Unterwegs
in Ladakh
Was stelle ich
mir vor?
Jetzt
ist es wirklich Sommer geworden hier in Ladakh und man spürt das
Wüstenklima. Am Tag brennt die Sonne unaushaltbar heiß, am
Abend kühlt es jedoch Gott sei Dank ab. Leh hat sich wahnsinnig
verändert und quillt fast über vor Touristen. Vieles kann
man einfach nicht beschreiben, so dass andere es sich vorstellen können,
zumindest nicht wenn man nicht schon einmal hier gewesen ist. Auch nicht
durch Bücher, Erzählungen, Photos oder diese Berichte. Wenn
man will, muss man Land und Leute einfach selber erfahren und schätzen
und lieben lernen.
Was
ist geschehen im Monat Juli?
Wir
sind jetzt eine neue Truppe. Kathrin Koller hat nach 2,5 Monaten Ihren
Einsatz hier in Ladakh beendet. Neu sind 3 Physios angekommen. Gabriele
Wittkowski, Sabine Nebel und Nicki Steger. Gabriele und Sabine sind
verfrüht abgereist und schon wieder zu Hause. Vielleicht am Ende
aus dem Grund, weil das Leben und Arbeiten hier mit vielen fremden anderen
Gegebenheiten zusammenhängt, auf die man sich manche Freiwillige
leicht, anderer weniger leicht einstellen und damit arrangieren können.
Jedenfalls richtig vorstellen kann man sich die Arbeit von zu Hause
aus Deutschland nicht. Für das Projekt und mich persönlich
sind solche Arbeitsausfälle (wie auch vorher schon andere) nicht
leicht auszugleichen aber zu akzeptieren. Jedenfalls halten Dolker,
Nicki und ich nach wie vor die Stellung und fühlen uns wohl. Nicki
hat sich gut eingearbeitet und man sieht Dolker an, dass ihr die Arbeit
sehr viel Spaß macht. Ich bin absolut froh und stolz dass sie
für uns arbeitet und ihre Hilfe macht das Projekt umso wertvoller.
Natürlich ist sie eine riesige Hilfe mit der Sprache, aber durch
ihre Einstellung sind wir hier als Ausländer viel anerkannter und
können uns auf bisher unbekanntem Terrain bewegen. Ich meine dies
auf zweierlei Arten: Mit ihr können wir in uns bisher unbekannte
Dörfer gehen und neue Kinder in den Plan mit aufnehmen. Und durch
sie wird unsere Vorsicht und Unwissen aufgefangen. Es können ja
schon mal schnell Ausländer daherkommen und alles besser wissen
und verändern wollen. Hier in Leh gibt es sehr viele ausländische
Hilfsorganisationen, dass ich diese Vorsicht der Ladakhis im Grunde
schätze. Dies bitte nicht missverstehen! Die Mentalität ist
sehr offen und wir sind hier absolut akzeptiert, anerkannt und gewollt.
Doch seit Dolker dabei ist, spüre ich fast keine Barriere mehr.
Es wäre toll, wenn bis zum Ende des Jahres ein zweiter Ladakhi
dabei sein könnte und wir so noch mehr Beständigkeit und Vertrauen
bieten können.
Die
Vespa ist ganz frisch angekommen und abholbereit! Juhuuu! Mehr darüber
später!
M.A.C.
Im
M.A.C. konnten wir jetzt ganz neu 4 Säuglinge mit in unseren Plan
aufnehmen. Meines Wissens das erste Mal überhaupt, dass in ganz
Ladakh so früh mit Therapie begonnen wird. Das ist
natürlich besonders wertvoll! Wir mussten den Raum dafür ein
wenig umgestalten, besonders damit wir ihn besser sauber halten können,
was nicht ganz so leicht ist.
Insgesamt betreuen wir 1-2 mal wöchentlich 10 Kinder im M.A.C.,
5 Kinder im Hostel Chuchot, 3 Jugendliche im Altersheim Mahabodi sowie
7 Hausbesuche in näherer Umgebung von Leh. Dazu kommen noch die
vielen Kinder in den Dörfern, die wir, je nach Möglichkeit,
alle 6 - 8 Wochen besuchen.


14.
- 26. Juli: Film ab!
Nicki
und ich haben in Zusammenarbeit mit einer Kanadisch-Ladakhischen NGO
(Health inc., Leitung: Cynthia Hunt) einen Film gedreht. Dieser kommt
leider nicht ins internationale Fernsehen...und auch waren wir nicht
die Hauptdarsteller...aber komplett für Regie und Drehbuch verantwortlich.
Dieser Film entstand auf Anfrage vom C.M.O. (Central Medical Office
of Ladakh). Es geht um 6 Kinder mit Cerebral Parese in verschiedenen
Dörfern und deren Therapie, Integration in Familie und Schule.
Es ging aber auch um die gesamte Problematik und Wahrnehmung von Behinderungen
hier in Ladakh. Dieser Film wird an alle Healthworker ausgehändigt.
Eine sehr interessante und lohnenswerte Arbeit für uns! Nicki wird
noch einen sicherlich sehr interessanten Bericht verfassen (siehe unter
Aktuelles "Weitsichtfestival").

Nicole
und Nicki unterwegs in den Bergen mit dem Filmteam

Nach
einem Jahr - Diskits Mutter kann ihre Übungen noch sehr gut

Diskit
macht einen lebendigen und gut versorgten Eindruck

Diskit
freut sich über den Besuch
27.
- 31. Juli: 2. Besuch Timosgang
Kathrin
und ich waren zuvor schon einmal in Timosgang, um dort die 4 behinderten
Kinder zu besuchen. Damals hatten wir uns entschlossen für 2 dieser
Kinder Stühle anfertigen zu lassen, zu beziehen und alle Kinder
regelmäßig zu besuchen und zu behandeln. Dazu gehört
immer: Ernährung und Hygiene kontrollieren, Familie anleiten, Mutter
entlasten, Alltagstipps geben, Integration in Familie oder Schule abklären,
Abklären von Hilfsmitteln... Zum Besuch gehörten auch immer
viele Tassen Tee und Gespräche am Anfang, um Vertrauen zu schaffen
und die Situation einschätzen zu können, denn es sollen ja
sinnvolle Entscheidungen getroffen werden. Jetzt kam ich nun ja zum
2. Mal in diesem Einsatz und war sehr gespannt. Im Moment sind meine
Eltern hier zu Besuch in Ladakh. Zum Kennenlernen meiner Arbeit, der
Kultur und Mentalität hab ich sie einfach mitgenommen. Schon von
Anfang an stellten uns die erwähnten Stühle vor Probleme.
Viele Ausreden der Tischler: "Es gibt viel zu tun, es ist heiß,
anstrengend, das Annehmen von Ladakhi Mentalität, Sauerstoffmangel"
wurden gefunden und keiner fühlte sich verantwortlich. Sauerstoffmangel
ist die beste Entschuldigung für sämtliche "Patzer"
überhaupt... Am Morgen vor der Abreise wurde dann ein Stuhl doch
noch fertig. Der andere Stuhl war schon vorgeschickt worden mit dem
Plan, ihn in einer Schule abzugeben, wo wir ihn dann abholen und der
Familie bringen. Den anderen Stuhl transportierten wir auf dem Busdach,
was prima funktionierte. Aber wo war der zweite Stuhl? Die Schule hatte
Ferien (es gibt keine Einheitsferien, konnten wir also nicht wissen)...
der Direktor war nach Leh unterwegs, wie alle anderen Lehrer auch, und
sollte am nächsten Tag zurückkommen. Diese Informationen zu
bekommen dauert schon mal mehrere Stunden. Auch am nächsten Tag
kamen die Lehrer nicht zurück. Einen Schlüssel konnten wir
nicht ausfindig machen.

Erst
mal Tee trinken!

Behandlung
in Timosgang: Nicole und Dolker

Ein
kleines Bad

Geduld, Geduld, Geduld...
Was war jetzt für uns am wichtigsten? Die Stühle? Den
Plan zu verfolgen? Hier in Ladakh sind Flexibilität und Anpassungsfähigkeit
gefragt. Es gibt viele Ideen und es ist wichtig, sie zu verfolgen, aber
Planung in unserem westlichen Sinne ist hier fehl am Platze. Es ist
wichtig im Augenblick in der Situation zu reagieren und immer wieder
aufs Neue eine Lösung und Möglichkeit finden. Wir haben den
zweiten Stuhl nicht zu Gesicht bekommen, den mitgebrachten jedoch konnten
wir der Familie persönlich übergeben. Auch die restlichen
Kindern konnten wir besuchen und therapieren. Besonders sinnvoll war
diesmal, dass der örtliche Healthworker komplett dabei war. Wir
hatten ihn anfangs besucht in der Hoffnung auf Interesse und Zusammenarbeit.
Das allgemeine Ziel ist ja, die Healthworker sensibel zu machen und
auszubilden im Hinblick auf Versorgung und Therapie der Behinderten.
Dies stellte sich diesmal ein voller Erfolg heraus. Punchok (Healthworker)
erscheint mir interessiert und talentiert. Aus Eigeninitiative
heraus will er die Kinder regelmäßig 1x wöchentlich
besuchen und therapieren. Wir legten gemeinsame Ziele fest und besprachen
Übungen. Bin schon gespannt auf die auf die Resultate beim nächsten
Besuch in 2 Monaten. Ich bin auch sehr neugierig, ob Punchok den zweiten
Stuhl der Familie übergeben konnte. Als Dankeschön gab es
viele Kekse, viele Chapaties (indisches Brot) mit frischem Joghurt,
Buttertee, Kataks (Schal als Dankeschön) und viele Jullays.


Am Ende war es für mich persönlich schön, meinen Eltern
das Leben hier vor Ort zeigen zu können. Am Telefon konnte ich
ihre Frage: "Wie ist es denn?" nie beantworten. Nun
können sie sich die Frage selber beantworten.
Nicole
van Gansewinkel, 31.7.2006