Fieldtrip
nach Da Hanu,
ins
Land derAprikosen
und Trauben
vom
3-9.09.2009
Teilnehmer:
Dolkar, Anja, Thomas
Einen
Tag nach Dolkars Geburtstag starteten wir an einem regnerisch, neblig-kalten,
deutschlandgleichen 3.08.09, für drei Tage nach Dha Hanu.
Mit Dolkar (eigentlich unsere Leading-woman und Managerin)als unsere
souveräne Fahrerin, Thomas und mit mir (Anjali) machten wir uns
vor Kälte zitternd, aber mit voller Vorfreude auf den Weg.
Bei einem Frühstücksstop mit einer dampfenden leckeren Tukpa
(ladakhische Nudelsuppe) und Chai (Milchtee), wärmten wir unsere
"bibbernden" Knochen wieder auf. Links und rechts von mir
schlürfte es nur noch und so erlaubte ich es mir auch, denn hier
ist es ganz üblich und natürlich. Dabei erinnerte ich mich
an meine Kindheit zurück, wie viel besser doch die Suppe dadurch
schmeckt, aber es mir dann wegen meiner "vornehmen Knigge-Erziehung"
wieder abtrainiert wurde. Welch eine Freiheit, wieder ungeniert "schlürfen"
zu dürfen!
Unsere
Fahrt führte durch malerisch gelegene Schluchten und saftig grüne
Terrassenfelder entlang des Indus. Faszinierende, vom Wasser rund
geformte Felsen, und die violett -grün schimmernde Berghänge
verzauberten mich sofort.

Der Indus, in seinem, von abstrakten Steinen geschmückten Flussbett
und gesäumt von mächtigen Bergen, fließt kraftvoll
und reizend entlang und zeigt versteckte kleine, samtweiche Standabschnitte,
die zum Baden einladen. Von diesem Sirenenhaften Zauber angelockt,
erschreckten die nackten Füße bei der Berührung der
eiskalten Wellen.

Es faszieniert die doppelte Klangstimmung des Flusses. Zum einen das
mächtige Tosen der reißenden Strömung, zum anderen
die sanften, meeresgleichen Wellen, die an die Sandufer gewiegt werden.
Während
unserer Fahrt rief ich erfreut:" Dort ist ein Yak!" und
musste dann enttäuscht aufgeklärt werden, das es doch nur
ein Dzo ist (Kreuzung zwischen Yak und Kuh). Sie machten sich einen
Spaß daraus, bei jedem weiteren Dzo sofort zu rufen "Only
a Dzo!" Leider habe ich bis heute noch kein richtiges Yak gesehen,
um den wirklichen Unterschied zu erkennen.
Wir
trafen bei unserer ersten Patientin (mit C.P.) ein, die uns mit einem
schelmischen Lächeln begrüßte und welches noch breiter
wurde, als sie die neu mitgebrachte warme Wollmütze und ihren
neuen Schal anprobieren durfte.

Ihre
schweren Kontrakturen in Hüfte und Knien forderten viel Mobilisation
und Dehnung, doch sie überraschte mich, wie viel Funktion sie
in ihren Händen hatte und welche Bewegungsübergänge
sie mitmachen konnte.


Sie trank selbständig ihren Tee und laut ihrer Angehörigen
hilft sie bedingt bei kleinen Tätigkeiten in der Küche mit,
wäscht und zieht sich oben herum an, soweit es möglich ist.
Ich war sehr beeindruckt zu sehen, wie bemüht ihre Familie ist,
sie zu fördern.
Unsere
zweite kleine Patientin (mit C.P.) betrübte mich daraufhin umso
mehr. Wir fanden sie auf dem kalten Boden nur mit kurzer Hose sitzend
(bzw. mehr krumm hängend), mit einem vor Dreck stehenden Pullover,
nach Urin riechend und so nass wie sie war, mit einer Decke bedeckt.
Allein bei ihrem Anblick wurde uns schon kalt. Laut Dolkar wird ihr
Ernährungszustand von Mal zu Mal schlechter.

Sie konnte ihre Position nicht selber verändern, hatte deformierte
Füße und spastische Extremitäten und war auf äußere
Hilfe völlig angewiesen. Ihre Eltern sind den ganzen Tag mit
der schweren Feldarbeit beschäftigt und nur die betagten Grosseltern
waren da. Sichtlich überfordert mit dem Kind und ohne Wissen
über das Handling oder der Idee einer besseren Positionierung.

Mit ihren Augen scheint sie wach auf ihre Umwelt zu reagieren und
auf ihre eigene Art und Weise Kontakt aufzunehmen.

Für solche Kinder sehen wir immer mehr die Dringlichkeit unserer
Vision in der Zukunft von einem Heim, in dem sie die Förderung,
Aufmerksamkeit und Versorgung bekommen, die dringend bräuchten,
besonders wenn die Eltern irgendwann nicht mehr da sind.
In
einem weiteren Dorf, nur 12km von der pakistanischen Grenze, erwartete
uns bei einer sehr armen Familie ein ähnliches Schicksal. Wir
trafen ihn im Haus seiner Grossmutter an, sehr unterentwickelt und
dünn, mit starken Kontrakturen, ohne Hose, weil diese gerade
trocknen musste und sie keine zweite Hose dort hatten.

So
umwickelte die Oma seine Beinchen mit ihrem traditionellen Gewand,
damit er ein wenig warm wurde. Auch hier sind die Frauen mit der Feldarbeit
voll beschäftigt, um sich und ihre drei Kinder versorgen zu können.
Der Vater versucht als Kuli in Delhi sein Geld zu verdienen.
Zum Abschied schenkten wir der Familie 1kg frische, dort seltene und
kostbare Äpfel, die sie freudig annahmen. Zuvor hatten wir einen
älteren Einheimischen, bepackt mit einem riesigen Korb im Auto
mitgenommen und einige km weiter an seinem Dorf wieder abgesetzt.
Zum Dank drückte er uns herzlich lächelnd jedem so viele
Äpfel in die Hand, dass wir einen großen Überschuss
zum Verschenken hatten.
Dolkar
kochte uns ein einmaliges Lunch an einem atemberaubenden, kristallklaren
Wasserfall.


Der
Gaskocher wurde windgeschützt hinter das Auto gestellt,


alle "schnippelten" fleißig das Gemüse und im
Nu hatten wir ein zauberhaftes Essen mit phantastischem Ambiente.Die
vereinzelt vorbeifahrenden Autofahrer schauten teils irritiert, teils
lächelnd oder hungrig zu, doch keiner blieb stehen.
Wir
verzeichneten bei unseren weiteren Kindern sehr erfreuliche und zuversichtliche
Erfolge.
Ein Mädchen verbesserte sich durch ihr eigenes Üben von
Koordinations- und Balance Übungen so gut, das sie jetzt alle
Test mit nur kleinen Unsicherheiten bestand (Einbeinstand, Hüpfen,
Seiltänzergang
.). Zu ihre neuen Hausaufgaben zählen
nun das Binden einer Schleife und der Versuch, mit der Mutter Wolle
zu spinnen, um ihre Feinmotorik weiter zu schulen.
Zwei
Familien möchten nach der Feldarbeit für ein paar Tage nach
Leh kommen, damit ihre Kinder im RAC therapiert werden. Dies ist sehr
sinnvoll für eine häufigere und effektivere Therapie und
Anleitung der Eltern. Für entfernt lebende Familien wird so das
RAC zu einer ambulanten Reha. Leider haben nur ein paar Familien Angehörige
in Leh, um dort günstiger zu wohnen oder die finanziellen Mittel,
um nach Leh zu kommen. Bei vielen scheitert es an einer Unterkunft
und den Finanzen.
Einem
anderen Mädchen brachten wir Buntstifte und schulische Malbücher
mit. Durch Dolkars Engagement und Initiative geht sie nun seit einem
Jahr, trotz geistiger Behinderung, in die normale Schule in ihrem
Dorf. Dort ist sie integriert und hat sozialen Kontakt. Durch die
Malbücher bekommt sie die auf ihren Wissensstand angepasste Förderung
und hat auch das Gefühl, mit einem Schulbuch Aufgaben lösen
zu können.
Mit einem bezaubernden strahlenden Lächeln malte sie mit geführter
Hand die ersten farbigen Kreise und wiederholte es alleine.

Indem sie den Kreisen und Linien mit dem Stift folgt, schult sie ihre
Hand- Koordination.

Mit dem Formenspiel erfühlte sie geführt zuerst das leere
Spiel mit dem Zeigefinger und die passende Form, um sie dann richtig
reinsetzen zu können.

Es
war eine solche Freude mit ihr zu arbeiten und zu sehen, wie sie alles
aufnahm.Ihre Mutter ließ uns in ihrem Garten saftig leckere
Aprikosen, Weintrauben (sie sind etwas Besonderes in dieser Region)
und leuchtend bunte Blumen pflücken, die wir freudig mit nach
Leh brachten.

Es
war für uns alle ein rundum eindrucksvoller, erfahrungsreicher
und bewegender Fieldtrip.
Bericht
von Anja Treff