"Hier
bei uns gibt es keine Armut." (ein Ladakhi 1975)
"Wenn du uns Ladakhis nur helfen koenntest, wir sind so arm."
(derselbe Ladakhi 1983)
Dieses
Zitat aus dem Buch "Faszination Ladakh" habe ich
an den Beginn meines Abschlussberichtes gestellt, weil es so viel
Gegensatz in sich hat, wie meine Erfahrungen sind, die ich von Ladakh
innerhalb meines dreimonatigen Einsatzes als Freiwillige fuer Ladakh-Hilfe
gemacht habe.
Als ich
Ende Maerz ankam, hatte ich zunaechst das Gefuehl, in einer anderen
Welt gelandet zu sein. Das Land, die Leute und die Kultur waren fuer
mich gaenzlich fremd. Als ich durch die Strassen ging, konnte ich
es gar nicht fassen, dass ich mich in einem Land befand, dass dem
mir bisher gewohnten so sehr gegensaetzlich war. Mir kam es vor, als
waere die Zeit in diesem Erdteil stehen geblieben. Tage, Wochen und
schliesslich Monate vergingen. Immer mehr wurde das anfaenglich fast
Unglaubliche zur Normalitaet. Ich lernte, mit geringsten Mitteln zu
kochen und meine Koerperhygiene im Freien zu verrichten.
Je mehr
ich mich selbst mit den Gegebenheiten zurecht fand, desto mehr Einblicke
gewann ich hinter die Kulissen von Ladakh. Zuerst sieht man nur das
Positive des Landes, spaeter kommen aber noch andere Eindruecke hinzu.
Heinrich Harrer hat es einmal treffend ausgedrueckt:
"In Ladakh prallen zwei Welten aufeinander,
die westliche Kultur mit ihren technischen und wissenschaftlichen
Errungenschaften und die althergebrachte der Ladakhis, stark ausgerichtet
auf ein religioeses Dasein und bestimmend fuer das harmonische Zusammenleben
dieser Menschen."
Wenn
zwei Welten so stark aufeinander treffen, ist es nicht einfach, ein
Entwicklungshilfeprojekt umzusetzen. Ladakh-Hilfe bietet vielen behinderten
Kindern eine wahre Chance, ein wenig in ihrer teils sehr schwierigen
Situation weiter zu kommen. Doch nur all zu oft stossen wir Therapeuten
in diesem Land an unsere Grenzen, wenn die Gesellschaftsstruktur wenig
oder keine Moeglichkeit fuer Menschen mit Behinderung zulaesst. Und
manchmal bleibt im Rahmen der Therapie die Frage offen, ob Entwicklung,
auch im medizinischen Bereich, immer einen wirklichen Fortschritt
darstellt.
Jetzt,
Ende Juni, kehre ich reich an vielfaeltigen Erfahrungen nach Hause
zurueck. Ich werde ein bisschen vom einfachen aber sehr schoenen Leben
der Ladakhis mitnehmen, aber nicht vergessen, dass die Zeit in Ladakh
doch nicht stehen bleibt und so Probleme in dieses Land kommen, wie
wir sie von daheim kennen. Noch immer weiss ich nicht genau, ob ich
die Zunahme der "Zivilisation" fuer eine gute oder eine
weniger gute Sache halten soll. Eine ganz klare Antwort darueber wird
wohl nicht so leicht zu finden sein.

Helene
in Ladakh 2007
Insgesamt
bin ich sehr froh darueber, dass ich die Gelegenheit hatte, bei Ladakh-Hilfe
mitarbeiten zu koennen. Ich habe eine Kultur kennengelernt, die wahrscheinlich
einzigartig ist und Dinge erlebt, die ich mein ganzes Leben lang nicht
vergessen werde.
Meine
Anerkennung gilt Frau Karola Kostial, die dieses Projekt leitet und
den einheimischen Angestellen Dolker, Tundup und Tukjay, ohne die
so vieles um so viel schwieriger gewesen waere.
Mein
groesster Dank geht an Stefan, der mich trotz der langen Trennung
unterstuetzt hat und an meine Familie, die nie versucht hat, mich
von diesem Unternehmen abzubringen. Bedanken moechte ich mich weiters
bei all jenen, die mir mit Briefen, Mails und Telefonaten nahegestanden
sind. Danke auch an meine Kolleginnen Eike, Ulli, Steffi und Kerstin.
Mit euch habe ich wirklich eine sehr schoene Zeit verbracht!
Am Ende
meines Berichtes moechte ich noch einmal darauf zurueck kommen, dass
die Einfluesse der westlichen Kultur und damit "Wohlstand und
Fortschritt" immer von beiden Seiten zu betrachten sind, aber:
"Wie
oft in unserer Geschichte haben wir erleben muessen, dass wir erst
spaet, meist zu spaet erfahren haben, wie wichtig das Vergangene ist.
... Doch mit unserer Erfahrung koennen wir ihnen helfen, ihre Tradition
zu wahren, ehe es zu spaet ist." (Heinrich Harrer)
Helene
Fleissner, 15. Juni 2007