Erste
Neuigkeiten aus Kargil, 16.05.2011
Bericht
von Kathi und Anna, Physiotherapeutinnen

Anna,
Kathi und Chokla
Salam
Aleikum aus Kargil!
Nach
einer sehr langen und rumpeligen Fahrt durch unzählige Baustellen,
wo wild gesprengt und im Fels gebohrt wurde, haben wir die fast immer
einspurigen 220 km bis Kargil in acht Stunden geschafft!
Vorbei an dem wunderschönen Felskloster Lamayuru und einem riesigen,
in den Fels gehauenen Buddha, haben wir plötzlich die muslimische
Linie überschritten und nun schmücken keine Gebetsfahnen
mehr die Häuser, die kleinen Mädchen sind verschleiert,
die Türen und Fenster sind pastellfarben gestrichen und überhall
hängen geschlachtete, halbe Schafe zum Verkauf.
Wir
sind in small Pakistan angekommen!


Kargil
Und wir werden sehr herzlich in Empfang genommen.
Große Bilquees, Kleine Bilquees und Hamida erwarten uns schon
in Kargil und lotsen uns zu Mr. Gulzar, unserem Hauherrn für
die nächsten Monate.
Und was für eine Unterkunft erwartet uns! Wir kommen uns vor
wie Prinzessinnen aus 1001Nacht! Das Haus ist ein Anwesen über
der Stadt mit Blick auf Stadt und Fluß. Blumen schmücken
es und Bäume beschatten unsere Terrasse.
Die Gulzars sind seit über 500 Jahren die wichtigste Handelsfamilie
von Kargil, und der Großvater von Mr. Gulzar, oder auch kingi
wie ihn hier alle nennen, hat die erste und einzige Karawanserei von
Kargil gegründet. Kargil ein wichtiger Umschlagplatz der Seidenstrasse
und Händler aus allen zentralasiatischen Ländern, Indien
und Europa haben hier ihre Geschäfte abgewickelt, wie auch das
Museum im obersten Stockwerk unseres Anwesens beweist. Erst die Trennung
von Indien und Pakistan und die kulturelle Revolution in Chinas mit
entsprechenden Grenzschließungen setzten diesem regen Handel
ein Ende.

Unsere
Küche
Wir
haben zwar nur ein Zimmer, das Anna und ich uns mit Chokla, unserem
einheimischen Physiotherapeuten aus Leh, teilen müssen (was sicher
teilweise noch spannend wird, weil Chokla zwar extreme lieb aber oft
auch anstrengend wie ein kleines Kind sein kann, weil er kaum eine
Minute ruhig sitzt), dieses Zimmer ist aber extrem schön, mit
Holztäfelung und vielen Kastenschränken.
In der uns zur Verfügung stehenden Küche wohnt auch ein
Dienstbote, den die Anna schon "den Glotzet" genannt hat,
weil er ständig bei allem ungeniert zuschaut, aber die Küche
ist ganz neu ausgestattet und sehr sauber - und auch sehr gemütlich,
wenn wir sie für uns haben.
Die Familie, die über uns wohnt, ist extrem freundlich, wir sind
aber eben ständig im Blick und kommen uns so vor wie Prinzessinnen
aus 1001 Nacht: Viel Luxus, aber wenig Privatsphäre und Abstand
zu anderen Menschen und Bediensteten. Wir haben sogar ein Bad mit
fließendem Wasser und einem Boiler, den wir jederzeit einschalten
können.
Unsere
erste Arbeitswoche in Kargil
Aber
weg vom bequemen Leben, hin zu dem "Warum" wir hier sind,
und zwar um die Arbeit für REWA /Ladakh Hilfe zu starten, Patienten
zu finden und ein neues Zentrum zu starten.
Nun, das mit dem Zentrum wird noch eine Zeit dauern, bis das Gebäude
fertig ist.
Und wie findet man Patienten?
Wir haben uns entschlossen mit einer Tür zu Tür Erhebung
anzufangen.
Das heißt, daß wir täglich von Haus zu Haus gehen
und an die Türen klopfen, unsere Flyer (REWA Broschüren)
verteilen und von unserem Angebot und unserer Arbeit erzählen.
Wir fragen dezent nach ob die Familie nicht jemanden kennt, der unsere
Hilfe benötigen würde. Hier ist es nämlich nach wie
vor für viele Familien sehr unangenehm zuzugeben, daß sie
ein behindertes Kind haben, und oft braucht man viel Fingerspitzengefühl.

Von
Tür zu Tür - eine wichtige Arbeit
Außerdem gibt es hier eine sehr gute Einrichtung, die Anganwaris.
Das sind Gesundheitszentren und Kinderkrippen speziell für Frauen
und in jedem Viertel von Kargil gibt es mindestens ein derartiges
Zentrum. Die Mitarbeiterinnen dieser Anganwaris haben auch schon Surveys
(Erhebungen) betrieben und können uns mit ihren Listen viel helfen.
Natürlich stellen wir uns auch bei allen offiziellen
Stellen vor, haben schon den Chief Medical Officer und
die zwei Physiotherapeuten aus dem Kargil Hospital getroffen (die
ambulante Neuro- und Ortho-Patienten behandeln, aber für Kinder
keine Ressourcen haben). Alle waren sehr begeistert von unserem Plan,
hier ein weiteres Zentrum zu errichten und versprachen uns jegliche
Hilfe.

Besprechung
beim Essen
Auch bei allen Schulen stellen wir uns vor, einerseits um gleich nach
möglichen Patienten zu suchen und die Kinder zu fragen ob sie
nicht jemanden kennen, andererseits um mit den höheren Schulen
Termine auszumachen für eine Präsentation über uns
und Behinderung im Allgemeinen.
Und wir wurden auch schon zahlreich fündig. Angeblich sind 6
bis 10 % der Bevölkerung vom Kargil Distrikt behindert! Die allermeisten
allerdings mental. Von diesen Kindern haben wir schon unglaublich
viele gesehen.

Vor
der Asha-Schule der Armee von links: Der Schuldirektor, Kathi, Offizier,
Gulzar, Anna, Chokla, Bilquees1, Hamida, Bilquees 2
In
Gehdistanz zum neuen Zentrum in Kargil haben wir bereits in der ersten
Woche elf Kinder gefunden, die
Physiotherapie dringend benötigen:
Ein Kind mit einer Spina Bifida und entsetzlichen Verkürzungen
und Dekubiti an den Beinen, einige Kinder, die seit einer Polioinfektion
diverse Einschränkungen an ihren Gliedmassen haben und viele
Kinder mit Zerebralparese.
Was uns bei unserer "door to door survey" aber aufgefallen
ist, ist daß es in den umliegenden Dörfern noch extrem
viele hilfsbedürftige Menschen geben dürfte,
da uns ganze Listen mit Behinderungen aus teilweise leider sehr entlegenen
Dörfern aufgezählt wurden.
Es wartet also noch viel Arbeit auf uns!!
Das war einmal ein Überblick
über unsere erste Woche in Kargil.
Die kommende Woche wollen wir mit der begehbaren Distanz abschließen
und auch die weiter entfernten Dörfer im ca. 10km Umkreis von
Kargil erkunden.

Kind
mit Spina Bifida (offenes Rückenmark)

Kind
mit Zerebralparese
Abschließend
muß man sagen, daß alle unsere leisen Befürchtungen,
daß der Empfang und das Leben in der muslimischen Welt für
uns Menschen aus dem Westen schwierig oder unfreundlich wird, vollkommen
unbegründet waren.
ALLE Menschen empfangen uns extrem
freundlich, ständig werden wir von neugierigen Blicken begleitet,
viele Menschen fragen uns auf Urdu (der Sprache hier) aus und können
gar nicht glauben, daß wir sie nicht verstehen. Wir sind wahrscheinlich
in der einmaligen Lage absolute Pioniere hier zu sein und wahrscheinlich
die ersten Weißen im Land, die länger als ein paar Tage
bleiben.
So ist jeder Tag ein neues Abenteuer! Ein
Abenteuer, das wir aus vollen Zügen genießen!