Oktober 2005

Brief von Sylvia Karcher Leh, 25.09.2005

Liebe Carola,
ein herzliches julee aus Leh. Ich wollte Dir sagen, wie gluecklich mich hier fuehle. Mit allem: mit den freundlichen Menschen; mit der sinnvollen Arbeit, die wir hier machen; mit den urigen Busfahrten; der faszinierenden Landschaft, die ich immer wieder neu und anders auf Wochenendausfluegen kennen lerne; mit den schoenen Abendspaziergaengen, die ich manchmal von unserem Haus aus, meist in noerdliche Richtung, unternehme und dann ganz gefangen bin von den herrlichen Licht-und Schattenspielen auf den Wuestenbergen die ihren unglaublichen Brauntoenen. Die Arbeit macht mir ganz viel Spass und ich bedaure es, dass die Haelfte meiner Zeit hier in Ladakh schon vorbei ist. Seit Mitte September sind die Touristenstroeme merklich zurueckgegangen, ich geniesse die leere Stadt, die wieder mehr den Ladakhis gehoert. Sie haben jetzt ihre Ernten eingebracht und scheinen sich vor dem Winter noch mal in Leh mit allem Moeglichen, wie z.B. mit Stoffen, einzudecken oder sich einfach nur gegenseitig zu besuchen. Viele Geschaefte und Restaurants sind inzwischen geschlossen, wir stehen immer wieder entgeistert vor "unseren" Laeden, die ploetzlich verschlossen sind. "Unser" Sikh, der so leckeres Brot hat, macht morgen auch zu, Yakkaese, den ich so liebe, hat er leider schon seit längerem nicht mehr. Trotzdem wird es uns auch in den kommenden Monaten nicht schlecht gehen. Wir haben ganz gut gelernt zu improvisieren und uns auf die indische Lebensweise, dass z.B. kurzfristig alles anders ist, als geplant, einzustellen. Nun zu unserer Arbeit. Zuallererst muss ich Dir sagen, dass es ganz, ganz gut und wichtig ist, dass jetzt jemand, naemlich Catherin, fuer einen langen Zeitraum hier ist und Kontinuitaet gewaehrleistet und das alles ueberhaupt ganz super macht. Ich glaube, es war jetzt auch genau der richtige Zeitpunkt, dass jemand fuer laengere Zeit vor Ort den Ueberblick hat und weiss, was mit wem besprochen wurde. Ich glaube, besonders Mr. Gergan ist gluecklich, dass er jetzt ueber lange Zeit eine Ansprechpartnerin hat und nicht dauernd mit unterschiedlichen Leuten zu tun hat. Ebenso die Nirlac-Leute und andere mehr. Ich finde uebrigens, die ueblichen 6 Wocheneinsaetze zu kurz, zumal durch Krankheiten oder Umstellung am Anfang meist schon eine Woche weg ist und einige Tage wollen die Physios auch trekken, sodass real gut 4 Wochen fuer die Behandlungen bleiben. Der Wechsel ist besonders auch fuer die Patienten und ihre Angehoerigen zu haeufig. Ich habe gehoert, dass Du dies im kommenden Jahr veraendern willst, mindestens 8 Wocheneinsaetze und finde das gut und notwendig. Vielleicht wird es schwieriger, Freiwillige zu finden, da dann meist unbezahlter Urlaub genommen werden muss. Aber der Sache wuerde es gut tun. Von unserem Physiocamp hat Catherin Dir, wie ich weiss, ausfuehrlich berichtet. Demnaechst bekommst Du auch Photos geschickt. Die Auswertung mit Dr. Darwa (ich hab ihn noch nie gesehen!) steht leider immer noch aus. Unsere interne Auswertung war kritisch was Dr. Darwas Vorstellungen, bis Ende des Jahres alle medical- health -worker ausgebildet zu haben, betrifft. Das ist, bei dem geringen Wissensstand der Teilnehmer, utopisch und sollte auch von uns nicht unterstuetzt und mitgetragen werden. Ich finde, dass Du den Satz "Physiotherapieschule in Leh gegruendet" streichen musst. Ich glaube, dass selbst das Basiswissen, das wir in den 10 Tagen zu vermitteln uns sehr bemueht haben, nur bei ganz wenigen wirklich angekommen und verstanden wurde. Man muesste jetzt, 4 Wochen spaeter, ein Treffen mit allen 10 Teilnehmern einberufen und Rueckmeldung bekommen, was von dem Vermittelten haengen geblieben ist, was sie anwenden konnten, welche Fragen sie bei ihrer praktischen Arbeit in den remote areas haben und ob sie letztlich ueberhaupt praktisch gearbeitet haben. Wir wissen von einigen, dass dies nicht der Fall ist, sie im Buero arbeiten. Ich denke, wir muessen uns darueber austauschen, welche Zukunftsperspektive Ladakh-Hilfe e.V. haben soll, d.h. auf wieviele Jahre unsere Arbeit angelegt ist, wo die Schwerpunkte sein sollen und was evtl. veraendert werden in den Schwerpunkten. Dazu waere ein Austausch in Guenzburg (oder anderswo) mit allen ehemaligen Freiwilligen sicher anregend. Ich frage mich, wie wir (bzw. wie das medical health department, dessen Aufgabe es ist - wie ich finde) mehr Ladakhis in die Physioausbildung bekommen kann, sodass unsere Aufgabe vielleicht auf Dauer mehr die der Supervision der ausgebildeten Physios waere. Allerdings haben wir, sowohl bei dem Physio im Reha -Zentrum in Leh, als auch bei den beiden Physios in Karu festgestellt, dass sie sehr auf Elektrogeraete eingestellt sind und auch ihre Patienten (CP) gerne auf Apparate, wie Laufband, Fahrradtreten, "Bergsteiger", Kraftraeder stellen bzw. einspannen. D.h. die Behandlungsansaetze scheinen in Indien und Deutschland extrem auseinander zufallen. Aber da muss man sich was einfallen lassen. Ebenso muessten sich verschiedene Gruppierungen etwas einfallen lassen um zukuenftige Physios finanziell zu unterstuetzen, damit sie eine Ausbildung (zunaechst wohl in Delhi oder Chandigar) machen koennen. Na, darueber wirst Du mit Catherin im Austausch sein, wir reden hier jedenfalls oefter ueber Perspektiven von Ladakh Hilfe und über die Koordination (oder die fehlenden Kooperation) den unterschiedlichen Gruppierungen wie Nirlac, Moravian Mission School, health department. Von einem grossen Problem, naemlich der Fahrerei zu einigen Kindern in abgelegene Gegenden, weißt Du sicherlich ueber Catherin. Ich will Dir trotzdem ein, zwei meiner Gedanken dazu schreiben. Wir mussten in der Zeit, in der ich hier bin, immer im Nirlac betteln, dass uns ein Fahrer nach Chuchot Hostel oder Chuchot Chamna faehrt. Meist hat es, aus unterschiedlichen Gruenden, nicht geklappt und die Kinder wurden entweder in der Woche nicht behandelt oder wir sind auch mal gelaufen oder getrampt. Diese Situation ist enorm kraeftezehrend und auch unoekonomisch, weil viel Zeit drauf geht und man eigentlich mehr Kinder behandeln koennte. Wir haben ja nun noch viele Kinder, aber eben auch in entlegenen Gegenden, wie z. B. Phiyang, gefunden (die in Listen im Nirlac auftauchten). Nun haben wir die Loesung gefunden, dass wir seit 2 Wochen jeden Donnerstag nachmittag in die Chuchot-Gegend mit einem Taxi fahren, kostet jedes Mal 500,- Rupien, aber ich finde, das Geld ist gut angelegt. Diese Taxigeldausgabe kann man auch Spendern vermitteln, das wuerden sie sofort einsehen und es erleichtert unsere Arbeit ungemein. Ein Weiteres, was die Finanzen betrifft. Ich faende eine monatliche Unkostenpauschale fuer uns Freiwillige angemessen. Wir zahlen doch vieles, was unmittelbar unsere Arbeit betrifft, aus eigener Tasche. Das sind im Moment jeweils nur kleine Summen, wie alle Busfahrten oder laundry fuer die Haushaltswaesche etc., aber es kommt doch einiges im Monat zusammen. Catherin hat einen wunderschoenen Stuhl mit Tisch fuer Athetotiker nachgebaut (Nobuleh hat so einen Stuhl aus Chandigar). Catherins Nachbau ist ein Prachtstueck geworden! Unsere Wohnungen uebrigens auch! Heute haben wir gerade in der unteren Kueche, nachdem wir sie total ausgerauemt und geschrubbt haben, einen Linoléumfussboden verlegt. Nun kann man eigentlich vom Fussboden in der Kueche essen, so schoen und sauber ist alles geworden. Und die obere Wohnung wuerdest Du nicht wiedererkennen. Wir haben Stoff gekauft und genaeht, alles per Hand, geputzt sowieso, die Waende geschmueckt und einen huebschen Fussbodenbelag im vorderen Zimmer gelegt. Nun muessen wir noch die Tuere winterfest hinkriegen. Liebe Carola, ich glaube, das reicht jetzt erst mal an Infos und Gedanken. Ganz herzliche Gruesse, bis zum naechsten Mal, alles Liebe, Sylvia Karcher

August 2005

Bericht von Catherin Gunkel


Im August waren wir zunaechst eine grosse Gruppe mit Sabine, Vera, Sylvia, Miriam und Catherin.
Nach der Uebergabe fuer die Neulinge Sylvia und Catherin stand dann auch gleich die Vorbereitung des dritten Physiocamps in Leh sowie die Besichtigung des geplanten Hostels + Schule fuer Handicapped children von Mr. Gergan, Leiter der Moravian Mission School im Vordergrund.
Zunaechst wurde geplant, dass das Camp am 15.08. 2005 beginnen sollte. Wir waren gleich etwas skeptisch, da wir hoerten, dass am 17.08. der Dalai Lama in Leh ankommen sollte, um in seiner Sommerresidenz zu meditieren + zu teachen. Und unsere Skepsis war berechtigt, da wir zwei Tage vor Beginn erfuhren, dass wir erst am 18.08. beginnen sollten.
Zu Beginn des dritten Camps in Leh konnten wir noch ein paar Tage auf die Erfahrung von Sabine zurueckgreifen (Miriam und Vera waren schon wieder in Deutschland oder auf dem Weg dahin ) und hatten zusaetzlich die Unterstuetzung von Chrissi bekommen. Neben dem Unterrichten, war natuerlich der kulturelle Austausch sehr spannend und wir haben uns bemueht zumindestens die Koerperteile auf Ladakhi zu lernen - ist aber gar nicht so einfach, sich diese schwierigen Woerter zu merken. Mittags gab es immer einen gemeinsamen lunch, bei dem wir das Essen mit Fingern lernen konnten + das man schmutzige Teller sehr gut mit Sand - sofern keine Seife vorhanden - reinigen kann.
Zum Schluss war eine sehr kritische Diskussion unter den Teilnehmern, die nach dem Eintreffen von Mr. Namgyal und Mr. Gergan leider verstummte. Die Teilnehmer berichteten, dass sie leider von ihren Vorgesetzten nicht die Order erhalten, in die remote areas zu gehen und das Erlernte anzuwenden. Nach den Reden von Mr. Gergan ( leider war Dr. Dawa als Chef des Health departments nicht gekommen ), Mr. Namgyal und mir ( Catherin Gunkel, als Vertreterin fuer Ladakh-Hilfe e. V. ) haben uns die Teilnehmer zu einem Abschiedsessen in einem tibetischen Restaurant eingeladen.
Anfang September standen zwei wichtige Themen neben der Behandlung unserer Patienten im Vordergrund:

Mr. Gergan bei der Auswahl und Anfertigung von Moebeln + Inventar fuer das Hostel + die Schule fuer Handicapped children unterstuetzen. So wurden viele Fotokopien aus vorhandenen Hilfsmittelkatalogen gemacht, damit seine Schreiner alles entsprechend nachbauen koennen.

Das Namgyal Institut hat fuer ganz Ladakh eine Auflistung aller Handicappeds gemacht, um deren Behinderung sowie deren schulische Bildung festzustellen. Anhand dieser Listen wurde klar, dass da viel Arbeit fuer uns vorhanden ist und wie unbedingt die schwerbetroffenen Kinder anschauen muessen, um Eltern anzuleiten, eine Hilfsmittelversorgung anzuleiern bzw. zu optimieren und wenn moeglich, die Kinder natuerlich auch zu behandeln. So haben wir nun insgesamt 5 neue Kinder, die wir behandeln. Da wir immer noch dabei sind, neue Kinder aufzusuchen - was wie immer das Problem des Transportes sowie des Findens beinhaltet - werden es sicherlich noch mehr werden. Wir koennen uns also vor Langeweile nicht beklagen!
Vielleicht ein paar Worte zu den neuen Kindern:
Thinless Norboo wohnt in Phyang, was etwa 30 Kilometer von Leh entfernt liegt. Er ist knapp 10 Jahre alt, hat eine CP und wurde noch nie behandelt. Er hat einen Rollstuhl vom DDRC bekommen, der leider viel zu gross ist - aber sie haben hier keine Kinderrollstuehle. Symptomatisch hat eine Spastik sowie eine Athetose, was ihm das Hantieren sehr erschwert. Neben seiner physischen Behinderung ist er sehr aufgeweckt und kommuniziert ueber Gesten und Laute und sollte eigentlich auch auf diesem Gebiet = Schule gefoerdert werden, doch momentan gibt es noch keine entsprechende Einrichtung, s.d. wir schwer auf das Hostel von Mr. Gergan hoffen.
Asma Batul ist ein authistisches etwa 12-jaehriges Maedchen, dass motorisch sehr unruhig ist und lediglich ueber Klopfen eine Art von Kommunikation betreibt. Sie spricht nicht, versteht aber ihre Eltern. Nimmt an Alltagsaktivitaeten nicht teil und lebt in ihrer eigenen Welt.
Amir Hamsa ist von den Nirlac-Leuten im Nubra Valley, nah der chinesischen Grenze gefunden worden. Er hat eine CP, keine Hilfsmittel, keine schulische Integration oder ein Handicapped Certificate. Er wurde nun in Leh im SNM Hospital untersucht, hat einen Rollstuhl vom DDRC bekommen ( natuerlich auch wieder etwas zu gross ) und lebt nun in Chuchot Hostel, wo er als der Neue von allen bevorzugt wird. Neben der Spastik und Athetose in den Armen ist er sehr clever und versucht zu sprechen, was ihm aber bei seiner stark eingeschraenkten Mund-, Zungenkontrolle sehr schwer faellt und meist misslingt.
Padma Angmo ist ein 11 Monate altes Baby, dass ebenfalls eine CP hat. Sie wurde ebenfalls von den Nirlac - Leuten in Zanskar entdeckt. Sie lebt nun mit ihrer Mutter + Geschwistern in Leh und kommt nun regelmaessig ins Namgyal Institut, wo sie von uns behandelt wird. Im Vordergrund steht derzeit noch die Aufklaerung der Mutter sowie ihr das Handling im Umgang mit Padma, die sehr floppy ist und sich kaum bewegt.
Dechen Angmo haben wir in der Godwill Army School kennengelernt. Sylvia und ich waren genauso geschockt wie Sabine schon wegen der ausgepraegten Spastik, die die 16-jaehrige hat. Sie hat ebenfalls eine CP und seit ihrem 10. Lebensjahr hat sich die Spastik immer weiter verschlechtert. Derzeit ist es so, dass man sie nur noch zu zweit behandeln kann, da man sonst die Spastik gar nicht mehr durchbrechen kann. Sie ist nun seit Juli diesen Jahres in der Godwill School - auf eigenen Wunsch. Sie ist neben ihrern physischen Behinderung sehr intelligent. Das Sprechen ist aufgrund der Spastik ebenfalls sehr schwer und anstrengend fuer sie, aber sie kann sich gut mitteilen - sogar auf Englisch. Zwar wird sie in der Schule taeglich behandelt, aber wir haben nun mit ihr + ihrer mutter zusammen entschieden, dass wir sie 1x./woche zu hause behandeln. Unser Anliegen entstand dadurch, dass wir gesehen haben, dass sie von den Physiotherapeutinnen an der Schule nur durchbewegt wird. Leider war die Bereichtschaft der Therapeutinnen zu einem Austausch nicht da und wir wollten uns auch nicht aufdraengen.

So viel zu unseren neuen Patienten. Nach wie vor kontrolliere ich mit Mr. Gergan zusammen seine Schreiner, damit das Hostel moeglichst naechsten Monat komplett eingerichtet werden kann. Wann dann der Startschuss sein wird, ist noch nicht geklaert, aber ich bleibe am Ball!
Fuer die Einrichtung waeren dann sicherlich auch noch ein paar Spenden von Deutschland in Form von Sachspenden gut:

Pezzibaelle
Therapierolle aufblasbar
Weiche Baelle in unterschiedlichen Groessen
Therapieknete
Airexkissen
Matten
Schwungtuch
Stofftunnel
Und andere kleine Gegenstaende

Eine genauere Liste kann man sicherlich erst aufstellen, wenn wir begonnen haben!
Bis dahin, liebe Gruesse und vielen Dank aus Ladakh an Alle, die uns bei unserer Arbeit unterstuetzen.




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