Rundbrief 2 aus Leh, 15.7.2011

Liebe Freunde,

ich gruesse Euch aus dem wolkenverhangenen, "komfortablen" Leh. Bequeme Betten, weisse, duftende Bettwaesche, sauberer Nassraum und fliessendes warmes Wasser lassen uns die Strapazen der letzten Tage vergessen. Im Hotel Snowview von Mr. David fuehlen wir uns wohl und befinden uns im Zentrum des Geschehens von REWA.

Duftende Blumenwiesen in Zanskar

Mittwochvormittag brachen wir (Norbu, small Bilqees, Uli und ich) mit unserem Jeep von Kargil auf in Richtung Leh. Die Strassen ueberraschten uns, sie waren von einer auf zwei Spuren verbreitert worden, ein grosser Teil davon wurde und wird noch frisch geteert, aber immer noch viele Bau- und Engstellen dazwischen, an denen sich der Verkehr staut. So brauchten wir fuer die Strecke von 225 km wieder 9 ½ Stunden, Mittagspause mit eingeschlossen. Fuer mich war es ein "nach Hause" kommen in mein geliebtes Ladakh, zu meiner grossen Familie in Leh. Der Hotelgarten, der windgeschuetzt in der Anlage liegt, wird von uebervollen Apfelbaeumen beschattet, Stauden voller duftender, gefuellter Teerosen, Reihen von Tagetes und bluehendem Schnittlauch (hier eine Zierpflanze), Terrakottatoepfe mit Bluehplanzen und Kakteen versetzen mich (die grosse Gartenfreundin) in einen Freudentaumel. Hohe, dichte Reihen von Pappeln umgeben die Anlage, verstaerken mein Gruengefuehl.

Gruene Taeler inmitten von hohen Bergen

In der Rueckschau zum Beginn der Zanskarreise scheinen mir die letzten Wochen gepackt voll mit Aktivitaeten und vielen, vielen holprigen Kilometern. Am Wochenende vor unserer Reise nach Zanskar spuerte ich eine Erkaeltung im Anzug, der ich nicht viel Beachtung schenkte. Als wir (Norbu, Chokla, Hamida, Anna, Uli und ich) am Montag, den 4.7., morgens freudig nach Zanskar aufbrachen, ahnten wir nichts von der "Schuetteltour", die uns erwartete. Hoppelnd schaukelten wir durch malerische, vorwiegend muslimische Bergdoerfer, vorbei an gruenen, gleissenden Gerstenfeldern und lichten Waeldern, heupften immer hoeher, fotografierten riesige Gletscher zu unserer Rechten, ueberquerten reissende, sandbraune Gebirgsfluesse und klare Baeche.

Riesige Gletscher am Wegrand

Yakherden unterwegs

Pferde grasten auf saftigen Wiesen und Hochmooren, wir schoben uns vorsichtig durch Yakherden, die von Hirten auf Weiden getrieben wurden, schluckten unvermeidbaren Wegstaub, atmeten ihn ein und erreichten am fruehen Nachmittag das trockene Rangdum, der einzige Ort auf dem Weg, wo man in ein paar einfachen Strassenrestaurants einfache Mahlzeiten (eigentlich immer dasselbe: Reis, Daal und Gemuese) einnehmen kann.

Unser Weg zieht sich endlos

Mittagspause in Rangdum

Hier gibt es Gaststaetten fuer Moslems und Buddhisten. Nach der Staerkung suchten wir im Kloster Rangdum nach unserem ersten Patienten, er war jedoch in Ferien bei seinen Eltern. Ziemlich alleine auf der Strasse (besser: steiniger, staubiger Feldweg mit tiefen Furchen und ploetzlichen Einbruechen) hopsten wir weiter, bis wir endlich den Penzila Pass erreichten, der eigentliche Uebergang ins Zanskartal. Die Gegend wirkte kahl, sandig, wie eine Mondlandschaft. Wir befanden uns nun auf 4000 m Hoehe, ein gewaltiger Schritt aufwaerts von den 2700 m in Kargil. Hier flattern wieder buddhistische Gebetsfaehnchen auf den Haeusern, Stupas (buddhistische Bauwerke) dekorieren die Landschaft.

Stupas und Berge

Frauen tragen ihre Schafe???

Mittlerweile hustete und schnupfte ich ordentlich, mein Hals schmerzte, ich wurde heisser. Zwei Stunden nach Rangdum hielten wir an und teilten uns in zwei Teams auf, um Patienten in den Doerfern zu behandeln. Nach einer weiteren Stunde wiederholten wir diese Prozedur.

Patientenbehandlung auf dem Weg

Wir versorgen einen 42jaehrigen Patienten mit schwerster Skoliose mit Kinder-Unterarmgehstuetzen und Atemtherapie

Das weite Tal bot Platz fuer Doerfer, viele Felder und Viehweiden. Nach insgesamt 13 Stunden Reisezeit erreichten wir im Dunkeln Padum und hielten an, um einen Teller Suppe zu essen und Tee zu trinken. Da wir eingeladen waren, in Choklas Elternhaus bei seiner Schwester zu naechtigen, fuhren wir noch ½ Stunde nach Stongdey in Richtung Zangla. Als wir das grosse Bauernhaus erreichten und eintraten, erschrak ich zuerst. Gestampfter, staubiger Lehmboden in der Kueche, Spatzen flogen im Haus herum, vier kleine Jungs betrachteten uns neugierig, die Waende brauner Naturlehm, schuettere Beleuchtung, es roch nach Vieh. Wir wurden ins Wohnzimmer gebracht, das mit Teppichen ausgelegt war. In Schraenken an der Stirnwand wurden grosse und kleine bronzene Toepfe, vielerlei Tassen, Teller und Glaeser aufbewahrt. Ich zaehlte die Teppiche auf dem Boden und rechnete mir aus, wieviel Platz jeder von uns sechs Reisenden fuer sich zum Schlafen uebrig hatte, es wuerde sehr knapp werden. Aber nach einer Tasse Tee und ein paar Keksen wurden Uli und ich in ein weiteres, mit Teppichen ausgelegtes Zimmer gefuehrt und wir legten uns sofort schlafen.

Blick auf Stongdey vom Kloster Stongdey aus

Dienstag und Mittwoch waren damit ausgefuellt, Patienten zu besuchen. Dazu mussten wir wieder fahren, fahren. Wir tuckerten zum Stongdey Kloster, weil dort ein Moench war, der von uns stabile Schuhe erhalten sollte, aber er war mit seinen Moenchskollegen in einem anderem Kloster beim Beten. Wir genossen die unglaubliche Aussicht ueber das Land, schnupperten an derzeit ueberall bluehenden Heckenrosen und fotografierten die schneebedeckten Bergriesen rundum. Ich hatte mittlerweile meine Sprache komplett verloren und konnte nur noch angestrengt fluestern. Lustig war, dass die anderen anfingen, ebenso mit mir zu fluestern, wir wurden zur stillen Truppe, unterbrochen nur von meinen Hustensalven. Deswegen checkte ich am Donnerstag Morgen in das Ibex Hotel in Padum ein, schluckte Antibiotika und Hustensaft, waehrend sich das restliche Team zum Zweitagetreck ins Lungnak-Tal aufmachten, um dort weitere Patienten aufzusuchen.

Geschaeftiges Padum

Dank der guten Organisation von Chokla und Norbu traf das Team am Freitagnachmittag wieder wohlbehalten in Padum ein und erzaehlte mir beim Abendessen ueber die Erlebnisse ihrer Reise. Uli blieb bei mir im Hotel, die anderen kehrten nach Stongdey zurueck.

Wir finden kuriose Sonderheiten: Dieser Mann hat einen 2. Daumen, Polydaktili

Am Samstag ging es mir schon besser, wir suchten weitere Patienten auf und kuemmerten uns noch einmal um eine schwer behinderte 21jaehrige Patientin in Zangla, die mit ihrem Vater und seiner neuen Frau in einem schmutzigen, staubigen Bauernhaus in der Naehe des Flusses wohnte. Die kognitiv wache, aber inkontinente Patientin verbrachte wegen der Kontrakturen in Armen, Huefte und Beinen die meiste Zeit sitzend auf stinkenden Decken auf dem Boden. Ihr Vater waescht nur ihren Oberkoerper, niemand kuemmerte sich um den Rest. Dicke, schwarze Fliegen erfuellten den uebel riechenden Raum mit hektischem Brummen. Unsere Maedels untersuchten die Frau und kamen bleich und entsetzt ueber den Zustand in das Wohnzimmer zu uns.

21jaehrige Patientin in Zangla in einem desolaten Zustand

Auch in den letzten Jahren wurde die Patientin von unserem Team in einem voellig desolaten und verdreckten Zustand aufgefunden. Etwas musste geschehen, deswegen hatten wir uns mit Dr. Stanzin aus der Klinik in Padum in Verbindung gesetzt und um Hilfe gebeten, die er uns in jeder moeglichen Form zusicherte. Wir konnten Blasenkatheder, Abdeckmaterial und aerztliche Hilfe erhalten. Um das Ganze zu koordinieren fuhren an diesem Samstag wieder nach Zangla, um mit Choklas Onkel, dem "Koenig von Zanskar", Nima, zu sprechen. Der gemuetliche aeltere Herr empfing uns in seinem neuen Palast und lud uns zum Tee und Lunch ein.

Uli, der Koenig Nima, Karola, Norbu, Hamida, Anna

Er kannte die Patientin nicht, hatte noch nie etwas von ihr gehoert. Wir diskutieren lange Zeit ueber das Problem und er sicherte uns jede Hilfe zu. Seine Frau, derzeit unterwegs, ist Krankenschwester und sie wuerde sich um die Versorgung der Patientin kuemmern. Wir beschlossen, eine einheimische Frau einzustellen, die mehrmals in der Woche bei der Patientin vorbei schaute und sie waschen wuerde. Dazu spendete Uli spontan 1000 Rupies. Nima versprach, das Geld zweckorientiert zu verwalten. Ich bin gespannt was geschehen ist, wenn unser Team Ende August wieder in die Gegend zurueckkehrt.

Der alte Palast

Chokla und Anna vor Traumkulisse in Zangla

Im Anschluss besuchten wir den uralten Palast auf einem Huegel nahebei, der von einem Team ungarischer Spezialisten seit vier Jahren re