Rundbrief 1 aus Kargil, 3.7.2011

Liebe Freunde,

in diesem Jahr reise ich mit meinem Partner Uli Dewein aus Ulm. Er ist Mitglied und eifriger Unterstuetzer des Vereins und war letztes Jahr mit mir in Ladakh. Er kennt die Leute, das Land und die Umstaende und hilft mir sehr aufmerksam in allen Belangen, tippt endlose Listen ueber Doerfer und Einwohner aus der Kargil Region in Exelltabellen (fuer unsere Erhebungen der Behinderten). Seine entspannte Freundlichkeit und sein gezwirbelter Schurrbart entpuppen sich hier im muslemischen Land als Wegbereiter: Die Maenner lieben ihn deswegen, respektieren ihn, gruessen ihn unbekannterweise auf der Strasse mit "Hello Sir, how are you?". Uli wird dadurch fuer mich zum geschaetzten Partner, der neben mir steht und mir die Arbeit erleichtert. Eine super Schicksalsfuegung, zu zweit zu reisen und perfekt zu harmonieren.

Wir landeten am 23.6. in Delhi auf dem 2010 eroeffneten neuen Terminal 3. Fuer mich ein gewaltiger Zeitsprung seit dem Jahr 2003 und den Erlebnissen auf dem Flughafen, wie ich sie in meinem Buch beschrieben habe. Die Moderne regiert, Pluesch und Komfort, nette Shops, alles sauber und bestens organisiert. Nach zwei Stunden Wartezeit flogen wir weiter nach Srinagar und ersparten uns somit den laestigen Aufenthalt in Delhi fuer eine Nacht. Wir hatten uns fuenf Tage privaten Urlaub auf einem Hausboot in Srinagar gebucht,wurden am Flughafen abgeholt und in einen orientalischen Traum kutschiert. Seit vielen Jahren ist 2011 das erste unruhefreie Jahr in Srinagar, das erste Jahr, in dem man beruhigt im Land Kaschmir reisen kann. Kaschmir gilt als das "Paradies der Erde". Nun, die Leute hier haben Deutschland und unsere Alpen noch nicht gesehen. Aber immerhin, die Natur und Kultur beeindruckte uns durch ihre Andersartigkeit: Riesige alte Ahornbaeume, der Stolz der Einwohner, uralte, sehr gepflegte Gaerten der Mughals, vor vielen Hunderten von Jahren angelegt und heute noch sorgfaeltig gepflegt, mit Springbrunnen, Wasserstrassen, Rosengaerten und weiteren Bluehpflanzen. Wir besuchten einige Moscheen, bei einer durfte ich als Frau nur durch ein kleines Fenster reinschauen.

Ein Ausflug fuerte uns in die Berge (aehnich imposant wie die Schweiz: steile, gruene Haenge, von rauschenden Baechen durchfurcht) mit beeindruckender Flora. In einfachen Huetten, die wie Staelle aussehen, leben Nomaden mit ihren wohlgenaehrten Kuehen und Schafen, das Aussehen und die Kleidung der Menschen aehnelt der in Afghanistan. Dort oben wurden uns Ponies angeboten zum Ausritt noch hoeher in die Berge. Als wir erfuhren, dass ein Pferd nur 200 Rupies kostet (ca. 3 Euro), konnten wir nicht widerstehen und genossen ein paar herrliche Stunden ueber Stock und Stein. Uli bot mit seinen langen Beinen ein koestliches Bild: Das Pony verschwand unter ihm, seine Fuesse streiften fast den Boden, einfach Klasse.

Uli und sein Pony in den Bergen Kaschmirs

Auf unserem Hausboot, das im broekelnden Flair der Kolonialzeit verharrt, erhielten wir alle drei Mahlzeiten von einem Diener serviert, der uns rund um die Uhr betreute. Der Service verschlechterte sich jedoch, als wir bei einem Bootshaendler Safran 1 Gramm fuer 150 Rupien kauften und nicht seine Ware, die er uns fuer 400 Rupien per Gramm andrehen wollte.Das Boot, das wir alleine bewohnten, ist mit dem Festland und dem Grund verankert, jedoch der groesste Teil des Rumpfes reichte ins Wasser des Nagin Sees hinaus. Ueber uns schwebten den ganzen Tag Schwaerme von Adlern, wir konnten es fast nicht glauben. Sie bauen ihre Nester in die riesigen Ahornbaeume.

Mit einer Schikara (Gondola) schaukelten wir mehrmals ueber den See, beobachteten Voegel (es gibt dort alle drei Arten von Eisvoegel, die wir in Ruhe fotografieren konnten: Den kleinen Eisvogel, wie wir ihn in Deutschland kennen, dann den grossen, der farblich dem kleinen aehnelt, dann noch den seltenen schwarzweissen Eisvogel). Mit dem Boot besuchten wir die schwimmenden Gaerten und den Markt, der morgens zwischen 4 und 5 Uhr auf dem Wasser statt findet, eine bezauberne Erfahrung.

Mit der Shikara auf dem See unterwegs

Waehrend unserer Zeit auf dem Hausboot fing die Arbeit schon an: Norbu, unser Angestellter aus Leh, der unseren volltaendig ueberholten Jeep aus Srinagar abholte, besuchte uns zusammen mit Bilquees Fatima, unsere Angestellte aus Kargil, die ihren kranken Vater im Hopital betreute. Wir planten gemeinsam und uebergaben mitgebrachte Hilfsgueter an Norbu, der am naechstenTag nach Leh zurueckkehren wollte..

Am 27.6. reisten wir weiter nach Wayil, ca. 30 km ausserhalb Kargil im Landkreis Ganderbal, und verbrachten zwei Tage im "Hope Disability Center" von Sami Wani. Der hoch engagierte und qualifizierte Physotherapist gruendete dieses Werk 2001 und verfuegt ueber 39 Angestellte, die diese Organisation auf beeindruckende Weise fuehren. Hier werden Menschen kostenlos therapiert, an Krankenhaeuser zu Operation weiter geleitet (Spaltlippen und -Gaumen, Klumpfuss) und hinterher weiter therapiert. Wir diskutierten mit Sami eine Zusammenarbeit mit REWA Kargil und REWA Leh im Sinne von gemeinsamer Patientenbetreuung und Angestelltenausbildung. Wir wollen einige unserer Angestellten in den Wintermonaten zu ihm senden und dort in allen Bereichen der Arbeit (Physiotherapie, Ergotherapie, Orthopaedietechnik, Verwaltung und Organisation) ausbilden lassen.

Sami Wani und Karola vor dem Hope Disability Center

Ausserdem fuehrten wir ausgiebige Gespraeche mit Annabel Debakre von Handicap International ueben eine moegliche Unterstuetzung des Kargilprojektes durch Handicap International. Der Stand der derzeitigen Verhandlungen verspricht ein tolles Ergebnis, aber dazu spaeter mehr, wenn wir die feste Zusage in der Hand halten. Am 29.6. standen wir fruehmorgens mit unseren Koffern und Rucksaecken am Strassenrand und stoppten Jeeps und Busse in Richtung Kargil in Hoffnung auf Mitnahme. Nach zwei Stunden hielt ein Bus aus Leh, der uns die neunstuendige, 230 km lange Rumpelfahrt ueber 80 % unbefestigte Strassen quer ueber den Himalaya nach Kargil mitnahm. Wegen voellig ueberlastete Telefonleitungen (ein Dauerzustand in Kargil) konnten wir unsere Leute nicht erreichen und standen eine Weile in praller Sonne am Strassenrand und warteten. Da ich mich in der Gegend nach meinem Besuch im letzten Jahr ein wenig auskannte, konnte ich Leute auftreiben, die uns halfen und in kurzer Zeit kamen unsere Freiwilligen mit Ajaaz, Mr. Gulzars Bruder, die Strasse herunter und begruessten uns mit einem Katakh, dem weissen Schal. Ein Taxi brachte uns zum J&K Tourist Bungalow, eine einfache Unterkunft, in der ich bereits 2010 gewohnt hatte, nur 10 Minuten Gehdistanz von Mr. Gulzars Haus und dem Quartier der Freiwilligen (das Winterschlafzimmer und die Winterkueche von Mr. Gulzar und seiner Frau) entfernt. Gulzar lud das gesamte Team zum Abendessen in sein luxurioeses Wohnzimmer ein und wir diskutierten und erzaehlten bis spaet in den Abend.

Am naechtsen Morgen wurden wir von den Freiwilligen zu einem Geburtstagsfruehstueck eingeladen, sogar eine Kerze und ein Kuchen standen auf dem Tisch. Ich freute mich riesig und wir feierten den ganzen Tag, am Abend sogar mit einem heimlichen Glas Bier. Da Alkohol in Kargil streng verboten ist, kann er nur von Leh mitgebracht werden. Am Vormittag besuchten wir noch den kleinen siebenjaehrigen Hussein mit Spina Bifida und den schrecklichen offenen Druckstellen an den Fuessen, von dem ich einen Bericht in die Homepage gestellt hatte. Wir fanden den inkontinenten Kleinen nackt auf einem nassen Rupfensack in einem duesteren Gang sitzend und liessen ihn von seiner Mutter eine wackelige Leiter nach oben in in das bescheidene Wohnzimmer der Familie bringen. Der Mutter waren die Windeln ausgegangen…

Hussein im Gang, ein trostloses Bild

Unsere Leute hatten sich aufopfernd und mutig um seine Wunden gekuemmert und als ich den Verband wechselte, stellten wir deutliche Verbesserungen fest. Die Heilung seiner Wunden wird noch Monate dauern, aber die Chancen sind gut. Danach wird er zur Korrektur-OP der Klumpfuesse nach Srinagar gebracht, Sami Wani hilft uns dabei. Da Hussein Funktionen in den Beinen hat, sehen wir eine Chance, dass er eines Tages mit Hilfe laufen wird. Wir werden ebenso den Versuch starten, den lustigen und fitten Buben, der noch nie in einer Schule war, in Gulzars Privatschule unterrichten zu lassen. Unsere Angestellten werden ihn mit Windeln und Verbandsmaterial versorgen, unsere Freiwilligen werden schauen, dass er behindertengerechte Sitzmoeglichkeiten erhaelt.

Im Vergleich zum letzten Foto eine Verbesserung

So ging es weiter, Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen wurden zu uns gebracht, waehrend unser oertliches Team in die umliegende Gegend zu Hausbesuchen reiste. Ich schicke Euch ein Bild von einem 16jaehrigen Maedchen mit, das einen furchtbaren Buckel mit Verdrehung der Wirbelsaeule (Skoliose) hat.

Ein ausgepraegter Buckel mit Skoliosis

Bei ihr kann man nicht mehr viel machen, aber bei einem anderen anwesenden 7jaehrigen Maedchen mit dem gleichen Krankheitsbild, welches unbehandelt in 10 Jahren genauso aussehen wird, wie die 16jaehrige.

Das kleine 7 jaehrige Maedchen mit dem Buckel, die 16jaehrige und ein taubstummes Kind

Wir sahen schreckliche, schlecht verheilte Verbrennungen an jungen Maennern aufgrund einer Kerosinexplosion des Kochgeraetes, und registrierten wieder taubstumme Kinder. Am Freitag hoerten wir von einer fertig ausgebildeten Physotherapeutin, die in einem der Doerfer wohnt und nach einem Job sucht. Wir bestellten sie gestern ein und fuhrten ein Gespraech mit ihr, prueften ihre Unterlagen und stellten sie sofort ein. Am Montag beginnt sie mir der Arbeit, Anfangsgehalt 5500 Rupien, ca. 90 Euro, unvorstellbar fuer uns im Westen, aber Gottseidank fuer den Verein bezahlbar.

Heute kommt Norbu mit unserem Jeep aus Leh und wir bereiten uns auf den Fieldtrip nach Zanskar vor, der morgen Frueh losgehen soll. Allein die Reise nach Zanskar dauert einen Tag, danach wandern wir zu Fuss in die Gebiete, wo der Jeep nicht hin kommt. Dort warten viele kleine Patienten auf uns, die dringend Therapie und Hilfsmittel benoetigen. Ich werde versuchen in Padum, der Hauptstadt von Zanskar, die Moeglichkeit eines Stuetzpunktes fuer REWA aufindig zu machen und aufzubauen. Einige Kontakte sind bereits vorhanden. Das ueberwiegend buddhistische Zanskar liegt sehr hoch (4000 m) und ist wegen der unglaublich beeindruckenden Natur und seiner urspruenglichen, vom Westen zum groessten Teil unberuehrten Kultur bekannt. Wir freuen uns auf diese Reise, die ca. 10 Tage dauern wird. Ich werde mich hinterher wieder melden.

Uns geht es gut und wir geniessen Land, Leute und Kultur. Leider finden wir auch hier Plastikmuellberge, die Fluesse dienen als Abfalleimer. Unsere Freiwilligen und wir sind die einzigen "Touristen" in der Stadt und wir werden entsprechend angestarrt, aber sehr freundlich behandelt. Besonders die Kinder freuen sich ueber uns und ein Laecheln gewinnt die Welt.

Herzliche Gruesse aus Kargil sendet Karola Kostial




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