Umgebung aufnimmt. Beim nächsten
Besuch wollen wir versuchen, den Jungen in die örtliche Schule
zu integrieren. Dabei hilft uns eine speziell ausgebildete Lehrerin,
die auch hier in Ladakh arbeitet.

Unser
gesamtes Team und mehr...
Die letzten beiden Tage unserer Tour sind Trekkingtage. Cynthia
führt uns in ihr Lieblingsdorf Tar, lt. ihren Aussagen einer
der schönsten Flecken der Erde. Und so ist es dann auch wirklich:
ein wunderschöner Aufstieg durch einen Canyon, dessen Felsen
in der Sonne glühen, vorbei an heiligen Quellen und dann liegt
am Ende dieses Canyon Tar - eine Oase der Ruhe. Wir geniessen
nochmal die beiden Tage im Kreise unseres Teams. In den zwei Wochen
sind wir uns doch sehr vertraut geworden, die Zusammenarbeit und
der gegenseitige Austausch waren sehr bereichernd. Mir hat diese
arbeits- und erfahrungsreiche Zeit gleich am Anfang meines Aufenthalts
hier in Ladakh sehr viel nahe gebracht: der enge Kontakt zu den
Ladakhis und somit das intensive Kennenlernen ihrer Kultur und das
Erfahren von Physiotherapie in einem Land, indem man sich nicht
nur auf gelernte Massstäbe verlassen kann. Improvisation
und Einfühlvermögen sind hier gefragt und die Fähigkeit
sich auf die äusseren Umstände einzulassen. Dann kann
man hier soviel lernen und ich bin sehr dankbar, diese Erfahrungen
für mich machen zu dürfen.
Nicki
Seger, Physiotherapeutin