Unsere
Kinder in Kargil, 13.06.2011
Bericht
von von Kathi Gutmensch und Anna Probst
Nach
einem Monat, der ausgefüllt war mit dem wandern von Tür
zu Tür, zahlreichen süßen und salzigen Tees, dem Lauschen
von angeregten Unterhaltungen über unsere Arbeit in Leh und das
geplante REWA Zentrum hier in Kargil in ladakhischer Sprache, und
noch mehr wandern, und noch mehr Tee trinken und noch mehr Klängen
dieser fremden und doch mittlerweile so vertrauten Sprache, haben
wir diese Woche wieder zu therapieren begonnen.
Und
wir wissen wieder warum wir unseren Beruf so lieben!
Auch
wenn wir die Wochen der Erhebungen (Surveys) nicht missen wollen,
(haben wir doch unglaublich viel von der wirklich wunderschönen
Gegend hier kennengelernt und so viele interessante Menschen getroffen),
jetzt dürfen wir wieder anpacken im wahrsten Sinne des Wortes,
und das ist sehr gut so.

Ausblick
auf Sankoo
Auch unsere drei einheimischen Mädchen sind froh über die
Abwechslung und die Gelegenheit wieder mehr von ihrem Wunschberuf,
nämlich Physiotherapie, zu lernen.
Nun, da unsere erste Arbeitswoche zu Ende ist, können wir die
Ergebnisse der letzten Wochen präsentieren.
Wir haben das ganze Ortsgebiet von Kargil, sowie neun Dörfer
aus der näheren Umgebung gründlich durchkämmt, haben
uns bei Privatpersonen, Geschäftsleuten, Ärzten und medizinischen
Zentren, Anganwadis (=örtliche Kindergärten) und Schulen
vorgestellt und unsere Flyer verteilt und haben Listen erstellt von
allen Menschen mit Behinderung, die es in diesem Gebiet gibt.
Was wir vor allem gefunden haben waren viele, viele Menschen (nicht
nur Kinder) mit geistiger Behinderung. Leider gibt es für sie
nur eine "special school", die von der Armee geführt
wird. Sie vermittelt optisch ein ganz gutes Bild, allerdings bei unseren
beiden Besuchen haben wir kaum Lehrer angetroffen und so liegen oder
streunen die Kinder im Schulgelände herum und wir können
diese Schule nicht wirklich guten Gewissens weiterempfehlen.
Außerdem haben wir sehr viele Kinder mit Sprachproblemen gefunden.
Auch sie können wir nur auf irgendwann vertrösten; genauso
wie die Lehrer der Schulen, die mit den speziellen Kindern oft überfordert
sind. Wir werden sie nicht vergessen und hoffen daß wir irgendwann
Spezialisten schicken können.
Aber wir haben auch dreißig Kinder gefunden, denen wir hoffentlich
helfen können und die wir ab jetzt therapieren werden.
Bis das neue Zentrum fertig ist werden wir Hausbesuche durchführen.
Einige Kinder wollen wir nun genauer vorstellen:
M.
H. ist ca. fünf Jahre alt (dem Alter wird hier kaum Bedeutung
zugemessen und viele Leute, gerade aus ländlichen Gebieten, wissen
weder ihren Geburtstag noch ihr Geburtsjahr) und wurde mit einer Spina
Bifida (offenem Rückenmark) geboren, die im Alter von wenigen
Monaten schlecht operiert wurde. Nun hat er eine große Narbe
am Rücken und fast funktionslose Beine mit sensiblen Störungen
und zwei extremen Klumpfüssen mit schlimmen Decubiti (offenen
Druckstellen die bis an die Knochen gehen) an beiden seitlichen Fussrücken.
Seine Eltern kommen aus einem kleinen Dorf und wohnen jetzt zusammen
mit einer anderen Familie in einem kleinen Zimmer, das ihnen kostenlos
zur Verfügung gestellt wird, da die Mutter in einem Anganwadi
arbeitet. Er hat noch fünf weitere Geschwister.
H., der geistig ganz normal ist, genießt
die Aufmerksamkeit, macht ganz motiviert mit, auch bei anstrengenden
Übungen ohne das leiseste Murren, und auch die Mutter setzt unsere
Vorschläge gleich in die Tat um, hat die hygienische Situation
von einem Besuch auf den anderen um Welten verbessert und auch das
Krankenhaus wegen der Decubiti aufgesucht. Leider wurde ihr nur eine
Crème in die Hand gedrückt und sie wurde ohne weitere
Erklärungen wieder heim geschickt.
M.
A. ist ca. 13 Jahre alt und ein klassisches CP (Zerebral Parese =
frühkindlicher Hirnschaden) Kind. Er liegt den ganzen Tag auf
dem Rücken, eingewickelt in scheinbar 3000 Decken, sodaß
er sich kaum rühren kann und man ihn auch kaum findet. Nur die
großen, strahlenden Augen, wenn er uns erblickt, funkeln hervor.
Seine Eltern sind überglücklich, daß endlich jemand
Ali hilft und ihnen Ratschläge gibt, da sie sehr motiviert aber
vollkommen ratlos sind was ihm am Besten tut.
S.
B. ist 7 Jahre alt und lebt mit ihrer Großmutter zusammen. Sie
hat eine Halbseitenlähmung links, kommt im Alltag aber gut zurecht.
Trotzdem verwendet sie ihre linke Hand kaum.
M.
A. ist neun Jahre alt, hat auch eine Halbseitenlähmung (wie sooo
viele Kinder hier!) und auch bei ihm geht es vorrangig darum die Beweglichkeit
der betroffenen Seite zu erhalten und die Funktion zu verbessern.
Am Besten mit viel Spaß an der Sache!
T.
B. ist angeblich 15 Jahre alt (oft sind die Altersangaben der Familie
kaum nachzuvollziehen) und wurde blind geboren. Auch mental ist sie
zurückgeblieben und hängt unglaublich an ihrer Mutter, deren
Rockzipfel sie kaum losläßt, hilflos der für sie unverständlichen
Welt um sie herum ausgeliefert. Ihr Gang ist extrem breitbasig und
ständig droht sie das Gleichgewicht zu verlieren.
Bei ihr geht es uns vor allem darum, sie von der Familie unabhängiger
zu machen und ihre Ängste (z.B. vor dem Boden) abzubauen, sowie
ihr Gleichgewicht zu verbessern.
G.
A. ist bereits 60 Jahre alt und wurde ebenfalls mit einer zerebralen
Hirnschädigung geboren. Da er nie behandelt wurde, hat er extreme
Verkürzungen an der rechten oberen sowie unteren Extremität
und kann kaum gehen und auch den rechten Arm nicht benutzen.
Trotz alledem hat er eine Frau sowie drei Kinder und wirkt sehr zufrieden.
Der rechte Fuß ist von den Jahrzehnten der Fehlbelastung und
schlechtestem Schuhwerk unglaublich deformiert und voller Hornhaut.
Auch die Zehennägel wären einer Bemerkung wert, wir werden
unseren Lesern dies allerdings ersparen.
In seinem Fall kann man die jahrzehntelange Vernachlässigung
natürlich nicht wieder wett machen, vor allem vor dem Winter,
wo er so steif wird daß er nicht mehr gehen kann und Schmerzen
hat, wollen wir ihm durch Bewegungsübungen und Dehnen allerdings
helfen.
S.
B, ist ca. 18 Jahre alt und ebenfalls CP Patientin.
Auch bei ihr hat die jahrzehntelange Ahnungslosigkeit der Familie
tragische Spuren hinterlassen. Waren ihre Gliedmassen als Kleinkind
noch normal beweglich, ist sie nun in einer derart versteiften Position,
daß man sie kaum mehr bewegen kann. Ihr Rippenbogen stößt
an der linken Seite an den Beckenkamm, der ganze Unterkörper
ist nach links rotiert so daß ihre Beine nicht annähernd
an die Mittellinie gebracht werden können.
Das linke Handgelenk ist derart verkürzt, daß es den Unterarm
berührt und kaum davon weg bewegt werden kann.
Ein weiteres riesiges Problem ist ihre hygienische Situation! Da sie
inkontinent ist, ist der gesamte düstere Raum, in dem sie den
ganzen Tag in der selben Position liegt (Küche!!!) von einem
durchdringenden Urin und Fäkalgestank erfüllt, den wir den
restlichen Tag an unseren Gewändern und Händen mit uns trugen,
egal wie oft wir uns verzweifelt die Hände wuschen.
Mental ist S. allerdings sehr wach, sie freut sich augenscheinlich
über unsere Besuche, verfolgt jede unserer Bewegungen mit gespanntem
Blick und wirkt trotz allem nicht unglücklich in ihrer Situation.
Aufgrund der finanziellen Bedingungen ihrer Familie sehen wir es als
angebracht, Stoffwindeln und neue Bekleidung zu bringen, um ihr Leben,
unsere Therapie und das Raumklima für die ganze Familie erträglicher
zu machen.
A.
H. ist ca. 14 Jahre alt, hat sich als Kleinkind am Ofen die Hand vollkommen
verbrannt und wurde leider nie behandelt. Das Resultat (eine funktionslose
Hand, die durch die Vernarbungen stark schmerzhaft ist) sieht man
auf dem Foto.
Er geht in die Government Schule.


Funktionslose
Hand
Ein
weiterer A. H. ist 14 Jahre alt und hat sich vor drei Jahren einen
Trümmerbruch des linken Unterarmes zugezogen, woraufhin er im
Krankenhaus von Kargil operiert wurde.
Leider trat statt der erhofften Besserung genau das Gegenteil ein,
Nerven sowie Muskulatur wurden durchtrennt und eine Operationsnarbe
von Oberarm bis in die Handfläche verursacht ihm große
Schmerzen. Er kann weder den Ellbogen strecken, noch die Hand in jeglicher
Weise benutzen.


A.
H. mit seiner riesigen Narbe
M.
A. ist ca. drei Jahre alt und kommt aus sehr gutem Haus. Er hat eine
Hemiparese links. Er kann laufen, hat aber eine Fußheberschwäche
an der linken unteren Extremität und auch seine Hand weist feinmotorische
Defizite auf.
Er hat das Glück in eine wohlhabende Familie geboren worden zu
sein, die auch sehr um seine Förderung bemüht ist. So waren
sie vor einiger Zeit für mehrere Monate in Mumbai zur Therapie.
Die Hausaufgaben führt der Vater weiterhin fort und das Ergebnis
ist deutlich sichtbar.
Dennoch werden wir einmal pro Woche zur Therapie kommen und Feinmotorik
und Gleichgewicht zu fördern.
Das waren einige unserer Kinder, es gibt noch viele mehr, die ebenfalls
Erwähnung finden sollten, allerdings würde es den Rahmen
dieses Berichts sprengen, alle vorzustellen!
Und
wenn wir nicht gerade bei der Therapie sind, ergeben sich immer wieder
Meetings mit anderen NGOs, wie z.B. mit Father Thomas der die Punjabsche
Organisation Roshni leitet und auch in Sankoo, 40 km oder 2 Autostunden
von Kargil entfernt ein Zentrum zur englisch Nachhilfe gegründet
hat und auch finanzielle Unterstützung bedürftiger Kinder
leistet.
Nach
getaner Arbeit kommt auch der Spaß nicht zu kurz, unsere sehr
motivierten Mitarbeiterinnen laden uns mal spontan zu einem Picknick
ein oder helfen uns bei Besuchen beim Schneider und allem was wir
sonst so brauchen!
Auch
bei der Therapie sind die Mädchen äußerst interessiert
und immer ganz bei der Sache. So macht es riesigen Spaß in diesem
Team zu arbeiten, das mittlerweile zu einer großen Familie zusammengewachsen
ist!