Flut- und Schlammlawinen in Ladakh, Himalaja

Bericht von Karola Kostial am 08.08.2010


In der Nacht vom 5. auf den 6. August wurde Leh und viele andere Teile Ladakhs von einer der schlimmsten Fluten heimgesucht mit über 500 Todesopfern und vielen Verletzten.
In der Mitte einer solchen Katastrophe zu sein, das Leid der Menschen, die Panik, das Durcheinander mitzuerleben, ist für mich eine Erfahrung, die tief unter die Haut geht.


Ich war gerade eine Woche in Ladakh und kam mit einem Taxi-Jeep von einem zweitägigen Ausflug an den sagenhaften Pangong See zurück. Der Besitzer unseres Hotels, Mr. David, zugleich langjähriger Freund und Mitarbeiter unseres Kinderhilfswerkes, war erstaunt mich zu sehen und zugleich sehr erleichtert, denn bereits von Mittwoch auf Donnerstag setzten heftige Gewitter und schwere Regenfälle viele Häuser unter Wasser, zerstörten Strassen und Brücken. Alle Stressed in und aus Ladakh waren unpassierbar.
Auf meiner Rückreise vom See führte der Weg über den 5360 m hohen Chang La Pass. Ein Erdrutsch zwang uns zu einer längeren Pause, aber ein Schaufelbagger vor Ort konnte den Schaden beheben und wir unsere Fahrt fortsetzen, mehr hatten wir von den Resultaten der Unwetter nicht mitbekommen.
In der Nacht vom Donnerstag weckte mich sintflutartiger Regen, es schüttete wie aus Kübeln. Beim Frühstück hörten wie die schreckliche Nachricht: Sturzfluten aus den Bergen brachten riesigen Schlammlawinen mit, die komplette Teile Lehs und viele der umliegenden Städte und Dörfer fast zerstörten. Die einfachen Lehmhauesser haben einer solchen Flut nichts entgegenzusetzen und werden begraben oder mitgerissen. Mr. David sprach von 100 Toten; diese Zahl sollte sich im Laufe des Tages auf 500 Opfer und gleich viele Verletzten erhöhen.


Ich wanderte mit Freunden Richtung Neuer Busbahnhof. Eine gespenstische Stille hing über der Stadt. Alle Strassen waren unpassierbar, kein Hupen in der sonst so lebendigen Stadt. Vorbei an geschlossenen Garagenläden und Restaurants begegnete uns ein Strom von Touristen, Gesichter betroffen, schweigsam. Sie hatten den Ort des Geschehens besichtigt und das Entsetzen stand in ihren Augen.

Die Menschen schauen voller Entsetzen

Reissende Ströme

Von weitem sahen wir die Menschenmassen nahe den Mauern rechts neben dem großen Stadttor, sie blickten nach unten. Uns blieb das Herz stehen, als wir die Zerstörung sahen. Der komplette Busbahnhof, alle umliegenden Hausser, einfach verschwunden, alles bedeckt mit Schlamm und Unrat, Fahrzeuge stecken zwischen zerdrückten Betonplatten, ehemals Geschäfte, Busse lagen kreuz und quer zwischen Schutt und zerfetzten Holzbalken.

Alles voller Schlamm


Auf der linken Seite am Hang versuchten drei Schaufelbagger den Weg für Rettungsmannschaften zu bahnen, um die Verschütteten aus den Hausen zu graben. Alle halfen: Einheimische standen Seite an Seite mit freiwilligen Touristen, schaufelten mit allem, was zur Verfügung stand, in den Lehmhäufen, trugen die Schlammschuttberge mit Schaufeln, Schüsseln, Hacken und teils mit Händen ab. Hunderte von Menschen wuselten an diesem Ort, jeder kämpfte um das Leben der Verschütteten, aber die meisten der Geborgenen hatten das Unglück nicht überlebt. Auf den Ladeflächen der Jeeps wurden die Opfer abtransportiert, der Weg für die Fahrzeuge wurde von der spärlich vorhandenen Polizei mit drohenden Stöcken gebahnt, weinende Angehörige und entsetzte Zuschauer standen im Weg. Es gab keinerlei Koordination, aber man spürte den Zusammenhalt und das Mitgefühl der Helfenden und Umstehenden.

Alle suchen nach Vermissten

Schreckliche Zerstörung

Häuser sind kollabiert


Wir gingen weiter und begegneten unseren vier Freiwilligen von Ladakh-Hilfe e.V., die gerade nach einigen unserer Angestellten und Kinder geschaut hatten: alle waren sicher und hatten das Unglück ohne körperlichen Schaden überlebt, obwohl ihre Häuser teils voller Schlamm und Wände eingebrochen waren.

Die Freiwilligen am Tag der Flut


Der größte Teil des Regierungskrankenhauses war voller Schlamm, die Verletzten wurden ins Militärkrankenhaus gebracht. Alle Läden und Restaurants blieben geschlossen, es gab nichts zu essen, bis die Regierung nachmittags die Inhaber der Geschäfte und Restaurants aufforderte, ihre Läden zu eröffnen, um eine gewissen Normalität wiederherzustellen. Da es weiterhin in den Bergen regnete und die Flüsse anschwollen, wurde die Bevölkerung angewiesen, sich über Nacht in Sicherheit zu bringen. Panikartig flüchtete ganz Leh auf die hohen Stellen der Stadt, wie die Shanti Stupa und den Palast, beides Wahrzeichen der Stadt; die angsterfüllten Menschen parkten ihre Autos auf hoch liegenden, sicheren Strassen, um dort die Nacht zu verbringen, quetschten sich zu hunderten in die Rauere auf der Shanti Stupa, eine Frau bekam in dieser Nacht ihr Baby, wurde im letzten Moment noch ins Krankenhaus gebracht. Der Flughafen wurde gesperrt, Leh von der Außenwelt abgeschnitten, kein Strom, keine Telefonleitungen, kein Internet, Touristen sitzen fest, viele hatten keine Bleibe mehr. Die Einwohner von Ladakh beteuerten, dass sie noch nie so etwas erlebt hätten.


Heute, zwei Tage nach dem Unglück, steht die Stadt immer noch unter Schock, die meisten Geschäfte und Gasthaeser bleiben geschlossen, einzig der Flugplatz ist wieder in Betrieb. Es gibt weiterhin keinen Strom und Fahrzeuge mit Lautsprechern fahren durch die Stadt, bitten um Freiwilligen zu Aufräumarbeiten, geben Anweisungen an die Bevölkerung zur Wiederherstellung von Normalität. Das erweist sich jedoch für die Menschen als sehr schwierig, den Zerstörung ist überall, jeder Regenfall wird mit Panik beobachtet, auch die letzte Nacht verbrachten viele Leute in Autos auf höher gelegenen Strassen, in Zelten auf der Shanti
Stupa.

Der Changspa River wird zum reissenden Strom

Das Donkey Sanctuary existiert nicht mehr, alles überflutet


Unsere Arbeit mit den Kindern ist vorerst auf Eis gelegt, die Pläne müssen geändert werden, denn es gibt kein Vorwärtskommen in die Dörfer. Wir wissen nicht, ob unsere Patienten alle überlebt haben und warten auf die Rückkehr von Normalität, helfen wo wir können, trösten die Menschen und reden mit ihnen.


Karola Kostial aus Leh, Ladakh




designed by aha-graphics