Orthopädietechnische Versorgung der anderen Art, 13.10.2008

Wie so oft in Ladakh stolpern wir unverhofft in Überraschungen, die uns das Staunen lehren.

So ging es uns gestern, als wir in Kalthse ein so genanntes Camp besuchten, bei dem die Patienten mit Orthesen, Gehstützen und weiteren Hilfsmitteln versorgt werden sollten. Wir hatten, wie immer, erst zwei Tage vorher davon erfahren und ganz schnell noch unsere Kinder in der Gegend davon benachrichtigt. .

Eines unserer großen Versorgungsprobleme in Ladakh war schon immer die Orthopädietechnik. Erstens war es uns in den letzten Jahren bis auf zwei Ausnahmen nicht möglich, einen Orthopädietechniker für unsere Arbeit in Ladakh und zur Anleitung unserer Einheimischen zu engagieren, zweitens fehlen uns die Maschinen und geeigneten Materialien zur Herstellung von Splints und Orthesen.

Mark, der Physio aus USA, der zur Zeit bei uns mit arbeitet, verfügt zwar über enorme Kenntnisse in diesem Gebiet und bringt Tundup vieles bei, aber trotzdem fehlt es noch am Notwendigsten. Die letzte Woche diskutierten wir immer wieder, wie wir an geeignetes Rohmaterial kommen könnten, vor allen Dingen Rohlinge zur Herstellung von Sprunggelenksstützen für die vielen Kinder mit unversorgten Klumpfüßen, Post-Polioschäden, instabilen CP-Sprunggelenken usw. Wir überlegten Ameisentransport der Materialien, Anfragen bei Otto Bock Indien, Internetsuche nach geeigneten Materialien in Indien selbst (Sehr mühevoll hier, da derzeit der Server ständig abstürzt), sodass unsere Locals sich eigenständig darum kümmern können.

Dann erreichte uns die Nachricht über das bevorstehende Camp in Kalthse. Gestern Morgen tuckerten wir mit unserem Jeep durch Steinwüsten und Oasen, entlang dem türkisblauen Indus in Richtung Kalthse, begleitet von strahlender Sonne und herbstlich bunter Stimmung.

Indus

Ein großer weißer Bus aus Mumbai (Bombay) stand vor dem Krankenhaus in Kalthse, alle unsere Kinder waren schon da. Der Bus samt Ausrüstung (Maschinen, Materialien, Schuhe, vorgefertigte Orthesen aus billigem Material) wird vom ?Ratna Nidhi Charitable Trust? gesponsert, eine Organisation aus Südindien, die wiederum aus der USA gesponsert wird. Neugierig beobachteten wir das Treiben und staunten nicht schlecht.

Bus von aussen

Eine Gruppe von etwa sechs ?Orthopedic Ingeneers? kümmerte sich um die Patienten, die mittlerweile auf den bereitgestellten Stühlen Platz genommen hatten. Nicht nur unsere Kinder mit ihren Eltern und Verwandten, sondern auch ein Mönch mit Knieschmerzen, weitere ältere Leute mit Knieproblemen, ein erwachsener gehfähiger CP-Patient warteten darauf, dass eine eifrige Inderin, auch eine ?Orthopedic Ingeneer?, die Patienten auf den Tisch verfrachtete und mit dem Massband die betroffenen Stellen ausmaß, die Infos dann an die ?Ingeneers? im Bus weitergab, die dann voll loslegten und mit Gehämmer und Maschinenheulen entsprechende Orthesen anfertigen. Übrigens sehr schnell und effizient, für den kleinen, voll gestopften Raum im Bus, in dem die drei Männer arbeiteten.

Die Arbeit der "Ingeneers" im Bus

Wir stellten uns vor und erhielten bereitwillig Antwort. Sie kamen erst das zweite Mal nach Ladakh und hätten für jeden was dabei. Alles sei umsonst. Sie würden diese Camps in ganz Indien veranstalten. Sie fertigten auch Prothesen an. Der Leiter der Gruppe zeigte uns stolz seine Materialien. Wir fragten ihn, wo diese hergestellt würden und ob wir die auch bestellen könnten. Dazu müssten wir uns mit dem Chef der Organisation in Mumbai in Verbindung setzten, auch wegen der einjährigen Ausbildung zum ?Orthopedic Ingeneer?.

Die ersten Orthesen waren fertig, natürlich alles ohne Gipsabdruck und ohne Berücksichtigung der Besonderheiten des Patientenfusses. Gottseidank hatten wir speziell für unseren kleinen Urgyan ein Paar passende Anitvarusschuhe dabei, in denen er zusammen mit der notwendigen Orthese ausgezeichnet gehen konnte.

Urgyan mit seiner neuen Schiene und den Schuhen

Es bleibt noch abzuwarten, ob irgendwelche Druckstellen auftauchen. Manche Patienten wurden ?über?versorgt. Der alte Mönch mit seinem arthritischen Knie erhielt eine im Knie unbewegliche Orthese und neue Turnschuhe dazu. Seine Gehversuche trieben uns die Tränen in die Augen, Lachtränen.

Mönch mit Knieorthese

Als wir ihn später beim Mittagessen im Restaurant wieder sahen, spazierte er mit seinen alten Schuhen und ohne Orthese herum. Ich vermute, dass er nur wegen der Turnschuhe gekommen war, Vorrat für den Winter.

Von allen Patienten wurde ein Foto gemacht, sie mussten dazu eine Schiefertafel vor den Bauch halten, auf der ihr Name stand. Es war kein beratender Arzt anwesend, keine offizielle Diagnose, nach der gearbeitet wurde, sondern man versorgte nach Wunsch des Patienten. Wir standen den Indern bei unseren Patienten beratend zur Seite, aber wir hatten schon den Eindruck, dass ihre Devise ?mehr versorgt hilft mehr? stark vertreten wurde. Die Ladakhis waren vom C.M.O., dem ärztlichen Leiter der Gegend, zu diesem Camp zur Versorgung geschickt worden. Es gab Listen mit Hilfsmitteln, mit denen den Leuten geholfen werden sollte. Aber viele waren nicht aufgetaucht, weil auch der C.M.O. nur sehr kurzfristig über das Camp informiert worden war.

Wir waren begeistert, zum einen, weil es jemanden gab, der sich um eine Orthesenversorgung kümmerte; besser als nichts, entschieden wir. Wir waren aber auch ?etwas? frustriert über die Art und Weise. Heute würde der Bus in Leh ankommen und für 4 Tage bleiben. Wir wollen alle unsere Patienten in Leh und Umgebung, die eine Versorgung benötigen, dort hin schicken. Modifizieren können wir ja selber noch, Hauptsache versorgt. Eine saubere und ordentliche Versorgung steht noch in weiter Ferne, aber wir sind jetzt um so mehr motiviert, in diese Richtung zu arbeiten.

Bericht von Karola Kostial




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