Mein
Einsatz in Kargil als Schulberater, Physiotherapeut, Sprachtherapeut
und Fahrer
1. - 25. September
2011, Bericht von Philip Hoheisel
Da
es mir in Kargil wirklich gut gefallen hat habe ich den geplanten
2 Wochen noch eine 3. Woche angehängt. Als die Anfrage kam, ob
ich nicht länger bleiben könne, habe ich sofort zugestimmt,
auch, um meine Arbeit zu einem runden Abschluss zu bringen. Ein besonderes
Erlebnis war für mich die Einladung von Mr. Gulzar zu einem Lunch
mit 22 Mullahs im Haus seines Schwiegervaters. Weitere kamen sowohl
bei der Arbeit, als auch im täglichen Leben hinzu. Wenn man nach
Kargil kommt fällt einem sofort auf, dass man so ziemlich der
einzige Tourist hier ist und wenn man dann auch noch länger als
1 Nacht bleibt ist man gleich bekannt. Nichts ist auf Tourismus ausgelegt
wie in Leh. Daher ist das lebhafte Straßentreiben noch sehr
ursprünglich. Es gibt keine Souvenirläden und auch keine
westlichen Restaurants. Die Auswahl ist bescheiden, aber ein paar
gute Restaurants habe ich gefunden und regelmäßig besucht.
Das Straßenleben in Kargil hat mir gut gefallen.

Gruppenfoto
mit den KollegenInnen
Vielfach
genutzte Fähigkeiten
Mit meinen 4 Jobs als Lehrer, Fahrer, Physio- und Sprachtherapeut
war die Zeit sehr intensiv und voll gepackt. Die ersten beiden Wochen
wohnte ich alleine in meinem Zimmer, in der 3. Woche kam dann noch
Sandra, die letzte verbliebene Volunteer aus Leh, mit dazu. Alle 3
Wochen waren sehr gelungen. Meine Arbeit in Kargil war deutlich stärker
an meinen Fähigkeiten als Lehrer orientiert, als in Leh. Hier
kam ich, dank Mr. Gulzar und Mr. Ajaz, viel an Schulen und konnte
zum Teil auch den Unterricht besuchen. Meine Hauptaufgabe wurde aber
das Halten von Vorträgen für die Lehrerkollegien und zum
Teil auch für die Schüler. Insgesamt war ich in den 3 Wochen
an 9 Schulen und an 2 Schulen wurde ich noch ein 2. Mal angefordert.
Die Resonanz war wirklich unglaublich positiv, alle haben sich immer
so sehr bedankt, dass es mir schon fast peinlich wurde, ich aber das
Gefühl hatte, wirklich ein wenig helfen zu können.
Anfangs
hatte ich ja keine Ahnung, über was ich denn nun moderieren sollte.
So war mein erster Vortrag dann auch recht spontan und an den Fragen
der Lehrer orientiert. Schnell wurde mir aber klar, welche alltäglichen
Probleme im Klassenzimmer auftreten (Konzentrationsstörungen,
unsoziales Verhalten, Sprachstörungen, Lernbehinderungen, fehlende
Hausaufgaben, fehlende Hygiene, Schule schwänzen, allgemein hohe
Lautstärke im Unterricht). So orientierte ich meine Vorträge
an diesen Problemen und arbeitete ein 5-seitiges
Papier aus, dass
ich dann den Schulen zukommen ließ. Dabei fielen mir noch viel
mehr Ideen ein und durch die teils verheerenden Eindrücke aus
dem Unterricht änderte ich das Thema auf "Wie gestalte ich
meinen Unterricht interessanter und wie binde ich die Schüler
mehr ein". Wer Interesse an der Ausarbeitung hat kann es auf
Englisch auf der Webseite nachlesen. Da ich auch mit ansehen musste,
wie Schüler mit dem Stock geschlagen wurden und noch andere drakonische
Strafen demonstriert wurden, ging ich auch auf Alternativen ein und
hob die Wichtigkeit der Beziehung zwischen Lehrer und Schülern
hervor.
Prügelstrafe
an der Tagesordnung
Ein paar
Lehrer betonten im Gespräch, dass die Schüler in Kargil
ganz besonders schwierig wären und sie sich nur konzentrieren
könnten, wenn man sie mit dem Stock schlägt. Naja, ich
glaub das nicht und ich sehe auch keine anderen Kinder. Die Lehrer
und auch die Schüler waren überwiegend sehr dankbar für
die viele Tipps. In vielen Schulen gibt es Fenster zum Gang oder
Balkon hin. Ständig laufen Schüler während des Unterrichts
vorbei und machen am Fenster den Affen. Manche lehnen sich durchs
Fenster und unterhalten sich mit den Schülern, die drinnen
sitzen. Die Schüler der Klasse stehen dem in nichts nach und
lehnen sich ihrerseits aus dem Fenster. Und niemand macht oder sagt
was. Keine Regeln, nur Frontalunterricht, kleine Räume mit
vielen Schülern, teils keine Bänke und Tische, sind welche
vorhanden, so sind sie oft kaputt und ständig fällt eine
Tischplatte zu Boden. Und da wundern sich alle über die Probleme.

Gruppenfoto
mit den Lehrern
Nur eine Schule war erfrischend anders, die Kargil Public School.
Die haben eine tolle Atmosphäre in den Klassen, gute Kontakte
zwischen Schülern und Lehrern, arbeiten mit Klassensprechern
und Vertrauenslehrern, geben den Schülern Mitverantwortung im
Unterricht und im Schulalltag und ich konnte mich mit allen wirklich
gut und entspannt unterhalten. Also, eine spannende Arbeit mit vielen
Erfahrungen und Eindrücken! Immer mehr Schulen bekamen mit, dass
ich da war und fragten an, ob ich nicht auch zu ihnen kommen könne.
Naja, von 137 Schulen im gesamten Distrikt (inklusive Zanskar) hab
ich jetzt 9 besucht. Viel Arbeit steht also noch für weitere
interessierte Sonderschullehrer an!!
Hilfe
durch Mr. Ajaz
Oft
war Mr. Gulzars Bruder Mr. Ajaz dabei und machte die Einführung
und Vorstellung mit viel Pathos. Auf alle Fälle bin ich nun Doktor
Philips und der beste Lehrer der ganzen Welt! Weitere Titel hab ich
in Kargil zudem erlangt, wie auf den Straßen von den Schülern
zu hören war. Meistens war da ein Philips oder Mr. Philips zu
hören, ein paar Mal hörte ich aber Mr. Germany (deutsche
Aussprache). Es war überhaupt sehr angenehm und nett, dass mich
mit der Zeit so viele Leute kannten und grüßten.

Foto
mit Mr. Ajaz, re.
Anders als in Leh wird die Physiotherapie in Kargil derzeit ausschließlich
durch Hausbesuche angeboten. Das neue Center ist aber im Bau. Durch
die Homevisits kam ich in der näheren Umgebung von Kargil gut
herum und habe einiges gesehen. Bei den Hausbesuchen bekam ich auch
sehr unterschiedliche Eindrücke. Teils kümmerten sich die
Eltern wirklich gut um ihre Kinder, teils waren sie sehr verwahrlost.
Es gibt oft keine Windeln und die Kinder liegen dann nur in einer
teils sehr geruchsintensiven Decke auf dem Teppichboden. Teils werden
sie dort den ganzen Tag liegen gelassen und sie bekommen kaum Pflege,
Unterstützung und Aufmerksamkeit. Oft liegt das aber schlicht
an der Unwissenheit der Eltern und an dem schwierigen Lebensverhältnissen
allgemein. Neben der Physiotherapie bot ich noch etwas Sprachförderung
an und konnte auch ein paar Kommunikationstafeln mit dem Boardmaker
erstellen. Hoffentlich hilft das weiter!

Mahmuda,
Bilquees und Hamida

Hamida
und Bilquees mit little Ali
Auch
in der Physiotherapie konnte ich Bilquees, Hamida und Zahira noch
einige Tipps geben und neue Übungen zeigen. Insgesamt ist es
erschreckend, wie viele behinderte Menschen im Raum Kargil leben,
oft sehr schwer behindert. Ich vermute schon sehr stark, dass dabei
eine starke genetische Komponente durch Heiraten im engen Familienkreis
eine große Rolle spielt. In der 3. Woche in Kargil kam dann
auch noch Sandra an und konnte den einheimischen Physiotherapeutinnen
noch viele gute Tipps geben.
Abschiedsfoto
mit Mr. Gulzar