Lobzangs
Geschichte
Juli
2008
Unser
kleiner Patient aus Zanskar
Wie
im Bericht über den Fieldtrip nach Zanskar schon angeklungen
ist, hat sich unsere Ladakh-Hilfefamilie ganz spontan und plötzlich
erweitert!
Das neue Mitglied heisst Lobzang und ist ca 12 Jahre alt. Gefunden
haben wir Lobzang in Zanskar. Bei einem abendlichen Spaziergang beobachtete
ich ihn beim Schafe hüten und dabei fiel mir sein starkes Hinken
auf. Aber da ich alleine war ohne Dolmetscher, konnte ich da nichts
herausfinden. Umso erstaunter war ich, als ich nach meiner Runde ins
Guesthouse zurückkam und er vor mir stand. Welch glückliche
Fügung!

Lobzang
mit Jule in Zanskar
Wie sich herausstellte, fingen seine Schmerzen im rechten Hüftgelenk
vor etwa einem Jahr an. Ohne dass er sich wehgetan hätte, also
Sturz oder dergleichen. Mittlerweile ist es so schlimm, dass er nur
noch mit grössten Schmerzen gehen kann und das auch nur mit starkem
Duchenne Hinkmechanismus.
Leider hat Lobzang neben seinen medizinischen Problemen auch sonst
absolut kein leichtes Leben: Seine Mutter ist gestorben, sein Vater
hat wieder geheiratet und wie das hier in solchen Fällen hier
leider üblich ist, kümmert sich die neue Familie nicht um
Kinder aus der ersten Ehe und so lebt er bei seiner alten Tante. Deren
einziges Einkommen ist ihr Feld und einige Schafe und Ziegen. Die
zu hüten ist Lobzang's Aufgabe (vor und nach der Schule). Also
keine Zeit für Späße und Rücksicht auf schmerzende
Hüften gab es schon gar nicht und ihm blieb nichts anderes übrig,
als die Zähne zusammenzubeißen und weiterzumachen wie bisher.
Die Beiden lebten in bitterer Armut, die man an ihrer Kleidung deutlich
erkennen kann.
Bei Jule und mir (solange sind wir aus der Physioschule/akademie ja
noch nicht herausen) keimte der Verdacht auf Morbus Perthes, eine
Krankheit, die vor allem Burschen genau in diesem Alter befällt.
Dabei beginnt die Substanz des Hüftkopfs schwächer und schwächer
zu werden und wenn man ganz normal weiterbelastet "zerbröselt"
er irgendwann und die einzige Lösung ist dann später ein
künstliches Hüftgelenk. Entlastet man hingegen strikt für
etliche Monate, heilt die Krankheit komplett aus.
Da wir Lobzang nicht auf Verdacht hin für Monate ans Bett fesseln
konnten, beschlossen wir, dass eine ärztliche Diagnose und Behandlung
so schnell wie möglich eingeholt werden musste.

Preistafel
im Hospital von Padum
Erster und einfachster Schritt wäre das Padum "Hospital".
Ich will jetzt nicht nach westlicher Manier über die schauderhaften
Zustände in Entwicklungsländern schocken, werde aber versuchen
objektiv über dieses "Spital" zu schreiben: Es gibt
keine Bettenstation, nur ambulanten Betrieb, folglich keine Operationen.
Fuer Notfälle fliegt das indische Militär mit dem Hubschrauber
Patienten aus... wie oft das vorkommt sei dahingestellt!!

Die
Aussenseite des Hospitals von Padum
Als wir um elf Uhr dort waren, finden wir keine Menschenseele ausser
ein paar Handwerkern. In einem verlassenen "Behandlungssaal"
lagen noch gebrauchte Spritzen.
Wir schafften es aber dann doch, uns mit dem ansässigen Orthopäden
zu treffen und er fand sogar ein Röntgenbild von Lobzangs Hüfte.
Erst hieß es, es sei ein Jahr alt, dann angeblich doch nur ein
Monat (Datum steht nicht drauf). Wir hofften sehr, dass es nur einen
Monat alt ist, denn es sah schauderhaft aus. Der rechte Hüftkopf
war stark deformiert und nach lateral (aussen) cranial (oben) dezentralisiert
und zeigte Kontakt zur Hüftpfanne. Auch die Oberfläche der
Hüftpfanne war stark verändert und sah ganz rau aus. Die
Substanz des Knochens war, der Farbe nach zu urteilen, auch schon
deutlich verändert und das Becken zeigte einen Schiefstand von
ca 1,5cm.
Was der Orthopäde dazu meinte?? Ja, an Morbus Perthes hatte er
auch gedacht, entlasten würde er allerdings nicht, denn das sei
doch schlecht für die Muskeln..... seine Therapie der Wahl war
also, einfach zuwarten.

Innen
in der Klinik
Da wir von dieser Therapieoption wenig begeistert waren und wir es
für nötig hielten, sofort zu handeln (zu oft sehen wir Patienten,
bei denen wir uns wünschten, wir hätten sie Monate oder
Jahre früher gesehen, weil man dann so viele Schäden hätte
verhindern können) beschlossen wir, Lobzang mit Erlaubnis seiner
Tante mit nach Leh zu nehmen, um ihn dort durchchecken zu lassen.
Mit schwerem Herzen müßten wir den schreienden und weinenden
Lobzang, der noch nie in seinem Leben Zanskar verlassen hatte, ins
Auto tragen. Es ist doch nur für dich, wollten wir ihm zuschreien,
doch wir hofften, dass er das irgendwann auch erkennen würde.
Aber er beruhigte sich bald und konnte diese Fahrt als Abenteuer akzeptieren.
In Leh angekommen, zog Kunzang mit ihm bei uns im Office ein. Er hat
eine ältere Schwester in Leh, doch die war unauffindbar. Und
so versuchten wir ihm seine Langeweile mit Dingen wie Lassi (indisches
Yoghurtgetränk), Obst und anderem guten Essen aufzuwiegen ....mit
zweifelhaftem Erfolg, denn da er nur Thentuk (ladakhische Eintopf-suppe)
und andere einfachste Ladakhi Gerichte kannte, schmeckte ihm anfangs
nichts von den Dingen, die uns das Leben so versüßen. Nach
einigen Tagen fand uns dann seine Schwester doch, nachdem sie gerüchteweise
gehört hatte, ihr Bruder sei von Deutschen entführt worden.....
Nach Klärung der Tatsachen waren wir alle erleichtert: Keine
Entführung und Lobzang hatte wieder familiären Anschluss.
Und zwei Wochen, nachdem Lobzang in Leh eingetroffen war, bekam er
endlich einen MR Termin und wurde darauf hin stationär aufgenommen.
Die Diagnose sollten wir alle erst viele Tage später erfahren.
Und nur für alle, die in europäischen Spitälern jammern
und sich beschweren, als wie folgt wieder eine kurze Schilderung des
Alltags im Sonam Norboo Memorial Hospital Leh (angeblich eines der
besten staatlichen Spitäler Indiens):
Die verschiedenen Bettenstationen gehen seitlich vom Hauptgang weg.
Keine Türe dazwischen, das heißt, dass man auf dem Weg
zur Chirurgie, wo Lobzang liegt, alle anderen Stationen passiert und
dabei kann man sich ein gutes Bild von den Patienten machen. Pro Station
gibt es einen Saal mit ca. 20 bis 30 Betten plus ein Nachtkastl pro
Bett. Die Bettwäsche ist verwaschen grün und äußerst
mitgenommen, die einfachen Stahlbetten ebenso. Auf einem Bett liegt
eine gebrauchte Sprize, die Krankengeschichten der Patienten hängen
am Fußende des Bettes. Da für diese 20 bis 30 Patienten
eine Krankenschwester zuständig ist, die allerdings weder die
Patienten wäscht noch sich um deren Toilette oder um Essen kümmert,
sind pro Patient meist mehrere Angehörige anwesend, die diese
pflegerischen Tätigkeiten übernehmen und sich um Essen kümmern.
Betten für sie gibt es natürlich keine und so müssen
sie am Steinboden neben den Patienten schlafen.
Die alten Männer und Frauen sitzen in ihrer normalen Tracht,
der Goncha (=dicker Filzmantel, Spitalswäsche gibt es auch nicht)
in den Betten und drehen Gebetsmühlen.
Und ein paar Tage später gibt es dann plötzlich die Diagnose
Knochentuberkulose, womit wir erst einmal nichts anfangen können.
Nach etwas Recherche im Internet lernen wir, dass während Tuberkulose
in der "Ersten Welt" fast ausgestorben ist, und deren Behandlung
im Normalfall kein Problem ist, jährlich etwa 2 Millionen Menschen
der "Dritten Welt" zum allergrößten Teil an Tuberkulose
sterben. Viele der gut wirksamen Tuberkulosemedikamente stehen unter
Patent von Pharmafirmen und sind über arme Menschen ohne Sozialsystem
unerschwinglich. Die bei weitem häufigste und bekannteste Form
der Tuberkulose ist die Lungentuberkulose, die höchst ansteckend
ist. Seltener sind die Hauttuberkulose, Tuberkulose der inneren Organe
und die Knochentuberkulose.
Für Lobzang bedeutet diese Diagnose zwei bis drei Monate völlige
Ruhigstellung unter Traktion (Zug am Bein). Damit verbunden ist natürlich
die zwangsläufige Rückenlage während dieser Zeit ohne
Möglichkeit aufzustehen für Toiletengang, waschen etc. Auch
eine Herausforderung für Lobzangs Schwester und zu einem gewissen
Grad auch für uns, da wir versuchen, zumindest jeden zweiten
Tag vorbeizuschauen, um Obst, Fruchtsaft oder etwas zum Spielen oder
Lesen zu bringen. Dass ein wesentlicher Teil der Tuberkulosebehandlung
die Ernährung ist, haben wir ebenfalls gelesen. Lobzangs Schwester
musste wegen der Pflege ihres Bruders ihren Job aufgeben und im Moment
wird versucht, ihr das fehlende monatliche Einkommen zu ersetzen.
Und die Besorgung der benötigten Medikamente hat sich bis in
höchste Kreise zu Mr. David (Hoteleigentümer, Lion's Club
Obman und Rewa Obmann) gezogen. Nachdem wir in ganz Leh tagelang umsonst
wegen der Medikamente unterwegs waren, versucht Mr. David diese nun
aus Delhi zu bekommen.
Man sieht, dass hier ist alles hundertmal komplizierter ist als bei
uns und wenn man wiedermal Luft holt, um über das europäische
Gesundheitswesen zu schimpfen, möge man an die Milliarden Menschen
denken, denen es ähnlich wie Lobzang geht und die Luft dann vielleicht
sinnvoller verwenden.
Aber das war genug der Moralpredigt :-).
Etwas an Situationen wie diesen ändern kann man natürlich,
wenn man (auf das Ladakh-Hilfe-Konto) spendet. Ausserdem würden
wir für Lobzang (oder ähnliche Kinder) dringend Sponsoren
suchen im Hinblick auf die weitere schulische Laufbahn von Lobzang.
Wir hoffen, diese Geschichte geht gut aus und Lobzang wird nach all
dieser Aufregung ein normales Leben führen können!!!
Bericht
von Katharina Gutmensch
Aktualisierung
am 7.7.2008
Ein
aktuelles Bild von Lobzang im Hospital in Leh
