Abschlussbericht von Helene Fleissner,

Einsatz von März - Juni 07


"Hier bei uns gibt es keine Armut." (ein Ladakhi 1975)
"Wenn du uns Ladakhis nur helfen koenntest, wir sind so arm." (derselbe Ladakhi 1983)

Dieses Zitat aus dem Buch "Faszination Ladakh" habe ich an den Beginn meines Abschlussberichtes gestellt, weil es so viel Gegensatz in sich hat, wie meine Erfahrungen sind, die ich von Ladakh innerhalb meines dreimonatigen Einsatzes als Freiwillige fuer Ladakh-Hilfe gemacht habe.

Als ich Ende Maerz ankam, hatte ich zunaechst das Gefuehl, in einer anderen Welt gelandet zu sein. Das Land, die Leute und die Kultur waren fuer mich gaenzlich fremd. Als ich durch die Strassen ging, konnte ich es gar nicht fassen, dass ich mich in einem Land befand, dass dem mir bisher gewohnten so sehr gegensaetzlich war. Mir kam es vor, als waere die Zeit in diesem Erdteil stehen geblieben. Tage, Wochen und schliesslich Monate vergingen. Immer mehr wurde das anfaenglich fast Unglaubliche zur Normalitaet. Ich lernte, mit geringsten Mitteln zu kochen und meine Koerperhygiene im Freien zu verrichten.

Je mehr ich mich selbst mit den Gegebenheiten zurecht fand, desto mehr Einblicke gewann ich hinter die Kulissen von Ladakh. Zuerst sieht man nur das Positive des Landes, spaeter kommen aber noch andere Eindruecke hinzu. Heinrich Harrer hat es einmal treffend ausgedrueckt: "In Ladakh prallen zwei Welten aufeinander, die westliche Kultur mit ihren technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften und die althergebrachte der Ladakhis, stark ausgerichtet auf ein religioeses Dasein und bestimmend fuer das harmonische Zusammenleben dieser Menschen."

Wenn zwei Welten so stark aufeinander treffen, ist es nicht einfach, ein Entwicklungshilfeprojekt umzusetzen. Ladakh-Hilfe bietet vielen behinderten Kindern eine wahre Chance, ein wenig in ihrer teils sehr schwierigen Situation weiter zu kommen. Doch nur all zu oft stossen wir Therapeuten in diesem Land an unsere Grenzen, wenn die Gesellschaftsstruktur wenig oder keine Moeglichkeit fuer Menschen mit Behinderung zulaesst. Und manchmal bleibt im Rahmen der Therapie die Frage offen, ob Entwicklung, auch im medizinischen Bereich, immer einen wirklichen Fortschritt darstellt.

Jetzt, Ende Juni, kehre ich reich an vielfaeltigen Erfahrungen nach Hause zurueck. Ich werde ein bisschen vom einfachen aber sehr schoenen Leben der Ladakhis mitnehmen, aber nicht vergessen, dass die Zeit in Ladakh doch nicht stehen bleibt und so Probleme in dieses Land kommen, wie wir sie von daheim kennen. Noch immer weiss ich nicht genau, ob ich die Zunahme der "Zivilisation" fuer eine gute oder eine weniger gute Sache halten soll. Eine ganz klare Antwort darueber wird wohl nicht so leicht zu finden sein.

Helene in Ladakh 2007

Insgesamt bin ich sehr froh darueber, dass ich die Gelegenheit hatte, bei Ladakh-Hilfe mitarbeiten zu koennen. Ich habe eine Kultur kennengelernt, die wahrscheinlich einzigartig ist und Dinge erlebt, die ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen werde.

Meine Anerkennung gilt Frau Karola Kostial, die dieses Projekt leitet und den einheimischen Angestellen Dolker, Tundup und Tukjay, ohne die so vieles um so viel schwieriger gewesen waere.

Mein groesster Dank geht an Stefan, der mich trotz der langen Trennung unterstuetzt hat und an meine Familie, die nie versucht hat, mich von diesem Unternehmen abzubringen. Bedanken moechte ich mich weiters bei all jenen, die mir mit Briefen, Mails und Telefonaten nahegestanden sind. Danke auch an meine Kolleginnen Eike, Ulli, Steffi und Kerstin. Mit euch habe ich wirklich eine sehr schoene Zeit verbracht!

Am Ende meines Berichtes moechte ich noch einmal darauf zurueck kommen, dass die Einfluesse der westlichen Kultur und damit "Wohlstand und Fortschritt" immer von beiden Seiten zu betrachten sind, aber:

"Wie oft in unserer Geschichte haben wir erleben muessen, dass wir erst spaet, meist zu spaet erfahren haben, wie wichtig das Vergangene ist. ... Doch mit unserer Erfahrung koennen wir ihnen helfen, ihre Tradition zu wahren, ehe es zu spaet ist." (Heinrich Harrer)

Helene Fleissner, 15. Juni 2007



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