6. Rundbrief, 3.11.2008

Liebe Freunde,

mein Einsatz hier neigt sich einem guten Ende zu. Das herrliche Sonnenwetter des letzten Wochenendes wärmte uns wieder so richtig auf und machte die kalten Nächte fast erträglich.

Pfützen und Bäche gefrieren nachts, die Bäume verlieren ihr Kleid. Jeden Morgen kehren die Einheimischen das Laub vor ihren Häusern und von den Dächern. Das Geräusch des kehrenden Besens vermischt sich mit dem selbstverständlichen Gebetssingsang der Leute, deren Köpfe hinter den schulterhohen Lehmziegelmauern auftauchen und wieder verschwinden. Zum Morgenritual gehört der Duft des Räucherwerkes, der um die Häuser weht. Das Wasser ist abgestellt, nun muss jeder Tropfen zum Kochen und Waschen mühevoll von den Quellen geholt werden.
Lucky, unsere neue, winzige Hundemitbewohnerin, treibt mich früh aus dem Bett. Sie will spielen und herumtollen, ohne eine Tasse löslicher Kaffe fällt mir das noch recht schwer.
Ich bin zufrieden, denn in den letzten Tage fügten sich einige lose Enden zusammen, ein neuer Anfang ist gemacht.

Wir konnten den schönen großen Raum des Lions Club mitten in Leh für günstige monatliche 100 Euro und für 5 Jahre anmieten. Der Vorstand fiel aus allen Wolken, als ich ihm nur 6000 INR anbot, aber er stimmte zu, und garantierte uns seine Hilfe und Unterstützung. Was das bedeutet, kann ich mir noch nicht so recht vorstellen, aber ich hege leise Hoffnung, dass wir auf dem rechten Weg sind, denn alle VIPs von Ladakh gehören dem Lions Club an. Der Kostenvoranschlag für eine Zentralheizung (Gasbetriebene Wasserheizung mit Radiatoren, Kosten ca. 6500 Euro) liegt vor. Wir sind zuversichtlich, dass sich die Türen für die Ausstattung des Raumes öffnen werden, denn es fehlt noch an Vielem (Fußbodenbelag, Einrichtung zur Therapie uvm.).
Auch der Umzug in das Gästehaus von Dolkars Mutter steht fest. Wir mieten das gesamte Obergeschoss an, bauen ein kleines Gästezimmer in eine Küche um und verfügen damit über eine angenehme und geräumige Unterkunft mit großem Garten zentral in Leh, in einer sehr schönen Lage. Die erste Ergotherapeutin im Januar 2009 wird schon in den Genuss der neuen Räumlichkeiten kommen, denn unsere Einheimischen werden jetzt Ende November und im Dezember mit freiwilligen Helfern (Ehemännern, Freunden) den Umzug für uns vor nehmen. Sie sind das erste Mal ab Mitte November für 6 Wochen alleine, ohne Unterstützung von europäischen Therapeuten, da wir für das Jahresende Verletzungsbedingte Frühabgänger und Absagen aus persönlichen Gründen hatten. Unsere Einheimischen werden somit vor ihre Bewährungsprobe gestellt und diese meiner Meinung nach glänzend bestehen. Es sei ihnen ein fröhliches Losarfest (Lichterfest) Ende Dezember gegönnt, wo sie die viele Arbeit vergessen können und sich im Kreise ihrer Familien ausgelassen vergnügen können.

Das neue Auto, ein Versa-Van, ist bestellt und wird wahrscheinlich noch im November ankommen. Dolkar und Kunzang haben schon die Hälfte ihrer benötigten Fahrstunden hinter sich. Bald wird die Arbeit für alle leichter und effizienter, unser Service für die Patienten immer besser. Somit erhöht sich auch unsere Kapazität und die Qualität unserer Einsätze.

Dolkar reiste letzten Mittwoch mit unseren drei Patienten und ihren Angehörigen nach Delhi ins das AIMS-Krankenhaus (All India Institute of Medical Sience). Dort wurden die ersten Untersuchungen angeleiert, alles schleppend wie immer. Aber wir sind froh, denn in diesem Krankenhaus arbeiten Spezialisten, die in ihren Fachrichtungen sehr gut sind. So fanden sie bis jetzt heraus, dass eine Shunt-Op bei Dechen Lamo wahrscheinlich viel zu riskant ist und eine schwere Meningitis der Grund für ihre Behinderung ist. Für das Kind stehen noch weitere Untersuchungen auf dem Programm, wie auch für die anderen Patienten. Ich werde am Mittwoch, den 3.11., auf diese Truppe stoßen, mich bei den Ärzten im Krankenhaus vorstellen und für unsere Patienten da sein. Sie fanden übrigens in Delhi in einem buddhistischen Zentrum durch die Fürsprache eines bekannten Lamas, Lama Lobsang, freie Unterkunft.

Unser Team, das mit den letzten zwei Therapeuten aus Europa drei Tage lang in das kalte Tsi Moriri Gebiet reiste, kam am 1.11. mit positiven Berichten zurück. Fast alle unsere Patienten konnten besucht und behandelt werden, auch gänzlich neue tauchten auf und suchten unsere Hilfe. Die Berichte werden später alle noch in der Homepage veröffentlicht, samt Bilder.

Eine sehr interessante Erfahrung machten wir letzten Freitag beim Besuch bei der "Ladakh Nuns Association" in Leh. Drei junge, gut ausgebildete Nonnen aus dieser Gruppe gehören unserem einheimischen Verein REWA an und unsere Teams werden auf ihren Reisen meist von einer dieser Nonnen begleitet. Sie verfügen über eine ausgezeichnete Amchi Ausbildung (Amchi - Tibetischer Heilkundiger) und interessieren sich somit auch sehr für unsere Arbeit und wissen, wo sie zupacken müssen. Bei unserem Besuch im Gebäude der Nonnen wurden wir von Dr. Palmo empfangen, der Gründerin und Leiterin dieser Initiative. Ihr großes Ziel ist, die Nonnen in jeder Beziehung gut auszubilden und sie zum Wohle der Gesellschaft einzusetzen. Das bedeutet, dass sie von unserem Projekt begeistert ist, weil die Arbeit mit Behinderten den Nonnen die einmalige Gelegenheit gibt, sich mit den Problemen dieser vernachlässigten Menschen auseinander zu setzen, dabei zu lernen und zu dienen. Dr. Palmo sicherte uns ihre volle Unterstützung zu. Wir fühlten uns bei den fröhlichen, herzlichen Frauen in ihrer sauberen und liebevoll eingerichteten Unterkunft recht wohl. Die LNA betreut derzeit 275 Ladakhi Nonnen, die in unterschiedlichen Schulen und Instituten studieren.

Der Entwurf für einen völlig neuen englischen Flyer liegt beim örtlichen Designer Aaron. Mr. David und ich verbrachten einige Zeit mit dem talentierten jungen Mann, der auch das Design für unser REWA Briefpapier entworfen hat. Nachdem nun die Verträge für unsere neuen Gebäude abgeschlossen sind, können wir die neuen Adressen in den Flyer einfügen und ihn zum Druck geben. Alles hat seine Zeit und kommt zum rechten Abschluss.

In Leh schließen sich die Türen: Die Touristen sind fort, mit ihnen verziehen sich die Händler aus Kashmir nach Goa oder in andere wärmere Gefilde. Auch die meisten Restaurants sind geschlossen.Viele Einheimische überwintern in Delhi, andere in Jammu oder Srinagar. Mit ihnen reisen auch einige unserer Patienten. Längere Fieldtrips sind im Winter wegen der Wetterlage und dem Schnee auf den Pässen nicht mehr möglich, es wird ruhiger für unser Team hier in Leh. Nach dem hektischen Sommer hat es jetzt Raum zum Umziehen, zum Studieren und Aufarbeiten.

Ich bin dankbar für diese Zeit in Leh, mit allen Erfahrungen, ob hart oder herzlich, kalt oder sonnig und kehre am 8.11. sehr gerne wieder in den Kreis meiner Familie zurück. Für mich gibt es keine Winterpause, da die Bearbeitung vieler Homepageartikel, Zeitungsartikel und Fundraising auf dem Programm steht. Am 15.11. werden wir nach Kaufbeuren zu einer Tibetausstellung reisen, wo Wolfgang Günter den Film, den er im Oktober 08 in Ladakh über unsere Arbeit gedreht hat, uraufführen wird.

Ich danke Euch allen recht herzlich für Eure Anteilnahme an meiner Reise, für die lieben persönlichen Ermutigungen und hoffe, dass der "Ladakh-Funke" auch in Eurem Herzen zünden konnte und Ihr immer wieder mal in die Homepage schaut: www.ladakh-hilfe.de

Euere Karola Kostial




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