Mein Name ist Armin Roethlin und ich begebe mich am letzten Dezembertag
des Jahres 2006 auf die interessante Reise nach Nordindien. Im Vorfeld
habe ich schon viel ueber Ladakh und die Bevoelkerung gelesen. Nun
bin ich sehr gespannt, was ich wohl alles antreffen werde.
Die Reise von Zuerich ist angenehm, wie auch so Fluege sein koennen,
und wir landen so gegen elf Uhr abends in Delhi. Nun muss nur noch
mein Koffer heil ankommen, dann kann ich beruhigt ins Neue Jahr rueberwechseln.
Den Neujahrsbeginn verbringe ich am Foerderband mit Warten bis meine
zwei bekannten Gepaeckstueke ankommen.
Schon ganz aufgeregt wie ein kleines Kind begebe ich mich nach draussen
in das mir bis dato unbekannte Indien. Dichtester Nebel und noch viel
dichterer Verkehr auf den Strassen schlagen mir entgegen. Ist das
Indien, von dem man so viel hoert?
Die Nacht in einem ueberfuellten Zelt, ausserhalb des Domestic Airports
bei lauter indischer Musik, mit Schlafen zu verbringen ist so eine
Sache. Mir ist alles egal, wenn nur diese Nacht moeglichst schnell
voruebergeht.
Endlich werde ich morgens um halb sechs ins Innere des Flughafengebaeudes
eingelassen. Dort verbringe ich die naechsten fast vier Stunden ebenfalls
mit Warten bis der Flug nach Leh endlich aufgerufen wird. "Schon"
sitzte ich mit 20 weiteren Personen im Flugzeug, welches eigentlich
mindestens 250 Leute fassen wuerde.
Meine kindliche Freude strahlt ueber mein ganzes Gesicht. Wie gebannt
starre ich aus dem Fenster, damit ich auch ja nichts verpasse. Der
dichte Nebel ist schon bald unter unseren Fluegeln verschwunden, und
die ersten schneebedeckten Berggipfel lachen mir entgegen. Wie spielt
sich wohl das Leben in dieser Himalaya-Region ab?
So weit das Auge reicht, erhascht mein Blick nur noch verschneite
hohe Berge. Diese naehern sich uns immer mehr, was wahrscheinlich
mit dem Landeanflug zusammenhaengt. Knapp schafft das Flugzeug den
naechsten hoeheren Geroellhuegel um mit einer starken linkskurve Leh
entgegenzusausen. Weiter vorne sieht man auch schon die Landebahn.
Ich kann die ersten Haeuser erkennen, welche sehr weit auseinander
liegen. Sonst erkenne ich eigentlich nur eine Art Eisfeld, viele Militaerkasernen
nahe an der Landebahn, verschneite weisse und auch kahlgeschorrene
braune Berge. Sonst erblickt mein Auge eigentlich nur eine staubige
braune Farbe.

Die Abfertigung des Gepaecks ist im Nu abgewickelt. Draussen warten
zweimal Kerstin aus Deutschland und eine huebsche einheimische Ladakhi
mit dem Namen Dolker, von der ich schon viel gehoert habe. Ausserdem
stellen sich auch Dorjay (ebenfalls ein braungebranntes ansehliches
Gesicht eines kleingewachsenen Einheimischen) und Yountain, der Fahrer
des Taxis, vor. Alle lachen sie mir freundlich mit ihren schneeeweissen
Zaehnen entgegen.
In Leh finde ich mich durch die Hilfe von Dolker und den beiden Kerstins
langsam zurecht. Das meiste ist mir unbekannt und muss, wie einem
Neugeborenen beigebracht, oder selber herausgefunden werden.
Die Luft ist hier auf 3500m Hoehe sehr duenn, und ich muss mich richtig
zusammenreissen, wenn ich wie gewohnt etwas schneller den Berg rauf
gehen will. Dass man sich die ersten paar Tage wirklich nur ums Haus
rum aufhalten soll, ist auch kein Schwindel. Die grosse ungewohnte
Hoehe kann sich nicht nur in Kopfschmerzen aeussern, nein bei mir
kommt ab dem fuenften Tag der Hammermann mit Uebelkeit und Durchfall.
An die Strassenkaempfe der Hunde, und dass diese auf den Mauern spazieren
gehen, habe ich mich bereits gewoehnt. Auch die Kuehe lieben die Strassen
wie die Menschen in ihren Autos. Aber die Vierbeiner hier ernaehren
sich von Abfall, der auf den Strassen liegt, denn auf den Feldern
ist sonst fast kein Grasshalm mehr zu kriegen. Ich frage mich, ob
die Milch trotzdem geniessbar ist, und wie diese Esel und Kuehe wieder
zu ihrem Besitzer nach Hause finden. Diese Frage wird mir wohl niemand
beantworten, der meine Sprache spricht.
Uebrigens, Ladakhi, die Sprache der Einheimischen ist sehr schwierig,
man hoert oft die gleichen weichklingenden Wortlaute wie Julley (Tschuellee
ausgesprochen), was Guten Tag, Auf Wiedersehen und als Wort fuer vieles
Andere gebraucht wird. Schon beim Erinnern der Namen habe ich groesste
Muehe und muss unzaehlige Male nachfragen. Oder liegt das an dem Sauerstoffmangel
in meinem Gehirn?
Ebenfalls etwas Fremdes fuer mich ist, in jedem Geschaeft um den Preis
zu feilschen. Um ganz ehrlich zu sein, das ist nicht gerade meine
Sache, aber wenn ich nicht uebers Ohr gehauen werden will, muss ich
mich daran gewoehnen. In den Laeden kriege man oft nur bestimmte Artikel
oder sie sind soeben ausgegangen. Die Verkaeufer entschuldigen sich
tausende Male dafuer, obwohl sie nichts dafuer koennen. Zurzeit ist
Winter und von Delhi her sind die Paesse geschlossen, auf welchen
in den Sommermonaten reger Verkehr herrscht. Alles wird ueber diese
mehr als 5000 Meter hohen Paesse per LKW transportiert. Mich erstaunts,
dass man hier oben im Winter trotz der abgeschnittenen Versorgungswege
noch so vieles kriegt.
Ausserdem gibt es in Leh so viele Autos, dass ich mich die ganze Zeit
frage, wie da keine Treibstoffknappheit entsteht. Aber wie Kerstin
immer so schoen sagt: "Man muss nicht alles verstehen."
Der Strassenverkehr ist wahnsinnig laut, denn die Fahrer hupen die
ganze Zeit, um auf sich aufmerksam zu machen. Was ich dann aber festgestellt
habe: "Vielleicht passieren hier gerade desshalb wenige Unfaelle!"....Wer
weiss?
Der Winter zwingt uns hier viele Schichten an Kleidern anzuziehen.
Im Office, wo wir die meiste Zeit verbringen und auch wohnen, spendet
der Gasofen nur kurzfristig Waerme. Der Holzofen in der unteren Etage
haelt dagegen ziemlich lange warm. Wobei, wenn ich in meinem Zimmer
im oberen Stock den Ofen einheize, kuehlt es morgens trotzdem unter
den Gefriefpunkt ab. Darum lasse ich es oft sein mit dem Einheizen.
Ich nehme mir eine warme Bettflasche mit und packe sie in den Schlafsack,
um die ersten zehn Minuten des Einschlafens nicht gerade mit frieren
zu beginnen, und nachher haelt die Waerme dann auch an.
Sich am Tage an die Sonne zu setzen ist sehr angenehm, auch wenn die
Temperatur nicht ueber den Gefrierpunkt klettert. In der Nacht dagegen
faellt das Thermometer schon unter die -15 Grad. Das ist mit ein Grund,
warum wir oft zu Hause kochen. Immerhin koennen wir dann die Temperatur
unserer Wohnung selbst bestimmen. Wenn wir abends ausswaerts Essen
gehen, haben die Restaurants entweder schon um sieben geschlossen,
oder wir sitzen mit Muetze, Schal und vielen Schichten an Klamotten
am Tisch, um nicht bei minus einem Grad allzu fest zu frieren.
Alle Gegebenheiten kann ich nicht schildern. Um das alles zu verstehen,
muss man diese Eindruecke selber erleben. Erst dann kann man sich
seine eigenen Gedanken ueber diese Region und die Menschen machen.