Armin Röthlin berichtet über seine ersten Eindrücke von der Reise nach Leh, Januar 2007

Mein Name ist Armin Roethlin und ich begebe mich am letzten Dezembertag des Jahres 2006 auf die interessante Reise nach Nordindien. Im Vorfeld habe ich schon viel ueber Ladakh und die Bevoelkerung gelesen. Nun bin ich sehr gespannt, was ich wohl alles antreffen werde.
Die Reise von Zuerich ist angenehm, wie auch so Fluege sein koennen, und wir landen so gegen elf Uhr abends in Delhi. Nun muss nur noch mein Koffer heil ankommen, dann kann ich beruhigt ins Neue Jahr rueberwechseln. Den Neujahrsbeginn verbringe ich am Foerderband mit Warten bis meine zwei bekannten Gepaeckstueke ankommen.

Schon ganz aufgeregt wie ein kleines Kind begebe ich mich nach draussen in das mir bis dato unbekannte Indien. Dichtester Nebel und noch viel dichterer Verkehr auf den Strassen schlagen mir entgegen. Ist das Indien, von dem man so viel hoert?
Die Nacht in einem ueberfuellten Zelt, ausserhalb des Domestic Airports bei lauter indischer Musik, mit Schlafen zu verbringen ist so eine Sache. Mir ist alles egal, wenn nur diese Nacht moeglichst schnell voruebergeht.
Endlich werde ich morgens um halb sechs ins Innere des Flughafengebaeudes eingelassen. Dort verbringe ich die naechsten fast vier Stunden ebenfalls mit Warten bis der Flug nach Leh endlich aufgerufen wird. "Schon" sitzte ich mit 20 weiteren Personen im Flugzeug, welches eigentlich mindestens 250 Leute fassen wuerde.
Meine kindliche Freude strahlt ueber mein ganzes Gesicht. Wie gebannt starre ich aus dem Fenster, damit ich auch ja nichts verpasse. Der dichte Nebel ist schon bald unter unseren Fluegeln verschwunden, und die ersten schneebedeckten Berggipfel lachen mir entgegen. Wie spielt sich wohl das Leben in dieser Himalaya-Region ab?
So weit das Auge reicht, erhascht mein Blick nur noch verschneite hohe Berge. Diese naehern sich uns immer mehr, was wahrscheinlich mit dem Landeanflug zusammenhaengt. Knapp schafft das Flugzeug den naechsten hoeheren Geroellhuegel um mit einer starken linkskurve Leh entgegenzusausen. Weiter vorne sieht man auch schon die Landebahn. Ich kann die ersten Haeuser erkennen, welche sehr weit auseinander liegen. Sonst erkenne ich eigentlich nur eine Art Eisfeld, viele Militaerkasernen nahe an der Landebahn, verschneite weisse und auch kahlgeschorrene braune Berge. Sonst erblickt mein Auge eigentlich nur eine staubige braune Farbe.


Die Abfertigung des Gepaecks ist im Nu abgewickelt. Draussen warten zweimal Kerstin aus Deutschland und eine huebsche einheimische Ladakhi mit dem Namen Dolker, von der ich schon viel gehoert habe. Ausserdem stellen sich auch Dorjay (ebenfalls ein braungebranntes ansehliches Gesicht eines kleingewachsenen Einheimischen) und Yountain, der Fahrer des Taxis, vor. Alle lachen sie mir freundlich mit ihren schneeeweissen Zaehnen entgegen.
In Leh finde ich mich durch die Hilfe von Dolker und den beiden Kerstins langsam zurecht. Das meiste ist mir unbekannt und muss, wie einem Neugeborenen beigebracht, oder selber herausgefunden werden.
Die Luft ist hier auf 3500m Hoehe sehr duenn, und ich muss mich richtig zusammenreissen, wenn ich wie gewohnt etwas schneller den Berg rauf gehen will. Dass man sich die ersten paar Tage wirklich nur ums Haus rum aufhalten soll, ist auch kein Schwindel. Die grosse ungewohnte Hoehe kann sich nicht nur in Kopfschmerzen aeussern, nein bei mir kommt ab dem fuenften Tag der Hammermann mit Uebelkeit und Durchfall.
An die Strassenkaempfe der Hunde, und dass diese auf den Mauern spazieren gehen, habe ich mich bereits gewoehnt. Auch die Kuehe lieben die Strassen wie die Menschen in ihren Autos. Aber die Vierbeiner hier ernaehren sich von Abfall, der auf den Strassen liegt, denn auf den Feldern ist sonst fast kein Grasshalm mehr zu kriegen. Ich frage mich, ob die Milch trotzdem geniessbar ist, und wie diese Esel und Kuehe wieder zu ihrem Besitzer nach Hause finden. Diese Frage wird mir wohl niemand beantworten, der meine Sprache spricht.
Uebrigens, Ladakhi, die Sprache der Einheimischen ist sehr schwierig, man hoert oft die gleichen weichklingenden Wortlaute wie Julley (Tschuellee ausgesprochen), was Guten Tag, Auf Wiedersehen und als Wort fuer vieles Andere gebraucht wird. Schon beim Erinnern der Namen habe ich groesste Muehe und muss unzaehlige Male nachfragen. Oder liegt das an dem Sauerstoffmangel in meinem Gehirn?
Ebenfalls etwas Fremdes fuer mich ist, in jedem Geschaeft um den Preis zu feilschen. Um ganz ehrlich zu sein, das ist nicht gerade meine Sache, aber wenn ich nicht uebers Ohr gehauen werden will, muss ich mich daran gewoehnen. In den Laeden kriege man oft nur bestimmte Artikel oder sie sind soeben ausgegangen. Die Verkaeufer entschuldigen sich tausende Male dafuer, obwohl sie nichts dafuer koennen. Zurzeit ist Winter und von Delhi her sind die Paesse geschlossen, auf welchen in den Sommermonaten reger Verkehr herrscht. Alles wird ueber diese mehr als 5000 Meter hohen Paesse per LKW transportiert. Mich erstaunts, dass man hier oben im Winter trotz der abgeschnittenen Versorgungswege noch so vieles kriegt.
Ausserdem gibt es in Leh so viele Autos, dass ich mich die ganze Zeit frage, wie da keine Treibstoffknappheit entsteht. Aber wie Kerstin immer so schoen sagt: "Man muss nicht alles verstehen."
Der Strassenverkehr ist wahnsinnig laut, denn die Fahrer hupen die ganze Zeit, um auf sich aufmerksam zu machen. Was ich dann aber festgestellt habe: "Vielleicht passieren hier gerade desshalb wenige Unfaelle!"....Wer weiss?
Der Winter zwingt uns hier viele Schichten an Kleidern anzuziehen. Im Office, wo wir die meiste Zeit verbringen und auch wohnen, spendet der Gasofen nur kurzfristig Waerme. Der Holzofen in der unteren Etage haelt dagegen ziemlich lange warm. Wobei, wenn ich in meinem Zimmer im oberen Stock den Ofen einheize, kuehlt es morgens trotzdem unter den Gefriefpunkt ab. Darum lasse ich es oft sein mit dem Einheizen. Ich nehme mir eine warme Bettflasche mit und packe sie in den Schlafsack, um die ersten zehn Minuten des Einschlafens nicht gerade mit frieren zu beginnen, und nachher haelt die Waerme dann auch an.
Sich am Tage an die Sonne zu setzen ist sehr angenehm, auch wenn die Temperatur nicht ueber den Gefrierpunkt klettert. In der Nacht dagegen faellt das Thermometer schon unter die -15 Grad. Das ist mit ein Grund, warum wir oft zu Hause kochen. Immerhin koennen wir dann die Temperatur unserer Wohnung selbst bestimmen. Wenn wir abends ausswaerts Essen gehen, haben die Restaurants entweder schon um sieben geschlossen, oder wir sitzen mit Muetze, Schal und vielen Schichten an Klamotten am Tisch, um nicht bei minus einem Grad allzu fest zu frieren.
Alle Gegebenheiten kann ich nicht schildern. Um das alles zu verstehen, muss man diese Eindruecke selber erleben. Erst dann kann man sich seine eigenen Gedanken ueber diese Region und die Menschen machen.



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