Rundbrief 2 , 04.09.2010

Aufbruchstimmung

DER WEG NACH KARGIL

Ich verdaue meine Erlebnisse in Ladakh, viele Gedanken gehen mir durch den Kopf.
Die letzten zwei Wochen in Ladakh strotzen voller Aktivitäten, allen voran die Reise nach Kargil. Ich wusste dass wir dort hin sollten, bedürftige Menschen warten auf Hilfe. Außerdem hielten wir das fehlende Ersatzteil für unseren Jeep in den Händen, der sich seit vier Wochen in Kargil in der Werkstatt befand, als er beim letzten Trip nach Zanskar seinen Geist aufgab. Wegen der Flut konnten wir das Fahrzeug noch nicht nach Leh zurück bringen. Wir wollten mit unserem Jeep wieder nach Hause fahren.


Ursprünglich sollte es bereits am Dienstag, den 24.08. losgehen, aber das ging nicht, weil unsere Kontaktperson Gulzar in Kargil am Mittwoch mit Regierungsangelegenheiten beschäftigt war und an diesem Tag keine Zeit für uns haben würde. Gulzar und sein Bruder waren die beiden Männer, die mich 2009 bei der Eröffnung unseres Therapiezentrums in Leh händewringend gebeten hatten, auch in Kargil eine solche Basis aufzubauen, sie würden helfen. Außerdem lag ich am Dienstag den größten Teil des Tages mit bösen Magen-Darmproblemen im Bett (kommt immer wieder mal vor, geht aber schnell vorbei), so dass der Mittwoch zum idealen Abreisetag wurde. Mr. David brachte Norbu und mich an den 'Old Busstand', wo ein voll bepackter Taxijeep auf uns wartete. Während der achtstündigen Fahrt (245 km!!!) kamen wir nur langsam voran, vor allen Dingen wegen den sehr schlechten Strassen, die durch die Flut teils total zerstört worden waren. Die neue Strasse bei Lamayuru war gesperrt, wir mussten den steilen alten Pass hoch fahren, eine Serpentine nach der anderen, Armeelastwagen überholend, Lastwagen im Gegenverkehr ausweichend. 95% der Fahrzeuge bestand aus Armee- und Frachtlastern, ab und zu private Autos und Jeeps. Ich fotografierte die beeindruckende Landschaft, machte mir Notizen und staunte über die Zerstörung durch die Fluten in allen Dörfern Ladakhs. Der Fahrer wollte in einem Dorf zur Stärkung anhalten, in dem vorher kleine Läden und Teehäuser den Straßenrand gesäumt hatten, aber es war nichts mehr da, alles ausradiert. Ein Wirt hatte einen provisorischen Stand mit blauen Planen errichtet, in dem er Tee kochte und ein paar verpackte Snacks verkaufte, auf der anderen Straßenseite stand noch ein winziger Laden, er bot warmes Essen an. Unser Fahrer war sehr verunsichert, er suchte nach seinen Wirten, die er kannte, aber die waren nicht mehr da. Er fuhr eine Weile vor und zurück, bis er doch anhielt. Die meisten Fahrgäste waren Muslime mitten im Ramadan und fasteten, nur wenige bestellten Tee.


Wir fuhren weiter durch immer grüner werdendes Gebiet und erreichten am Nachmittag Kargil und unsere Unterkunft, den J&K Government Tourist Bungalow. Ich war erstaunt, dass Norbu und ich zusammen ein Zimmer teilen sollten, da Mr. David ausdrücklich zwei Zimmer bestellt hatte. Wir hatten keine Zeit zu überlegen, denn schon war Gulzar mit zwei anderen Männern da und wir befanden uns sofort mitten in einer Diskussion über die Gründung einer Basis für REWA Society in Zusammenarbeit mit Gulzars NGO (Non Government Organisation) für " Education and Training". Einer der Männer stellte sich als Lehrer heraus, der auf eigene Faust in ein paar Dörfern eine Erfassung über Kinder mit Behinderungen durchgeführt hatte, die zur erschreckenden Erkenntnis führte, dass es viel mehr Patienten gibt als gedacht. Da wir alle keinen genauen Plan hatten, beschlossen wir am folgenden Donnerstag eine eigene Spontanbegutachtung durchzuführen und verabredeten uns für den späten Vormittag am nächsten Tag. Gulzar hatte eine Besprechung um 18 Uhr, lud uns jedoch zum Abendessen in sein Haus ganz in der Nahe ein.

LEBEN MIT MUSLIMEN


Für mich waren das Leben, Essen und die Gewohnheiten von Muslimen in Asien fremd, vor allen Dingen während der Zeit des Ramadans, deswegen war ich gespannt. Das Abendessen wurde kurz nach Einbruch der Nacht aufgetragen und unterschied sich im Wesentlichen nur durch die vielen Fleischgerichte vom Essen in Leh. Der gekochte Hammel zerging auf der Zunge, ich war begeistert.

UNTERWEGS IN KARGIL


Am nächsten Vormittag fuhren wir los: Gulzar, der Lehrer, Norbu und ich (- mit Kopftuch). Der Lehrer hatte in einem Dorf schon Bescheid gegeben, dort warteten die Patienten bereits, in den zwei anderen Dörfern war es nicht schwer, die Leute in kürzester Zeit zu sammeln und zu untersuchen. 30 Patienten und Patientinnen wurden uns vorgestellt und von mir mehr oder weniger untersucht. Was wir sahen, übertraf unsere schlimmsten Erwartungen: Kinder mit ICP (Infantiler Cerebral Parese) allen Alters, Z.n. Unfällen (z.B. Knieamputation eines siebenjährigen Mädchens), dislozierte Patella (Kniescheibe), die von einem Amchi mit einer Nadel durchstochen worden war, nun ist das Knie verkümmert und steif, Klumpfüsse in jedem Zustand, viele Taubstumme, Augenprobleme, geistige Behinderungen, eine allein erziehende Bauernfrau mit fünf Kindern, zwei davon mit ICP, und vieles mehr. Am meisten ans Herz ging mir ein 18jaehriges Waisenmädchen, das auf allen Vieren in den Raum gekrochen kam und sich lächelnd auf den Boden setzte. Sie lebte bei ihrem Großvater, hat niemand, der sie versorgt, ist seit Geburt von einer Schwäche betroffen, konnte sich niemals aufrichten und kriecht seitdem überall hin. Ich vermute, dass sie von Cerebrales Parese betroffen ist und ich heulte schier, als ich sie später draußen ohne Schuhe und völlig verdreckt durch den Staub und Schlamm kriechen sah.


Als wir abends schweigend zurück fuhren, hingen wir unseren eigenen Gedanken nach. Gulzar meinte beim Abendessen, dass er keine Ahnung gehabt hätte, dass es in den Dörfern so schlimm wäre.
Am Freitag stand der Besuch der Asha-Schule (Asha bedeutet Hoffnung in Hindi, sowie auch unser Wort REWA in Ladakhi) der indischen Armee auf dem Programm. Dazu mussten wir uns von der entsprechenden Militärstelle eine Erlaubnis holen und wurden am Schluss bis zum Kommandeur der Basis vorgeführt, jeder wollte die "Madam from Germany" kennen lernen. Ich hatte riesigen Spaß mit den freundlichen Soldaten, erzählte immer wieder voller Begeisterung von unserem Vorhaben im Kargil Distrikt und erhielt reichlich Hilfszusagen. In der Asha-Schule werden 29 Kinder und Jugendliche betreut, die alle gehfähig sind und meist unter geistigen Behinderungen und Hör- und Sprechproblemen leiden. Seit Jahren betreuen wir physiotherapeutisch die schwerer betroffen Kindern der Asha-Schule in Karu, einer Stadt im Ladakh-Distrikt. Die indische Armee leistet mit diesen Schulen eine noble Arbeit. Der Major, der uns begleitete, bat uns, passende Kinder der Asha-Schule zuzuführen, da sie noch Kapazitäten hatten.
Danach besuchten wir das Gelände, auf dem Gulzar und seine Brüder eine neue Schule und Internat für seine "Primary-School" (400 Kinder) bauen, das sind Kindergarten bis 2. Klasse. Auf diesem Gebäude können wir uns Räume aussuchen und herrichten für ein Zentrum. Wir lernten die Schulleiterin im alten Schulegebäude kennen, eine kooperative und engagierte Lehrerin aus Afghanistan, die uns hilfreich zur Seite stehen wird, und besuchten die einzelnen Klassenzimmer mit den vielen Kindern, ein beeindruckendes Erlebnis.

PLÄNE


Unsere Pläne formten sich wie von alleine: Gulzar würde zwei passende Personen aussuchen, die jetzt im Herbst vor Einbruch des Winters nach Leh in unsere Unterkünfte, zusammen mit den Freiwilligen, einziehen würden, um dann von unseren Leuten ausgebildet zu werden. Im kommenden Frühsommer würden diese Leute, zusammen mit zwei oder drei Freiwilligen, die ich über den Winter speziell für diese Arbeit rekrutieren würde, nach Kargil zurückkehren und mit einer ernsthaften Bestandsaufnahme und Versorgung der betroffenen Kinder und Jugendlichen beginnen. Sie sollen gemeinsam das neue Kargil-RAC (REWA Ability Center) einrichten und aufbauen. Die längerfristige Planung schließt mit ein, dass wir geeignete Leute aus Kargil für zwei Jahre nach Delhi senden, um sie zu Physiotherapeuten auszubilden. Unser Leh-Team würde dem Kargil Team hilfreich zur Seite stehen mit Beratung, Organisation, Ausbildung und Hilfe bei Problemfällen. Kost und Logis für die Freiwilligen und einheimischen Helfer würde Gulzar stellen, ein wunderbares Angebot!
Eine andere Hilfe von Regierungsstelle schneite buchstäblich täglich in unser bescheidenes Zimmer: Skarma, ein Beamter aus Kargil, der sich seit acht Jahren aufopfernd um mittelmäßig behinderte Kinder kümmerte, zeigte sich begeistert über unsere Pläne. Im Gegensatz zu Leh gibt es in Kargil keine ausländische NGO, wir sind die ersten dieser Art. Nach Kargil kommen wenig Touristen, diese fahren nur durch die Stadt oder übernachten dort auf dem Weg ins buddhistische Zanskar. Deswegen schmiedet der zuverlässige und hoch engagierte Skarma bereits viele Pläne zur Zusammenarbeit und verspricht uns seine Hilfe in allen Angelegenheiten. Ich bin sehr froh über diese Zusage, die uns in Leh versagt geblieben ist.

JEEP


Leider gingen die Pläne mit unserem Jeep und dem Ersatzteil nicht auf, er konnte nicht repariert werden, die Mechaniker kannten sich mit einem solchen Fahrzeug leider nicht aus. Ich habe gerade mit Leh telefoniert und herausgefunden, dass der Jeep im Moment nach Leh abgeschleppt wird, um dort repariert und anschließend verkauft zu werden. Wir brauchen ein zuverlässiges Vehikel für unsere Reisen und den Patiententransport. Als wir den schwarzen Jeep 2007 kauften, standen uns nur begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung und wir erwarben das Beste, das wir für unser Geld erhalten konnten. Wir hoffen, dass wir für den Alten noch ca. 4-5.000 Euro bekommen, der Neue wird um die 15.000 Euro kosten.

Ich fuhr mit einem Taxi-Jeep zurück, voll beladen mit 10 Personen. Diesmal ignorierte der Fahrer vor Lamayuru die Strassensperrung und fuhr die neue Strasse entlang, die in großen Teilen von der Flut zerstört und für grössere Fahrzeuge weiterhin unpassierbar ist.


Es gibt noch so viel zu erzählen, interessante Details, spannende Hintergründe und ungewöhnliche Geschichten. Ich hoffe dass ich das irgendwann mal schaffe, vielleicht später auf der Homepage, die ich erst wieder bestücken kann, wenn ich zu Hause bin am 21.09. Auf meinem einzeilig beschriebenen Reistagebuch gibt es keinen freien Platz mehr…




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