Children need hope, they need REWA
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Ladakh im Juli/August 2015, Alle Berichte von Karola Wood

Bericht 1: Kein Internet, aber Sanze ist da...

Jetzt reise ich seit 2003 fast jedes Jahr nach Ladakh und bilde mir ein, dass ich dort schon so ziemlich alles erlebt habe.  Und trotzdem werde ich jedes Jahr immer wieder aufs Neue überrascht…

Als ich vor einer Woche in Leh an kam, begrüßten mich schwülwarmes Wetter und dicke,  schwarze Wolken, die bedrohlich über den Bergen hingen. Erinnerungen an die schreckliche Flut in 2010 wurden wach. In der Unterkunft angekommen, hörten wir, dass es ungewöhnlich viel regnet, Schlammfluten viele Straßen zerstört hatten und unter anderem auch die Verkabelungen für Telefon und Internet.  Oha, dachte ich, kein Internet und kein Telefon, das ist nichts Neues. Aus diesem Grund hatte ich mir dieses Jahr eine Tüte voller Handarbeiten und Mal-Utensilien mitgebracht und das war gut so, denn die Funkstille herrschte eine ganze Woche, viel Zeit für Gespräche, Arbeit im RAC, Malen und Ankommen.  Das Wetter blieb weiterhin regnerisch, für Ladakh sehr ungewöhnlich: die ganze Nacht Regen, abends starke Gewitter mit Wolkenbrüchen.  Ich bringe nie eine Regenjacke oder einen Schirm mit, aber das wird wohl ab 2016 mit eingepackt.

Was für eine Überraschung erlebte ich in der Stadtmitte, dem sogenannten „Main Market“. Ich war gewarnt worden, dass Leh eine Baustelle sei. Es ist schlimmer, Leh ist fast nicht mehr wieder zu erkennen. Es wird gebaut was das Zeug hält, dem im Rahmen der „Verschönerung“ der Stadt gibt es ab 2016 einen 15jährigen Baustopp. Warum? Zum ersten Mal überhaupt wurde in Leh Kanalisation unter der Straße verlegt (und Stromkabel). Dazu wurden die Straßen der Innenstadt völlig aufgerissen und neu konstruiert. Nach Fertigstellung wird der Main Market eine Fußgängerzone. Im Moment immer noch riesige Baustelle, aber ohne Fahrzeuge und mit vielen, vielen Menschen bevölkert,  bekommt man eine Ahnung von dem, wie es mal sein wird, und ich glaube es wird sehr schön werden, siehe Bilder unten. 

Zurück zur Kanalisation: Im Zuge dieser Verschönerung und strukturellen Verbesserung wird außerhalb von Leh eine Kläranlage gebaut mit der Kapazität, die bestehenden und bereits im Bau befindlichen Gebäude zu bedienen, und nicht mehr. Deshalb der Baustopp ab 2016.

 

Zurück zum fehlenden Internet: Alle Internet-Cafes waren geschlossen, überall hingen Schilder: No Internet, no Telefon. Deswegen wußte ich auch nicht, ob mein Mitarbeiter aus Nepal, Sanze Lama, erfolgreich in Delhi angekommen war und am 21.7. in Leh ankommen würde. Er sollte die Wochen mit uns und dem REWA Team verbringen, um für seine Arbeit in Nepal zu lernen. Am 21.7. regnete es morgens, die Stadt war in Wolken gehüllt, es war klar, dass kein Flugzeug landen würde. Erst gegen 9 Uhr, als die Wolkendecke ein wenig aufriss, hörten wir das Brummen des ersten Fliegers. Schnell rasten wir zum Flughafen und warteten, warteten, und warteten. Es gab nur eine Airline, die Air India, die ihren Flug absagte, und das war der Flug, mit dem Sanze hätte kommen sollen. Immer noch ohne jeden Kontakt mit ihm, verbrachten wir den restlichen Tag in Ungewissheit. Abends kam dann der erlösenden Anruf, er war in Delhi im Hotel, gesponsert von Air India und würde am nächsten Morgen ankommen. Nun stand aber bereits ein neue Problem am Horizont, von dem niemand wusste, wie es sich auf diese Situation auswirken sollte: Die Taxifahrer in Leh hatten urplötzlich für den 22.7. einen Streik angekündigt. Der Grund lag bei auswärtigen Taxifahrern, die in Leh Kunden chauffierten, das war ihnen vom Gesetz her erlaubt. Aber die einheimischen Taxifahrer wollten das nicht, der Markt (Kunden) war nicht groß genug für die vielen Taxis. Sie riefen einen Streik aus und verlangten außerdem ein völliges Fahrverbot für alle Fahrzeuge in Leh. Außerdem mussten alle Restaurants und Geschäfte schließen.  Die Situation war in dem Sinne bedrohlich, weil die Streikenden die Straßen versperrten und missachtende Fahrer mit Steinen bewarfen. Polizei stand an allen Straßenecken, ein Gefühl der Sicherheit vermittelnd, aber auch die Ernsthaftigkeit der Situation aufzeigend.

Super, wir rätselten hin und her, wie das wohl mit den vielen Fluggästen gehen sollte, die am 22.7. ankamen. Am Morgen fanden wir es heraus: Die Regierung stellte Busse zur Verfügung, mit welchen sie die Fahrgäste abholte und in der Stadt absetzte. Dort konnten die einzelnen Hotels und Gästehäuser ihre Gäste abholen.  Unser Präsident von REWA, der mutige Mr. David, scherte sich nicht um das Verbot und nahm morgens mit seinem Privatwagen einen Schleichweg zum Flughafen. Aber wir hatten die Busse verpasst, die mit den Fahrgästen bereits losgefahren waren. Also rasten wir hinterher, nie habe ich erlebt, dass man auf den Strassen Lehs 100 kmh fahren kann! Auf Schleichwegen wieder zurück in die Stadt, den Bussen hinterher. Aber Sanze war nicht unter den Fahrgästen.  Wir suchten ihn überall, er war nicht da. Wieder kam ein erlösender Anruf. Ein Freund von Mr. David hatte auf dem Flughafen nach dem Nepali Ausschau gehalten und ihn entdeckt, er war mit einem späteren Ersatzflugzeug angekommen. Wir fuhren wieder zurück zum Flughafen und endlich hatten wir ihn gefunden, zu unserer aller Freude. Der restliche Tag war eine Erfahrung wert, denn ein autofreies Leh ist ein besonderes und ruhiges Erlebnis, viele Einheimische und Touristen genossen den Zustand und wanderten genüsslich auf der „Baustelle“ herum.  Ich bin ganz dafür, dass die Autos aus Leh verschwinden….

Abends um 20 Uhr hörten wir aufgeregte Schreie auf dem Gelände der Unterkunft: Internet is working! Sofort zückten alle Gäste ihre „Mobiles“ und es piepste und tutete mit voller Internetstärke. Fast schade, denn die Ruhe ist vorbei,…aber eines ist 100%ig sicher: Dieser Idealzustand hält nie lange an, es kann sein, dass Morgen bereits  wieder viel Zeit zum Malen und Ratschen vorhanden ist.

Bericht 2

Reise über den Himalaya

 

Die Fahrt von Leh nach Kargil war wie immer beeindruckend.  Die Strasse ist bis Mulbeck größtenteils geteert und wir kamen gut voran. Das Wetter spielte auch mit, Sonne, blauer Himmel und sommerliche Temperaturen stauten die Hitze im gemieteten Jeep. Wir hatten zwei Rollstühle dabei für das neue RAC in Kargil. Da niemand hungrig war, hielten wir auch nicht in Kalthse zum Lunch, sondern fuhren weiter. Nach Lamayuru sahen wir immer wieder großartige Werbung für das Army Cafè, das beste CafÈ der Welt mit bestem Essen. Die riesigen Plakate, die alle 2 km am Strassenrand stehen, versprachen ein besonderes kulinarisches Vergnügen, also beschlossen wir, dort anzuhalten und etwas zu Essen. Als wir ankamen und den kleinen „Verhau“ sahen, in dem sich das Cafè befindet und die wackeligen Stühle mit schmutzigem Tisch im Freien, schwante mir nichts Gutes.  „Selfservice“  stand uf einem Schild, aber niemand bediente uns am Schalter, es gabt auch keine Speisekarte, nur bunte Bilder an der Wand mit Nudelsuppe, Momos und Samosas. Ich war schon frustriert und setzte mich raus ins Freie, ein Junge kam und wischt den Tisch dürftig mit einem feuchten Lappen ab. Ich schaute mich um, am anderen Tisch hockten vier Inder in Motorradkluft und tranken aus kleinen Pappbechern. Endlich kamen Uli und Sanze wieder raus aus dem „Verhau“ und brachten drei winzige Pappbecher mit Chai. Das war alles was es gab, oder Wasser. Kein Essen. Wir lachten nur, ich hatte vorgesorgt und ein paar Zimtschnecken gekauft für den Fall der Fälle. Als wir da saßen und das sich verändernde Wetter beobachteten, kam  einer der Motorradfahrer zu uns her und fragt uns freundlich, wo wir herkommen. Kleine Unterhaltung, Reisende unter sich, Interesse an Fremden, das gefiel mir. Der junge Mann wirkte offen, sein Interesse  ehrlich. Wir chatteten eine Weile und behielten dabei die schwarzbedrohlichen Wolken im Auge, die von Osten über die Berge in unsere Richtung zogen. Plötzlich setzte eine heftige Böe voller Sand dem Gespräch ein abruptes Ende: Die Pappbecher flogen samt den Sonnenschirmen durch die Gegend und wir flohen ins Auto, fuhren weiter und nagten trocken am Gebäck. Der Regen und Sturm folgte uns, die Straße wurde  schlechter  und wir holperten im Schneckentempo vorwärts.  Schlammlawinen hatten teilweise Dörfer und Wege überflutet und Bautrupps  waren dabei, mit Schaufel und Bagger und vielen Männern die Straßen von  Steinen und Schlamm zu befreien.

Endlich erreichen wir nach 6 ½ Stunden Kargil, es hatte begonnen zu regnen. Unser Kargil Team war geschossen vor Ort, um uns zu begrüßen. Wir empfingen Kataks (weißer Gebetsschal)  und freuten uns über die vielen Umarmungen.  In Mr. Gulzar Munshis Haus wurden wir in unser Zimmer bugsiert und es wurde angeordnet, dass wir uns frisch machen sollen, dann zogen sie die Türe hinter uns zu, nur um nach 15 Minuten mit großen Tabletts voller Tee und Snacks wieder zu kommen. Wir stärkten uns und unterhielten uns dabei. Für Sanze ist diese Welt in Ladakh/Kargil auch neu, er hatte Nepal noch nie verlassen.  Sanze kommt aus dem nepalischen Rasuwa Gebiet, dessen Einwohner vor einigen hundert Jahren aus Tibet eingewandert sind und ihre Identität in den entlegenen Bergdörfern erhalten haben. Deswegen spricht er die tibetische Sprache ein wenig und kann sich mit den Ladakhis auch ein wenig außerhalb von Englisch verständigen, was recht gut ankommt. Die Ladakhis denken, dass er einer der Ihren ist, sie sagen er sieht aus wie ein Ladakhi.

IALS Konferenz

Am Samstagvormittag wurden wir alle in die Gemeindehalle chauffiert, in der ab 11 Uhr die große Eröffnungsfeier für die IALS Konferenz stattfinden soll. Einer der Gründe warum ich dieses Jahr in Ladakh bin, ist diese IALS Konferenz. IALS steht für „International Association of Ladakh Studies“. Im Jahr 2013 fand diese Konferenz in Heidelberg statt und ich wurde Mitglied, um dort einen Vortrag über unsere Arbeit in Ladakh zu halten.  Diesem Verein gehören Wissenschaftler und Forscher aus der ganzen Welt an, die sich für die verschiedensten Interessengebiete in Ladakh interessieren, wie z.B. Kunstgeschichte, Geologie, Antropologie, Natur (Ornithologen, Biologen, Tierforscher usw.), Sprachen, Religion, Politik, Kunst, Handwerk, Landwirtschaft, Schmuckherstellung, Medizin uvm.  Viele  Forscher aus Indien und Ladakh gehören dazu und ich lernte in Heidelberg  interessante Menschen kennen. Ich  konnte damals mit meinem Vortrag den Anwesenden ausführlich über unsere Arbeit in Ladakh  berichten und somit wirksam auf unsere Arbeit aufmerksam machen. Dieses Ziel verfolgte ich auch dieses Jahr, indem ich einen Vortrag über unsere neue Arbeit im Therapiezentrum in Kargil hielt. 

Deswegen hockten wir in der Gemeindehalle und harrten der Dinge, und harrten und harrten.  Der Beginn der Eröffnungsfeier war auf 11 Uhr festgesetzt, gestartet wurde um 11:30 Uhr mit vielen Ansprachen und  unterschiedlichen Tanzvorführungen einheimischer ethnisch unterschiedlicher Gruppen. Die Halle war am Ende brechend voll, neben den ca. 100 Konferenzteilnehmern kamen alle VIPs aus der Gegend, dann wurden Männer und Studenten reingelassen, dann die Frauen und am Schluss Schulkinder, die auf den Treppen hockten.  Das Ganze dauerte zwei Stunden und die Halle wurde im Laufe der Zeit erstickend heiß und düster, wir waren froh, als wir mit Bussen die klapprigen Straßen zum Tourist Facility Center fuhren, wo in parallelen Sessions die Vorträge gehalten wurden.  Da dieses Jahr die Konferenz in Ladakh stattfand, war es nicht verwunderlich, dass auch viele Ladakhis Vorträge hielten, viel mehr als 2013.  Manchmal happerte es bei mir mit dem Verstehen, denn das Englisch der Inder rattert so schnell und unverständlich, dass ich ab und zu einfach nicht mehr mit kam.  Aber im Großen und Ganzen lernte ich wieder sehr viel über das Land, seine Leute, die Politik, Natur und den Wandel, der stattfindet. Am Dienstag, den 28.7. konnte ich nachmittags meinen Vortrag über das Therapiezentrum in Kargil halten, mit einer Fallbesprechung vom Kind Munawar, das eine fantastische Entwicklung durch gemacht hat.  An dem Abend fand ein gemeinsames Abendessen statt, zu dem meine Reisebegleiter Uli und Sanze aus Nepal auch eingeladen waren, ein Buffet im Freien mit indischen Speisen, diesmal zu Ulis großer Freude war nichts Scharfes dabei.  Ach ja, dass Essen war um 18 Uhr angekündigt, aber eigentlich wurde die Tafel dann kurz vor 20 Uhr eröffnet. Man überbrückt die Zeit mit Reden und Wassertrinken (wir sind in einer muslimischen Stadt, hier gibt es keinen Alkohol und auch keine Softdrinks, weil die Zufahrtsstraße von Srinagar seit einer Woche wegen Schlammlawinen geschlossen war, also kamen keine LKWs mit Waren durch).

Damit endete die Konferenz offiziell für mich, denn am Tag danach fanden nur noch Sightseeing Tours statt für die Teilnehmer.  Meine Arbeit ist mit den Teams und der Arbeit und derzeit findet auch noch das jährliche Surgical Camp statt. Norbu kam am Dienstagabend mit den Ärzten in Kargil an, am Mittwoch finden die Fuß Operationen der Kinder statt, am Donnerstag ist die große Einweihung der Munshi Schule und unseres neuen REWA Zentrums in der Schule. Da gibt es noch viel vorzubereiten und zu gestalten, denn gleich am Freitag fahren wir wieder nach Leh zurück.

Während ich an der Konferenz teilnahm, orientierten sich Uli und Sanze im neuen RAC bei den Kindern und den unterschiedlichen Aktivitäten und halfen, wo sie konnten. Ich schwänzte am Montag den Konferenznachmittag und begab mich zum nicht weit weg gelegenen RAC, um ein wenig an der Aktion dort teilzunehmen.

Frühstücken auf Ladakhi Weise

Ein Wort zum Frühstück im Hause Munshi. Die Gastfreundschaft der Familie ist unglaublich. Sie lassen uns an nichts fehlen. An die Zeitverschiebung  der Essenszeiten haben wir uns schnell gewöhnen (müssen), Frühstück gibt es erst nach 8 Uhr, Abendessen auch erst nach 20:30 Uhr. Zum Frühstück kommt das gesamte REWA Team, das im darunter liegenden „Staff Hotel“, in unseren Freiwilligenunterkünften wohnt,  in mein großes Schlafzimmer, ein Plastikdecke wird auf dem Boden ausgebreitet. Dann kommt Elias, der Hausdiener mit grossen Tabletten mit Tassen, Tellern, Schwarztee, Chapaties, einem Spiegelei, Marmelade und Buttertee und wir essen gemeinsam auf dem Boden sitzend. Ich werde diese wunderbare Gemeinsamkeit mit den wunderbaren Menschen sehr vermissen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Ein Sprachgewirr fliegt hin und her, Deutsch zwischen Uli und mir, Englisch zwischen uns Deutschen und den Ladakhis und Urdu , Tibetisch und Ladakhis zwischen den Einheimischen und Sanze. Wir verstehen uns auch ohne Worte.

Da ich die Lebensgewohnheiten dieser Menschen hier gut kenne, habe ich mir eine Tüte guten löslichen Kaffee mitgebracht, mit dem ich mir morgens zu meiner persönlichen Aufstehzeit gegen 5:30 Uhr eine schöne Tasse Kaffee mache zum Munter werden. Wenn der Strom morgens da ist, heize ich das Wasser mit meinem kleinen Wasserkocher auf, wenn nicht, dass gehe ich die Freiwilligenunterkunft und koche mir auf dem Gaskocher heisses Wasser. Dann sitze ich am offenen Fenster mit Blick auf die Sonne, die hinter den hohen Bergen aufgeht und verbringe ein paar stille Stunden mit meiner Bibel und dem Tagebuch.

Abschlussessen IALS

Am Mittwochabend fand dann noch ein großes Abschlussessen für die Teilnehmer der IALS Konferenz statt, zu dem ich und das REWA Team und die Ärzte aus Österreich und der Schweiz eingeladen waren.  Auch dieses Essen war ursprünglich auf 18 Uhr angesetzt, dann auf 20 Uhr verschoben worden. Wir hockten den Nachmittag im fast dunklen Zimmer und warteten auf Nachricht, wie es weiter gehen soll, lasen mit Hilfe einer Taschenlampe, denn der Strom kommt in Kargil derzeit nur stundenweise, das Internet so gut wie gar nicht. Es hatte wieder heftig geregnet und dicke Wolken hingen über den Bergen.  Aus Langeweile sang ich den beiden Mitwartenden Lieder vor, sie beschwerten sich nicht, wir fanden immer wieder neue Lektüre und Gesprächsstoff.  Endlich kam Gulzar gegen 8:30 Uhr: „We leave in 5 Minutes!“. Wir lachten, ladakhische 5 Minuten sind mindestens 20-30 Minuten und so war es auch. Nach 9 Uhr fuhren wir los und kamen im schön hergerichteten Tourist Facility Center an.  Unsere Ärztefreunde waren bereits da und wir suchten uns einen gemeinsamen Tisch, auf dem freundlicherweise je eine 2 Literflasche Cola und rosa Fanta standen. Wir stürzten uns über das „leckere“ Getränk und schwupps waren die Flaschen leer.

VIPs aus Kargil und dem Distrikt hielten Reden, Kataks wurden ausgetauscht und verdiente Menschen geehrt, wie z.B. der letzte Präsident John Brae von der IALS. Während dieser Konferenz fanden Neuwahlen statt und nun ist Dr. Sonam Wanguck der neue Präsident. John Brae hatte in den 34 Jahren der Existenz von IALS und 17 abgehaltenen zweijährlichen Konferenzen nur eine einzige Konferenz versäumt und war viele Jahre 1. Vorsitzender (Präsident) gewesen.  Ein schönes interkulturelles Miteinander, reger Austausch und interessante, engagierte Menschen verliehen diesem Abend ein ganz besonderes Niveau. Bei Vollmondlicht fanden wir den ungewöhnlichen menschenleeren Weg wieder zurück zu unserer Unterkunft, in Gedanken versunken und dankbar für diese Erlebnisse.

 

3. und letzter Bericht

Eröffnung RAC in Kargil und mehr

 

Wenn ich nicht täglich ausführlich Tagebuch schreiben würde, würde ich die sich überstürzenden Ereignisse nicht mehr auf die Reihe bekommen. Ich muß  Gulzar, dem Präsident von REWA Kargil, höchstes Lob für seinen Einsatz und Engagement zollen, den er in der Woche vom 26.7. bis zum 31.07. gezeigt hat. Drei große Ereignisse, die alle zum gleichen Zeitpunkt stattfanden, wurden von ihm und dem REWA Team hervorragend organisiert und durchgezogen.

Erstens war es die IALS Konferenz, für die Gulzar in höchstem Masse mit verantwortlich war und die organisiert werden musste. Die beiden Abschlussessen am 28. und 29.07. alleine mit allen Ehrungen verdienter Forscher und Mitarbeiter wurden von Gulzar und einheimischenFreunden veranstaltet, in Ländern wie dem entlegenen Ladakh sind solche Veranstaltungen immer mit einem extrem hohem Aufwand an Personaleinsatz verbunden.

Zweitens fand zugleich das Camp „Happy Feet“ in Kargil im KKH statt. Die Ärzte aus Österreich operierten zusammen mit lokalen Chirurgen am 29. und 30.07. vier Kinder. Am Wochenende zuvor hatten sie erfolgreich 4 Kinder in Leh operiert, immer unter widerstrebenden Umständen, denn die Ankunft des Dalai Lama In Leh hatte den Beginn des Operationstags verzögert, weil die Ärzte im S.N.M. Hospital deswegen nicht arbeiteten.  Unser REWA Fahrer Dorje aus Leh brachte die Ärzte und Norbu nach Kargil und kümmerte sich um den ständigen Transport der Mediziner und unseres Teams von hier nach dort. Am ersten OP-Tag konnte nur eine Patientin operiert werden, dann meldete sich der Anästhesist plötzlich ab, er muss heim zu seiner Familie. Während der OP war er ständig am Simsen und hielt sich die meiste Zeit außerhalb des Op’s auf.  Der Protest der europäischen Ärzte nütze nichts und auch die lokalen Chirurgen waren sichtlich betroffen. Aber am 30.07. konnten durch erfolgreiche Intervention der lokalen Ärzte die restlichen drei Kinder operiert werden. An dem Abend fand zudem noch das Abschlussessen und die landesübliche Ehrung des gesamten Ärzteteams in ihrem Hotel statt, auch eine Veranstaltung, die Gulzar bestens organisierte.  Kleine Geschenke und Kataks wurden überreicht und kleine Reden gehalten.

 

Drittens fand das für uns wichtigste Ereignis statt, die Einweihung des neuen REWA Zentrums, der REWA Sonderschule und des Neubaus der Munshi Habibullah Mission Schule. Umgezogen war das Team bereits in der Woche vor unserer Ankunft, aber trotzdem erforderte die Situation unterschiedliche Anpassungs-, Verbesserungs- und Ausstattungsmassnahmen, wie z.B. Deko und Regalorganisation. Das lokale REWA Team (zu diesem Team gehören die Physiotherapeuten Bilquees, Hamida und Mehmood, die Sonderschullehrein Archo und ihre Helferin Hassina) und Gulzar arbeitete auf Hochtouren, um die Räumlichkeiten von REWA und die der Sonderschule fertig zu gestalten. Ebenso arbeiteten die Lehrer der Munshi Schule daran ihre neuen Räumlichkeiten im besten Licht darzustellen; helle freundliche Räume, sehr schön eingerichtet, mit kindgerechten Bildern und Dekos an der Wand und solide Einrichtung machten einen sehr guten Eindruck.

Gulzar hatte mir gesagt, er würde mich gegen 15 Uhr in der Unterkunft abholen. Er sagte es kämen ca. 400 Eltern zur Einweihung und einer oder zwei offizielle VIPs. Ich wäre Ehrengast und würde meine Ansprache am Schluss halten. Ich selbst konnte mir nicht viel darunter vorstellen, Ehrengast zu sein und wie das alles ablaufen würde. Gulzar kam tatsächlich um 15 Uhr, aber er wiegelte ab, wir hätten Zeit. Er ging noch in seine Wohnung und zog sich um. Gegen 15:45 Uhr kam er runter und wir fuhren zur Schule. Was nun folgte versetzte mich in einen andauernden „Schock“ und einen Zustand der übernatürlichen Ruhe. Als ich sah, wie viele Menschen dort auf uns warteten und aufstanden, als wir ankamen, wie viele VIPs da waren (nicht nur zwei, sondern Dutzende) und ich war die einzige Frau, flatterten mir kurz die Knie. „Da musst du jetzt durch“, flüsterte ich mir zu und nun galt nur noch die Flucht vorwärts. Nach den Begrüßungen und Dutzenden Katak-Überreichungen gab man mir die Schere, die mit einer gelben Schleife geschmückt war. Sie lag auf einem Tablett voller Bonbons. Ich nahm die Schere und näherte mich dem gelben Band, das ich durchschneiden sollte. Von allen Seiten lugten Kameras der Fernseh- und Radiostationen auf mich. Ich drehte mich um und fragte Gulzar was ich dabei sagen sollte und er meinte:  „In the name of God“. Also sagte ich: „I open this school now in the name of God and in the name of Jesus,“ schnitt das Band durch und alle VIPs marschierten hinter mir her. Innerlich musste ich grinsen, denn was da alles geschah überstieg meine Vernunft. Dann kam nochmal ein gelbes Band (Geld ist die Farbe der Schule) und das wurde von einem Mullah durchschnitten, und alles Anwesenden „stöhnten“ unisono in Antwort zu seinen mir nicht verständlichen Worten, ich denke es war eine Ehrerbietung „Allah“ gegenüber. Die Bonbons auf dem Tablett wurden übrigens von den erwachsenen Männern sofort abgeräumt, gegessen und die Papiere flogen alle auf den Boden.

 

 Dann zogen wir die Schuhe aus und besuchten unsere drei REWA Räume. Wir erklärten den Leuten den Zweck und die Einrichtung der Räume und berichteten über unsere schwer betroffenen Kinder, von denen keiner eine Ahnung hatte. Eine der Schlussfolgerungen dieser Veranstaltung war, dass wir unsere Kinder mit ihren Rollstühlen von nun an wöchentlich auf „Exposure-Trips“ in die Stadt mitnehmen, wie wir es auch in Leh machen. Dadurch lernen nicht nur die Kinder viel von ihrer Umgebung kennen, sondern auch die Bevölkerung wird mit den Kindern und ihren Problemen konfrontiert und herausgefordert.

 

Zurück zur Eröffnung: Alle Räume wurden nach und nach besichtigt und Gulzar drängte mich nach oben in die Versammlungshalle. Dort passen über 400 Leute rein, der Raum war voll. Man schob mich nach vorne und auf dem Weg schüttelten  mir viele Eltern die Hände. Mir wurde ein Platz in der erste Reihe zwischen dem DC, dem District Commissioner, dem leitenden Politiker Kargils, und dem führenden religiösen Leiter der Gegend, dem Haupt der islamischen Schule, zugewiesen. Uli und Sanze hockten in der zweiten Reihe hinter mir und deckten und stärkten  mir buchstäblich den Rücken. Dann ging es los mit vielen Ansprachen und sehr schönen Vorführungen der Kinder. Kinder aus verschiedenen Altersgruppen übernahmen die Durchführungsansagen für die Veranstaltung, sehr selbstbewusst und jeweils in der lokalen Sprache und dann in Englisch. In seiner Eröffnungsrede erinnerte Gulzar zur Tränen gerührte an den Traum seines Vater:  moderne Ausbildung für die Kinder Kargils, vor allen Dingen auch für die Mädchen. Früher durften die Mädchen gar nicht zur Schule und die Jungs erhielten größtenteils nur religiöse Ausbildung in der islamischen Schule. Gulzars Vater hatte sechs Töchter und er ließ eine Lehrerin aus Indien kommen und seine Kinder ausbilden. Deswegen wurde er von der restlichen Gesellschaft geschnitten und die Mädchen gemieden. Als die Mädchen alt genug waren, wurden sie alle Lehrerinnen in den verschieden Schulen des Kargil Distriktes und mit der Zeit weichten die Strukturen auf und die Bevölkerung nahm die moderne Ausbildung an. Mit der Munshi Habibillah Misssion School wird in Kargil Ausbildung auf modernstem Niveau angeboten.

Manche der Ansprachen der VIPs waren in Englisch, andere wieder in Ladakhi. Aber immer wieder hörte ich meinen Namen und entsprechende ehrende Kommentare über meine Verdienste für REWA. Ich hatte kein Konzept für meine Rede und als ich endlich am Schluss dran kam, erzählte ich vom Werdegang, wie ich nach Ladakh kam und wie gerne ich den Kindern half. Als ich bemerkte, dass ich nur ein Werkzeug im großen Geschehen bin und dass ich mich im Auftrag eines liebenden Gottes sehe, dessen Herz sich zu den besonderen Kindern, den Armen  und Bedürftigen ausstreckt und dem alle Ehre gebührt, brach in der Menge spontaner, tosender  Beifall aus. Sogar die Mullahs klatschten…

 

Inständig bat ich die Anwesenden, sich mit uns zusammen um die besonderen Kinder zu kümmern und diese Angelegenheit die Ihre zu machen. Ich fühlte mich sehr geehrt und spürte die Zuneigung und den Wollwollen der Menschen fast physisch.

 

Nach der Ansprache folgten noch Ehrungen, Uli, Sanze und ich erhielten Kataks und kleine Geschenke. Dann gab es Essen für alle. Wir wurden in das Lehrerzimmer geführt, wo wir am Tisch mit den VIPs hockten und einen Teller voller leckerer Samosas und Pakoras vor uns hatten, es gab Milchtee und Säfte. Mich beeindruckte die freundliche Haltung der Muslime uns gegenüber  und sie beteten gemeinsam und hingebungsvoll nach der Mahlzeit. Der DC neben mir sagte, bei euch Christen wird meist vor dem Essen gebetet, wir beten hinterher. Wenn er nur wüßte, dass bei uns bei öffentlichen Veranstaltungen so gut wie nie gebetet wird. Wir können uns da eine Scheibe abschneiden.

 

Als alles vorbei war gegen 18 Uhr wurden wir wieder in unsere Unterkunft gefahren und trafen uns am Abend noch zum bereits erwähnten Essen mit den europäischen Fusschirurgen und ihren einheimischen Kollegen. Was mir auffiel, war das viele Einheimische auf mich zukamen und mich fragten wie sie REWA helfen können. Sie wollten Geld spenden und auch anderweitig helfen. Einer sagte es geradeheraus: „Du kommst von Deutschland jedes Jahr nach Ladakh, bringst Spenden und Hilfe, um den behinderten Kindern hier zu helfen. Du machst das, was wir eigentlich selbst tun sollten!“ Jawohl, so ist es richtig, mein Herz hüpft,  sie sind aufgewacht! Hilfe zur Selbsthilfe…jetzt geht’s erst richtig los.

Vor unserer Abreise am 31.7. hielten wir noch ein langes Personal-Gespräch ab. Wir diskutierten Kurzzeitziele und notwendige Anschaffungen wie einen Jeep, DVD und TV Anlage, PC und Drucker, neues Personal wie einen Fahrer und Helferin, aber auch langfristige Ziele. Ich gab ihnen ein Jahr Zeit, einen Visionsplan für 2025 zu erstellen, in dem sie mit Hilfe von Eltern, Betroffenen und Unterstützern eine reelle Vision für REWA erstellen sollen mit dem Ziel, auf eigenen Füssen zu stehen ohne Ladakh-Hilfe. Ich sicherte Ihnen meine Hilfe zu so lange sie mich bräuchten, forderte sei aber auch zur Selbstverantwortung heraus.


Dann stiegen wir in unseren REWA Jeep und Dorje brachte uns in 7 Stunden über die holprigen Strassen und Pässe des Himalayas  sicher nach Leh zurück.

Die restliche Woche in Leh wurde geprägt von vielen Gesprächen, Einkäufen, Beschäftigung mit den besonderen Kindern, zu denen wir eine liebevolle und lustige Beziehung aufgebaut hatten. Eine Mitgliederversammlung am Dienstagnachmittag erbrachte noch einige gute Ideen, die sofort umgesetzt werden konnten, wie aktive Mitgliederwerbung für REWA unter der lokalen Bevölkerung und engagierte Werbung generell. Wir verbrachten die letzten Tage mit bangen Blicken zum Himmel, denn das Wetter zeigte sich von der schlechtesten Seite, viel Regen, Überschwemmungen, Landslides und Flugzeuge, die nicht einfliegen konnten. Aber der Donnerstagmorgen, unser Abflugtag, glänzte mit blauem Himmel und brummenden Flugzeugmotoren und wir landeten bald in Delhi. Sanze flog nach Kathmandu weiter, wir in der folgenden Nacht nach München.

 

Für mich war dieser Arbeitseinsatz einer der fruchtbringendsten, die ich jemals hatte. Aber wahrscheinlich sollte ich es anders formulieren: Die Samen, die über viele Jahre gesät wurden, gehen nun auf und bringen eine prächtige,  erträgliche Ernte, denn über 300 Kinder mit Behinderungen werden nun in Ladakh von Einheimischen mit großer Sorgfalt betreut und behandelt. Das Team in Leh ist stark und selbstbewußt geworden, hält super zusammen und ist im ganzen Land respektiert. Mein Wunsch der Selbsthilfe erfüllt sich zusehends und ich bin mir sicher, dass wir in fünf Jahren auch einen großen Fortschritt in der aktiven Mitarbeit und Unterstützung der einheimischen Bevölkerung sehen und dass Ladakh-Hilfekleiner werden darf.

 

Dafür tut sich in Nepal Neues auf, die Arbeit hört nicht auf, aber was für eine schöne Arbeit!

 

 

So soll Leh mal aussehen:

Ganz unten Video über Strassenbau in Leh

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Renovierung im RAC Leh abgeschlossen!

Ladakh-Hilfe e.V.
An der Schiessmauer 53
89359 Koetz, Germany

 

Tel.: +49 8221 273802
Fax: +49 8221 273706

E-Mail  

kinder(add)ladakh-hilfe.de

 

 

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