Ladakh im Juni 2006 –

Unterwegs in Ladakh

Was stelle ich mir vor?

Jetzt ist es wirklich Sommer geworden hier in Ladakh und man spürt das Wüstenklima. Am Tag brennt die Sonne unaushaltbar heiß, am Abend kühlt es jedoch Gott sei Dank ab. Leh hat sich wahnsinnig verändert und quillt fast über vor Touristen. Vieles kann man einfach nicht beschreiben, so dass andere es sich vorstellen können, zumindest nicht wenn man nicht schon einmal hier gewesen ist. Auch nicht durch Bücher, Erzählungen, Photos oder diese Berichte. Wenn man will, muss man Land und Leute einfach selber erfahren und schätzen und lieben lernen.

Was ist geschehen im Monat Juli?

Wir sind jetzt eine neue Truppe. Kathrin Koller hat nach 2,5 Monaten Ihren Einsatz hier in Ladakh beendet. Neu sind 3 Physios angekommen. Gabriele Wittkowski, Sabine Nebel und Nicki Steger. Gabriele und Sabine sind verfrüht abgereist und schon wieder zu Hause. Vielleicht am Ende aus dem Grund, weil das Leben und Arbeiten hier mit vielen fremden anderen Gegebenheiten zusammenhängt, auf die man sich manche Freiwillige leicht, anderer weniger leicht einstellen und damit arrangieren können. Jedenfalls richtig vorstellen kann man sich die Arbeit von zu Hause aus Deutschland nicht. Für das Projekt und mich persönlich sind solche Arbeitsausfälle (wie auch vorher schon andere) nicht leicht auszugleichen aber zu akzeptieren. Jedenfalls halten Dolker, Nicki und ich nach wie vor die Stellung und fühlen uns wohl. Nicki hat sich gut eingearbeitet und man sieht Dolker an, dass ihr die Arbeit sehr viel Spaß macht. Ich bin absolut froh und stolz dass sie für uns arbeitet und ihre Hilfe macht das Projekt umso wertvoller. Natürlich ist sie eine riesige Hilfe mit der Sprache, aber durch ihre Einstellung sind wir hier als Ausländer viel anerkannter und können uns auf bisher unbekanntem Terrain bewegen. Ich meine dies auf zweierlei Arten: Mit ihr können wir in uns bisher unbekannte Dörfer gehen und neue Kinder in den Plan mit aufnehmen. Und durch sie wird unsere Vorsicht und Unwissen aufgefangen. Es können ja schon mal schnell Ausländer daherkommen und alles besser wissen und verändern wollen. Hier in Leh gibt es sehr viele ausländische Hilfsorganisationen, dass ich diese Vorsicht der Ladakhis im Grunde schätze. Dies bitte nicht missverstehen! Die Mentalität ist sehr offen und wir sind hier absolut akzeptiert, anerkannt und gewollt. Doch seit Dolker dabei ist, spüre ich fast keine Barriere mehr. Es wäre toll, wenn bis zum Ende des Jahres ein zweiter Ladakhi dabei sein könnte und wir so noch mehr Beständigkeit und Vertrauen bieten können.

Die Vespa ist ganz frisch angekommen und abholbereit! Juhuuu! Mehr darüber später!

M.A.C.

Im M.A.C. konnten wir jetzt ganz neu 4 Säuglinge mit in unseren Plan aufnehmen. Meines Wissens das erste Mal überhaupt, dass in ganz Ladakh so früh mit Therapie begonnen wird. Das ist natürlich besonders wertvoll! Wir mussten den Raum dafür ein wenig umgestalten, besonders damit wir ihn besser sauber halten können, was nicht ganz so leicht ist.
Insgesamt betreuen wir 1-2 mal wöchentlich 10 Kinder im M.A.C., 5 Kinder im Hostel Chuchot, 3 Jugendliche im Altersheim Mahabodi sowie 7 Hausbesuche in näherer Umgebung von Leh. Dazu kommen noch die vielen Kinder in den Dörfern, die wir, je nach Möglichkeit, alle 6 - 8 Wochen besuchen.

14. - 26. Juli: Film ab!

Nicki und ich haben in Zusammenarbeit mit einer Kanadisch-Ladakhischen NGO (Health inc., Leitung: Cynthia Hunt) einen Film gedreht. Dieser kommt leider nicht ins internationale Fernsehen...und auch waren wir nicht die Hauptdarsteller...aber komplett für Regie und Drehbuch verantwortlich. Dieser Film entstand auf Anfrage vom C.M.O. (Central Medical Office of Ladakh). Es geht um 6 Kinder mit Cerebral Parese in verschiedenen Dörfern und deren Therapie, Integration in Familie und Schule. Es ging aber auch um die gesamte Problematik und Wahrnehmung von Behinderungen hier in Ladakh. Dieser Film wird an alle Healthworker ausgehändigt. Eine sehr interessante und lohnenswerte Arbeit für uns! Nicki wird noch einen sicherlich sehr interessanten Bericht verfassen (siehe unter Aktuelles "Weitsichtfestival").

Nicole und Nicki unterwegs in den Bergen mit dem Filmteam

Nach einem Jahr - Diskits Mutter kann ihre Übungen noch sehr gut

Diskit macht einen lebendigen und gut versorgten Eindruck

Diskit freut sich über den Besuch

27. - 31. Juli: 2. Besuch Timosgang

Kathrin und ich waren zuvor schon einmal in Timosgang, um dort die 4 behinderten Kinder zu besuchen. Damals hatten wir uns entschlossen für 2 dieser Kinder Stühle anfertigen zu lassen, zu beziehen und alle Kinder regelmäßig zu besuchen und zu behandeln. Dazu gehört immer: Ernährung und Hygiene kontrollieren, Familie anleiten, Mutter entlasten, Alltagstipps geben, Integration in Familie oder Schule abklären, Abklären von Hilfsmitteln... Zum Besuch gehörten auch immer viele Tassen Tee und Gespräche am Anfang, um Vertrauen zu schaffen und die Situation einschätzen zu können, denn es sollen ja sinnvolle Entscheidungen getroffen werden. Jetzt kam ich nun ja zum 2. Mal in diesem Einsatz und war sehr gespannt. Im Moment sind meine Eltern hier zu Besuch in Ladakh. Zum Kennenlernen meiner Arbeit, der Kultur und Mentalität hab ich sie einfach mitgenommen. Schon von Anfang an stellten uns die erwähnten Stühle vor Probleme. Viele Ausreden der Tischler: "Es gibt viel zu tun, es ist heiß, anstrengend, das Annehmen von Ladakhi Mentalität, Sauerstoffmangel" wurden gefunden und keiner fühlte sich verantwortlich. Sauerstoffmangel ist die beste Entschuldigung für sämtliche "Patzer" überhaupt... Am Morgen vor der Abreise wurde dann ein Stuhl doch noch fertig. Der andere Stuhl war schon vorgeschickt worden mit dem Plan, ihn in einer Schule abzugeben, wo wir ihn dann abholen und der Familie bringen. Den anderen Stuhl transportierten wir auf dem Busdach, was prima funktionierte. Aber wo war der zweite Stuhl? Die Schule hatte Ferien (es gibt keine Einheitsferien, konnten wir also nicht wissen)... der Direktor war nach Leh unterwegs, wie alle anderen Lehrer auch, und sollte am nächsten Tag zurückkommen. Diese Informationen zu bekommen dauert schon mal mehrere Stunden. Auch am nächsten Tag kamen die Lehrer nicht zurück. Einen Schlüssel konnten wir nicht ausfindig machen.

Erst mal Tee trinken!

Behandlung in Timosgang: Nicole und Dolker

Ein kleines Bad


Geduld, Geduld, Geduld...
Was war jetzt für uns am wichtigsten? Die Stühle? Den Plan zu verfolgen? Hier in Ladakh sind Flexibilität und Anpassungsfähigkeit gefragt. Es gibt viele Ideen und es ist wichtig, sie zu verfolgen, aber Planung in unserem westlichen Sinne ist hier fehl am Platze. Es ist wichtig im Augenblick in der Situation zu reagieren und immer wieder aufs Neue eine Lösung und Möglichkeit finden. Wir haben den zweiten Stuhl nicht zu Gesicht bekommen, den mitgebrachten jedoch konnten wir der Familie persönlich übergeben. Auch die restlichen Kindern konnten wir besuchen und therapieren. Besonders sinnvoll war diesmal, dass der örtliche Healthworker komplett dabei war. Wir hatten ihn anfangs besucht in der Hoffnung auf Interesse und Zusammenarbeit. Das allgemeine Ziel ist ja, die Healthworker sensibel zu machen und auszubilden im Hinblick auf Versorgung und Therapie der Behinderten. Dies stellte sich diesmal ein voller Erfolg heraus. Punchok (Healthworker) erscheint mir interessiert und talentiert. Aus Eigeninitiative heraus will er die Kinder regelmäßig 1x wöchentlich besuchen und therapieren. Wir legten gemeinsame Ziele fest und besprachen Übungen. Bin schon gespannt auf die auf die Resultate beim nächsten Besuch in 2 Monaten. Ich bin auch sehr neugierig, ob Punchok den zweiten Stuhl der Familie übergeben konnte. Als Dankeschön gab es viele Kekse, viele Chapaties (indisches Brot) mit frischem Joghurt, Buttertee, Kataks (Schal als Dankeschön) und viele Jullays.


Am Ende war es für mich persönlich schön, meinen Eltern das Leben hier vor Ort zeigen zu können. Am Telefon konnte ich ihre Frage: "Wie ist es denn?" nie beantworten. Nun können sie sich die Frage selber beantworten.

Nicole van Gansewinkel, 31.7.2006




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