Rundbrief
1 aus Ladakh, 19.08.2010
Wir
bieten Traumatherapie an
PLÄNE
FÜR EINE NEUE BASIS IN KARGIL
Dieses Jahr ist alles anders als sonst. Die Flut änderte unsere
Pläne, setzte neue Perspektiven, verlagerte kurzfristig die Ziele
unserer Arbeit.
Alles lief normal bis zum 6.8. Wir arbeiteten im RAC und auf Hausbesuchen
mit den Kindern, der geplante Einsatz in Zanskar nahm konkrete Formen
an: wir wollten mit Hilfe von dort ansässigen Einheimischen und
einer Nonne, die in Sani (Zanskar) einem Nonnenkloster vorsteht, eine
neue Basis für die betroffenen Kinder einrichten. Die so genannten
Fieldtrips nach Zanskar bereiteten unserem Team schon seit Jahren
enorme Schwierigkeiten: Zwei volle Tage beschwerliche und gefährliche
Anreise mit Jeep, tagelange Fussmärsche mit Gepäck und Hilfsmitteln
auf dem Rücken. Schwerst betroffene Patienten sind dort zu behandeln,
die Eltern haben wegen der Feldarbeit wenig Zeit, sich um diese besonderen
Kinder zu kümmern. Mit insgesamt 12 Tagen Abwesenheit riss sich
niemand um die Teilnahme an dem Einsatz, 2009 fiel der zweite jährliche
Trip nach Zanskar durch frühen Schneefall aus, dieses Jahr wurde
der Einsatz durch einen Schaden am Jeep behindert, der auf dem Weg
nach Zanskar auftrat. Alex und Kunzang fuhren mit einem extreme teueren
Miet-Taxi weiter, Norbu versuchte verzweifelt den Jeep zu richten,
ohne Erfolg, denn ein wichtiges Teil fehlte. Der Jeep steht immer
noch in Kargil in einer Werkstatt, das Ersatzteil wird zu diesem Zeitpunkt
von Mr. David (Präsident von REWA) persönlich aus Delhi
abgeholt. Alle diese Ereignisse bestärkten uns im Vorhaben, nach
Zanskar zu reisen, um dort eine Basis zu gründen und Personal
zu schulen, die den Kindern vor Ort helfen würden. Die Flut stoppte
dieses Vorhaben, die Strassen waren zu lange unpassierbar, ich konnte
diese Reise nicht rechtzeitig vor meinem Abflug antreten, unsere Kontaktpersonen
waren zwischenzeitlich fluchtartig abgereist.
Aber das zweite Ziel, eine Basis in Kargil für die muslimische
Bevölkerung zu gründen, werden wir dafür umso intensiver
verfolgen können. Norbu und ich wollen nächste Woche mit
dem Kargiltaxi nach Kargil fahren (eine Tagesreise), das Ersatzteil
mitnehmen und den Jeep richten lassen. Ich werde mich vor Ort mit
den Männern treffen, die uns letztes Jahr bei der Einweihungsfeier
des Therapiezentrums händewringend gebeten hatten, ihnen in Kargil
beim Aufbau einer Station für die behinderten Kinder dieser Gegend
zu helfen. Gestern erhielten wir noch überraschende Unterstützungszusage
von "Handicapped International ". Diese Organisation unterstützt
eine Behindertenarbeit im muslimischen Srinagar (Kashmir, eine weitere
Tagesreise von Kargil entfernt) und will uns bei der Arbeit in Kargil
helfen. Ich bin schon gespannt auf dieses neue Abenteuer.
DER
KÖNIG VON LADAKH KOMMT NACH DEUTSCHLAND
Zur schier unüberwindbaren Hürde wurde für mich die
miserable Internetverbindung seit der Katastrophe. Ich konnte zwar
meine Mails nach langem Warten abrufen, aber keine einzige beantworten,
beim Senden haperte es gewaltig. Seltsamerweise gelang es mir, einige
Artikel und Bilder in myheimat Günzburg zu setzen. So eine Sitzung
im öffentlichen Internetcafe dauerte meist zwischen 3-4 Stunden,
ohne wesentliches erreicht zu haben. Oh ja, facebook funktionierte
meist auch recht gut, kurze Nachrichten konnten gesendet, aber keine
Bilder hochgeladen werden. Auf allen Fahrten durch das Land begegneten
uns die Auswirkungen des schrecklichen Unglücks, das geht nach
einer Weile so richtig unter die Haut, vor allen Dingen als wir die
vielen dramatischen Geschichten und Schicksale der Menschen erfuhren,
und es hört nicht auf damit. Wir besuchten das "Army Relief
Camp" der indischen Armee, wo die Menschen untergebracht sind,
die alles verloren haben, 70 Zelte mit je 2-3 Familien, die in einem
Zelt wohnen. Wir waren beim Koenig von Ladakh, Mr. Jigmet Namgyal,
und besprachen die schwierige Situation in Ladakh. Der Koenig wird
übrigens im Herbst nach Wettenhausen (Landkreis Günzburg)
kommen und bei meiner Ladakh-Veranstaltung im Kulturcafe Original
(Lesung, Multimediashow, Tibetischem Essen uvm.) am 15.10. anwesend
sein und über unsere gemeinsame Arbeit in Ladakh berichten. Ein
echter Koenig in Günzburg!
TRAUMATHERAPIE
Am Wochenende nach der Flut kam mir die Idee, den betroffenen Menschen
in unserem Zentrum Traumatherapie anzubieten. Dieses Vorhaben wurde
von unserem Personal mit Begeisterung angenommen und sofort umgesetzt.
Zufällig wohnte in unserem Hotel eine australische Psychotherapeutin,
erfahren in Traumatherapie. Sie erklärte sich bereit, drei Tage
mitzuhelfen und uns grob in die psychotherapeutische Seite der Therapie
einzuweisen, sie lehrte uns eine tibetische Entspannungsmethode mit
Hilfe von Atemtechniken. Mit einem Brief informierten wir die örtliche
Regierung und Ärzteschaft von unserem Vorhaben und baten um Unterstützung.
Handzettel wurden ausgeteilt und aufgehängt. Das Projekt fand
großes öffentliches Interesse und täglich treffen
bei uns 2-3 traumatisierte Menschen ein, die wir über Zuwendung
und Interesse an ihrer Geschichte, körperliche Therapien (Massagen,
Entspannungstechniken, weitere Physiotherapeutische Maßnahmen)
behandeln. Sie beruhigen sich, können nachts wieder schlafen,
bringen andere Betroffene mit, das Lächeln kehrt zurück.
Ich freue mich ganz besonders darüber, dass unser Team so großen
Spaß an dieser zusätzlichen Arbeit findet und dabei viel
lernen kann, dass es keine Überstunden scheut. Es ist uns allen
klar, dass wir keine wirklich professionelle psychotherapeutische
Hilfe anbieten können, aber es ist eine Hilfe, die einzige dieser
Art in Leh nach der Katastrophe.
VERMISSTE
TREKKER
Gestern erhielt ich eine Email von einer deutsch-rumänischen
Familie: Sie vermissen seit dem Unglück ihren Sohn und seine
Freundin, die zu diesem Zeitpunkt in den Bergen beim Trekken waren.
Im Leichenhaus in Leh liegen noch einige nicht identifizierte Körper
ausländischer Touristen. Die Hilflosigkeit in einer solchen Situation,
die verständliche Verzweiflung der Eltern ob der Ungewissheit,
das alles geht mir so richtig ans Herz.
UNSERE
TAPFEREN FREIWILLIGEN
Stolz bin ich auf unsere vier Freiwilligen Lisa, Kerstin, Alex und
Jannika, die in den ersten Tagen nach der Flut, als nichts mehr ging
(Therapie mit Kindern), einfach zum Spaten griffen und mit vielen
anderen Volontären (Touristen und Einheimischen) die verschütteten
Häuser und Schulgebäude frei schaufelten.
Herzliche Grüße von Karola Kostial aus Leh