Ladakh im Juni 2006 –

Nicole van Gansewinkel berichtet

Wiederkehr nach 9 Monaten, Nicole van Gansewinkel

Am 5.5.2006 traf ich nach 9 Monaten wieder in Leh ein nachdem ich 2005 drei Monate lang fuer Ladakh-Hilfe gearbeitet hatte. Waehrend dieser Zeit hat sich vieles veraendert, und auch jetzt innerhalb der 4 Wochen seit dem ich hier bin hat sich wieder vieles veraendert.
Mein Gefuehl bei der Ankunft dieses Jahr war natuerlich ein ganz anderes. Ich hab mich sehr gefreut, aber es waren auch viele gemischte Gefuehle dabei und sicher Respekt. Dieses Jahr ist meine Arbeit hier an mehr Verantwortung gebunden, denn ich habe mich entschlossen bis November fuer Ladakh-Hilfe zu arbeiten. Somit uebernehme ich waehrend dieser Zeit die Planung vor Ort hier in Ladakh. Ich habe einerseits Vorstellungen und Erwartungen mitgebracht, gleichzeitig will ich nichts erwarten und einfach offen sein fuer das was kommt...
Nach einer Woche Eingewoehnung an Klima und Hoehe, sowie vielen Wiedersehen mit mit bekannten Patienten, alten Freunden und Arbeitskollegen habe ich mich wieder zu Hause gefuehlt. Ja, es hat sich vieles veraendert und so versuchen wir jetzt im Moment an meine alten Erfahrungen anzuknuepfen und gleichzeitig das Neue zu integrieren. Wir, das sind Kathrin Koller aus Berchtesgaden und Ich, dabei haben wir eine Menge Freude, Ideen und Motivation. Ganz nach Ladakhi Mentalitaet. Eine gute Mischung aus westlichem Eifer und dem "Ladakhi-Annehmen" ist hier immer gefragt! Schliesslich muss man sich anpassen an Kultur, Leute und Menschen. Aber gerade diese Gradwanderung macht das Leben hier ja so wertvoll und interessant. Es wird mir immer mehr bewusst was fuer ein besonderer Austausch dies hier fuer mich ist und fuer alle sein sollte. Wir koennen so viel voneinander lernen und es ist toll, hier berufliche Erfahrungen insbesondere physiotherapeutische Erfahrungen mit behinderten Kindern weitergeben zu duerfen. Besonders froh bin ich um den super Austausch, Zusammenarbeit und Kooperation mit Kathrin, denn dies macht die Arbeit hier so viel leichter und schoener! Denn sicher ist nicht immer alles nur einfach...

Was passiert gerade

Camp Nr. 5

Ladakh hat einen neuen "chief medical officer": Dr Dolma. Sie hat selbst ein behindertes Kind und somit viel Verstaendnis fuer die Problematik dieser Kinder und Familien. Am zweiten Tag nach meiner Ankunft kam die Anfrage ob wir wieder Healthworker ausbilden wollen. Natuerlich machen wir das, denn was macht mehr Sinn als Lokals zu unterrichten? So sind jetzt fuer alle Teile von Ladakh, fuer alle Healthworker, 8 taegige Camps in Zusammenarbeit mit dem Namgyal Institut (NIRLAC) und anderen Einheimischen, zum Thema "Umgang mit Behinderungen" geplant. Gerade findet das erste solche, für Ladakh-Hilfe mittlerweile schon das 5.Camp statt und wir haben das Gefuehl, der Funke springt ueber. Es sind 30 Healthworker welche noch an keinem vorherigen Camp teilgenommen haben. Diesen Unterricht muss man sich jedoch eher als ein "Sensibilisieren und Motivation wecken" vorstellen, denn zur Ladakhi Mentalitaet gehoehrt auch Ignoranz. Dies sagen sie sogar selber ueber sich... Kommentar eines Teinnehmers: "Vor 2 Jahren haben wir uns mit HIV beschaeftigt; jetzt fangen wir an ueber Behinderungen zu reden." Bei einer Fragerunde wollte mehr als die Haelfte der Teilnehmer einer Person die Beine amputieren, wenn dieser als einzigster in einem Dorf mit Uebergroesse geboren wird...denn wie kann er sonst den Alltag bewaltigen und zum Beispiel durch Tueren eintreten...

Update von Entscheidungen des Chief Medical Officers von Ladakh, die erst jetzt bekannt wurden und uns sehr erfreuen:

1. Es sollen jetzt alle Healthworker in ihrer monatlichen Besprechung auch Behinderte mit in die Diskussionsrunde aufnehmen.

2. Die Healthworker sind ab sofort zu Hausbesuchen bei den Behinderten verpflichtet.

Für die Ladakhis besteht betreffend Behinderungen immer noch das gleiche Problem im Mittelpunkt: Diskrimierung und Akzeptanz in der Gesellschaft. Selbst die Teilnehmer des Camps bestätigen diesen Fakt. Es gibt natuerlich auch Unwissenheit ueber Grundlagen und Moeglichkeiten in Bezug auf Therapie.

Zwei einheimische Mitarbeiter für Ladakh-Hilfe

Wir haben uns fuer 2 Ladakhi Mitarbeiterinnen entschlossen: Dolkar und Thugjay.

Dolkar, unsere Perle. Wir haben sie jetzt für Ladakh-Hilfe angestellt.

Thugjay, Rigzin' Mutter. Sie hilft bei der Arbeit und betreut die Eltern der Behinderten.


Beide koennen unsere Arbeit super unterstuetzen. Thugjay, Mutter von Urkind Rigzin ist ein typisches Beispiel fuer viele Muetter mit behinderten Kindern. Sie ist alleinerziehend - dies passiert vielen Muettern (Kindern). Verantwortung zu uebernehmen in dieser Familiensituation oder auch allgemein ist nicht immer eine Staerke der Ladakhis.
Dolkar ist eine junge gebildete Frau und wie viele hier arbeitslos. Sie kann uns bei unserem grossen Problem der Verstaendigung helfen, für uns uebersetzen, Ladakhi beibringen und auch Thugjay ein besseres Englisch unterrichten. Auch sehen wir so die Zukunft von Ladakh-Hilfe: Dolkar kann als Physiotherapiehelferin angelernt werden und nach und nach Aufgaben uebernehmen. Thugjay hat schon an mehreren Camps teilgenommen wegen Rigzin und Dolkarübersetzte für uns beim 5.Camp.

Aufgrund der Moeglichkeit eine Vespa zu kaufen sind wir demnaechst nicht mehr auf ein Taxi angewiesen. Somit sind wir flexibeler und werden die hohen Fahrtkosten auf Dauer senken. Mit Dolkar als Uebersetzerin koennen wir so auch selbstaendig Kinder und Familien ausserhalb von Leh aufsuchen, dort wo Hilfe und Aufklaerung am dringendsten notwendig ist.

Auch das neue Laptop macht die Arbeit einfacher nach dem das Alte nun gar nicht mehr zu starten ist. Leider sind somit erst auch mal alle Dateien erst einmal verloren gegangen.

Camp 6 und 7 in Planung

Was das MAC (Morravian Ability Center) betrifft so halten wir Physios als einzige die Stellung und betreuen dort 3x 3 Stunden in der Woche bis zu 6 Kinder in einer Art physiotherapeutischer Spiel-Erfahrungs-Lern und Austauschgruppe inklusive Eltern. Was den Umzug in ein anderes Gebaude oder Sonderpaedagogik Unterricht betrifft ist erst einmal von allen Seiten nichts weiter geplant und in Aussicht. Fuer uns ist es jedoch so eine gute Kombination zwischen Betreuung in Leh, Ausbildung von Healthworkern, und Aufnehmen von neuen Kindern ausserhalb von Leh. Wobei im Moment jedoch noch das Ausbilden der Healthworker fast alle Zeit in Anspruch nimmt: am 8. Juni startet vorraussichtlich das naechste Camp fuer Khaltse Block. Ende Juni planen wir Dank der Vorarbeit von Kathrin Gunkel ein Camp im Nubra Tal. Dazu spaeter mehr wenn es aktuell ist ...

Weiterhin betreuen wir einige Patienten ausserhalb von Leh zu Hause fuer die der Weg ins MAC zu weit ist und sie es sich finanziell nicht leisten koennen. In Ladakh ist Transport immer ein grosses Problem. Wir hoffen bald auf die Vespa und somit auch auf mehr Moeglichkeiten in den Doerfern. Wir moechten gerne je nach Moeglichkeiten diese Hausbesuche und Kinder im MAC noch aufstocken. Wie im letzten Jahr betreuen wir nun auch wieder die Kinder im Chuchot hostel (intergrative Schule mit Internat, unterstuezt durch Namgyal Institut) und auch das Heim im Mahabodi Center. Jeweils in Zusammenarbeit mit den Betreuerinnen zum besseren Verstaendniss und Anleiten.

Es ist also eine Menge los hier bei uns und die Tage sind ausgefuellt. Schliesslich ist auch der Alltag hier auf 3.500m doch sehr anders...
Die Strasse von Manali ist bereits offen und es gibt jede Menge frisches Obst: Mangos, Melonen, Papaya, Ananas.... Die Touristenstroeme halten sich noch in Grenzen doch jeder bereitet sich auf die Saison vor und Restaurants werden taeglich neu geoeffnet. Das ist schon wahnsinnig zu sehen...fuer mich erschreckend wie viele neue Geschaefte oder Inernet Cafes es hier seit dem letzten Jahr gibt. Ein Ladakhi meinte zu mir: Klar profitieren wir hier vom Geld der Touristen aber gleichzeitige sind wir froh um den Stillstand im Winter, wo wieder alles abgebaut wird...es ist traurig zu sehen was in anderen Teilen von Indien geschieht z.B. in Sikkim wo bereits sehr viel mehr von der Kultur verloren gegangen ist weil das ganze Jahr der Tourismus boomt.

Ein ausnahmslos schönes Wochenende

So, zum Schluss dieses langen Berichtes moechte ich noch von einem sehr schoenen Wochenende erzaehlen. Zu dritt haben wir uns mit einem Taxi auf den Weg gemacht in eine sehr entlegene Nomadengegend gemacht, Richtung Pangong Tso, fuer jenige die schon einmal hier waren.


Dort ist es sehr karg und sehr einsam aber auf eigene Art unbeschreiblich schoen, besonders am See (Pangong) selbst, der zum groessten Teil in fuer uns gesperrtem Gebiet Richtung Tibet liegt. Vom letzten Jahr her kannte ich dort mehrere Familien, die ich zusammen mit dem Namgyal Institut aufgesucht hatte. 2 Familien wollten wir nun noch einmal aufsuchen. Das erste Kind Stanzin hatte letztes Jahr starke Kontrakturen und die Mutter kuemmerte sich so gut sie es konnte um ihn, nur wusste sie nicht viel mit ihm anzufangen... Er hatte Muehe mit Schlucken und aufrechtes Sitzen war unmoeglich...vom ganzen Liegen auf dem Ruecken war der Kopf stark verformt und ganz flach... Es war sehr schoen zu sehen dass die Situation sich gebessert hatte! Stanzin war besser beweglich (wir hatten der Mutter Uebungen und Uebungsblaetter im letztes Jahr gegeben) und die Mutter konnte die Uebungen noch immer vorzeigen verschiedene andere Bewegungen mit ihrem Kind vor. Besondes froh waren wir jedoch um ihr Verstaendniss. Im letzten Jahr begann sie zu weinen sobald wir in ihr Haus traten und bat um Geld und Medikamente, schaemte sich jedoch gleichzeitig... Dieses Jahr freute sie sich und die Situation war ganz anders. Sie war stolz, uns ihr Kind und Ihre Bemuehungen zeigen zu koennen. Vielleicht aus deswegen, weil das Gespraech mit den Leuten vom Namgyal Institut und mir letztes Jahr einen bleibenden Eindruck auf sie gemacht hatte. Sie schaemte sich nur, dass sie uns kein Mittagessen auftischen konnte. Vorsichtig zeigten wir nach einiger Zeit unsere mitgebrachte Sitzhilfe und probierten aus, ob sie wirklich Sinn macht... Dies ist wichtig und gar nicht so einfach und schnell einzuschaetzen. Denn natuerlich nehmen Familien erst einmal sehr gerne alles an. Da wir jedoch einen guten Eindruck hatten und besonders in dieser unterversorgten und abgelegenenRegion vor allem mit Hilfsmitteln helfen koennen, haben wir den "cornerseat" gerne da gelassen. Besonders auch weil wir einige Hilfsmittel in anderen Familien gesehen haben die unsere "freiwilligen Vorgaenger" gebracht haben...dort ist das Geld sinnvoll angebracht und hier leisten wir ausgezeichnete Hilfe und gute, nützliche Arbeit.
Der andere Patient den wir besuchten, ist ein 35 jaehriger Moench nach Schaedelhirntrauma. Ihn hatte ich letzts Jahr zweimal besuchen koennen. Dort ist die Situation aehnlich. Wieder ging es vor allem darum, Mut zu machen und das Verstaendnis zu geben aus der Situation das Beste machen zu koennen und darueber hinaus auch einige praktische Beispiele von Uebungen zu geben. Hier ist es hier so wichtig, den Menschen zu verstehen zu geben dass jeder, in jedem Alter, in jeder Situation lernen kann und immer das Beste aus seinem Schicksal machen kann. Die Ladakhis, vor allem in abgelegenen Regionen, haben in solchen Situationen so gut wie keine Unterstuetzung und Moeglichkeiten und sind somit auf sich selbst gestellt. Sehr schoen ist es zu sehen, dass der Moench jedoch nicht den Glauben an sich selbst verloren hat und auch alle Uebungen vorzeigen kann, die ich ihm letztes Jahr gezeigt hatte. Seine Augen sprechen Baende und haben uns sehr beeindruckt. Die ganze Familie meinte, es gehe besser. Die Mutter traegt ihren Sohn jetzt nicht mehr jedesmal hinaus, wenn er z.B auf die Toilette muss, sondern er robbt sich selbst hinaus und regelmaessig am Tag steht er mit Hilfe einer Saeule im Hausinneren selber auf. Dies sind kleine Veraenderungen in Richtung mehr Selbstaendigkeit, machen aber im Leben so viel aus.

Unser Ziel ist, in absehbarer Zeit unsere jetzigen Aufgaben an Ladakhis weiterzugeben. Im Moment arbeiten wir vor allem an der richtigen Balance und einem guten Humor...

Nicole van Gansewinkel

Projektleitung in Ladakh


 




designed by aha-graphics