Armin und Dolker im Durbuck-Block, Feb. 07

Fahrt nach Shayok vom Freitag 09.02.2007:

Im Voraus muessen wir eine Spezialbewilligung fuer Touristen einholen, dass wir in dieses Gebiet nahe der chinesischen Grenze fahren duerfen. Um eine solche Genehmigung zu kriegen, benötigt man mindestens vier Reisepaesse von Touristen. Wir sind aber nur drei auslaendische Physiotherapeuten hier, also fragen wir noch eine Amerikanerin um eine Kopie ihres Visums. Das ist auch kein Problem, denn Dolker kannte die Frau schon zuvor.
Waehrend der Hinfahrt muss unser Chauffeur an jedem Touristen-Check-Point eine Kopie dieser Genehmigung abgeben und meinen Reisepass zeigen. Auf der gesamten Strecke sind das insgesamt vier Stopps fuer diese Reporte an das indische Militaer. Einerseits fuehle ich mich ueber diesen enormen Aufwand sicherer, aber andererseits wird die gesamte Kontrolle nicht aus Touristenbelaestigung gemacht, sondern um die Konfliktregion ueberpruefen zu koennen. Die Frage draengt sich in meinem Kopf auf, ist denn irgendetwas zu befuerchten? Aber die Einheimischen versichern mir, dass schon seit geraumer Zeit keine Vorkommnisse mehr waren. Die interessante Umgebung laesst mich diese Fragen schon bald wieder vergessen.

Die Strassen sind nordseitig immer mit wenig Schnee bedeckt.

Zick-Zack den Berg hoch - Armin und Dolker auf dem Chang-La Pass

Beim Anblick der Suedhaenge koennte man nicht schliessen, dass wir uns im Monat Februar befinden. Auf dieser Hoehe und auch viel weiter unten sollte eigentlich immer noch Schnee liegen.
Auf der Passhoehe des Chang-La auf 17800 Fuss (5400m) muessen wir, wie sich das fuer Touristen gehoert, ein paar Fotos schiessen. Fuer schonere Bilder verdeckt uns leider der Schneefall die wahrscheinlich gute Aussicht.

Nach der Runterfahrt fuehrt uns die Strasse in ein enges Tal. Beide Seiten sind mit steilen Felswaeden bestueckt. Einige Male ueberqueren wir auf schmalen Bruecken den noch leicht zugefrorenen Fluss.

Am anderen Ende des Tals erwartet man nichts mehr, ich habe das Gefuehl am Ende der Welt angekommen zu sein. Aber ploetzlich oeffnet sich das schmale Tal und zum Vorschein kommt eine breite Hochebene mit dem Shayok-River und seinem Flussdelta. Kurz danach treffen wir in Shayok und beim Haus des Moenchs Konchok Tarchin und seinen Eltern ein. Die Sicht auf das ganze Tal ist wunderschoen.

Strasse führt durch ein enges Tal - Die Aussicht auf das Shayok-valley)

In diesem Ort und auch im Haus des Moenchs herrscht eine ruhige und friedvolle Atmosphaere. Niemand der Familie wusste, dass wir heute ankommen und auch gleich zwei Naechte ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehmen wuerden. Da es keine Telefonanschluesse im Ort gibt, konnten wir unsere Plaene auch nie mitteilen. Trotz der Unwissenheit unserer Ankunft werden wir empfangen, als ob wir schon lange erwartet gewesen waeren. Wir bringen Nuesse, Trockenfruechte, Zwiebeln und Karotten mit, um wenigstens etwas zu unserer Verpflegung beitragen zu koennen. Fuer Konchok Tarchin haben wir einen roten Pullover gekauft, da die Moenche immer diese Farbe tragen. Die Mutter serviert uns sogleich Cha (Suesser Tee mit Milch) und Brot.
Nach der ersten Staerkung und einer kurzen Erholung von der fuenfstuendigen Fahrt, starten wir mit der ersten Therapiesitzung. Die Unterlagen hatte ich zuvor schon fleissig studiert, aber trotzdem muss ich mir ein eigenes Bild der momentanen Situation Tarchins machen. Die Sensibilitaet in den rechten Extremitaeten ist besser geworden seit dem Scooterunfall im Jahr 2001 mit der Hirnblutung. Er verspuehrt auch etwas Schmerzen im rechten Arm, was ein gutes Zeichen sein kann.
Tarchin braucht zwischen den Kraeftigungs- und Koordinationsuebungen der Beine immer wieder eine kurze Pause. Seine Konzentrationfaehigkeit und -dauer ist seit diesem Unfall herabgesetzt.
Die Mutter (auch schon ueber 60 Jahre alt) traegt ihn auf ihrem Ruecken nach draussen, um ihn zum Klo zu bringen. In Ladakh gibt es keine Heime. Die Familie pflegt ihre hilfsbeduerftigen Angehoerigen. Das ist schwer fuer mich zu verstehen und zu akzeptieren, umso mehr steigt meine Motivation, ihm zu helfen und das Laufen beizubringen. Wir beschließen, Tarchin nicht zurueck zu tragen, sondern mit grosser Unterstuetzung am Becken, begleiten wir ihn ins Wohnzimmer zurueck.

Tarchin geht mit Unterstuetzung von Armin

Muede und gluecklich setzt sich der Moench an seinen gewohnten Platz am Fenster des Wohnzimmers. Fuer den Moment reicht das mit dieser Therapiesitzung. Dolker und ich gehen an den Fluss runter, um uns doch noch ein wenig zu bewegen nach der ermuedenden Autofahrt.
Beim Rueckweg erfahren wir, dass in wenigen Minuten eine Art Theater im naheliegenden Saal aufgefuehrt weden soll. Eigentlich geht es um Werbung fuer erneuerbare Energieresourcen, welche vom Oekologiezentrum in Leh iniziiert wird. Die Zuschauer sitzen am Boden oder auf Teppichen und lachen sich oft krumm. Ich verstehe eigentlich nichts, ausser vielleicht gerade dem Wort: "Julley! (Hallo!)" Dolker uebersetzt mir zwischendurch die grobe Handlung dieser Auffuehrung. Die Schauspieler reden ueber fuer sie neues und altbekanntes in der Energiewelt.

Theater ueber erneuerbare Energie

Noch waehrend der Auffuehrung verlassen wir den Raum. Draussen kann ich mir sehr genau vorstellen, dass sich ein Teil der Vorstellung um Elektrizitaet handelte. Es ist stockdunkle Nacht, weit und breit ist kein Licht zu sehen. Zum Glueck hat Dolker ihr Handy dabei, um uns damit den Heimweg etwas zu beleuchten. Der Vorteil dieser Dunkelheit ist, dass wir so viele Sterne sehen können wie nirgends wo in einem anderen Dorf.
Zu Hause, in der Kueche unserer Gastgeber, erhalten wir wieder einmal einen Tee, diesmal ist es ein salziger Schwarztee. Ich bin froh, dass es kein Buttertee ist, denn dieser ist, wenn man es schoen ausdruecken will, sehr gewoehnungsbeduerftig.
Wir starten eine weitere Therapieeinheit mit dem Theraband. Diesmal sind Tarchins Ruecken-, Schulter- und Armmuskeln gefordert. Wir ueben mit ihm auch das Werfen und andere koordinative Taetigkeiten der Haende. Der zweite Teil der Behandlung gilt wieder seinen unteren Extremitaeten. Das Aufstehen, Stehenbleiben und Absitzen muss noch oft geuebt werden.
Am spaeteren Abend bekommen wir ein wunderbares Abendessen, welches ueber dem Bukhari zubereitet wurde. Nach diesen Speisen schleicht sich bei mir die Muedigkeit ein. Unser Schlafraum ist eigentlich das Wohnzimmer des Hauses. Diesen Raum kann man ebenfalls mit einem Bukhari heizen, ueber die etwas angenehmeren Temperaturen sind wir sehr froh. Wieder einmal kann ich aus meinem Schlafsack die Sterne und den Mond beobachten. Die harte Matratze lassen mich aber trotzdem nicht in den tiefsten Schlaf sinken, dann kreisen wohl oder uebel meine Gedanken dem Erlebten hinterher, was auch ganz schoen ist.
Das Tageslicht weckt uns sanft. Das morgendliche Waschprogramm nehmen wir draussen bei noch etwas kuehlen Temperaturen vor. Nachdem Tarchin gebetet hat, wird uns auch schon das Fruehstueck serviert. Die Thukpa (Gemuesesuppe mit Teigwaren) ist sehr lecker.
Mit vollem Bauch beginnt dann auch das Gehprogramm fuer unseren Moench. Die Tuerschwellen sind fuer ihn (aber auch fuer mich, da ich auf jeden Schritt mit einem Sturz rechnen muss) noch eine grosse Herausforderung. Zusammen meistern wir aber auch diese Huerden.
Beim Übungsstab angekommen, der einer Balletstange ähnelt, versucht sich Tarchin im Halten des Gleichgewichts und dem Seitwärtslaufen.

Seitwaerts gehen an Stange und Gehtraining mit Stuhl

Anstelle eines Gehbocks haelt sich der Moench an einem Stuhl fest. Diesen schiebt er nach vorne, um ihm sofort wieder zu folgen. Als Alternative zu einem Gehbock oder Rollator klappt dies erstaunlicherweise recht gut.

Zurueck im Wohnzimmer wiederholen wir die Uebungen vom Vortag.
Es ist schon wieder Lunchtime, die Speisen sind wieder vorzueglich. Wenn ich da so schreibe, kommt es mir so vor, dass wir an diesem Wochenende fast nur gegessen haben.....

Zum Dessert erhalten wir eine Art Sauerrahm-Yoghurt, welches die Mutter selbst gemacht hat. Darunter kann man Zucker oder Tsampa (ein gut schmeckendes Getreidemehl) mischen. Bei der Zubereitung dieses Yoghurt zuzuschauen ist sehr spannend, die anstrengende Arbeit scheint "Ama-le", der Mutter, nichts auszumachen.

Zubereitung des "Yoghurts" durch rauf- und runterbewegen des Stabes

Nach einem weiteren Spaziergang im Shayok-Tal sitzt fast die ganze Familie rund um den waermenden Bukhari. Die Schwester von Konchok Tarchin bereitet das Abendessen zu. Thimok (luftige Teigbaellchen) und die Suppe schmecken, wie koennte es anders sein, wieder einmal vorzueglich.
Noch eine laengere Therapiesitzung muss Konchok ueber sich ergehen lassen, bevor er und wir schlafen gehen koennen.

Am Sonntagmorgen herrscht schon wieder Aufbruchstimmung. Fuer eine kurze Gehtherapie haben wir aber noch Zeit. Unser Fahrer ist auch eingetroffen, und wir muessen uns mit Wehmut von der ganzen Familie verabschieden. Ich habe mir schwer vorgenommen diese netten Leute in Zukunft noch einmal zu besuchen, das wird aber sicherlich einige Jahre dauern...

Eltern von Tarchin -Tarchin und Dolker

Die Fahrt aus dem Tal ist mit einigen Unterbrechungen verbunden. Die "Lebensmitteltransporte"-Transporte zu Pferd lassen mich erstaunen, ich habe das noch nie zuvor gesehen.

Meine Nase klebt waehrend der gesamten Weiterfahrt am Fenster des Autos. Diese enorme Weite in dem naechsten Tal ist wunderschoen. Nach jedem kleineren Huegel sieht es so aus, als ob wir gleich am Ende dieser Taelergegend angelangt seien, aber immer wieder kommt eine neue Luecke. Die Strasse fuehrt weiter und weiter bis wir endlich auf 4300 Meter ueber Meer in Satoo eintreffen.

Ankunftswetter in Satoo - Blick von Satoo aus

Im Haus unseres nächsten Patienten mit dem Namen Shakya werden wir ebenfalls herzlich begruesst. Auch diese Familie wusste nichts von unserem Eintreffen. Das normale Ritual nimmt auch hier seinen gewohnten Lauf mit Tee und Biscuits.

Die erste Bekanntschaft mit dem 10 jährigen Kind mit der Diagnose C.P., ist beeindruckend. Der rechte Unterarm ist so stark verdreht (in Supination), dass ich fast nicht weiss, in welche Richtung ich zurueckdrehen muss. Erst als ich die Knochenstellung ueberpruefe, ist fuer mich klar, welche Muskeln man dehnen muss. Die Kontaktaufnahme mit dem Jungen scheint besser zu klappen als noch vor fuenf Monaten.

Shakya in seiner gewohnten Stellung

Nach einer laengeren Therapiesitzung gibt es schon das"Lunch". Zum ersten Mal esse ich Yakfleisch. Es ist etwas zaeh und schmeckt aehnlich wie Rindfleisch. Da es in der Umgebung von Leh nur Dzohs (Kreuzung zwischen Kuh und Yak) gibt, moechte ich mir einen solchen Yak aus der Nähe ansehen. Dolker und die zwei Brueder von Shakya begleiten mich auf das offene Feld hinaus. Die ganze Flaeche ist noch immer mit gelben etwas ausgedoerrten Graesern uebersaet. Von einer Flaeche kann man fast nicht sprechen, denn es gibt dort lauter kleine Huegelchen, auf welchen die Graeser rauswachsen. Das ganze sieht aus als ob aus den huegeligen Koepfen gelbe Graeser wie Haare spriessen wuerden. Auf dem Spaziergang huepfen wir von einem Huegel zum andern und ueberqueren dabei einen gefrorenen Fluss, wo wir auch schon die scheuen Yaks betrachten koennen.

Yak mit langen Haaren und buschigem Schwanz - Yak mit schoener Bergkulisse im Hintergrund

Etwas entfernter begegnen wir einer Schafherde und dem Hirten.....

Schafherde und Hirte

Zurueck im Haus heizen wir erst einmal den Bukhari in unserem Schlafzimmer ein. Einige Raeucherstaebchen werden angezuendet und Dolker bringt mir einige Saetze auf Ladakhi bei. Im Gegenzug will sie natuerlich auch etwas Deutschunterricht geniessen. Sie ist beim Lernen von Sprachen viel talentierter als ich und kann schon in kuerzester Zeit bis Zwanzig zaehlen.
Vor und auch nach dem Abendessen, wieder Yakfleisch, koennen wir Shakya unmoeglich aufwecken, er schlaeft so tief, dass wir heute keine Therapie mehr mit ihm durchfuehren koennen.
Dafuer klappt es am anderen Morgen. Wir zeigen der Mutter noch einige Uebungen, die sie am Jungen machen soll. Wir messen die linke Hand aus, damit wir einen Handschuh anfertigen lassen koennen. Der Daumen steckt immer in seinem Mund, und wenn er das noch lange so weiter macht, werden die Haut und die Fingernaegel krank

Kurze Zeit spaeter nehmen wir Abschied von der Familie und treten die Heimfahrt an.
An einem Zwischenhalt treffen wir Dolkers Cousin und seine Familie an, welche gleich in unserem Jeep mitgenommen werden, da sie auch in Leh wohnen. Mit dem Bus braeuchten sie viel laenger, um dorthin zu kommen.

Abschied von den beiden Geschwistern von Shakya - Unser Fahrer, Cousin von Dolker mit Tochter und Dolker v.l.n.r.

Waehrend der Fahrt muessen wir die offiziellen Stopps einlegen, um die Rueckmeldung zu machen, dass ich, der Tourist, dieses Gebiet auch wirklich wieder verlassen habe.
Angekommen in Leh wollen natuerlich Kerstin und Claudia genau informiert werden, was ich alles erlebt habe. Gerne lasse ich den ganzen Tripp Revue passieren.



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