Novembereinsatz im Dha-Hanu Gebiet

vom 12.11. - 14.11.2007

Teilnehmer: Miriam, Chuskit, Tundup und Judith

Miriam und Judith berichten:

Am zeitigen Montagmorgen starten wir Richtung Dha - Hanu, ein ehemaliges Sperrgebiet kurz vor der pakistanischen Grenze, das seit 1993 von der indischen Regierung für Ausländer geöffnet wurde.
Dha - Hanu zeichnet sich durch seine indo-arischen Ortschaften aus. Sie sind malerisch gelegen, umgeben von einer gigantischen Felslandschaft, dem farbenpraechtigen Indus und herbstlich bunten Baeumen vom gebietstypischen Weintrauben- und Aprikosenanbau.
Die Menschen in den kleinen Doerfern finden durch ihr spezielles Äußeres sondere Aufmerksamkeit.
So schmücken sie sich traditionsbewusst mit Blumen und Schmuck im geflochtenen Haar, dass bis Taillenhöhe getragen wird. Der jahrhundertlange Brauch, sich nicht zu waschen, aus Vorsorge die Schutzgoetter nicht zu verjagen, wird jedoch allmählich aufgegeben. Bemerkenswert ist die Bauweise der Häuser. Sie gleichen Puppenhäusern, die beeindruckend auf und um Felsen angelegt sind.

Auf dem Weg nach Biama, von wo aus wir die Hausbesuche durchführen, besuchen wir die erste Patientin in Hanu-Gongma.

Spalzes mit ihren Unterarmgehstützen bei Gehversuchen


Sie heisst Spalzes und ist 11 Jahre jung. Durch eine genetische Knochenkrankheit, die bis dato nicht diagnostiziert wurde, leidet sie unter Fehlstellungen der Gliedmassen, mangelnder Knochenfestigkeit und dadurch diversen, schlecht verheilten Knochenbrüchen. Im Juli dieses Jahres wurde sie am rechten Bein operiert. Finanziert wurde die Operation von kanadischen Ergotherapeuten, die in Ladakh als Volontäre unterwegs waren. Zur Erleichterung und schmerzlindernden Fortbewegung auf ihren zwei Unterarmstuetzen bringen wir ihr Turnschuhe mit, da sie bisher auf Socken unterwegs war. Als wir das Haus erreichen, treffen wir Spalzes mit ihren Geschwistern und der Mutter unter einem riesigen Felsbrocken, direkt neben dem Haus an. Erstaunt über ihre geschickte Art und Weise, sich in diesem unwegsamen Gelaende fort zu bewegen "klettern" wir mit Spalzes ins Haus, um die gespendeten Schuhe an zu probieren. Voller Freude stellen wir fest, dass sie bestens passen und Spalzes damit gut laufen kann.

Spalzes erhält neue Schuhe

Im gleichen Dorf, ein paar Felsblöcke und Kletterwege bergauf, lebt die Familie von Tsewang Namgail. Der 3-jährige Junge hat eine besonders enge Bindung zu seiner Mutter und ist stark auf sie fixiert.Im Mai diesen Jahres waren unsere Kollegen zum ersten Mal bei ihm und behandelten eine Entwicklungsverzögerung. Er lässt sich nur schwer animieren, uns seine motorischen Fortschritte zu demonstrieren. Dafür spricht er inzwischen und zwar wie ein Wasserfall...er diskutiert jede Spielaufforderung unsererseits mit seiner Mutter. Erst Tundup schafft es, ihn in ein Ballspiel "unter Jungs" zu verwickeln und wir sehen, dass Tsewang in diesem Jahr gute Fortschritte gemacht hat.

Nach diesen zwei Hausbesuchen steuern wir Biama an, um unsere Unterkunft zu beziehen. Sie liegt dirkt am Indus und nach einem lecker zubereiteten Abendessen von Chuskit und Tundup fallen wir in einen rauschenden Schlaf (ein Dankeschön an den Indus).

Am nächsten Morgen starten wir recht früh, um in verschiedenen, weit abgelegenen Doerfern die nächsten 6 Patienten zu besuchen.
Zuerst fahren wir nach Porol. In einem Körbchen unter einer Decke eingehüllt begrüßen uns zwei Händchen, sie gehören Tsewang Norphal.

Hände im Korb - Tsewang Norphal

Tsewang Norphal

Er ist 4 Jahre alt und hat eine cerebrale Parese von Geburt an. Seine Mutter ist mit den beiden kleineren Geschwistern und ihm sehr gefordert, hat aber die im Mai gezeigten Übungen gewissenhaft mit ihm gemacht. Leider sind seine Handlungsmöglichkeiten durch die schwere Behinderung sehr gering. Er schaut aufmerksam um sich herum, kann mit etwas Halt im ortsüblichen Schneidersitz sitzen. Seine Kopfkontrolle hat sich sehr verbessert. Am liebsten steht er mit Hilfe und hüpft wie ein Wilder..

Dann fahren wir weiter und treffen auf die 41-jaehrige Sonam. Miriam erstellt für sie eine Befundaufnahme. Sie ist geistig behindert und braucht schon seit ihrer Geburt Hilfe in allen alltäglichen Verrichtungen. Seit aber vor kurzem ihre Mutter nach langer Krankheit und ihr ebenfalls behinderter Bruder gestorben sind, lebt sie allein mit ihrem leprakranken Vater in armen Verhaeltnissen. Glücklicherweise gibt es noch die Schwägerin, die sich um die beiden kümmert. Hier ist mit Physiotherapie nicht viel zu machen. Wir diskutieren die soziale Notlage mit dem Vater und der Schwägerin, aber Pflegeeinrichtungen wie in Deutschland gibt es in Ladakh nicht. Wir wollen uns in Leh beim Mahabodie-Hostel erkundigen, ob es in absehbarer Zeit dort einen Platz gibt.

Als nächstes fahren wir zu einer Familie mit zwei kleinen Jungen, die mit Albinismus geboren wurden. Sie haben Augenprobleme und wir wollen sie vorerst mit Sonnenbrillen versorgen, da sie die starke Strahlung in dieser enormen Höhe nicht vertragen können.Der Ältere ist in der Schule, aber davon lassen wir uns nicht abschrecken. Kurz entschlossen bringen wir sie ihm dort vorbei und können so noch einer kleine Anzahl von Schülern beim eifrigen Schreiben zu sehen.

Kinder in der Schule

Mit solch herrlich süßen Bildern vor Augen fahren wir einmal mit ganz anderen Gefühlen weiter. Es tut gut, auch mal einen subtilen positiven Eindruck mitnehmen zu können.

Unser nächster Patient heißt Tashi Dorjay, er ist 3 Jahre alt und hat 5 Geschwister (einen 13jährigen Bruder mit derselben Behinderung und drei gesunde Schwestern). Die Brüder haben eine globale Entwicklungs-verzögerung und Mikrocephalie, sie haben erhebliche Probleme im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung und Bewegungsentwicklung. Schon Thinles, der Ältere, konnte erst mit 5 Jahren laufen und ist im Feinmo-torischen und in der Dosierung und Kontrolle seiner Bewegungen weiterhin auffällig.Sein Hauptproblem ist allerdings jetzt die Apraxie und die Bewältigung seiner täglichen Pflichten im Haus. Der kleine Tashi kann nicht selbständig laufen und aufstehen. Im Vordergrund steht aber die Arbeit an den Bewegungsübergängen und so haben wir eine lustige Turnstunde mit der ganzen Familie.

Tashi und seine Familie

Tashi tanzt

Zur verspäteten Mittagszeit machen wir einen Stop unter buntem Herbstlaub am Bach und erproben die Vielfältigkeit unseres schönen Jeeps: die Autoküche wird eingeweiht.

Küche im Auto

Der letzte Patient fuer diesen Tag wohnt im einzigen moslemischen Dorf dieser Region, in Sanjak. Sein Name ist Zakir und er ist im 7.Lebensjahr. Eine angeborene CP erschwert ihm erheblich das Gehen und die Geschicklichkeit seiner Hände. Er ist aber begeisterter Schüler und auch Fussballer und so können wir in einer sehr konzentrierte Übungseinheit lang miteinander arbeiten. Wir hinterlassen eine Schreibhilfe (verdickender Aufsatz für den Stift) und für den harten Winter spenden wir ihm ein paar Stiefel. Sie werden ihn hoffentlich weiter als sieben Meilen tragen und vor allem sein Gangbild und seine Gangsicherheit verbessern.

Zakir mit Igelball

Dieser vielfäeltige Tag beschäftigt uns nicht nur auf der Fahrt zurück zur Unterkunft. Bei Dämmerung sind wir wieder zurück. Nun gibt es noch was für den Magen und dann gehts auch schon ab in die Schlafsäcke. Der nächste arbeitsreiche Morgen wartet bereits.

Zuerst besuchen wir Tashi Lhamo in Garkhon. Sie ist 15 Jahre und hat eine geistige Behinderung mit ataktischer Bewegungsstörung. Mit der Dreigenerationenfamilie lebt sie unter ärmlichsten Verhältnissen sehr abgelegen und kann außer unseren Besuchen keinerlei Hilfe erwarten. Durch die Behinderung ist ihr Selbstwertgefühl äußerst gering ausgeprägt und ihre kindlichen Bedürfnisse (Spielen, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung, Sozialkontakte etc.) nicht annähernd ausreichend befriedigt. Die hygienischen Verhältnisse sind nicht gut. Ihre Kopfhaut ist stark angegriffen und von Lausen befallen. Beim nächsten Besuch ist dringend eine medizinische Versorgung notwendig. Zur besseren Fortbewegung spenden wir ihr ebenfalls ein paar Winterschuhe und hoffen, dass sie damit so oft wie möglich das Laufen probiert.

Die nächste "Patientin" sitzt gleich oberhalb des Hauses. Sie ist 41 Jahre und zeigt seit dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren keinerlei Teilhabe am Leben. Direkt neben ihrer Haustuer auf dem Dach des Hauses hat sie sich eine Sitzposition errichten lassen. Dort verbringt sie Tag für Tag, ohne sich um sich selbst und ihre Tochter zu kümmern. Dieser desolate Zustand beeinträchtigt ihren geistigen und körperlichen Zustand mehr und mehr. Die Versorgung ihrer Tochter ist ebenfalls nicht angemessen. Wir haben ihr einen selbst hergestellten Toilettenstuhl mitgebracht und versuchen sie auch sonst neu zu motivieren. Jedoch lehnt sie jegliche Hilfe ab und nach langen Gesprächen müssen wir einsehen, dass sie nicht in der Lage ist, Hilfe annehmen zu können.

Der letzte Patient an diesem Tag wird im Februar 2 Jahre alt und heißt Stanzin Er ist in seiner Entwicklung etwas verspätet und kann noch nicht laufen. Allerdings zeigt er alle Bewegungsübergänge am Boden bis zum Stand mit Halt am Fensterbrett sowie Seitschritte in bester Qualitaet. Er ist neugierig, feinmotorisch und sprachlich harmonisch entwickelt und macht einen munteren und sehr gesunden allgemeinen Eindruck. Wir beruhigen die besorgte Tante und zeigen Möglichkeiten auf, um seine Weiterentwicklung zu fördern. Wir lassen ihm noch ein Feinmotorik förderndes Spielzeug da und verlassen das Haus mit dem schönen Gefühl, noch mal ein quietschnormales Kind erlebt zu haben.

Der kleine Stanzin

Damit haben wir alle geplanten Hausbesuche durchgeführt und können nun wieder Richtung Leh aufbrechen. Eine 5-stündige Fahrt erwartet uns. Individuelle Gedanken über unterschiedliche Menschen und deren Schicksale sowie Lebensverhältnisse werden uns nicht auf dem Heimweg, sonder auch in der Zukunft begleiten.

Judith Janoschka, Miriam Steland



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